Mapping Families - Kinder zwischen Familie und Staat - Teil 2

Familienleben und Ganztagsschule - wie geht das zusammen? Welche Auswirkungen lassen sich beobachten, welche Vorbehalte gegenüber ganztägiger Bildung und Betreuung stützen, welche widerlegen? Gerade in Deutschland tragen zahlreiche Forschungsprojekte dazu bei, die teilweise noch immer ideologisch aufgeladene Debatte empirisch begründet zu versachlichen. Auf der internationalen Fachtagung "Mapping Families - Praktiken und Konzepte von Kindern, Eltern und Professionellen in Ganztagsschulen" vom 18. bis 20. November 2010 in Bielefeld leisteten deutsche und internationale Forscherinnen und Forscher mit der Präsentation ihrer empirischen Ergebnisse dazu einen Beitrag.

Als Colette McAuley vom University College in Dublin an das Mikrofon in der Bielefelder Hechelei trat, bedankte sie sich als erstes für die Einladung zu dieser "wichtigen Konferenz". Dies war keine Höflichkeitsfloskel - selten dürften auf einer Veranstaltung so viele internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in so dichter Folge ihre Forschungsergebnisse zu dem Komplex "Familie und Staat" präsentiert haben wie hier vom 18. bis 20. November 2010 bei "Mapping Families - Praktiken und Konzepte von Kindern, Eltern und Professionellen in Ganztagsschulen".

Verantwortlich für die Konzeption und Organisation der Tagung zeichneten Prof. Dr. Sabine Andresen von der Universität Bielefeld und Martina Richter von der Universität Vechta. Ihnen war es nicht nur gelungen, Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nach Bielefeld zu holen, welche das Spannungsverhältnis von Bildung, Betreuung und Erziehung in eine internationale Perspektive stellten, sondern auch zahlreiche deutsche Kolleginnen und Kollegen, die ihre Forschungsergebnisse präsentieren konnten.

In kaum einem anderen Land dürfte in den vergangenen Jahren so viel zu Ganztagsschulen und ihren Auswirkungen auf Familien und Kommunen geforscht worden sein wie in Deutschland. Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) ermöglichte nicht nur Investitionen in Bauten und Ausstattung von Ganztagsschulen, sondern auch eine ganze Reihe Forschungsvorhaben, von denen sich einige auch auf der vom BMBF geförderten Bielefelder Konferenz vorstellten.

Familien als Akteure in der Ganztagsgrundschule

"Unsere Forschung zu Familien als Akteuren in der Ganztagsgrundschule, die von 2007 bis zum Jahresende 2010 vom BMBF gefördert worden ist, stellte den Ausgangspunkt dieser Tagung dar", erklärte Martina Richter zur Begrüßung der rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Studie untersuchte, wie Familien die Ganztagsgrundschule als sozialen Raum wahrnehmen und mitgestalten. Im Rahmen qualitativer Fallstudien wurde das Verhältnis von Eltern, Kindern und Ganztagsschule in den Ländern Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen untersucht. Pro Land sind jeweils zwei Ganztagsgrundschulen - offene wie gebundene - mit der 3. Jahrgangsstufe in die Studie einbezogen. Dabei wird die Perspektive der Lehr- und anderen pädagogischen Fachkräfte ebenfalls erhoben.

"Wir haben teilnehmende Beobachtungen im Umfang von 320 Stunden unternommen, ethnografische Interviews mit Kindern erhoben sowie 64 leitfadengestützte Interviews mit Eltern und 24 leitfadengestützte Interviews mit Pädagogen geführt", erläuterte Martina Richter. "Besonders in den Blick nahmen wir dabei die elterlichen Vorbehalte und die Frage der Anschlussfähigkeit von Familie und Schule."

Ganztagsschulen als Ort der Unterstützung und Beratung für Familien

Porträtfoto Sabine Andresen

"Eltern legen heute Wert darauf, dass die zusätzliche Zeit in einer Ganztagsschule auch zur Vermittlung von Empathie und kommunikativen Fähigkeiten genutzt wird", präsentierte Sabine Andresen ein Ergebnis. "Sie formulieren den Anspruch, dass die Ganztagsschule auch erziehen muss. Die Lehrerinnen und Lehrer konstatieren, dass bei längerer Verweildauer in der Schule die sozialen Unterschiede zwischen den Kindern stärker in den Fokus rücken. Manche Lehrerinnen und Lehrer sehen sich vor diesem Hintergrund mit Aufgaben konfrontiert, die über eine Wissensvermittlung hinausgehen und formulieren den Bedarf von mehr Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen an Ganztagsschulen."

Für die Schülerinnen und Schüler seien freie Zeiten in der Schule wichtig, die nicht reglementiert seien. Die elterlichen Erwartungen, dass die Kinder in der Schule Nähe, Fürsorge, Vertrauen und Wertschätzung erleben sollten, deckten sich mit denen der Schülerinnen und Schüler. "Pädagoginnen und Pädagogen deuten diese Anforderung nicht selten als Hinweis darauf, dass ein Mangel an Zeit und Zuwendung in den Familien dafür verantwortlich sei", so die Erziehungswissenschaftlerin. "Mütter und Väter stehen gegenwärtig unter einem vermehrten gesellschaftlichen Druck, sodass Ganztagsschulen gerade als Ort für Familien gefragt sind, in denen Unterstützung und Beratung für Eltern angeboten werden."

Sabine Andresen betonte weiter: "Eine defizitäre Sichtweise von Pädagoginnen und Pädagogen auf Eltern beziehungsweise gerade auch auf Mütter und ihre Erziehungsfähigkeiten sowie -leistungen ruft demgegenüber oftmals Widerstand und Abwehr bei Familien hervor. Gerade diese Fragen der Passung gilt es im Dreieck von Familien-, Ganztagsschul- und Kindheitsforschung zu diskutieren, und dazu benötigen wir auch den internationalen Austausch."

Allen Eltern ist Schule wichtig

Porträtfoto Nadia Kutscher

Prof. Dr. Nadia Kutscher von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen stellte in ihrem Beitrag "Familie, professionelle und öffentliche Verantwortung" fest: "Seit der Veröffentlichung des Achten Kinder- und Jugendberichts 1990 diskutiert man in Deutschland verstärkt über präventive Maßnahmen auch in non-formaler Bildung. In Deutschland gebe es gegenwärtig konträre Strategien: Refamilialisierung bei gleichzeitiger Defamilialisierung.

Die Bildungssoziologin Rahel Jünger von der Universität Zürich habe mit ihrer Studie "Bildung für alle" gezeigt, unter welchen Druck gerade sozial schwache Eltern geraten, wenn der Staat sich aus Bildung und Erziehung zurückzieht. "Bei manchen Elternabenden wussten Eltern nicht, was mit dem Wort ,Schnellhefter' gemeint war", berichtete Nadia Kutscher aus der Studie. "Diese Eltern sehen Schule als wichtig an, sie selbst verfügen aber über eine nur begrenzte Bildung und nehmen gegenüber der Schule häufig eine Haltung der Ohnmacht ein. Mittelschichtseltern treten dagegen gegenüber der Schule selbstbewusst auf, und ihre Kinder eignen sich auch in der Freizeit schulrelevantes Wissen an." Diese Familien nutzten die Defamilialisierung zur Selbstentfaltung und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Pädagoginnen und Pädagogen sollten Nadia Kutscher zufolge diese "Ressourcenungleichheiten" reflektieren, Strukturen von Macht analysieren und alle Familien in den Blick nehmen. "Vor diesem Hintergrund sind Ganztagsschulen als ,Micro Fields of Power' zu verstehen", führte die Erziehungswissenschaftlerin aus. "Bei Eltern dreht sich viel um richtiges Erziehen und die Förderung ihrer Kinder. Dies könnten die Professionellen nutzen, um Verantwortlichkeiten zu aktivieren und alle Eltern bei der Angebotsentwicklung in Ganztagsschulen einzubeziehen."

Begabungsideologien herrschen immer noch vor

Porträtfoto Jutta Ecarius

Familien sind nach Überzeugung von Prof. Dr. Jutta Ecarius von der Justus-Liebig-Universität in Gießen immer im Dreieck von Schule, sozialem Milieu und Habitus zu analysieren. "Familie ist ein Bildungsort, an dem durch das tägliche Miteinander ein Habitus erzeugt wird, und kultureller Kapitalbesitz ist eine individuelle Ressource. Familien nutzen Kultur als Medium sozialer Reproduktion. Das Bildungssystem ist ein Hauptkonkurrent der Familie in der kulturellen Bildung", erklärte die Erziehungswissenschaftlerin in ihrem Vortrag "Familienhabitus, Bildungsstandards und soziale Reproduktion".

Es herrsche immer noch eine "Begabungsideologie", und besonders sozial schwache Familien ließen sich von der "mangelnden Begabung" ihrer Kinder leichter überzeugen als wohlhabende Eltern, die oft eine Ferne zur Schule artikulierten: "Das Milieu der Bildungselite steht nicht unter dem Zwang, sich am Bildungshabitus zu orientieren. Die Ganztagsschule sei sinnvoll, um zu mehr Chancengerechtigkeit zu kommen, sie produziere aber auch ihre eigenen Problematiken. Jutta Ecarius schlussfolgerte: "Man braucht in diesen Schulen mehr sozialpädagogische Angebote."

Ganz offen zu Tage treten die unterschiedlichen Voraussetzungen in den Familien beim Thema Hausaufgaben: Während viele Schülerinnen und Schüler auf die direkte Hilfe ihrer Eltern oder auf Unterstützungsleistungen wie Nachhilfe bauen, haben manche nicht einmal einen Platz, an dem sie ihre Hausaufgaben in Ruhe erledigen können.

Training für Eltern

Porträtfoto Elke Wild

"In Deutschland gibt es zu diesem Thema wenige Untersuchungen, in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr viele, aber insgesamt ist die Befundlage inkonsistent", beschrieb Elke Wild, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Bielefeld, in ihrem Vortrag "Hausaufgabenpraxis und -konflikte in Familien" die Ausgangslage. Sie selbst hat sich die Hausaufgabenpraxis in 4., 6. und 10. Klassen von Hauptschulen und Gymnasien angeschaut. Für viele Schülerinnen und Schüler mache es bezüglich der Hausaufgaben keinen großen Unterschied, ob sie in einer Halbtags- oder in einer Ganztagsschule lernten. Ihre Studie zeigte auch keinen großen Unterschied in der Qualität der Unterstützung zwischen reichen und armen Elternhäusern. Was sich bestätigte, war die oft verbreitete Annahme, dass Hausaufgaben "enorme Belastungen" in die Familien trügen.

"Mit zunehmendem Alter nehmen die Schülerinnen und Schüler die Hilfe ihrer Eltern weniger als Hilfe und mehr als Kontrolle wahr", so die Wissenschaftlerin. Lernautonomie sei aber leistungs- und motivationsfördernd, während Lernkontrolle zu Vermeidungsverhalten und Leistungsabfall führe. Kann man "lernautonomes Helfen" erlernen? "Ja, Elterntrainings mit sieben Sitzungen, davon einer Informationsveranstaltung über Dyskalkulie, haben hohe Effekte erzielt. Hier wird auch der Umgang mit Disziplinproblemen thematisiert. Die Konflikte nahmen nach dem Besuch dieser Trainings ab, die Eltern wurden zuversichtlicher", berichtete Elke Wild.

Die Eltern blieben trotz der Hausaufgabenbetreuung in Ganztagsschulen in der Unterstützungspflicht gegenüber ihren Kindern. Viele Eltern wollten dies auch, um zu wissen, was in der Schule vor sich gehe. Die Hausaufgabenhilfe kritisierten sie oft als unzulänglich.

Eltern fühlen sich verantwortlich

Die Sorge der Eltern, bei schulischer Hausaufgabenbetreuung zu wenig von den Inhalten und von den Leistungen ihrer Kinder mitzubekommen, konnte übrigens auch im eingangs erwähnten Bielefelder Forschungsprojekt "Familien als Akteure in der Ganztagsgrundschule" festgestellt werden, wie Anne-Dorothee Wolf und Kathrin Wrobel bei der ausführlichen Darstellung der Forschungsergebnisse erwähnten.

Pädagoginnen und Pädagogen wiederum offenbarten in den Interviews einen defizitären Blick auf die Familien und sahen ihre Aufgabe vermehrt in der Kompensation elterlicher Aufgaben, oftmals ohne die erhöhten Anforderungen an Mütter und Väter heute sowie ihre strukturellen Ressourcen ausreichend zu reflektieren. Sie sehen sich stetig wachsenden Anforderungen gegenüber, die angesichts von Ressourcenknappheit nicht leicht zu bewältigen sind und zu einer hohen Belastung bei Lehr- und weiteren pädagogischen Fachkräften im Schulalltag führen können. Die Eltern wiederum wollen stärker eigene Vorstellungen über Bildung und Erziehung in die Ganztagsschule einbringen und im Rahmen eigener Ressourcen mitgestalten. "Eltern fühlen sich für die Ausgestaltung der Ganztagsschule verantwortlich", resümierten die beiden Nachwuchswissenschaftlerinnen.

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