Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in Ganztagsschulen

Mit ihrem Programm Horizonte unterstützt die Gemeinnützige Hertie-Stiftung herausragende Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund. Die Leiterin des Programms, Katharina Lezius, ist überzeugt: Das Potenzial von Menschen mit vielfältigen kulturellen Erfahrungen muss stärker genutzt werden.

Online-Redaktion: Welche Ziele verfolgt das Programm Horizonte?

Katharina Lezius© Gemeinnützige Hertie-Stiftung/ März 2014, M. Joppen

Katharina Lezius: Im Schnitt haben über ein Drittel aller Erstklässlerinnen und Erstklässler in Deutschland eine Familiengeschichte mit Migrationserfahrung, Tendenz steigend. Im Vergleich dazu haben in Deutschland aber nur rund vier Prozent der Lehrkräfte einen Migrationshintergrund, das heißt, sie selbst oder ihre Eltern verfügen über Zuwanderungserfahrungen. Ziel des Horizonte-Programms war und ist es, zu zeigen, dass wir an diesem Punkt das Potenzial, das Menschen mit vielfältigen kulturellen Erfahrungen in die pädagogische Arbeit einbringen können, noch viel stärker nutzen sollten. Deshalb fördern wir seit 2008 besonders herausragende Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund. Und das mit Unterstützung sowohl von Stiftungspartnern als auch im Dialog mit den Universitäten.

Online-Redaktion: Was bieten Sie Ihren Stipendiatinnen und Stipendiaten?

Lezius: Die Stipendiatinnen und Stipendiaten nehmen an einem insgesamt zweijährigen Programm teil, in dem sie sowohl finanziell als auch ideell gefördert werden. Häufig ist das Interesse bei der Bewerbung an der finanziellen Unterstützung zunächst höher. Dann erst merken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie viel wichtiger und gewinnbringender die individuelle Weiterentwicklung ist. Neben Fortbildungsseminaren, zum Beispiel zum Thema Classroom-Management, nehmen die Stipendiatinnen und Stipendiaten an Sommerakademien teil und können sich ihren eigenen Interessen und Stärken entsprechend individuell weiterbilden.

Online-Redaktion: Welche Voraussetzungen musste jemand mitbringen, um ins Programm aufgenommen zu werden?

Lezius: Im Horizonte-Programm treffen angehende Lehrkräfte aller Ausbildungsstufen, Fächer und Schulformen aufeinander. Wir haben im Programm sowohl Studienanfängerinnen und Studienanfänger als auch Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, die quasi vor dem Berufseinstieg stehen. Alle durchliefen erfolgreich ein zweistufiges Auswahlverfahren. Hierbei steht nicht wissenschaftliche Exzellenz im Vordergrund, sondern die Leidenschaft, Bildungsprozesse aktiv mitgestalten zu wollen. Ehrenamtliches Engagement ist uns zum Beispiel wichtiger als eine herausragende Abiturnote. Engagement bringen in der einen oder anderen Form alle Bewerberinnen und Bewerber mit. Und alle Stipendiatinnen und Stipendiaten haben einen Migrationshintergrund, das heißt, sie selbst oder ihre Eltern haben Migrationserfahrungen.

Kinder
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wo besteht für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund der größte Unterstützungsbedarf?

Lezius: Darauf gibt es keine pauschale Antwort, wie es sie für angehende Lehrkräfte ohne Migrationshintergrund auch nicht gibt. Das Horizonte-Programm spürt Potenziale auf und fördert diese. Mir ist wichtig, zu betonen, dass diese aber nicht im Sinne eines aufholenden Unterstützungsangebotes, sondern im Sinne einer Leistungsförderung geschieht.

Online-Redaktion: Was hat Horizonte in den vergangenen Jahren bewirkt?

Lezius: 2017 wird das Lehrkräfteprogramm von Seiten der Hertie-Stiftung beendet werden. Im Laufe der neun Jahre Programmlaufzeit haben wir dann rund 200 junge Lehrkräfte gefördert. In Hamburg zum Beispiel werden es rund 60 Lehrerinnen und Lehrer sein. Dann ist es an den Schulen, die Lehrkräfte ihren individuellen Stärken entsprechend einzusetzen.

Was aber viel wichtiger ist: Das Programm war ein Impuls für die gesellschaftliche Diskussion im Themenfeld Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte. Und es war das Ziel der Hertie-Stiftung, eigene Erfahrungen in die Diskussion einbringen und damit das Thema vorantreiben zu können. Das ist uns – glaube ich – auch gelungen. Es ist ja nicht Aufgabe einer privaten Stiftung, sich dauerhaft um den Nachwuchs von Lehrkräften zu kümmern. Inzwischen hat sich die Lehrerbildung insgesamt des Themas angenommen. Dass wir dazu einen Beitrag geleistet haben, ist mindestens ebenso wichtig wie die Bereicherung, die unsere Stipendiaten für das Bildungssystem sind.

Online-Redaktion: Wie wichtig ist in einer immer vielfältigeren Gesellschaft der multikulturelle Hintergrund von Ansprechpartnern für die Menschen ganz allgemein?

Lezius: In einer vielfältiger werdenden Gesellschaft ist es unerlässlich, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen einbringen können, sei es als Lehrkraft, Polizistin oder wo auch immer. Partizipation und Teilhabe sowie Repräsentation sind ungeheuer wichtig. Eine Lehrkraft mit Migrationshintergrund kann möglicherweise Fragen und Sorgen von Eltern mit Migrationsgeschichte, die eventuell über noch wenige Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem verfügen, anders begegnen. Viel relevanter ist aber doch, dass jeder – hier geboren oder eingewandert – Chancen hat, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

© Britta Hüning

Online-Redaktion: Ganztagsschule gehört mehr und mehr zum Lebensraum für Kinder und Jugendliche. Gelingt dessen Gestaltung ohne Lehrkräfte mit Migrationshintergrund?

Lezius: Die Gestaltung von Ganztagsschule gelingt aus meiner Sicht vor allem dann, wenn es dafür die benötigten Ressourcen gibt. Das ist neben den entsprechenden Konzepten und Gebäuden auch das entsprechende Angebot an Lehrkräften, aber auch an Personen mit anderen professionellen Hintergründen, zum Beispiel Erzieherinnen und Erzieher oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Lehrkräfte mit Migrationshintergrund können die Schule insgesamt bereichern, sie sind aber kein „Feuerlöscher für Integration“.

Online-Redaktion: Wie verändern Lehrkräfte mit Migrationshintergrund den Schulalltag und das Schulklima?

Lezius: Viele unserer Ehemaligen, die inzwischen unterrichten, berichten immer noch davon, die einzige Lehrkraft mit Migrationsgeschichte im Kollegium zu sein. Manchmal gibt es noch ein oder zwei andere Kolleginnen oder Kollegen. Häufig sind es die Schülerinnen und Schüler, die vorbehaltlos auf ihre Lehrkraft zugehen. Da ist es dann eine Frage der persönlichen Sympathie, nicht aber der Herkunft. Und das ist gut so.

Online-Redaktion: Sind unsere Schulen offen und bereit für multikulturelle Kollegien?

Lezius: Das hoffe und das glaube ich auch, wenn es vielleicht auch sehr unterschiedliche Erfahrungen gibt. Eine Einwanderungsgesellschaft muss sich eben auch in den Lehrerzimmern und nicht nur in den Klassenzimmern widerspiegeln. Aber die geringe Anzahl von Lehrkräften mit Migrationshintergrund besagt ja nach wie vor: Es gibt in diesem Punkt noch viel zu tun!

Online-Redaktion: Wenn wir von Ganztag sprechen, müssen wir auch an Erzieherinnen und Erzieher denken: Wie unterstützt Horizonte diese, beispielsweise mit Blick auf die Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die jetzt in unsere Ganztagsschulen kommen?

Schule
© Britta Hüning

Lezius: Seit 2011 fördert die Hertie-Stiftung im Rahmen des Horizonte-Programms auch angehende Erzieherinnen und Erzieher. Die Förderung gestaltet sich ein wenig anders. Für diese Förderung können sich auch Bewerberinnen und Bewerber ohne Migrationshintergrund bewerben, zum Beispiel Personen die eine andere Erstausbildung erworben haben. Das Thema Vielfalt ist aber ebenso der „rote Faden“. Und hier sei gesagt: Unser Bildungssystem braucht dringend hervorragende Erzieherinnen und Erzieher. In den Ganztagsschulen können sie sehr wertvolle Arbeit leisten.

Online-Redaktion: Bereitet Horizonte die angehenden Lehrkräfte und Erzieherinnen auch auf den Umgang mit Eltern in den Ganztagsschulen vor.

Lezius: Alle unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten durchlaufen Seminare zum Thema Elternarbeit. Und natürlich geht es da auch um den Umgang mit Eltern verschiedener Herkunft, aber nicht nur. Eines ist doch klar: Das Elternhaus – egal, ob in der frühkindlichen Bildung oder in der weiterführenden – ist ein wichtiger Schlüssel für den Bildungserfolg. Die Elternarbeit stellt einen zentralen und wichtigen Bestandteil ihrer pädagogischen Tätigkeit dar. Wir versuchen, das unseren Erzieher- wie Lehrkräfte-Stipendiaten mit auf den Weg zu geben.

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