Ganztagskongress Hessen: „Und sie bewegt sich doch!“

Auf dem Landeskongress „Und sie bewegt sich doch! Bewegung in der Ganztagsschule“ in Frankfurt am Main wurden gute Beispiele aus ganz Hessen vorgestellt.

Teillnehmerinnen und Teinehmer bei Bewegungsspielen
Bewegungsangebote zum Ausprobieren im Hof des Spenerhauses © Redaktions www.ganztagsschulen.org

„Und sie bewegt sich doch!“ Das Zitat von Galileo Galilei haben die Verantwortlichen der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen als Überschrift ihres Landeskongresses gewählt. Ein mehrdeutiges Signal: Auf der Veranstaltung am 8. Oktober 2015 im Spenerhaus in Frankfurt am Main bildete das Thema Bewegung einen Schwerpunkt. Und Hessen ist beim Thema Ganztag in Bewegung: Es starten immer neue Ganztagsschulen, und die bestehenden arbeiten an neuen Zeitrhythmen und veränderter Lernkultur.

Nicht zuletzt sorgt der „Pakt für den Nachmittag“ für Dynamik: Das Programm zum Ausbau der Ganztagsangebote an hessischen Grundschulen läuft seit dem vergangenen Schuljahr als Pilotphase bei den Schulträgern und soll für Grundschülerinnen und Grundschüler an fünf Tagen in der Woche ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot von 7.30 bis 17 Uhr garantieren. Das Land gewährt Landesmittel bis für die Zeit bis 14.30 Uhr. Für die Zeit bis 17 Uhr und für die Ferienbetreuung an rund 30 von 60 Ferientagen zeichnet der Kreis verantwortlich.

Für viele Ganztagsgrundschulen bedeutet das eine Ausweitung von drei auf fünf Wochentage, viel Arbeit und vor allem viel Beratungsbedarf. Für Letzteren steht den Schulen die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ unterstützend zur Seite. „Der Pakt für den Nachmittag ist ein großer Brocken, der jetzt einen erheblichen Teil unserer Arbeit ausmacht und weiter ausmachen wird“, erklärt Gunhild Schulz-Gade von der Serviceagentur. Eine gute Nachricht: Die Arbeit der Serviceagentur ist für weitere fünf Jahre gesichert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden als Landesbeschäftigte übernommen. Die Standorte Kassel und Frankfurt am Main bleiben bestehen.

„Ohne Kooperationen läuft fast nichts“

Für das Ministerium eröffnete Referatsleiterin Birgid Oertel den Kongress. Sie erklärte, dass Hessen jährlich 230 zusätzliche Lehrerstellen für die Ganztagsschulen bereitstelle und sowohl offene wie gebundene Ganztagsschulen fördere. „Der Grund ist einfach: Die Eltern wollen beide Formen. Und die Frage nach der Form darf nicht zu einer ideologischen Debatte führen.“ Das Land unterstütze die Schulen durch die Serviceagentur, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. „Wir wollen den Ausbau qualitativ stärken“, so Birgid Oertel. „Es braucht dazu viele Professionen im Ganztag. Da stehen wir noch am Anfang. Eine Ganztagsschule setzt auf Partner. Ohne diese Kooperationen läuft fast nichts.“

Team-Spiel mit Seilen
© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Kooperationspartner halten eine Ganztagsschule gerade im sportlichen Bereich buchstäblich „am Laufen“, wie auch die Bewegungs- und Entspannungsworkshops auf dem Kongress zeigten. Hier stellten sich Schulen, aber eben auch Partner wie die Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung vor. Die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eingeladen, aktiv mitzumachen und so die verschiedenen Möglichkeiten, sich auch auf kleinem Raum zu bewegen, hautnah kennenzulernen.

Sport Stacking – Becherstapeln –, ist ein Geschicklichkeitssport aus den USA. Mit zwölf speziellen Plastikbechern müssen möglichst schnell vorgegebene Muster auf- und wieder abgestapelt werden. Das fördert die Auge-Hand-Koordination und die Reaktionsschnelligkeit. Sportförderschullehrerin Nicole Lenhart von der Seebergschule in Bensheim stellte im Hof des Spenerhauses ein Teamtraining mit erlebnispädagogischen Aspekten vor, die das Miteinander fördern. So versuchten Teams zum Beispiel, Bauklötze mit Hilfe von gemeinsam geführten Seilen aufeinander zu stapeln. Martin Dürr vom Gymnasium am Moosbacher Berg in Wiesbaden, ließ derweil einige Lehrkräfte mit drei Bällen jonglieren und auf verschiedenen Roll- und Fahrgeräten ihre Geschicklichkeit und Koordination ausprobieren.

„Silber zu Gold machen“

Im Hauptvortrag sprach Prof. Albert Ziegler von der Universität Erlangen-Nürnberg über „Motivationsförderung in der Ganztagsschule“. In den letzten 15 Jahren habe sich sehr viel in der Motivationsforschung getan. „Motivationsförderung bedeutet nicht, einfach nur den Motivationstank bis oben hin vollzupumpen“, so der pädagogische Psychologe, sondern sich auf einzelne Handlungsschritte zu fokussieren. „Ich will besser in der Schule werden“ sei beispielsweise ein viel zu allgemeines Ziel. Stattdessen müssten Ziele auf Teilziele heruntergebrochen werden.

Prof. Albert Ziegler

Schülerinnen und Schüler wüssten oft nicht, wie sie sich auf schulische Aufgaben vorbereiten oder üben können. Vielleicht zehn Prozent seien in der Lage, überhaupt ein gutes Ziel zu formulieren. Hier müssten die Lehrkräfte unterstützend wirken: „Die Schülerinnen und Schüler sollen sich ein konkretes Ziel vornehmen und dieses in Zwischenziele unterteilen, die konkret, messbar und zeitlich naheliegend sind“, führte der Forscher aus. „Und sie müssen sich konkret klarmachen, was sich bessert, wenn sie ihre Ziele erreicht haben.“ Der Fortschritt beim Erreichen der Ziele sollte schriftlich festgehalten werden, zum Beispiel in einem Portfolio. Und er sollte auch honoriert werden: „Niemand hält lange durch, wenn er keine Erfolgserlebnisse hat.“

Die Forschung könne inzwischen belegen, dass die Entitätstheorie, das heißt die Vorstellung, es gäbe stabile Fähigkeiten und Begabungen – oder wie es im Volksmund heißt: „Man kann Silber nicht zu Gold machen“ –, nichts mit der Realität zu tun habe. Begabungen sind beeinflussbar und veränderbar, und professionelle Pädagoginnen und Pädagogen können Begabungen fördern. Motivieren unterstützt diesen Prozess. Dabei spielen auch Körper- und Raumwahrnehmungen eine wesentliche Rolle. Studien zeigten beispielsweise, dass Schülerinnen und Schüler motivierter in gut organisierten und eingerichteten Klassenräumen arbeiteten. Auch die persönliche Ausstrahlung der Lehrkraft hat eine große Wirkung darauf, wie sehr sie sich engagieren.

Selbstgesteuert lernen

Am Nachmittag informierten knapp zehn Workshops über verschiedene Aspekte der Ganztagsschule. Die Themen reichten von „Gut essen in der Ganztagsschule“ über „Fördern und Fordern“, „Heterogenität“ und „Inklusion“, „Entdecken und Forschen“ oder „Digitale Lebenswelten“ bis zur Gewaltprävention.

Schüler mit Spielgerät
© Britta Hüning

Ihr Konzept „’SegeLn’ – Selbstgesteuertes Lernen an einer integrierten Gesamtschule“ stellte die Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau) vor. An der Integrierten Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, die 1.600 Schülerinnen und Schüler besuchen, gibt es seitdem das „Selbstgesteuerte Lernen“ (SegeL), das in den 5. Klassen begonnen hat und inzwischen in den 7. Klassen angekommen ist. In ihrem Workshop stellten die Lehrerinnen Patricia Zürn und Bianca Veal das Konzept vor, das die offene Ganztagsschule unter anderem nach einem Besuch an der Profilschule Ascheberg etabliert hat.

In drei Lernzeiten von je 90 Minuten in der Woche arbeiten die Schülerinnen und Schüler an differenzierten Aufgabenstellungen aus Mathematik, Deutsch und Englisch. Die Aufgaben sind eng mit dem Fachunterricht verknüpft. „Alle müssen Pflichtaufgaben erledigen, dann können sie sich unterschiedlich schwierige Wahlaufgaben aussuchen. Wer dann noch will, kann sich an Expertenaufgaben versuchen“, erklärte Patricia Zürn.

Die Stunden sind genau zeitlich getaktet, die einzelnen Arbeitsphasen minutengenau heruntergebrochen, was den Lehrerinnen zufolge den Schülerinnen und Schülern hilft. Die Jugendlichen bewerten sich anhand von Checklisten selbst und werden auch von ihren Lehrerinnen und Lehrern bewertet. Die Ergebnisse diskutiert man gemeinsam. Die Bewertungen fließen zu 50 Prozent in die Gesamtnote ein. Die SegeL-Arbeitsgruppe trifft sich regelmäßig, evaluiert und plant. Durch kollegiale Hospitationen bilden sich die Lehrkräfte fort.

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