Ganztag in der Eifel: Augustiner-Realschule plus

In der Augustiner-Realschule plus in Hillesheim können sich Schülerinnen und Schüler in vielen Angeboten, bei individueller Förderung und intensiver Berufsvorbereitung entfalten.

Das Schuljahr 2014/2015 endete für die Augustiner-Realschule plus zunächst mit einem Abschied: Am 23. Juli ging ihr langjähriger Rektor Peter Steffgen in den verdienten Ruhestand. Gerade hatte die Schule bundesweit Furore gemacht: Ihre Schülerzeitung "Specht", deren Beratungslehrer Steffgen viele Jahre lang war, wurde im Juni als eine der besten Schülerzeitungen Deutschlands von Bundesratspräsident Volker Bouffier ausgezeichnet. Zwei Anlässe, mit Konrektorin Andrea Stabel auf die Geschichte der offenen Ganztagsschule zurückzublicken.

Am Anfang der Ganztagsschule stand eine Schulreform. Im August 2010 fusionierten in der Stadt Hillesheim die Hauptschule und die Realschule zur Augustiner-Realschule plus. Ein Jahr darauf, mit dem Schuljahr 2011/12, wurde die Schule dann Ganztagsschule in Angebotsform.

Blick in den Schülertreff© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

Konrektorin Andrea Stabel erinnert sich, dass zunächst eher die strukturellen Veränderungen im Blick waren: "Die pädagogische Notwendigkeit ist vielen wohl erst nach und nach aufgegangen." Die Umgebung der Schule ist sehr ländlich und auch noch traditionell geprägt. Viele Mütter können oder wollen ihre Kinder am Nachmittag zu Hause betreuen. Aber "es gibt eben auch viele Familien, in denen die Kinder am Nachmittag eine Betreuung benötigen".

Von Beginn an wollte die Schule eine Ganztagsklasse einrichten. Zum Start reichten die Schülerzahlen noch nicht aus, aber nach und nach gelang es, aufwachsend in jedem Jahrgang eine Ganztagsklasse einzurichten. Ein Problem stellt sich derzeit nach der 7. Jahrgangsstufe. Zur 8. Klasse teilen sich die Schülerinnen und Schüler in den Realschulzweig und den Berufswahlzweig auf. "Da reichten die Zahlen nicht für zwei Ganztagsklassen", wie Andrea Stabel berichtet. "Das ist momentan unsere große Aufgabe. Wir arbeiten daran, auch in der 8. Klasse genügend Schülerinnen und Schüler für eine weitere Ganztagsklasse zu gewinnen, die dann wahrscheinlich im Berufswahlzweig entstehen wird. Da ist noch mal richtig Arbeit von uns gefordert, die Werbetrommel zu rühren."

Besser fördern als zu Hause

Augustiner-Realschule plus Hillesheim
Feuerwehrprojekt© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

Die bestehenden Ganztagsklassen haben schon einmal die Akzeptanz der ganztägigen Bildung im Umfeld der Schule erhöht. Durch die Rhythmisierung über den ganzen Tag und die Möglichkeiten individueller Förderung fühlten sich immer mehr Eltern angesprochen, ihre Kinder dort anzumelden, die nicht in erster Linie auf Betreuung angewiesen sind. "Es kommen Eltern und Großeltern zu uns, die sagen, dass sie sehen, dass wir ihren Kindern oder Enkeln besser helfen, als sie das zu Hause tun könnten", berichtet die Konrektorin.

In den Ganztagsklassen hat die Augustiner-Realschule plus die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik mit je einer zusätzlichen Stunde ausgestattet. Außerdem wurden Lernzeiten eingeführt: Zwei pro Woche sind es in der 5. Jahrgangsstufe, eine in der 6. Jahrgangsstufe, und in der 7. Klasse gibt es sogar vier Lernzeiten. In den Hauptfächern arbeiten immer zwei Fachlehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. So wurde mehr individuelle Förderung möglich.

Hausaufgaben gibt es nicht, stattdessen wurden für die Hauptfächer Übungsphasen innerhalb des Unterrichts eingeführt. Die Arbeit in den Übungszeiten ist dabei variabel: Die Schülerinnen und Schüler lernen hier einzeln, aber auch in Partner- und Gruppenarbeit. Welche Formen des Lernens gewählt werden, können die Lehrkräfte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern entscheiden. Lediglich der Lärmpegel soll durch Flüstern begrenzt bleiben. Für Aufgaben in den Nebenfächern stehen wiederum die Lernzeiten zur Verfügung.

Ganztagsklassen: zufriedener mit der Schule

Schnuppertag der Grundschülerinnen und -schüler© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

Einen Effekt haben die Ganztagsklassen laut Andrea Stabel auf jeden Fall: "Die Schülerinnen und Schüler profitieren unglaublich im sozialen Bereich, die Klassen wachsen richtig eng zusammen. Das gemeinsame Essen von Anfang an spielt da eine Rolle, aber wir haben auch viel Wert auf Freizeit gelegt. Die Jugendlichen sind da nicht völlig unbeaufsichtigt, sie werden von pädagogischen Fachkräften begleitet, aber sie können eben auch für sich durchschnaufen, bevor es am Nachmittag auch mit Fachunterricht weitergeht."

In Rheinland-Pfalz werden die Schulen seit 2006 regelmäßig extern evaluiert: Die Agentur für Qualitätssicherung (AQS) befragt bei ihren Schulbesuchen auch die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler und die Eltern. Bei der Schülerbefragung in der Augustiner-Realschule plus, die gerade im letzten Schuljahr stattfand, zeigten sich die Ganztagsschülerinnen und -schüler zufriedener als die Halbtagsschülerinnen und -schüler mit ihrer Schule. Die Eltern waren insbesondere mit der individuellen Förderung zufrieden. Hausaufgabenfrust ist in Hillesheim kein Thema.

Das bedeutet nicht, dass sich die Lehrkräfte zurücklehnen können, wie die Konrektorin berichtet. "In den Ganztagsklassen kommen manchmal auch viele schwierigere Schülerinnen und Schüler zusammen, die den Kolleginnen und Kollegen auch einiges abverlangen. Das ist von Klasse zu Klasse unterschiedlich, aber manchmal ist es anstrengend." Ein ganz wichtiger Punkt sei hier das Mehr an Zeit: „Wenn die Schülerinnen und Schüler aus den langen Pausen kommen, merkt man, dass sie oft richtig Dampf abgelassen haben.“

Kooperationspartner im ländlichen Raum

Montags sind die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer verstärkt im Einsatz. "Wir wissen, dass am Wochenende viel in den Familien passiert. Da ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Zeit haben, auch mal erzählen können", so Andrea Stabel. In den 5. Klassen gibt es nach Unterricht und Lernzeit erst einmal eine "Spielzeit" von 12.20 bis 13.10 Uhr. Dann schließt sich die Mittagspause an. Die Mensa wurde vor drei Jahren fertiggestellt. "Manche Kinder sind zwar sehr schnell fertig mit dem Essen, aber wir haben entschieden, dass niemand vor 13.30 Uhr aufsteht, sondern dass die Gemeinschaft der Ganztagsschüler noch am Tisch sitzen bleibt", berichtet die Konrektorin. Das Essen erhält die Schule von einem Caterer aus der Umgebung.

Augustiner-Realschule plus Hillesheim
Fußballturnier 2015© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

Anschließend geht es in die "Bewegte Pause", die ein Sportlehrer gestaltet. Die Sporthalle ist geöffnet, es gibt unter anderem die Möglichkeit, Skateboard zu fahren oder auf der Slackline zu balancieren. Um 14.15 Uhr geht der Unterricht weiter, montags zum Beispiel mit einer Mathematik-Stunde, gefolgt von einer Stunde Sport. Um 16 Uhr endet der Schultag. Das bedeutet allerdings auch, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen in der Region, die es wünschen, die Ganztagsklassen besuchen können. Wie überall in ländlichen Regionen sind die Schülerinnen und Schüler vom öffentlichen Nahverkehr abhängig. "Ich habe schon Eltern absagen müssen, weil ihre Kinder dann erst um 18 Uhr zu Hause gewesen wären", bedauert Andrea Stabel.

Ein anderes schwieriges Thema ist die Suche nach Kooperationspartnern für Arbeitsgemeinschaften ist im ländlichen Raum. In der Augustiner-Realschule plus werden die meisten Arbeitsgemeinschaften von Lehrerinnen und Lehrern angeboten. "Bei der Einführung der Ganztagsschule war allen Kolleginnen und Kollegen bewusst, dass sie auch am Nachmittag tätig sein würden. Meine Aufgabe ist es, den Stundenplan entsprechend zu planen", berichtet Andrea Stabel. Und das Angebot der Schule kann sich wahrlich sehen lassen: Vom beim Mofa-Kurs über Informatik und Textverarbeitung, "Fit in Englisch", Schach, Fußball und Golf bis zu Theater- und Hörspiel-AG reicht die Palette.

Den Mofa-Kurs gibt es schon seit 1986, gegründet hatte ihn einst Lehrer Bernhard Reck, den die Regionalzeitungen nach über 40 Jahren Schuldienst als "Lehrer mit Leib und Seele" feierten. Die AG Fußball bietet Sportlehrer Norbert Boes an. Hauswirtschaftslehrerin Rita Gith-Hillesheim kocht mit den Schülerinnen und Schülern "regionaltypische Gaumenfreuden aus der Eifel" und internationale Gerichte. Musik- und Kunstlehrer Michel Lieder hat die Schulband ins Leben gerufen. Mathematik- und Musiklehrer Lars Merten leitet die Instrumentalgruppe "Come Together" und die Theatergruppe.

Benefizkonzert des Schulorchesters© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

Schließlich sind auch die Schülerinnen und Schüler aktiv, zum Beispiel in der AG Streitschlichter, die von Zehntklässlern geleitet wird.

Zu den Kooperationspartnern gehören die Musikschule und Sportvereine wie der Golf Club Eifel e.V. und in der Schulsozialarbeit die Don-Bosco-Jugendbildungsstätte in Jünkerath. Unterstützend in der Berufsvorbereitung wirkt in der Region auch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vulkaneifel.

Beste Bildungswege für die Schülerinnen und Schüler

Die Ausgestaltung des Ganztags sieht Andrea Stabel als einen ständigen Prozess, "den wir uns immer wieder ansehen und bei dem wir gegebenenfalls mit vielen Kleinigkeiten nachsteuern". Die Mittagspause beispielsweise war anfangs zu knapp bemessen, und am Nachmittag gab es drei statt zwei Schulstunden. "Wir haben gemerkt, dass das einfach zu viel für die Schülerinnen und Schüler war", berichtet die Konrektorin. Auch die Verteilung der Lernzeiten wurde nach und nach neu justiert. "Wir sind keine Vorzeige-Ganztagsschule, wir arbeiten pragmatisch an den besten Wegen für unsere Schülerinnen und Schüler", meint die Konrektorin. Das klingt ein wenig tiefgestapelt, denn was ist eine "Vorzeige-Ganztagsschule"? Die Augustiner-Realschule plus, die auch über ein umfassendes "Qualitätsprogramm" verfügt, scheint sehr wohl eine Menge richtig zu machen.

So spielt die Berufsvorbereitung an der Schule eine große Rolle. An einem Tag pro Woche lernen die Schülerinnen und Schüler in einem Betrieb ihrer Wahl die Arbeitswelt kennen. Dafür gibt es dann Unterricht an drei Nachmittagen. Die Klassenstufen 8 im Berufsreifezweig beziehungsweise 9 im Realschulzweig führen ein zweiwöchiges Betriebspraktikum durch, bei denen ebenfalls Fachlehrerinnen und -lehrer die Betreuung übernehmen. Im Berufsreifezweig führen Berufsberater ab der 8. Jahrgangsstufe dreitägige Kurse zum Thema Bewerbung durch.

Augustiner-Realschule plus Hillesheim
Aufführung der Theater-AG© Augustiner-Realschule plus Hillesheim

"Die Schülerinnen und Schüler bekommen hier von Dritten zurückgespiegelt, wie sie überhaupt ankommen. Das ist eine wichtige Erfahrung", meint die Konrektorin. Die Schule hat das Fach Sozialkunde mit einer zusätzlichen Stunde verstärkt, in der unter anderem die Arbeitsagentur Sprechstunden anbietet oder die Schülerinnen und Schüler ins Berufsinformationszentrum fahren. Lehrerinnen und Lehrer betreuen die Betriebspraktika und helfen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz.

Die Augustiner-Realschule plus hat stets im Blick, wie es mit den Schülerinnen und Schülern nach der 10. Klasse weitergeht. Bei vielen Schülern mündet das Praktikum schon häufig in einen Ausbildungsplatz. Etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler im Realschulzweig gehen nach Schulabschluss in die gymnasiale Oberstufe über, die meisten von ihnen erwerben das Abitur oder das Fachabitur.

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