Ganztagsschulen und Vereine zusammenbringen

Die Qualität der Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen zu steigern, ist das Ziel des Kreissportbundes (KSB) Gütersloh. 2014 startete dazu ein Projekt mit der Reinhard Mohn Stiftung. Ein Gespräch mit Projektleiterin Anika Irle.

Anika Irle© LSB NRW | Foto: Michael Grosler

Online-Redaktion: Was hat den Kreissportbund Gütersloh und die Reinhard Mohn Stiftung dazu bewogen, das Projekt „Qualität im Ganztag fördern – Kooperationen zwischen Schulen und ihren Partnern verbessern“ zu starten?

Anika Irle: Für die Gestaltung von Partnerschaften im Ganztag existieren bundesweit keine Standards. Auch das Schulministerium möchte den Schulen keine zu engen Korsetts auferlegen. Deshalb gibt es nur Hinweise, wie regionale Bildungslandschaften aufgebaut oder Kooperationen zwischen Schulen und Bildungspartnern zu entwickeln und vertraglich zu schließen sind. Ein Anspruch an die  qualitative Sicherung ist damit aber nicht gegeben und inhaltliche Qualität sowie Verlässlichkeit oftmals nicht gewährleistet. Kooperationen entwickeln sich in den meisten Fällen situativ. Das gilt sicherlich auch für den Kreis Gütersloh mit seinen 62 Grund-, 46 weiterführenden und 14 Förderschulen. Hinzu kommen noch sieben Berufskollegs. Der KSB und die Stiftung möchten hier ansetzen und die Qualität der Kooperationen steigern. Schließlich ist der organisierte Sport mit seinen 360 Vereinen im Kreis der bedeutendste Bildungspartner der Schulen.

Online-Redaktion: Schulen, aber auch Vereine reagieren oft zurückhaltend, wenn jemand von außen kommt und von Qualitätssteigerung spricht...

Irle: In der Tat. Auch wir mussten die Erfahrung machen, dass wir am Anfang des Projektes, 2014, viel mehr Zeit als gedacht darauf verwenden mussten, zu erklären, was für Ziele wir verfolgen und wie wir das gemeinsam mit den Schulen, den Vereinen und den Trägern des Ganztags umsetzen wollen. Inzwischen haben die Beteiligten gespürt, dass wir nicht daherkommen und erklären, alles liefe bislang schief oder wäre qualitativ nicht gut. Von uns wird niemandem etwas aufgedrückt.

© Britta Hüning

Es geht vielmehr darum, den Bedarf vor Ort zu ermitteln, zu fragen, wo der Schuh drückt, was verbessert werden sollte, um dann gemeinsam Konzepte zu entwickeln und sich weiterzuentwickeln. Wir möchten dazu beitragen, verlässliche Strukturen und qualitativ gesicherte Angebote zu schaffen, die ein Miteinander von Sportvereinen, Bildungsträgern und Schulen auf Augenhöhe ermöglichen und hoffentlich dann für alle einen Gewinn darstellen.

Online-Redaktion: Wie gehen Sie in dem Projekt, das von der Reinhard-Mohn-Stiftung unterstützt wird, konkret vor?

Irle: Wir haben uns entschieden, zunächst einmal mit der Stadt Versmold als Pilotkommune zu starten. Die Stadt beteiligte sich schon an dem früheren Projekt „Mitgestaltung lebenswerter Kommunen – der gemeinnützige Kinder- und Jugendsport als Partner in Bildungsnetzwerken“. Diese Vorerfahrung schien uns wertvoll beim Aufbau einer sogenannten Ganztagswerkstatt. Sie funktioniert wie ein runder Tisch. An ihr sind im ersten Schritt neben den Schulen und den Ganztagsträgern zwar nur Sportvereine beteiligt, aber dauerhaft sollen auch andere Kinder- und Jugendorganisationen eingebunden werden. In dieser Werkstatt, die ein- bis zweimal pro Jahr zusammenkommt, erarbeiten wir gemeinsam Optimierungsmöglichkeiten in der Kooperation zwischen Vereinen und Ganztagsschulen. Daneben gibt weitere kleinere Abstimmungstreffen. Später soll das Projekt, das bis 2018 läuft, auf andere Kommunen im Kreis Gütersloh, übertragen werden.

Online-Redaktion: Welche Verbesserungspotenziale haben Sie bislang ausgemacht?

© Britta Hüning

Irle: Potenziale ist das richtige Wort. Denn in der kurzen Zeit seit Beginn des Projektes konnten wir natürlich erst einmal nur die Weichen stellen, insbesondere für mehr Kommunikation. Dank dieser Austauschplattformen haben wir herausgefunden, dass es für viele externe Bildungspartner extrem wichtig ist, das System Schule erst einmal besser zu verstehen. Das betrifft aber auch die FSJler – also diejenigen, die in der Schule, in einem Verein oder bei einem Träger ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Die FSJler sehen sich in den Schulen, anders als in den Vereinen, in die die Kinder freiwillig kommen, auch mit belastenden Situationen konfrontiert. Um Hilfestellungen zu bekommen und sich gegenseitig zu unterstützen, treffen sie sich jetzt viermal pro Jahr.

Online-Redaktion: Die Frage sei erlaubt: Sind FSJler die beste Zielgruppe? Sie verabschieden sich ja schon nach einem Jahr…

Irle: Die Frage ist berechtigt. Aber erstens geben wir diesen jungen Menschen die Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen zu steigern. Wer weiß, wie viele von ihnen später einmal als Lehrkräfte, in Vereinen oder bei einem Ganztagsträger aktiv sein werden. Zweitens: Die Runde ist offen für andere – etwa für Vorstände und Übungsleiter von Vereinen, Schulleitungen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter.

Online-Redaktion: Sie haben auch Kontakte in die Niederlande. Was können wir von dort lernen?

Schüler in der Sporthalle
© Britta Hüning

Irle: Im Gespräch mit Ben Halle, der an der Hogeschool van Arnhem en Nijmegen, einer Hochschule für Sozialpädagogik, unterrichtet, wurde deutlich, dass die Niederlande schon weitaus länger Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partner pflegen – und zwar setzen sie dort ebenfalls auf Qualität und Professionalität. Er stellte uns zum Beispiel die niederländische Ausbildung zum Sportlehrer 2.0 vor. Sie wurde mit dem politischen Ziel geschaffen, bis 2016 60 Prozent der Bevölkerung zu einem aktiven Lebensstil zu animieren. Je 10.000 Einwohner sind in dem Projekt zwei Vollzeitstellen eingerichtet worden. Ihre Aufgabe ist es, den Schulsport sportlicher zu machen und den Vereinssport pädagogischer. Die Sportlehrer 2.0 koordinieren von kommunaler Seite die Zusammenarbeit zwischen Sportvereinen und Schulen.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie die größten Hürden auf dem Weg zu optimalen Kooperationen?

Irle: Neben den notwendigen Mindeststandards, an denen sich die Partner orientieren können, ist aus Sicht der Vereine wohl die Sorge zu nennen, der Ganztag binde die Kinder und Jugendlichen so stark ein, dass sie nicht mehr ausreichend Zeit oder Motivation für eine Mitgliedschaft oder ein Ehrenamt im Verein aufbringen. Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass das nicht der Fall ist. Die zu erwartenden Nachwuchsprobleme haben also weniger mit dem Ganztag oder G8 zu tun als mit der Frage, wie Jugendliche durch ein Engagement in der Schule angesprochen und gewonnen werden können. Daneben stehen viele Vereine aktuell vor dem Problem, qualifizierte Personen zu finden, die ihre Angebote umsetzen können. Insbesondere in Landkreisen ist das eine besondere Herausforderung. Denn dort sind häufig lange Fahrten zu bewältigen.

Online-Redaktion: Und aus Sicht der Schulen?

© Britta Hüning

Irle: Viele Schulen sind bereits Kooperationen mit außerschulischen Partnern eingegangen. Mitunter wurden damit aber Lücken in der Nachmittagsbetreuung gefüllt. Eine Klärung der gemeinsamen Ziele gibt es nur in Ausnahmefällen – aber genau dort liegen die Potenziale. Genau wie die Vereine betreten auch Schulen Neuland, wenn sie sich so stärker öffnen, sich in die Karten schauen lassen und „Fremde“ an pädagogischen Konzepten mitwirken lassen. Sie stehen zudem vor der Aufgabe, ihre Schülerinnen und Schüler stärker in Entscheidungsprozesse einzubinden. Geschieht das nicht, sehen die Kinder und Jugendlichen ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt. Mit der Folge, dass sie Angebote nicht annehmen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Verlässlichkeit der Angebote. Häufig müssen die personellen und räumlichen Ressourcen jährlich neu geklärt werden.

Online-Redaktion: Sie haben konkrete Hilfen für Ihre Vereine entwickelt – welche sind das?

Irle: Ich glaube, unsere Checkliste „Kooperation Sportverein – Schule“ ist so eine Hilfe. In diesem Papier finden die Vereine für (fast) alle Fragen gute Antworten oder Hinweise zu Ratgebern und Informationsmöglichkeiten. Das reicht von der Überlegung, wie Übungsleiter und -leiterinnen während ihrer Tätigkeit in der Schule versichert sind, über den Informationsfluss zum Ganztagsengagement innerhalb des Vereins bis hin zum immer wieder diskutierten Honorargefälle zwischen Vereinen und Ganztagsträgern. Besonders geht es um die Qualität der Arbeit.

Online-Redaktion: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sieht die Kooperationslandschaft zwischen Vereinen und Schulen im Kreis Gütersloh in drei Jahren aus?

Irle: Schön wäre es, wenn sich dann die Ganztagswerkstatt etabliert hat. Kommunikation und Abstimmung sollten sich weiter verbessert haben, sodass Absprachen, inhaltliche genauso wie strukturelle, unkompliziert und offen ablaufen. Mein Wunsch wäre, dass sich in den Kommunen gemeinsam mit den Schulen, den Trägern und den außerschulischen Partnern, vor allem auch aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen die Qualität der Ganztagslandschaft vor Ort weiterentwickelt hat. Alle Partner agieren gemeinsam und auf Augenhöhe für eine Stadt beziehungsweise Gemeinde, in der Kinder und Jugendliche gerne groß werden wollen.

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