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Partizipation im Ganztag: mehr Wunsch als Wirklichkeit

Mehr Zeit in der Schule heißt noch nicht mehr Partizipation. Zwei Studien zur Partizipation von Kindern in Ganztagsgrundschulen zeigen, dass die Implementierung von Partizipation kein Selbstläufer ist.

Keine Frage: Die Versuchung, dieses Buch von hinten zu lesen und folglich mit dem Kapitel „Folgerungen für die Forschung und die Praxis“ zu beginnen, ist groß. Insbesondere, wenn die Studie, die Anna Lena Wagener im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Siegen durchgeführt hat, den Titel trägt „Partizipation von Kindern an (Ganztags-)Grundschulen“. Denn genau das wollen Leserinnen und Leser doch wissen, zumindest wenn sie Lehrerinnen und Lehrer, pädagogische Fachkräfte, Erzieherinnen und Erzieher oder Übungsleiterinnen und Übungsleiter in Ganztagsangeboten sind:

Wie können wir Partizipation ermöglichen? Was haben Kinder davon? Wie wirken sich partizipative Strukturen im Alltag der Schule aus? Oder auch: Partizipation von Kindern – muss das sein? Drei der insgesamt zehn untersuchten Schulen werden von Anna Lena Wagener ausführlich porträtiert. Die Porträts geben einen Einblick in ihre partizipative Schulkultur.

© BELTZJuventa

Was im Jahre 2015 so selbstverständlich klingt – Partizipation –, wurde laut den Erläuterungen der Autorin, basierend auf der Auswertung verschiedener Studien, bei der Entwicklung von Ganztagsschulen nicht zwangsläufig mitgedacht. Vielmehr scheint oft Partizipation „nachträglich als Anspruch an die Schule herangetragen worden zu sein“ (S. 10), beflügelt von der öffentlichen Aufmerksamkeit der Kinderrechte.

Und so nimmt die Autorin ihre Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, die den häufig unreflektierten Charme des Begriffes nüchtern untersucht und dabei eine Reihe von „Fallen“ aufzeigt. Etwa jene, wie nahe Partizipation von Kindern und deren Instrumentalisierung durch Erwachsene beieinanderliegen. Und genau deshalb, wegen des unaufgeregten und präzisen Blicks auf die Facetten von Partizipation und ihre Möglichkeiten in der Schule, lohnt es sich, das Buch von Anna Lena Wagener zu lesen.

Klassensprecher gibt es, Schülervollversammlungen kaum

Dabei konfrontiert die Autorin ihre eigenen Studienergebnisse immer wieder in beeindruckender Weise mit Ergebnissen der Ganztagsschulforschung. So entfaltet sich für Leserinnen und Leser ein breites Spektrum gut gesicherter Daten und Erkenntnisse, die den Aspekt Partizipation einbetten können in eine Gesamtdiskussion über gelingende Ganztagsschulen.

Dies geschieht etwa dann, wenn „empirisch belegt festgehalten werden (kann), dass bereits Klassenräte und Klassensprecher an vielen Grundschulen bestehen, Klassensprecherversammlungen vereinzelt und Schülervollversammlungen kaum existieren. … Als besonders partizipationsunfreundlich gelten die Bereiche der Leistungsbewertung und der Hausaufgaben (S. 281)“.

Als zentrale Ergebnisse können festgehalten werden:

Je besser die Beziehungen zwischen Pädagogen und Schülern, umso stärker sind die Lehrkräfte an den Ideen der Schüler interessiert. Allerdings arbeitet die Studie auch heraus, dass mit Partizipationsprozessen nicht selten Ängste von Lehrkräften verbunden sind, die sich auf einen befürchteten Autoritätsverlust beziehen.

Zwischen Kindern und Lehrkräften klaffen zum Teil deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung von Partizipation. Hier ebenso wie an anderen Stellen taucht die Frage auf, ob Angebote, die Lehrkräfte als Partizipation verstehen, von den Kindern überhaupt als solche erkannt und geschätzt werden (können).

Aus Sicht der befragten Lehrkräfte wirkt sich Schülerpartizipation besonders auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Kompetenzen der Kinder aus, ebenso wie auf das Schul- und Klassenleben insgesamt.

Mehr Zeit in der Schule heißt noch nicht mehr Partizipation

Die Chancen von Partizipation korrelieren in dieser Studie jedoch erstaunlicherweise nicht mit der Schulorganisation bzw. Schulstruktur als Ganztagsschule. Die Autorin schreibt: „Die Einschätzung der Halb- und Ganztagskinder … zur Wichtigkeit und der Umsetzung ihrer Partizipation im unterrichtlichen Bereich unterscheiden sich kaum voneinander (S. 238)“.

Sie folgert daraus, „dass die Strukturveränderung an sich offenbar als Maßnahme nicht ausreicht, mehr Partizipation zu ermöglichen, und in Ganztags-Settings nicht per se mehr Partizipationsmöglichkeiten bestehen. Das Argument ‚mehr Zeit’ scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen und kann als solches nicht als Vorteil hervorgehoben werden (S. 239)“.

Partizipation in Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten

© SpringerVS

Hier ergänzt ein weiteres Buch dieses Forschungsdesiderat sehr sinnvoll. Unter dem Titel „Partizipation in der offenen Ganztagsschule“ widmet sich das Autorenteam Ahmet Derecik, Nils Kaufmann und Nils Neuber vom Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in einer qualitativ angelegten Studie den spezifischen Rahmenbedingungen und konkreten Orten der Partizipationsförderung.

Gemäß ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten konzentrieren sie sich dabei auf Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote (BeSS-Angebote) an Ganztagsgrundschulen. Sie schreiben über ihre Ausgangssituation im Vorwort: „Der Wunsch, Partizipation zu ermöglichen, ist zwar oft vorhanden, doch mangelt es … vielfach an didaktisch-methodischem Handwerkszeug.“ Sie halten als Ergebnis von Literaturrecherchen fest, dass weit mehr als die Hälfte der Kinder an offenen Ganztagsgrundschulen angeben, nicht bei der Planung von Ganztagsangeboten eingebunden zu sein. Gleichzeitig wünschen sich die Kinder, öfter nach ihrer Meinung gefragt zu werden.

Fördernde Rahmenbedingungen für Partizipation

Die Teilstudie der Universität Münster wurde im Rahmen des Projektes „Evaluation des Bewegungs-, Spiel- und Sportangebotes an offenen Ganztagsschulen“ im Primarbereich durchgeführt. Untersucht wurden die Interaktionen zwischen pädagogischem Fachpersonal (Übungsleiterinnen und Übungsleiter) und Kindern, aber auch zwischen den Kindern. Dabei kristallisierten sich drei Rahmenbedingungen bzw. grundlegende Voraussetzungen heraus, die Partizipation fördern (vgl. S. 91ff und Abb. S. 217):

  1. Strukturelle Voraussetzungen der Schule: Hier unterscheiden die Autoren zwischen Verankerung von Partizipation im Schulprogramm und der verbindlichen Teilnahme am Ganztag. Konkrete Vorschläge sind die Etablierung eines Kinderparlamentes sowie ein reflektierter Wechsel zwischen freiwilligen und verbindlichen Angeboten.
  2. Personale Voraussetzungen von Kindern: Für eine förderliche und gleichberechtigte Partizipation wird Differenzierung nach Alter in den BeSS-Angeboten vorgeschlagen, ebenso bei einigen Angeboten eine Differenzierung nach Geschlechtern.
  3. Personale Voraussetzungen der Übungsleiterinnen und Übungsleiter: Hier geht es um die Ziele der Fachkräfte, ihre Haltung, pädagogischen Kompetenzen und methodischen Strategien. Die Autoren verdeutlichen an vielen Beispielen, dass die Fachkräfte Partizipation häufig als Konkurrenz zur motorischen Förderung oder gar Talentförderung erleben bzw. sie beide Ziele in der zur Verfügung stehenden Zeit als unvereinbar sehen.

Orte der Partizipationsförderung

Verständlich und anschaulich identifizieren die Autoren um Professor Dr. Nils Neuber sechs konkrete Orte der Partizipationsförderung und beschreiben deren Chancen und Herausforderungen bzw. deren Grade der Fremd-, Mit- und Selbstbestimmung (S. 133 ff.). Zu diesen Orten gehören u. a. Gesprächskreise, der Auf- und Abbau, die Stationen und Pausen.

Schulversammlung
© Britta Hüning

In ihrer Studie haben die Autoren in Videosequenzen festgehalten, wie Übungsleiterinnen und Übungsleiter diese Orte und Situationen nutzen und wie Kinder in diesen Settings reagieren. Die unterschiedlichen Ziele der Fachkräfte und deren Handlungs- und Methodenrepertoire wird in den verschriftlichten Aussagen deutlich. Eine jüngere Übungsleiterin sagt zum Beispiel (Ort: Auf- und Abbau): „Wenn die Bewegungslandschaft aufgebaut ist, gefällt ihnen das halt am besten, weil sie nichts tun müssen und dann daran spielen können. So ist es halt. (S. 150)“.

Ein anderes Beispiel (Ort: Pausen): Der Übungsleiter über ein Kind, das keine Lust hat, mitzumachen: „Komm, heute bist du meine Assistentin. Dann ist sie wieder glücklich, dann ist sie richtig froh. Da kann sie auf einem Gymnastikball sitzen. Da habe ich ihr Herz gewonnen für diesen Moment. Dann gibt sie die Kommandos …“ (S. 202).

Fazit oder: In sechs Schritten zur Partizipation

Die Autoren halten fest: Das pädagogische Personal muss erkennen, dass Beteiligungsmöglichkeiten mit Leben gefüllt werden müssen, wenn sie tatsächlich im Schulalltag ankommen sollen. Mehr Zeit bedeute nicht automatisch mehr Partizipation. Auf der letzten Seite finden die Leserinnen und Leser des empfehlenswerten Bandes deshalb eine Art didaktischen Imperativ für BeSS-Angebote in sechs Schritten: Lehrkräfte sensibilisieren, Gelegenheiten nutzen, Ziele reflektieren, Inhalte auswählen, Methoden differenzieren und Strukturen schaffen. „Extrempositionen erweisen sich dabei insgesamt als wenig hilfreich. Vielmehr zeigt sich, dass eine flexible Balance zwischen Fremd- und Selbstbestimmung günstig ist“ (S. 220).

Wagener, Anna Lena (2013). Partizipation von Kindern an (Ganztags-)Grundschulen. Ziele, Möglichkeiten und Bedingungen aus Sicht verschiedener Akteure. Reihe Studien zur ganztägigen Bildung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Derecik, Ahmet, Nils Kaufmann & Nils Neuber (2013). Partizipation in der offenen Ganztagsschule. Pädagogische Grundlagen und empirische Befunde zu Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten. Reihe Bildung und Sport. Wiesbaden: Springer VS (auch als eBook)

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