Ganztag in Schleswig-Holstein: Offen für alle

In Schleswig-Holstein sollen Ganztagsangebote allen Kindern und Jugendlichen offen stehen. Der Austausch in Referenzschulnetzwerken fördert die Qualität. Bildungsministerin Britta Ernst spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen.

Online-Redaktion: Frau Ministerin, in Schleswig-Holstein werden Ganztagsschulen kontinuierlich ausgebaut. Wie schätzen Sie den derzeitigen Stand ein, und welche Schwerpunkte setzt die aktuelle Richtlinie „Ganztag und Betreuung“ von 2014?

Britta Ernst, Ministerin für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein© Ministerium für Schule und Berufsbildung

Britta Ernst: Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein sind in erster Linie Offene Ganztagsschulen mit einem freiwilligen Angebot am Nachmittag. Schleswig-Holstein wird voraussichtlich noch in diesem Jahr die 500. Offene Ganztagsschule genehmigen. Das sind mehr als 60 Prozent aller Schulen und ein großer Erfolg. Denn es ist uns gelungen, innerhalb von 13 Jahren diese hohe Zahl an Schulen von der klassischen Halbtagsschule zur Offenen Ganztagsschule weiterzuentwickeln. Das heißt, alle an Schule Beteiligten sind zunehmend von den Vorzügen eines Ganztagsschulbetriebs überzeugt.

Die Schulen werden nach der „Richtlinie Ganztag und Betreuung“ mit insgesamt 8,1 Millionen Euro durch das Bildungsministerium gefördert. Die Teilnahme an dem Angebot der Offenen Ganztagsschule steht allen Schülerinnen und Schülern der jeweiligen Schule offen und ist freiwillig, nach Anmeldung jedoch für mindestens ein Schulhalbjahr verbindlich.

Das Land fördert diese Ganztagsangebote durch Zuwendungen und beteiligt sich im Rahmen von Höchstfördergrenzen und mit bis zu 50 Prozent der Gesamtausgaben an den Personal- und Sachkosten der Träger. Die Förderhöhe beträgt im Ganztag grundsätzlich 15 Euro je Teilnehmerstunde im Schuljahr mit 40 Schulwochen. Die Träger erbringen ihrerseits mindestens eine 50-prozentige Komplementärfinanzierung.

Online-Redaktion: Wie bedeutsam ist die Frage von offenen und gebundenen Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein?

Ernst: Neben den Offenen Ganztagsschulen arbeiten in Schleswig-Holstein 31 Schulen als gebundene Ganztagsschulen mit Unterricht am Nachmittag. Beide Angebote sind wichtig. Schleswig-Holstein hat sich schwerpunktmäßig für den Ausbau von Offenen Ganztagsschulen entschieden, da diese für Freiwilligkeit und Offenheit und vor allem für Kooperation und Öffnung in den Sozialraum stehen. So vernetzt sich die Schule mit ihren Partnern im regionalen Umfeld, und Schülerinnen und Schüler lernen unterschiedliche Professionen und Akteure kennen. Zugleich wird die Konkurrenzsituation zu Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe im Sozialraum reduziert. Der Aufbau von weiteren gebundenen Ganztagsschulen ist zurückgestellt, Vorrang hat derzeit eine 100-prozentige Unterrichtsversorgung.

Online-Redaktion: Was erwarten die Eltern von Ganztagsschulen? Gibt es regionale Unterschiede?

Ernst: Eltern erwarten verlässliche Betreuungszeiten, qualitativ solide Angebote, die auf einem verbindlich abgestimmten pädagogischen Konzept aufbauen, und Angebote, die grundsätzlich allen Schülerinnen und Schülern offen stehen. Das leisten wir mit unserem Angebot der Offenen Ganztagsschule. Sie ist zugleich auch ein Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

© Baltic-Schule Lübeck

Regional gibt es Unterschiede. Zunächst orientieren sich Umfang und Inhalte der Angebote an Ganztagsschulen am jeweiligen Bedarf der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern. Dabei spielen bei der Ausgestaltung des Ganztagsschulangebots auch die regionalen Gegebenheiten wie Kooperationsmöglichkeiten vor Ort eine wichtige Rolle. Unsere Zahlen zeigen, dass die Nachfrage in den ländlich strukturierten Regionen nicht so groß ist, in den größeren Städten dagegen schon eher. So werden im Schuljahr 2015/16 in der Stadt Flensburg insgesamt 21 Offene Ganztagsschulen gefördert, darunter alle Grundschulen der Stadt Flensburg. Im Kreis Dithmarschen werden von den 27 vorhandenen Grundschulen lediglich 16 als Offene Ganztagsschulen geführt und gefördert.

Online-Redaktion: Vor acht Jahren hat Schleswig-Holstein das „Referenznetzwerk Ganztagsschule“ etabliert. Wie arbeitet das Netzwerk, und welche Rolle spielt es für die Qualitätsentwicklung?

Ernst: Die Arbeit der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ mit den Referenzschulnetzwerken ist ein zentrales Element der Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen: 2015/16 ist bereits das vierte Referenzschulnetzwerk in Schleswig-Holstein etabliert worden, und zwar mit 24 Ganztagsschulen, die sich aus offenen und gebundenen Ganztagsschulen, Schulen mit langjähriger Erfahrung und jungen Ganztagsschulen, Grund- und weiterführenden Schulen, Schulen aus den ersten drei Netzwerken und „Netzwerk-Neueinsteigern“ zusammensetzen.

Das Ziel der Referenzschulnetzwerke liegt darin, gute Beispiele zu identifizieren, diese im Land bekannt zu machen und vielfältige Entwicklungsimpulse von Schulen an Schulen, peer-to-peer, wie wir sagen, weiterzugeben. Ein weiteres Ziel ist die gemeinsame Qualifizierung und konzeptionelle Weiterentwicklung der beteiligten Schulen.
Seit 2005 unterstützt die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen und solchen, die es werden wollen. Sie bietet vielfältige Möglichkeiten, sich zu qualifizieren, zu vernetzen und beraten zu lassen.

Birger Kloppenburg, Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule Kiel
© Birger Kloppenburg, Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule Kiel

Online-Redaktion: „Ganztagsschule – mehr als Unterricht“ lautet ein Motto Ihres Ministeriums. Welche Rolle spielt die Kooperation mit außerschulischen Partnern?

Ernst: Unser Modell einer Offenen Ganztagsschule lebt von der Kooperation mit außerschulischen Partnern. Sie erst machen es möglich, dass die Schulen am Nachmittag beispielsweise Hausaufgabenhilfe, Musik, Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote, Angebote im Bereich der Umweltbildung und der Bildung für nachhaltige Entwicklung, Projekte zur außerschulischen Jugendarbeit oder zur Berufsorientierung anbieten können. Das alles trägt dazu bei, gemeinsam eine neue Lehr- und Lernkultur zu entwickeln. Zugleich öffnet sich die Schule gegenüber ihrem Umfeld.

Online-Redaktion: Gibt es Schwerpunkte für die Zukunft, die Ihnen besonders wichtig sind?

Ernst: Die Integration junger Flüchtlinge in unser Schulsystem ist derzeit eine der Herausforderungen. Hierbei kommt den Schulen und insbesondere auch den unterrichtsergänzenden schulischen Angeboten wie den Offenen Ganztagsschulen eine zentrale Aufgabe zu.

Deutscher Schulpreis, Anne-Frank-Schule Bargteheide© Max Lautenschläger (Robert Bosch Stiftung)

Um insbesondere auch Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und sozialer Benachteiligung mehr Teilhabe zu ermöglichen, wird sich Schleswig-Holstein an dem Programm „LiGa - Lernen im Ganztag“ in Trägerschaft der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und gefördert durch die Mercator-Stiftung beteiligen. Ziel des Programms „LiGa – Lernen im Ganztag“ ist es, durch eine Verbesserung des individualisierten Lernens eine höhere pädagogische Qualität in Ganztagsschulen zu erreichen und damit den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen.

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