Mit kleinen Schritten zur inklusiven Ganztagsschule

„Wege entstehen beim Gehen – Mit kleinen Schritten zur inklusiven Ganztagsschule“, lautete das Thema der 10. Herbstakademie der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Nordrhein-Westfalen.

Ein Jubiläum konnte die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Nordrhein-Westfalen am 1. und 2. Dezember in Gelsenkirchen feiern: Schon zum zehnten Mal fand die Herbstakademie zur Bildungsförderung in der Ganztagsschule statt. Die Nachfrage ist konstant hoch, die Veranstaltung war bereits früh ausgebucht. Wie im Vorjahr auf der Herbstakademie in Neuss ging es um die Inklusion, was zeigt, wie viel Informationsbedarf unvermindert zu diesem Thema besteht.

Austausch während der Pause im Wissenschaftspark Gelsenkirchen© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ganztagsschulen, Jugendhilfe und Kommunen kamen im Wissenschaftspark zusammen, um Vorträge zu hören und sich in Impulsforen auszutauschen.

Zur Begrüßung zitierte Birgit Schröder, die Co-Leiterin der Serviceagentur, den britischen Erziehungswissenschaftler Alan Dyson: „Eine gute inklusive Schule benötigt drei Dinge: flexible Lernmodelle, eine Diagnose, was alle Schülerinnen und Schüler brauchen, und ein engagiertes Kollegium.“

Eine „Schnellstraße zur inklusiven Schule“ gebe es nicht, ergänzte Hans Peter Bergmann von der Serviceagentur. Um die vielen guten Beispiele, die es vor Ort bereits gebe, für andere Schulen bekannt zu machen, hat die Serviceagentur im vergangenen Jahr Netzwerke für die Primarstufe eingerichtet. Die Herbstakademie stellte nun gute Beispiele aus der Praxis in den Vordergrund.

Teamschule als Erfolgsbasis

Gerhard Vater, Schulleiter der Offenen Schule Waldau in Kassel eröffnete die Vorträge mit einem „Praxisbericht auf dem Weg zur inklusiven Schule“. Seine Integrierte Gesamtschule mit 900 Schülerinnen und Schülern habe, so Vater, seit ihrer Gründung 1983 eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: von einer Schule mit einem schlechten Ruf zu einer, die heute mehr Anmeldungen hat, als sie Schülerinnen und Schüler aufnehmen kann. Basis des Erfolgs sei die „Teamschule“, die Aufteilung der Schule in sechs kleine „Schulen“ mit festen Teams. Diese haben das Lernen in den Blick genommen, nicht nur den Unterricht.

Birgit Schröder und Herbert Boßhammer während eines Vortrags
© Redaktion www.ganztagsschulen.org

„Wir haben Überschaubarkeit hergestellt durch feste Lernhäuser, Jahrgangsorientierung und Lehrerteams auf Jahrgangsebene. Von Klasse 5 bis 10 gibt es feste Klassenlehrer“, berichtete der Schulleiter.“ Alle Lehrerinnen und Lehrer sind für alle Schülerinnen und Schüler zuständig. Die Förderpädagogik wird von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit eingebracht, und Inklusion ist Thema aller Gremien.

Einen Rhythmus zur Entschleunigung finden

In drei- bis vierstündigen Freien Lernphasen wählen sich die Schülerinnen und Schüler ihre differenziert gestellten Aufgaben, ihre Partner und Lösungswege selbst. Für diese Freien Lernphasen mussten die Hauptfächer jeweils eine Stunde abtreten. „Ihr gebt keine Stunde ab, sondern bringt eine Stunde ein“, erklärte der Schulleiter Fachlehrkräften, die noch Bedenken hatten. „Das Freie Lernen erleichtert das Lernen in allen Fächern.“

Gerhard Vater während eines Vortrags
Gerhard Vater, Schulleiter der Offenen Schule Kassel-Waldau© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Durch Beurteilungsbögen, Förderplangespräche, „pädagogische Noten“,die Leistungstendenzen aufzeigen, und Checklisten erhalten die Schülerinnen und Schüler Rückmeldungen. Gelingensbedingungen der Inklusion sind für Gerhard Vater: „Fachpersonal gewinnen, multiprofessionelle Teams bilden, auch mit Lernbegleitern, FSJ-lern und Lernassistenten. Einen eigenen Rhythmus im Ganztag zur Entschleunigung finden. Kooperationen stärken.“

Rituale und Rhythmen geben eine sichere Struktur, zum Beispiel Morgenkreis, Klassenrat und Mensadienst. Zur Gemeinsamkeit tragen Bläserklasse, Schulsozialarbeit und die Verankerung im Stadtteil bei. Es gibt Netzwerke von kleinen Gruppen, zu denen alle Schülerinnen und Schüler gehören. „Jedes Kind hat bei uns ein Amt, und jeder übernimmt Verantwortung.“

„Lernende im inklusiven Schulentwicklungsprozess“

An der Gesamtschule Lohmar im Rhein-Sieg-Kreis mit 550 Schülerinnen und Schülern ist man ebenfalls vom Konzept der Teamschule überzeugt. Im Impulsforum „Vielfalt nutzen, Lernarrangements entwickeln“ berichteten die Lehrerinnen Sabine Henseler und Birgitt Schnieders: „Wir haben auf den 60 Minuten-Takt umgestellt, was sich als ideal für unsere Schülerinnen und Schüler erwiesen hat. Dann haben wir Teamstrukturen und Zeiträume für Austausch geschaffen und entwickeln unsere Schule mit Hilfe des Index für Inklusion weiter.“

Schülerinnen und Schüler mit Luftballons im Klassenraum
© Sekundarschule Lohmar

Alle Kolleginnen und Kollegen verstehen sich als „Lernende im inklusiven Schulentwicklungsprozess“. Das Lernen der Kinder und Jugendlichen finde „überall statt“: in der Klasse, in den Differerenzierungsräumen, in der Aula, in den Fluren und auch auf dem Schulgelände. In jeder Klasse ist ein so genanntes Lernbüro eingerichtet, in dem die Schülerinnen und Schüler Übungsmaterialien vorfinden, die anhand von Kompetenzrastern konzipiert sind. Für die Arbeit im Lernbüro stehen wöchentlich sechs Stunden zur Verfügung.

Die Klassen werden von Lehrertandems geleitet. Die Lehrerteams einer Klasse treffen sich zum regelmäßigen Austausch. Fachlehrerteams erarbeiten eine gemeinsame Jahresplanung. Die Sonderpädagoginnen und -pädagogen sind integriert, haben alle Schülerinnen und Schüler im Blick und nutzen die innere Differenzierung. Zusammen mit den Klassenlehrerinnen und -lehrern führen sie ihren eigenen Fachunterricht durch. Sie sind bestimmten Jahrgängen und Klassen zugeordnet, aber auch Bindeglied zu außerschulischen Unterstützungssystemen und zu den Grundschulen.

Strukturierung als Schlüssel

Materialien und Rituale sind in allen Klassen gleich, was das Arbeiten für die Kolleginnen und Kollegen enorm erleichtere, wie Sabine Henseler meint. „Im Unterricht setzen wir dreifach differenzierte Materialien ein. Die Kinder lernen in Tandems, es gibt offene Lernformen, einen Runden Tisch zur Wiederholung, Vertiefung und Weiterführung, die individuellen Lernzeiten im Lernbüro und individuelle Förderstunden.“ Hausaufgaben wurden vor drei Jahren abgeschafft. Übungszeiten sind in den Unterricht integriert, womit man „gute Erfahrungen“ gemacht habe.

Schülerinnen und Schüler im Klassenraum
© Sekundarschule Lohmar

Der Schlüssel liegt den beiden Lehrerinnen zufolge in der „starken Strukturierung“ des Tages und der einzelnen Einheiten, die den Schülerinnen und Schülern Orientierung und Sicherheit biete. „Wir müssen konsequent und verlässlich sein, die Kinder helfend unterstützen, indem wir ihnen einen Rahmen geben. Zunehmend werden die Schülerinnen und Schüler dann Experten darin, was ihnen möglicherweise hilft, durch bestimmte schwierige Situationen zu kommen“, erläuterte Birgitt Schnieders. „Wir Lehrkräfte übernehmen dabei eine neue Rolle – wir unterstützen, motivieren und beraten. Und Puzzle-Teil um Puzzle-Teil entwickeln wir unsere Schule weiter.“

Kreisjugendamt Warendorf: Teilhabe für jedes Kind

Aus Perspektive des Jugendamtes schilderte Wolfgang Rüting, der Leiter des Kreisjugendamtes Warendorf, im Impulsforum den Prozess, „vom Kind her zu denken“: „Wir als Jugendamt wollen die Kinder und Jugendlichen nicht institutionell durchreichen, sondern kooperationsbasiert im Blick behalten. Oft fehlt es an einem strukturierten Übergang, und gerade an den Übergängen gehen die Kinder verloren.“

Schüler und Lehrer vor Notebooks
© Sekundarschule Lohmar

Das Jugendamt bringt sich seit dem Schuljahr 2006/2007 mit verschiedenen Programmen in den 28 offenen Ganztagsschulen des Kreises ein. Dazu investiert es jährlich 1,3 Millionen Euro, was etwa 17 Stellen für pädagogische Fachkräfte entspricht. „Wir fördern die Schülerinnen und Schüler am Standort Schule und unterstützen die qualitative Entwicklung im Nachmittagsbereich“, berichtete Rüting.

Dabei begegnen sich Schule und Jugendamt auf Augenhöhe. „Wir erreichen die Kinder viel früher – und je früher wie sie erreichen, desto höher ist die Chance zur Abmilderung von defizitären Entwicklungen. Ist es erstmal zu spät, bin ich als Jugendamt nur noch Reparaturbetrieb.“ Das Jugendamt Warendorf möchte, dass jedes Kind „Teilhabe im Sinne echter Inklusion“ erfahren kann.

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