Lernende Ganztagsschule: Amerikanische Schule Bremerhaven

Die Amerikanische Schule Bremerhaven sieht sich als "Lernende Schule". Das gilt nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für das Kollegium.

(v.l.) Schulleiter Günter Griesch, Lehrerin Friederike Bellmann, Sonderpädagogin Katharina Tietje und Konrektorin Sabine Breust © Amerikanische Schule Bremerhaven

Die Amerikanische Schule im Bremerhavener Stadtteil Lehe trägt ihren Namen aus einem einfachen Grund: Bis 1994 befand sich hier die Schule für die Kinder der in Bremerhaven stationierten Soldaten der US Army. Nach dem Abzug der Truppen entschloss sich die Stadt, in dem Gebäude eine Grundschule einzurichten – mit einem besonderen Auftrag des Schulträgers, wie sich Lehrerin Ulrike Dahm, die damals zu den fünf Gründungsmitgliedern gehörte, erinnert: "Wir sollten alles anders machen als sonst."

Die Amerikanische Schule sollte ein ganz eigenes Profil entwickeln. "Wir haben damals viel an Schulen hospitiert und sofort viel umgesetzt", erinnert sich Ulrike Dahm, die heute auch Mitglied der Steuergruppe ist. Offener, kindgerechter Unterricht, Rhythmisierung, Schulversammlungen und die bis heute fehlende Schulklingel gehören dazu.

Als 2002 der heutige Rektor Günter Griesch seinen Dienst antrat, kam die Jahrgangsmischung in den 1. und 2. Klassen dazu, die sich so bewährte, dass seit dem Schuljahr 2006/2007 auch die Klassen 3 und 4 altersgemischt lernen. "Es gibt Eltern, die skeptisch gegenüber der Jahrgangsmischung sind und deshalb ihre Kinder woanders anmelden", räumt der Schulleiter ein. Doch das Kollegium schätzt diese Organisation.

Heterogenität wird stärker wahrgenommen

"Das beginnt schon am Schuljahresanfang, wenn die größeren Schülerinnen und Schüler den kleineren zeigen, wie die Schule funktioniert", erläutert Lehrerin Friederike Bellmann. "Die ganz normalen organisatorischen Abläufe, die ich früher zeitaufwendig am Jahresanfang vermitteln musste, laufen jetzt nebenbei. Die Kinder übernehmen das selbst. Und im Unterricht lernen die Schülerinnen und Schüler miteinander. Da sitzt ein leistungsschwächerer Zweitklässler zum Beispiel mit einem Erstklässler zusammen und erklärt ihm etwas. Dadurch gewinnt er Selbstbewusstsein."

Amerikanische Schule Bremerhaven
© Amerikanische Schule Bremerhaven

Die Jahrgangsmischung löste auch die die früher üblichen Vorklassen ab. Als diese abgeschafft wurden, musste eine Antwort auf die große Heterogenität der Schülerschaft gefunden werden, die laut Friederike Bellmann bis zu vier Schuljahren betragen kann. Ob sich die Heterogenität in den vergangenen Jahren vergrößert hat, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Schulleiter Griesch ist vorsichtiger: "Ich glaube, heute lassen wir diese Heterogenität eher zu und nehmen sie deshalb auch stärker wahr."

217 Schülerinnen und Schüler aus dem nahe liegenden Blink-Viertel und dem Ortsteil Schierholz lernen derzeit in zehn Klassen. "Entgegen den Prognosen steigen die Schülerzahlen", so der Schulleiter. 31 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die Grundschule: Lehrerinnen und Lehrer, eine Sonderpädagogin, Erzieherinnen, eine Schulsozialarbeiterin, Referendare, Küchenpersonal, eine Schulsekretärin und einen Hausmeister. Dazu kommen rund 25 Honorarkräfte für die Angebote im Rahmen der Ganztagsschule.

Freies Spiel und Angebote in der "Was ihr wollt"-Zeit

Die Ganztagsschule startete im Jahr 2012. "Uns war klar, dass, wenn wir Ganztagsschule werden, wir dies für alle in der rhythmisierten Form anbieten wollten", erklärt Konrektorin Sabine Breust die Entscheidung, direkt mit der gebundenen Form einzusteigen. Die meisten Grundschulen in der Umgebung sind offene Ganztagsschulen. So verfügt die Amerikanische Schule über ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Die Schulbibliothek verfügt über eine Computerecke© Amerikanische Schule Bremerhaven

Vor der Einführung der Ganztagsschule holte das Kollegium sich Rat, zum Beispiel in der Grundschule an der Andernacher Straße. Die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen unterstützte die Vernetzung. Zudem ist die Amerikanische Schule Mitglied im Verbund "Blick über den Zaun".

Die Schülerinnen und Schüler können den Schultag schon um 7 Uhr mit der Frühbetreuung und einem Frühstück beginnen und gegebenenfalls die Spätbetreuung bis 16 Uhr wahrnehmen. Der Schulvormittag ist in zwei Lernblöcke gegliedert. Dazwischen liegen die Frühstückspause und eine große Hofpause, in denen die Kinder eine angemessene Zeit für Erholung haben. Das große Außengelände lädt zum Spielen und Toben ein. Alternativ können die Schülerinnen und Schüler in der "WiW"-Zeit ("Was ihr wollt") zwischen 12 und 14 Uhr auch die Bibliothek oder den Spieleraum nutzen. Danach folgt ein weiterer Lernblock.

Beeindruckende Präsentation der Schülerinnen und Schüler

Über die einmal im Monat stattfindende Kinderkonferenz haben die Klassensprecher der Jahrgangsstufen 3 und 4 inzwischen den Antrag in die Gesamtkonferenz eingebracht, sich während der WiW-Zeit frei im Schulgebäude aufhalten zu dürfen. "Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Argumente überzeugend vorgebracht. Und es kamen wirklich hammerharte Nachfragen aus dem Kollegium!", berichtet Schulleiter Griesch. „Ich fand das sehr beeindruckend, wie sie das präsentiert haben.“ Dem Wunsch der Schülerinnen und Schüler wurde stattgegeben. Die Flure und Aufenthaltsbereiche sind nun mit Sitzgelegenheiten und Materialien ausgestattet, sodass sich die Kinder dort gut aufhalten können.

Amerikanische Schule Bremerhaven
Einmal im Monat findet die Kinderkonferenz in der Aula statt© Amerikanische Schule Bremerhaven

Einmal in der Woche findet der Klassenrat statt. Die Klassensprecher, die im Landschulheim von der Konrektorin und der Schulsozialarbeiterin auf ihre Aufgabe vorbereitet werden, geben die Impulse in die Kinderkonferenz. Alle dort gefassten Beschlüsse werden schriftlich festgehalten. Sie werden der Schulleitung und dem Kollegium zur Kenntnis gegeben und natürlich den Schülerinnen und Schülern. Auch die Sitzordnung der höheren Jahrgänge in der Mensa ist durch einen solchen Diskussionsprozess bereits verändert worden.

In einigen Lernblöcken kann mit der Sonderpädagogin Katharina Tietje auch ein Tandem eingesetzt werden. Das Zusammenwirken mit der jeweiligen Lehrerin sieht Katharina Tietje als ideal an: "Wir können genau besprechen, wo noch Bedarfe bestehen, und ich kann dann gezielt mit den Kindern üben oder mit ihnen sprechen."

Feste Fördergruppen gibt es nicht. Das ständige Herauslösen von Schülerinnen und Schüler aus dem Klassenverband für zusätzliche Förderung gehört der Vergangenheit an. Es hatte unter anderem dazu geführt, dass "das Gefühl aufkam, manche Kinder gehörten nicht so richtig dazu", wie Friederike Bellmann meint. Die Schülerinnen und Schüler lernen individuell mit Übungsplänen, die sie auch zur Orientierung für die Eltern mit nach Hause nehmen. Die Eltern sind erfreut, dass Streit und Stress wegen Hausaufgaben kein Thema sind.

Teamarbeit als Stellenbeschreibung

Das Motto "Lernende Schule" bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die Schülerinnen und Schüler, wie Günter Griesch betont. Jeden Montag treffen sich die Gruppen der jahrgangsgemischten Klassen, die aus den Lehrerinnen, den Erzieherinnen, der Sonderpädagogin und der Schulleitung bestehen. Sie diskutieren alles, was gut und weniger gut läuft, und justieren nach.

"Wer an unsere Schule kommt, weiß, dass er im Team arbeiten muss", stellt Rektor Griesch klar. Und Konrektorin Sabine Breust ergänzt: „Ohne Teamarbeit wäre vieles nicht machbar.“ Mit einer fünf Jahre währenden Fortbildung hat sich das Kollegium bereits vor Start der Ganztagsschule auf die Arbeit im Team vorbereitet, die jetzt reibungslos funktioniert. "Das ist ein klasse Kollegium von sehr engagierten Mitarbeiterinnen", freut sich Griesch. "Sie sind aber auch selbstbewusst. Da muss ich mir manchmal schon was sagen lassen, wenn mir etwas nicht schnell genug geht."

Manche Lernblöcke werden in Doppelbesetzungen unterrichtet© Amerikanische Schule Bremerhaven

Die "Lernende Schule" hat schon an manchen Stellen Korrekturen vorgenommen: "Am Anfang blieben die Erstklässler vom ersten Schultag an bis 15.30 Uhr in der Schule", erinnert sich Friederike Bellmann. "Doch dann haben wir gemerkt, dass das die Kleinen überfordert. Deshalb lassen wir den Schulanfang jetzt gleitend starten. In den ersten vier Wochen bleiben die Schulanfänger erstmal bis 12 Uhr und dann sukzessive länger." Auch die Verlängerung der Mittagspause um eine Stunde ergab sich aus der Diskussion, wie der Schultag besser auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abgestimmt werden könnte. "Die Eltern haben uns zurückgemeldet, dass die lange Mittagspause ihren Kindern hilft, sich besser zu konzentrieren."

Für ausbaufähig hält Konrektorin Sabine Breust noch die Kooperation mit außerschulischen Partnern. Die Angebote reichen von Basketball und Fußball über Cheerleading bis zum Naturerlebnisraum mit naturwissenschaftlichen Experimenten. "Doch vieles läuft noch so nebenbei, wir würden die Verknüpfung mit dem Unterricht gerne noch verstärken." Mit dem Engagement aller Beteiligten, das die Amerikanische Schule bis jetzt so weit getragen hat, sollte auch dies gelingen.

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