Kongress „Ganztägig bilden. Ideen für mehr“

Nach elf Jahren Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung zog der Kongress „Ganztägig bilden. Ideen für mehr!“ in Berlin eine Bilanz des Programms.

Ministerin Wanka während ihrer Rede
Bundesbildungsministerin Prof. Johanna Wanka© DKJS/E.A. Jung-Wolff

Zur Eröffnung des Kongresses „Ganztägig bilden. Ideen für mehr!“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Kultusministerkonferenz (KMK) in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in Berlin veranstalteten, zog Bundesbildungsministerin Prof. Johanna Wanka vor rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Bilanz der Erfolgsgeschichte Ganztagsschule.

„Wir haben, glaube ich, von Seiten des Bundes mit der Förderung ein stabiles Fundament gelegt, um Ganztagsschulen weiter ausbauen zu können, auch in der Zukunft. Vier Milliarden Euro hat der Bund als Investitionsmittel bereitgestellt. Und es war eine enorme Kraftanstrengung, nicht nur von Seiten der Geldgeber, sondern in der Umstellung des Schulsystems. Und diese enorme Kraftanstrengung hat sich gelohnt. Wir haben einen Mentalitätswandel.“

Trotz anfänglicher Vorbehalte zum Thema: „Es wird nicht mehr diskutiert, ob solche Angebote notwendig sind. Es wird darüber diskutiert: Wie sollen sie aussehen – offen, gebunden, mit welcher Qualität? 70 bis 80 Prozent der Eltern wünschen sich Ganztagsschulen, und es muss über Qualität und Angebote gesprochen werden.“ Ganztagsschulen sind laut Johanna Wanka mittlerweile selbstverständlich.

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Serviceagenturen als Garant für erfolgreiche Entwicklung

Ganztag ist kein Allheilmittel. Das A und O ist, was in einer Ganztagsschule geschieht. Sie ist ein wichtiger Baustein für eine frühe, durchgängige und individuelle Förderung. Rückblickend betonte die Ministerin: „Die Serviceagenturen in den Ländern sind dabei der Garant für eine äußerst erfolgreiche Entwicklung gewesen.“ Doch sie richtete den Blick auch nach vorne: „Wir brauchen belastbares Wissen über Ganztagsschulen, und deshalb brauchen wir die Begleitforschung auch weiterhin.“ Vor allem sei der Transfer wichtig, damit die Forschungsergebnisse den einzelnen Lehrer und die einzelne Lehrerin erreichten. Auch daher seien die 16 regionalen Serviceagenturen, deren Engagement, die Vernetzung untereinander und ihre Professionalisierung entscheidend. Die Ministerin dankte den Serviceagenturen ausdrücklich für die Arbeit.

Mit Blick auf das aktuelle Thema Flüchtlinge wies die Bildungsministerin darauf hin, dass hier der Anteil der unter 18-Jährigen besonders groß sei. Für diese Situation sei die Ganztagsschule eine Chance. Abschließend dankte Johanna Wanka all jenen, die an der Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen einen großen Anteil haben und „sich auch mit Leidenschaft für die Ganztagsschule einsetzen.“

Ganztagsschulprogramm wird weitergeführt

Für die Kultusministerkonferenz kündigte der hessische Staatssekretär Dr. Manuel Lösel an: „Die Bundesländer beabsichtigen, das Ganztagsschulprogramm weiterzuführen und entsprechende Strukturen zur Beratung und Unterstützung der Ganztagsschulen vorzuhalten und miteinander zu vernetzen. Die Länder werden im Rahmen des Programms länderübergreifende Aktivitäten, die unmittelbar auf die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen abzielen, fortführen.“

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Lösel betonte den „großen Erfolg“ des Ausbaus der Ganztagsschulen. „Ich freue mich, dass der Bund und die Länder diese Aufgabe gemeinsam angegangen sind, auch mit den Kommunen.“ Mit dem IZBB-Programm habe der Bund einen wertvollen Beitrag dazu geleistet, und auch die Länder seien ihrer Verantwortung nachgekommen. Sie hätten in Neubauten, Ausbauten, in Mensen und in die Ausstattung der Ganztagsschulen investiert, „und das neben den erheblichen zusätzlichen finanziellen Anstrengungen, die wir Länder ja für das Personal aufbringen müssen, für zusätzliche Lehrkräfte und für weiteres pädagogisches Personal.“ Die Ausbaudynamik habe sich auch nach dem Ende des IZBB fortgesetzt. Der Anteil der Ganztagsschüler sei nach 2009 weiter in ähnlicher Größenordnung gewachsen.

Für individuelle Förderung, die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, für die Förderung von Begabungen und auch für die Inklusion biete der Ganztag große Potentiale. Eine gute, bedarfsgerechte Ganztagsschule entstehe vor Ort, orientiert an lokalen und regionalen Bedürfnissen, vernetzt mit Akteuren und Institutionen in der Nähe. Gerade gute Ganztagsschulen verdeutlichen in besonderer Weise: „Erfolgreiche Bildungsangebote entstehen nur in Partnerschaften.“ Deshalb ist es Lösel zufolge „richtig und wichtig, dass es eine breite Vielfalt an Ganztagsangeboten gibt, die sich von Land zu Land, aber auch innerhalb eines Landes unterscheiden, weil sie sich an unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen anpassen müssen – immer mit dem Ziel: Das Mehr an Zeit muss pädagogisch genutzt werden.“ Vielfalt sei kein Hindernis für die gute Ganztagsschule, sondern „vielmehr ihr Erfolgsgeheimnis“.

Ländergespräch: Ganztagsschule – eine Erfolgsgeschichte

Gesprächsrunde auf dem Podium
Podiumsdiskussion mit (v.l.n.r.) Moderatorin Shelly Kupferberg, Sandra Scheeres, Dr. Jan Hofmann, Dr. Heike Kahl und Dr. Manuel Lösel© DKJS/E.A. Jung-Wolff

Das Thema Qualität stand auch im Mittelpunkt des sich anschließenden „Ländergesprächs“ mit der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Staatssekretär Dr. Jan Hofmann aus dem Kultusministerium Sachsen-Anhalt und Manuel Lösel sowie der Geschäftsführerin der DKJS, Dr. Heike Kahl.

Mit Verweis auf internationale Trends zu ganztägiger Bildung diskutierte das Podium die Entwicklung der vergangenen elf Jahre als eine „Riesenreform“, wie es Sandra Scheeres formulierte. Der Bildungssenatorin zufolge betrifft die Ganztagsschule nicht nur Lehrkräfte, sondern unterschiedliche Professionen: „Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen haben eine wesentliche Rolle im Ganztag übernommen!“

Prof. Solvi Lillejord© DKJS/E.A. Jung-Wolff

Anschließend hatte die Wissenschaft das Wort. Prof. Solvi Lillejord vom Norwegian Knowledge Centre for Education and Research in Oslo widmete sich in ihrem Vortrag „Aus der Bildungsforschung in die Schulpraxis“ dem Thema Wissenstransfer. Es gebe kaum Erkenntnisse darüber, ob und wie Lehrerinnen und Lehrer Forschungsergebnisse rezipieren. Oft wollten Praktiker nur die Ergebnisse wissen, was aber zu wenig sei: „Forschung ist mehr als Ergebnisse“, so die Bildungswissenschaftlerin. „Ergebnisse stehen in einem Kontext, der deutlich gemacht werden muss.“

Es werde irrtümlich noch immer noch angenommen, dass die „Forschung ihre Ergebnisse an die Schulen weitergibt und diese die Erkenntnisse direkt umsetzen“. Das funktioniere so aber nicht. Forschung müsse ihre Ergebnisse immer wieder auch mit Praktikern spiegeln und prüfen, wie welche Ergebnisse in der Praxis aufgenommen werden. Forschungsergebnisse müssten – neben der Verständigung innerhalb der wissenschaftlichen Community – außerdem in einem eigenen, auf Transfer ausgerichteten Prozess möglichst einfach und verständlich kommuniziert werden. Und: Lehrkräfte müssten den Forschungsprozess verstehen und wie man zu Ergebnissen gekommen sei. Der Transfer von Wissen in die Praxis gelinge nicht linear.

Mythen und Fakten zur Ganztagsschule

Prof. Natalie Fischer von der Universität Kassel präsentierte Ergebnisse aus der vom BMBF geförderten „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, an der sie selbst seit vielen Jahren beteiligt ist. Sie überschrieb ihren Vortrag mit „Mythen und Fakten“ und stellte einigen in den Medien und der Öffentlichkeit kursierenden Meinungen zur Ganztagsschule die empirischen Forschungsergebnisse gegenüber. So bringe die Ganztagsschule die Schülerinnen und Schüler sicherlich nicht um ihre Freizeit: „Bei einer durchschnittlichen Teilnahme von zwei Tagen pro Woche an den Ganztagsangeboten in den weiterführenden Schulen bleibt noch genug Freizeit“, sagte die Wissenschaftlerin.

Prof. Natalie Fischer© DKJS/E.A. Jung-Wolff

Mit Bezug auf die aktuelle Debatte zum Thema Bewegungsmangel im Ganztag, betonte sie: „Die Sportvereine sind der wichtigste Kooperationspartner von Ganztagsschulen, und gerade Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien nehmen überdurchschnittlich an Sportangeboten teil.“ Als Entwicklungsperspektive nannte Natalie Fischer, dass es wichtig sei, die Ganztagsschule in der Lehramtsausbildung stärker zu verankern, Forschungsergebnisse in die Praxis zu transferieren und die spezifischen Potenziale der Ganztagsschule für eine Verbesserung der Schule insgesamt zu nutzen.

Als Herzstück des Ganztagsprogramms bezeichneten alle Rednerinnen und Redner die Serviceagenturen „Ganztägig lernen“, die in der Mehrheit seit elf Jahren in den Bundesländern Ganztagsschulen beraten und unterstützen und sich auf dem Kongress mit eigenen Ständen präsentierten.

Über die Aufgaben und Erfahrungen der Serviceagenturen und anderer Kooperationspartner sowie die Ergebnisse des zweiten Kongresstages berichten wir am Dienstag in einem zweiten Teil.

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