Georgschule Paderborn: Flüchtlinge willkommen!

Wie in vielen Städten und Gemeinden kommen seit Monaten auch Flüchtlinge im westfälischen Paderborn an. Die Stadt reagiert mit Internationalen Klassen für Kinder und Jugendliche, wie an der Georgschule.

© Georgschule Paderborn

Wenn Kinder und Jugendliche aus dem Ausland neu nach Paderborn kommen, ohne deutsche Sprachkenntnisse, finden sie oft den Weg ins Bonifatius-Zentrum. Das Förderzentrum nimmt das ganze Jahr über Schülerinnen und Schüler in die Sekundarstufe auf. Die Jüngeren lernen hier Deutsch, bis sie in eine Regelklasse überwechseln können, ältere Jugendliche können den Hauptschulabschluss oder die Fachoberschulreife erwerben. Das Bonifatius-Zentrum hat Erfahrungen mit der Integration von Neuankömmlingen. Derzeit ist die Nachfrage nach der in Westfalen einmaligen Einrichtung besonders groß. Fast zu groß.

Das kam Sabine Wegener, Schulleiterin der Georgschule, zu Ohren. Die Ganztagshauptschule, die bereits in der Vergangenheit mit dem Bonifatius-Zentrum kooperiert hat, bot an zu helfen. „Über Räume verfügten wir, uns fehlte nur noch zusätzliches Personal. Nachdem die Stellen ausgeschrieben worden waren, konnten wir im Mai starten“, berichtet die Schulleiterin. Jetzt hat die Georgschule Internationale Klassen eingerichtet, eine Initiative der Stadt Paderborn, um Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien schnell in die Schulen aufzunehmen. Denn Flüchtlingskinder unterliegen genauso der Schulpflicht wie alle anderen.

"Wir können flexibel reagieren"

Die Georgschule ist eine gebundene Ganztagsschule. Hier lernen rund 170 Schülerinnen und Schüler. „Schon vor den Internationalen Klassen, die wir für die Flüchtlingskinder und -jugendlichen eingerichtet haben, sind wir sehr international gewesen“, erzählt Sabine Wegener. „Wir sind ein kleines System mit kleinen Lerngruppen, bei dem jeder jeden kennt. Wir können sehr flexibel reagieren.“ Das kommt der Schule nun bei der Aufnahme der neuen Schülerinnen und Schüler entgegen.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Im Mai startete Lena Engstler, Lehrerin für Deutsch und Religion, mit der Übernahme der Internationalen Klasse. Über den Sommer sind schon zwei Klassen daraus geworden. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, die die 10- bis 17-Jährigen aus Syrien, Albanien, Mazedonien, Italien, Lettland, Somalia, Kuba, Afghanistan und Eritrea mitbringen, gibt es zwei Gruppen mit jeweils 15 Schülerinnen und Schülern. In einer Klasse lernen die Jüngeren, in der anderen die Älteren.

Lernbereit und wissbegierig

Dass Lena Engstler im Studium das Modul „Deutsch als Zweitsprache“ belegt hat, kommt ihr nun zugute. Bevor der Unterricht aber überhaupt losging, war es der Georgschule wichtig, die Schülerinnen und Schüler willkommen zu heißen. „Wir haben den Klassenraum geschmückt und alle Gegenstände im Raum mit Namen versehen, damit den Schülerinnen und Schülern auch die Orientierung erleichtert wird“, erzählt Lena Engstler. „Und das wiederholte Sehen eines Wortes erleichtert natürlich auch das Einprägen.“

Die Internationalen Klassen haben wie die Regelklassen 36 Stunden Unterricht in der Woche, wobei der Deutschunterricht mit 90 Prozent den Schwerpunkt bildet. „Wir erarbeiten uns alles Schritt für Schritt“, so Lena Engstler. „Sprechen steht erstmal im Vordergrund, weniger das Schreiben.“ Die unterschiedlichen Voraussetzungen der Jugendlichen erlebt die Lehrerin als „Bereicherung und Herausforderung zugleich“. Einige sprechen gut Englisch, was die Kommunikation erleichtert. Manchmal helfen sie sich gegenseitig, wenn sie etwas nicht verstehen.

Die jungen Neuankömmlinge erlebt Lena Engstler als „unglaublich lernbereit und wissbegierig“. Alle wollen einen Abschluss erreichen. Dies hatte zuvor schon Schulamtsdirektor Hartmut Bondzio festgestellt. Auch die Sportlehrerinnen und -lehrer haben bereits den hohen Ehrgeiz der Jugendlichen zurückgemeldet. Wenn sich manche sehr schwer tun, kann die Lehrerin allerdings nicht feststellen, ob das auf Lernprobleme, Entwicklungsverzögerungen oder Traumatisierungen zurückzuführen ist. Dafür fehlt ihr das Diagnosewissen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen behelfen sich, so gut sie können. „Es gibt noch keine festen Regelungen. Wir müssen viele Einzelentscheidungen treffen“, erklärt Schulleiterin Wegener.

Struktur gibt Sicherheit

Manchen Jugendlichen merkt man die Traumatisierung an, wenn sie beinahe apathisch wirken. Lena Engstler hat mit den Jugendlichen, von denen einige ohne Eltern in Paderborn angekommen sind, über deren Erfahrungen gesprochen. „Manche berichten sehr offen über das, was sie erlebt haben. Sie haben unglaublichen Redebedarf. Manche möchten gar nichts sagen“, berichtet sie. Wenn es Konflikte in der Klasse gibt, haben die oft mit der Pubertät zu tun, weniger mit dem Fluchthintergrund. Und manchmal schaukeln sich banale Konflikte wegen der nicht einfachen Verständigung hoch. Dann holt sich Lena Engstler Hilfe beim Schulsozialarbeiter Ferdi Wüseke.

Internationale Klasse mit Schulleiterin Sabine Wegener und den Lehrerinnen Maria Herrlich und Lena Engstler© Georgschule Paderborn

Bei einer Fortbildung mit dem Diplom-Psychologen Thomas Weber vom Zentrum für Trauma- und Konfliktmanagement in Köln wies dieser darauf hin, dass in der jetzigen Lebenslage Struktur das Wichtigste für die Schülerinnen und Schüler sei. Struktur schafft Sicherheit, sie sei manchmal sogar wichtiger als Therapie. Struktur durch den Schulbesuch, Struktur durch den Stundenplan, Struktur durch den Unterricht, Struktur durch Aufgaben.

Auch das Gemeinschaftserlebnis ist wichtig. „Wenn ich im Hauswirtschaftsunterricht mit den Kindern und Jugendlichen koche und sie Rezepte und Zutaten aus ihren Kulturen mitbringen, schweißt das zusammen und ist ein sehr schönes Erlebnis“, berichtet Lena Engstler. Ihrer Kollegin Maria Herrlich, die bereits zwei Jahre lang an einer Hauptschule eine Internationalen Klasse geleitet hat, macht es Spaß, mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten: „Man ist unglaublich gefordert und muss viel improvisieren – das finde ich gut. Komplexe Sachverhalte müssen so runtergebrochen werden, dass die Klasse intuitiv weiß, worum es geht.“

Aus einem Telefonanruf werden schnell fünf

Auf dem Schulhof, im Sportunterricht, in den Ganztagsangeboten wie Inline Hockey, Keyboard, Informatik, Technisches Zeichen oder „Starke Mädchen“ und im Wahlpflichtunterricht begegnen sich die Schülerinnen und Schüler der Internationalen Klassen und der Regelklassen. „Manche haben schon gesagt, dass sie die Neuen nett finden, nachdem sie am Anfang skeptisch gewesen waren. Einige haben durch Eltern oder Medien viel Negatives über Flüchtlinge gehört“, berichtet die Schulleiterin.

Wenn es nach Schulsprecher Dominik aus der 10. Klasse geht, sollten die Begegnungen noch strukturierter ausfallen. „Wir könnten doch ein Patensystem einrichten, wo die Paten was zusammen machen. Dann lernt man auch schneller Deutsch. Und wir wollen uns als 'Schule ohne Rassismus' bewerben. Dazu muss man gemeinsame Projekttage ausrichten“, meint er. Durch ständigen Kontakt funktioniere die Kommunikation oft sehr gut, wie er schon selbst erlebt habe: „Vahid aus Afghanistan hat immer mit uns Tischtennis gespielt, und der hat in ein paar Monaten richtig gut Deutsch gelernt.“

Britta Hüning
© Britta Hüning

Bisher hat die Georgschule auch im Kontakt mit den Eltern weitgehend gute Erfahrungen gemacht. „Beim Elternabend waren viele da“, berichtet Lena Engstler. „Die Verständigung ist teilweise sehr schwierig. Aber manche haben Dolmetscher mitgebracht, und es gibt zum Glück auch viele Ehrenamtliche, die sich zum Übersetzen zur Verfügung stellen.“

Da in Paderborn die Unterbringung der Flüchtlinge dezentral erfolgt, ist es manchmal schwierig, den Überblick zu behalten. „Wenn ein Kind mal nicht zur Schule erscheint, dann werden aus einem Telefonanruf schnell fünf Anrufe“, schildert Sabine Wegener ihre Erfahrung. „Und wir wissen dann nicht mal, ob die Familie vielleicht schon abgeschoben worden ist.“ Demnächst wolle sie alle Einrichtungen anfahren, um sich ein Bild zu machen, wie die Schülerinnen und Schüler untergebracht sind.

Dazulernen und zusammenrücken

Sabine Wegener weiß, dass manche Schulen eher das Prinzip „Regelklasse plus Förderunterricht“ für Quereinsteiger bevorzugen. Doch an der Georgschule hat man bisher gute Erfahrungen mit dem umgekehrten Modell „Förderklasse plus Teilnahme am Regelunterricht“ gemacht. „Natürlich möchte das Pädagogenherz immer mehr, und man kann unmöglich allen ganz gerecht werden. Da wäre eine Doppelbesetzung in der Klasse natürlich schön“, räumt die Schulleiterin ein. Momentan müssten alle Beteiligten noch dazulernen und zusammenrücken. „Wir werden unsere Netzwerke zu Berufskollegs und Abendschulen intensivieren“, hat sie sich vorgenommen.

Herbert Boßhammer und Birgit Schröder leiten die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ in Nordrhein-Westfalen und begrüßen solche Entwicklungen: „Die Kinder werden in der Turnhalle untergebracht. Da lernen sie aber kein Deutsch. Es ist doch nur logisch, dass man sie nebenan in die Schule holt.“

Schauen, was geht

Boßhammer war selbst viele Jahre lang Schulleiter. Er weiß genau, welche Herausforderungen auf die Kolleginnen und Kollegen zukommen. Ganztagsschulen traut er zu, dass sie mit allen Beteiligten eine Willkommenskultur entwickeln und umsetzen, nicht zuletzt, weil hier verschiedene pädagogische Fachkräfte zusammenarbeiten. Man müsse „schauen, was welche Profession dazu beitragen kann“.

Stephanie Worms, Dr. Oliver Vorndran, Leiter des Regionalen Bildungsbüros, Dr. Burghard Lehmann, Geschäftsführer der Familie-Osthushenrich-Stiftung, Schulleiterin Sabine Wegener (v.l.) und Schülerinnen und Schüler© Kreis Paderborn

Er und Brigit Schröder sehen in der aktuellen Situation auch Chancen: „Wir müssen lernen, die Kompetenzen der Menschen, die kommen, wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wir müssen gucken, was können die Kinder und Jugendlichen. Nicht unbedingt nur im Bereich Unterricht und Schule, sondern auch, welche Fähigkeiten haben sie vor dem Hintergrund des bisherigen häuslichen Umfeldes. Wie haben sie gelebt, was haben sie gelernt, was können sie? Und was können wir möglicherweise aufgreifen oder fortführen.“

An der Georgschule lernen jetzt Granit aus dem Kosovo und Omar aus Somalia. Granit ist seit acht Monaten in Deutschland und seit Mai an der Ganztagsschule. Er ist gut in Mathematik, Sport und Deutsch und möchte mal Sportlehrer oder Fußballer werden. Omar ist seit vier Monaten in Deutschland und seit einem Monat in Paderborn. Vorher hat er in einer anderen Region die Schule besucht. Hier an der Georgschule gefällt es ihm aber besser: „Da wurde in der alten Schule Dialekt gesprochen. Ich habe kaum was verstanden.“

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