"Vom Leben verstehen wir was": Kirche und Ganztagsschule

Pastorin Marion Hild engagiert sich in Altholstein für die Kooperation von Kirche und Schulen. Die Ganztagsschule biete dafür beste Voraussetzungen, sagt sie im Interview.

Marion Hild© Kirchenkreis Altholstein

Das ist eine wesentliche Veränderung in der Schullandschaft in den letzten zehn Jahren: Kinder und Jugendliche verbringen heute mit achtjährigem Gymnasium und Ganztagsschulen sehr viel Zeit in den Schulen, inklusive Freizeit und Freundschaftspflege, kulturellem und ehrenamtlichem Engagement. Dadurch wird die Zeit der Jugendlichen für Teilhabe und Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit knapp. Aber umgekehrt haben sich die Ganztagsschulen für Kooperationen geöffnet, auf die sich kirchliche Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit zubewegen können. Pastorin Marion Hild unterstützt zusammen mit Pastorin Ursula Sieg im Projekt „Kirche und Schule“ des Kirchenkreises Altholstein (Schleswig-Holstein) die Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen und Schulen auf diesem Weg.

Online-Redaktion: Frau Hild, Ihr Lebenslauf prädestiniert Sie geradezu für Ihre Aufgabe im Projekt „Kirche und Schule“...

Marion Hild: Noch zu Schulzeiten war mein Berufswunsch Lehrerin, ich entschied mich dann aber für ein Theologiestudium. Während der Ausbildung habe ich für ein halbes Jahr an einer Grundschule Religionsunterricht gegeben. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht, sodass ich nach dem Vikariat bei der Hamburger Schulbehörde angefragt habe, ob ich als Religionslehrerin unterrichten könnte. Daran waren die nicht so interessiert, konnten aber Lateinlehrer gebrauchen. So habe ich also an einem Hamburger Gymnasium ein Referendariat für Religion und Latein angeschlossen. Ich habe dann aber gemerkt, dass das nicht so ganz meine Welt ist. Ich arbeite gerne mit Kinder und Jugendlichen, aber der 45 Minuten-Takt und die großen Klassen war nicht meins. Ich bewundere sehr die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen, die das können. Ich komme eher in einer Kirchengemeinde klar. Und Latein ist letzten Endes auch nicht so mein Lieblingsfach...

Sonne
© Kerstin Frerichs

Online-Redaktion: Wie sind Sie in den Kirchenkreis Altholstein gekommen?

Hild: Nachdem ich Religionsunterricht an einer Berufsschule für Erzieherinnen und Erzieher gegeben hatte, bewarb ich mich bei der Kirche und bekam eine Stelle als Gemeindepastorin in Hamburg-Lurup. Dort habe ich auch viel mit Schulen zusammengearbeitet. Als ich die Ausschreibung des Kirchenkreises Altholstein sah, wo es bei dem Projekt „Kirche und Schule“ konkret darum ging, die beiden Partner zusammenzubringen, habe ich mich beworben und bin seit Februar 2015 dort.

Online-Redaktion: Ist Ihr Kirchenkreis im Vergleich zu anderen progressiv mit dem Einrichten eines solchen Projekts?

Hild: Wir liegen da so in der Mitte. Solche Bestrebungen gibt es immer häufiger, aber noch nicht überall. Immer mehr Kirchen realisieren, dass sie mit ihrem althergebrachten Programmangebot in Zeiten der Ganztagsschulen die Kinder und Jugendlichen gar nicht mehr erreichen können, wenn diese nachmittags in der Schule sind.

Wenn die Ganztagsschulen also nicht mehr nur Lern-, sondern auch Lebensort sind, dann sagen wir uns: Vom Leben verstehen wir was, möchten uns einbringen und haben auch etwas zu bieten. Herzensbildung ist ein gemeinsames Anliegen von Kirche und Schule. Es soll also weniger um die Themen gehen, wann eine Kirche gebaut wurde oder Martin Luther gelebt hat, sondern darum, die Schülerinnen und Schüler in ihrer persönlichen Entwicklung voranzubringen.

Online-Redaktion: Sie sagen, die Kirche habe den Schulen „etwas zu bieten“. Wie sehen Ihre Angebote aus?

Hild: Viele Ideen sind schon bekannt: gemeinsame Gottesdienste zum Beispiel oder die Klassen in die Kirchen einzuladen, damit sie die Räume mit allen Sinnen erkunden. Des Weiteren ist eine 3. Klasse für eine Woche in die Räume der Kirche gekommen, um zum Thema Grundrechte zu arbeiten. Ich entwickle nun eigene Ideen, stelle sie den Kirchengemeinden vor und versuche sie zu motivieren, sich einzubringen. Ein Höhepunkt dieses Jahres sind die „TEO – Tage ethischer Orientierung“ gewesen. Dieses in Mecklenburg-Vorpommern entwickelte Projekt wendet sich an alle Schulklassen, von der 1. bis zur 13. Klasse gibt es da verschiedene Angebote. Nicht nur die Kirche ist hier dabei, sondern auch Wohlfahrtsverbände und Versicherungen.

Aktionen während der Tage ethischer Orientierung (TEO)© Kerstin Frerichs

Bei „TEO“ möchten die Partner den Kindern und Jugendlichen deutlich machen, dass ihr Leben etwas wert ist. Ich habe in Kiel drei Tage lang mit mehreren Schulklassen zu einem religiös-ethischen Thema gearbeitet. Das Besondere dabei ist, dass alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse teilnehmen, völlig unabhängig von ihrer religiösen Einstellung. Es geht nicht um Missionierung, sondern um Persönlichkeitsentwicklung.

Online-Redaktion: Gibt es auch Beispiele für die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen?

Hild: An einigen Schulen ist der Konfirmandenunterricht als Arbeitsgemeinschaft Teil des Ganztagsangebotes. Die Kirchen, die das durchführen, sind begeistert und meinen, dass es Spaß macht – gerade auch, weil man Schülerinnen und Schüler erreicht, die sonst gar nicht auf die Idee gekommen wären, an einem Konfirmandenunterricht teilzunehmen. Dann weiß ich von einer Ganztagsgrundschule, in der eine Kirchengemeinde eine christliche Arbeitsgemeinschaft anbietet. An einer weiterführenden Ganztagsschule bringen die Schülerinnen und Schüler jedes Jahr ein selbst verfasstes Musical auf die Bühne, das am Buß- und Bettag aufgeführt wird, wozu alle Kieler Schulen eingeladen sind.

Kinder
© Kerstin Frerichs

Eine besondere Aufgabe ist die Trauerbegleitung in Notfällen: Direkt in betroffene Klassen zu gehen, Gespräche zu führen oder Schulandachten zu organisieren. Die Pastorinnen und Pastore haben da eine hohe Kompetenz, und die Lehrkräfte sind dankbar, dass es jemanden gibt, der sie unterstützt.

Online-Redaktion: Wie arbeiten Sie ansonsten mit den Lehrkräften zusammen?

Hild: Wir bieten religionspädagogische Fachtage an. Im Kirchenkreis gibt es eine beauftragte Religionslehrerin, die das organisiert. Derzeit sind wir in der Vorbereitung eines Fachtages „Flucht-Punkt Religion“. Die Schulklassen werden immer bunter, nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Migrationsbewegungen. Gerade im Religionsunterricht ist das nicht immer ganz einfach. Manchmal kommt es beispielsweise vor, dass Schülerinnen und Schüler den Raum verlassen, wenn es um die Bibel gehen soll, mit der Begründung, sie dürften sich damit nicht befassen. Und die Lehrkräfte stehen dann mitunter etwas hilflos da.

Auf unserem nächsten Fachtag werden eine muslimische und ein christlicher Religionswissenschaftler referieren. Es gibt Workshops zu verschiedensten Themen wie biblische Fluchtgeschichten oder Koran- und Tora-Auslegung, um auch die anderen Religionen besser verstehen zu lernen. Oder auch, dass Kirchenräume eine Heimat bieten und wie man das erfahrbar machen kann.

Online-Redaktion: Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Kooperation Kirche-Schulen?

Hild: Immer mehr Kirchengemeinden kommen auf die Idee, Schulen anzusprechen. Manchmal ist es ein bisschen schwierig. Einige Ganztagsschulen tun sich etwas schwer damit, ihre Partner in ihren Informationskreislauf zu integrieren – „Die Klasse 7b macht heute einen Ausflug, und übrigens sind heute Ihre Schüler nicht da...“ Da müssen die Schulen noch ein bisschen lernen.

© Kerstin Frerichs

Die Kirchen müssen wiederum lernen, mehr rauszugehen und auf die Schulen zuzugehen. Ich denke, da gibt es noch ganz viele tolle Möglichkeiten. Mein persönliches Ziel ist es, dass noch viel mehr fächerverbindend gearbeitet wird. Denn Leben passiert nicht in Fächern. Und dafür bietet die Ganztagsschule beste Voraussetzungen.

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