After-School-Programme in den USA und Deutschland: "Die Qualität ist entscheidend"

Es gibt einen internationalen Trend, schulische Unterrichtsangebote durch so genannte After-School-Programme zu ergänzen. Diese Entwicklung könnte zu einer nachhaltigen Veränderung des Bildungssystems auch in Deutschland führen. Prof. Joseph Mahoney, Entwicklungspsychologe an der University of California in Irvine berichtet über seine Forschungen, aber auch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Entwicklung in den USA und Deutschland. Er kooperiert unter anderem auch mit Prof. Ludwig Stecher, Prof. Eckhard Klieme und Dr. Natalie Fischer vom StEG-Konsortium beim Aufbau eines internationalen Forschungsnetzwerkes.

Online-Redaktion: Prof. Mahoney, als Bildungsforscher an der University of California (UCI) in Irvine forschen Sie gemeinsam mit Dr. Denise Huang zur Effektivität außerunterrichtlicher und außerschulischer Bildungsangebote. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Portraitfoto Mahoney

Mahoney: Ich bin Entwicklungspsychologe, und mein Forschungsgebiet ist die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Schon am Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn habe ich gesehen, dass die Forschung in diesem Bereich sich vorwiegend mit den schulischen oder den Familienkontexten befasst. Viele Probleme von Jugendlichen - Drogenkonsum, Kriminalität, Verhaltensschwierigkeiten, Übergewicht - haben jedoch damit zu tun, wie Jugendliche ihre Freizeit verbringen. In den vergangenen zwölf Jahren meiner Forscherlaufbahn habe ich versucht herauszufinden, wie die außerschulische Freizeit so gestaltet werden kann, dass sie einerseits Risiken minimiert und anderseits Kompetenzen der Jugendlichen stärkt.   

Online-Redaktion: In Deutschland haben sich in den letzten Jahren Ganztagsschulen sehr rasch entwickelt. Das entspricht offenbar einem internationalen Trend, außerunterrichtliche und außerschulische Bildungsangebote auszubauen, so auch in den Vereinigten Staaten. Welche Chancen sehen Sie in solchen Programmen?

Mahoney: Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Ein zentraler Punkt ist die zunehmende Berufstätigkeit von Müttern, die eine Betreuung der Kinder erforderlich macht. Der Ausbau hat aber auch damit zu tun, dass man deutlicher die Gefährdungen für Jugendliche, die nach der Schule nicht betreut werden, erkennt. Man hat eingesehen, dass außerschulische Bildungsangebote - indem sie zusätzliche Lernerfahrungen ermöglichen, die Schulen gewöhnlich nicht bieten, - mehr oder weniger erfolgreich bestimmte Wirkungen erzielen können. Diese anderen Kompetenzformen, soziale, emotionale, gesundheitliche Kompetenzen, benötigen Jugendliche, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein. Wenn wir die Risiken und Potenziale jugendlichen Aufwachsens erkennen, müssen wir weltweit After-School-Programme entwickeln, die eine hohe Qualität aufweisen und zugleich finanziell tragbar sind.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und den USA

Mahoney: Mir scheint, dass man in Deutschland den Schwerpunkt mehr auf Schulen legt, während in den Vereinigten Staaten die außerschulischen Bildungsangebote breiter gedacht sind. Einige sind schulzentriert, doch andere verfolgen einen Community-orientierten Ansatz mit sehr geringen schulischen Anteilen.

Online-Redaktion: Wer finanziert in den Vereinigten Staaten außerschulische Bildungsprogramme? Wie ist das Verhältnis zwischen Bundesregierung und Bundesstaaten?

Gruppenfoto des Netzwerkes NEO ER auf einer Treppe vor einem Schloss

Mahoney: Verschiedene Ressorts der Bundesregierung fördern After-School-Programme, einschließlich der Zuwendungen aus dem 21st Century Community Learning Centers- Programm, die über das Institute of Education Sciences zur Verfügung gestellt werden. Die Unterstützung durch die Bundesregierung reicht aber nicht aus, und die einzelnen Bundesstaaten sowie die Kommunen spielen eine große Rolle bei der Bereitstellung von Mitteln für außerschulische Bildungsprogramme. Bedauerlicherweise ist die Finanzierung recht fragil, und darin spiegelt sich wiederum eine Auffassung, dass, obwohl die Programme wichtig sind, man sie in Zeiten der Finanzkrise doch für verzichtbar hält. Meines Erachtens sind sie aber genauso wenig verzichtbar wie der reguläre Schultag. 

Online-Redaktion: Wie ist die Kooperation zwischen Schulen und Kommunen?

Mahoney: Da gibt es enorme Unterschiede. Einige Kommunen verfügen über integrierte Servicedienste, mit denen Schulen und Kommunen ihr Curriculum und ihre Ziele abstimmen. In anderen Fällen arbeiten beide völlig getrennt nebeneinander. Es gibt Argumente für und gegen ein koordiniertes Vorgehen. Wenn die Koordination dazu führt, lediglich den Schultag zu verlängern, kann sich das Kind nicht besser entwickeln. Wir stellen uns dagegen Unterstützungsformen für Schulen und Programme vor, die zur Förderung der kognitiven, sozio-emotionalen und körperlichen Entwicklung der jungen Menschen beitragen.

Online-Redaktion: Sie betonen, dass man die Effekte solcher Bildungsprogramme überprüfen muss. Warum ist das so wichtig?

Mahoney: Es gibt die Annahme, dass es ausreicht, ein Programm zu haben, und dass allein das schon positive Effekte bewirkt. Das ist genausowenig haltbar wie die Annahme, der Familienkontext oder die Schulklasse seien per se gut für das Kind. Die Qualität ist bezogen auf alle Kontexte der individuellen Förderung von Jugendlichen sehr wichtig. In einigen unserer Forschungen haben wir Jugendzentren beobachtet, deren Qualität so dürftig war, dass die Jugendlichen dort eher kriminelle Verhaltensweisen entwickelten.

Auf der anderen Seite haben wir Programme von höchster Qualität gesehen, in denen die Schulleistungen stiegen, sich die sozialen Kompetenzen verbesserten, für mehr Jugendliche der College-Besuch in Betracht kam oder sich Übergewicht verringerte. Es handelt sich eben um Entwicklungskontexte, und diese bedürfen einer hohen Qualität, um wirksam zu sein.

Online-Redaktion: Welche Art von Programmen ist aus Ihrer Sicht besonders effektiv, und welche Kompetenzen erwerben die Schülerinnen und Schüler in außerunterrichtlichen Angeboten?

Mahoney: Effektiv sind Programme, die eine hohe Qualität aufweisen. Sie zeichnen sich durch eine gute personelle und Ressourcenausstattung, eine sichere Atmosphäre, ein unterstützendes Klima, positive soziale Interaktionen, durch mehr Lernorientierung statt Wettbewerbsorientierung sowie durch eine Umgebung aus, in der sich die Kinder und Jugendlichen zugehörig fühlen. Das sind einige wichtige Elemente von Qualität.

Online-Redaktion: Arbeiten Sie unmittelbar mit Schulen zusammen, in denen Sie forschen?

Mahoney: Wir arbeiten sowohl mit After-School-Programmen zusammen, die schulzentriert sind, als auch mit solchen, die stärker von der Kommune initiiert sind. Wir halten es für sehr wichtig, diese Akteure als Partner in den Forschungsprozess einzubeziehen.

Online-Redaktion: Welche Forschungsfragen stellen sich aus Ihrer Sicht künftig besonders? Welche Perspektiven sehen Sie für eine internationale Forschungszusammenarbeit in diesem Bereich?

Mahoney: Wir müssen herausfinden, wie wir zum einen mehr außerschulische Bildungsprogramme anbieten können, die den Bedürfnissen der Familien entsprechen, aber gleichzeitig müssen wir gewährleisten, dass die Programme von hoher Qualität sind. Natürlich ist das ein Balanceakt. Von entscheidender Bedeutung ist, dass wir mit einer formalen Ausbildung und Fortbildungsangeboten für das Personal beginnen. Ein Großteil des Personals ist nicht für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Nachmittag ausgebildet. Das führt dazu, dass viele keine qualitativ hochwertige Programmgestaltung anbieten können. Wir brauchen ein verändertes Ausbildungssystem, um das zu realisieren. Wir haben deshalb an unserer Universität eine Partnerschaft zwischen der Stadt und der Universität initiiert, um eine solche Aus- und Fortbildung anzubieten..

Die internationale Zusammenarbeit befindet sich erst ganz am Anfang. Wir müssen uns zuerst einmal verständigen, was "außerschulische Zeit" oder "außerschulisch" in den verschiedenen Ländern heißt und welche Funktion der außerschulischen Bildung jeweils zugedacht wird. Erst dann können wir mit Vergleichen - von Programmen, politischen Strategien, Teilnehmern an solchen Programmen usw. - beginnen. Wir können dann voneinander lernen, wie Ganztagsangebote für unterschiedliche Kinder und Jugendliche am besten zu organisieren sind. Das wird sehr spannend, und es gibt auf dem Weg dahin noch viel Arbeit.

(Übersetzung aus dem Englischen: Peer Zickgraf)


Das Interview in englischer Originalfassung


Online-Redaktion: Dr. Mahoney, as a scientific researcher at the California University you and your collegue Denise Huang study the effectiveness of extracurricular and Out-Of-School-Time Educational Programs. How did you get involved with this subject? What is your background as researcher?

Mahoney: I'm a developmental psychologist and my area of research is child and adolescent social development. Early on in my career I realized that most of the research in that area of study was being conducted in the school or family context. But, many of the problems that youth can have - substance use, crime, obesity, school failure - are greatly affected by how they spend their out-of-school hours. I've spent the last 12 years of my career trying to understand how best to organize the out-of-school hours so that they help to offset risk and build competencies in young people.

Online-Redaktion: All-Day-Schools have been built up very fast in the last years in Germany. This corresponds with an international trend to build up extracurricular and Out-Of-School-Time Education. What chances for the future do you give such programs?  

Mahoney: I think, there are several reasons. A main reason would be a basic form of child care within the increasing maternal employment. The rise has also to do with some of the dangers that have been recognized about young people who aren't supervised during the after school hours. There has been a recognition here that all those schools are more or less effective in achieving certain kinds of outcomes in order to develop different kinds of educational experiences, which are ordinary not provided in school. These other kinds of skills - social, emotional, physical health are needed for young people to be successful in the 21 century. Given these recognition about the risks and potential to build strengths, we need to develop high quality, affordable after school programs throughout the world.

Online-Redaktion: Comparing the development with the German case, how would you comment the differences and similarities?

Mahoney: Differences might be between the United States and German Focus that the German emphasis is much more connected with the school, whereas the American After School Initiative is broader. Some are school based, but others are orientated towards the community with very little connection to schooling.

Online-Redaktion: Who does finance Out-Of-School-Time Programs in the United States? How is the relationship between the federal government and the states?

Mahoney: Different areas of the Federal Government provide support for after-school programs including the 21st Century Community Learning Center grants that are provided through the Institute of Educational Science. However, the Federal support is not enough and individual state governments and local communities play a large role in providing funding for after-school programs and out-of-school activities. Unfortunately, the funding is quite fragile and this reflects an belief that although the programs are important, they are expendable in times of budget crisis. In my view, they are no more expendable than the regular school day.

Online-Redaktion: How is the cooperation between the schools and the communities?

Mahoney: This varies tremendously. Some communities have integrated services whereby the schools and community programs coordinate their curriculum and goals. In other cases, the two entities are basically separate. There are arguments for and against coordinated efforts. If they coordination results in merely extending the school day, then the whole child is not developed. We would like to see schools and programs provide programming that fosters cognitive, social-emotional, and physical development for young people.

Online-Redaktion: You stress that one has to examine the effects of such educational programs. Why is this so important?

Mahoney: There is an assumption that just having a program means that it is beneficial. This is not true anymore than one can assume that a family context or school classroom is automatically good for a child. Quality is very important in any developmental context. In some of our works we have observed youth centers that were so poorly run that youth were developing criminal behaviors by participating in them. On the other hand, we have seen high quality programs boost achievement, increase social skills, help youth attend college, and reduce obesity. These are developmental contexts and they need to be of high quality to have benefits.

Online-Redaktion: Which kind of program is most effective? What skills do students acquire in extra-curricular offerings?

Mahoney: Programs that are high quality - sufficient staff and resources, safe atmosphere, supportive climate, positive social interactions, emphasis on skill building, in an environment where youth feel they belong. These are some important elements of quality.

Online-Redaktion: Do you cooperate directly way with the schools in which you make research?

Mahoney: We work with both school-based and community-based programs. Yes, we find it essential to see these groups as partners in the research process.

Online-Redaktion: Which scientific items matter in the future? Which prospects do you see for the international cooperation in research?

Mahoney: We need to understand how to provide more programs to meet the needs of families, but at the same time ensure they programs are of high quality. This is a difficult balance. Critically important is that we begin formal education and training opportunities for after-school program staff. Most staff are not trained to work with children in the after-school hours and, as a result, many cannot provide quality programming. We need a different kind of educational system to do that and, at UCI, we have started a university-community partnership to provide that training.

International work is at the very beginning. We first need to understand what after-school time means in different countries and what function it serves. Then we can begin to make comparisons of programs, policies, and populations and learn from one another about the best way to organize out-of-school time for different youth throughout the world. This is a very exciting time and we have a lot work to do.

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