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Ein Qualitätskompendium für Ganztagsschulen

Nicht jede Ganztagsschule muss das Rad neu erfinden. Dieser Erkenntnis Rechnung tragend, nutzten engagierte Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte die Arbeitstagung "Gemeinsam gute Schule machen!" am 18. November in Bad Kreuznach zur Entwicklung von Handreichungen.

© Gregor Groß

Elke Gödickemeier vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur in Rheinland-Pfalz fasste die Absicht der Tagung gegenüber www.ganztagsschulen.org so  zusammen: „Wir wollen Mut machen, über den eigenen Schulhof hinaus zu denken. Wir wollen Ideen und Ansprechpartner bündeln und so den Schulen bei den vielen Themen, die sie bewegen, Unterstützung anbieten. Wir möchten den Anstoß geben, zu schauen, was andere gemacht haben und wie sie welche Stolpersteine aus dem Weg räumen konnten.“

Drei Themen hatten sich die Veranstalter, zu denen neben dem Ministerium die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Rheinland-Pfalz und das Pädagogische Landesinstitut Rheinland-Pfalz zählten, ausgewählt: „Lebensraum Ganztagsschule“, „Alltagskompetenz in der Ganztagsschule erwerben“ und „Kommunikation mit Eltern in der Ganztagsschule“.

Die Bedeutung informellen Lernens

Auf besonders großes Interesse stießen die Anregungen von Prof. Dr. Ahmet Derecik (Universität Osnabrück) zur sinnvollen und schülerorientierten Gestaltung von Räumen, zur Schaffung und Nutzung zeitlicher Freiräume sowie zur Gestaltung des rhythmisierten Ganztages. Er verdeutlichte den hohen Stellenwert der attraktiven und geradezu animierenden Schulraumgestaltung. „Wir müssen uns bewusst sein, dass 70 Prozent dessen, was wir lernen, informell geschieht.“ „Informelles Lernen“ definierte er als das Lernen ohne Einfluss durch eine Institution, sprich die Schule. Derecik: „Wenn man das informelle Lernen fördert, kann man der Erfüllung des Erziehungs- und Bildungsauftrags näher kommen.“

Prof. Dr. Ahmet Derecik und weitere Teilnehmer
© Gregor Groß

Besonders wichtig sei das informelle Lernen im Kontext von Pausen- und Freizeiträumen. Es fördere die emotionale und soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler und stärke die Fähigkeit der Lebensbewältigung. Das alles gelinge nicht, wenn die Nutzung von Schulräumen und -gelände sich nicht an den Interessen der jungen Menschen orientiere. Er nannte Beispiele: Da existiere mancherorts eine wunderbare Beachvolleyball-Anlage. Doch sie dürfe nur im Unterricht oder von der Arbeitsgemeinschaft genutzt werden. „Warum ist sie nicht durchgängig geöffnet und die Schüler können dort in der Pause spielen?“, fragte er.

Die Entscheidung darüber bedeute viel für die Schulkultur. Oder: Eine Schule verfügt über eine Kletterwand mit Fallschutz. Doch die Schüler dürfen sie nicht nutzen. Begründung: Es fehle die Aufsicht. Derecik erscheint die Begründung „mangelnde Aufsicht“ als „Ausrede“. Es reiche völlig aus, wenn die Pausenaufsicht immer wieder einmal „vorbeischaut“. Er stelle immer die Gegenfrage: „Wie viele Lehrer sitzen in Deutschland im Gefängnis, weil sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben?“ Im Gegenteil: Das Verbot, die Kletterwand zu nutzen, sei eine Missachtung der Bedeutung des informellen Lernens in der Peer-Group.

Ganztagsschule als lokale Bildungslandschaft im Kleinen

Er appellierte an seine Arbeitsgruppe, die Ganztagsschule als lokale Bildungslandschaft im Kleinen zu betrachten. In ihr müsse man die Perspektive der Jugendlichen einnehmen, Räume und Unterricht entsprechend gestalten. Der Unterricht solle im Idealfall auch offene Phasen beinhalten. „Mit Auswendiglernen kommen wir nicht weiter“, argumentierte er und fügte hinzu: „Eine Entwicklung in diese Richtung beginnt im Kopf und hängt nicht in erster Linie von den Strukturen ab.“

© Gregor Groß

Seine Ausführungen machten offenbar die Gruppe nachdenklich. „Uns ist jetzt klar, dass wir auch in unserer Schule Rückzugs- und Freizeitmöglichkeiten für die Schüler haben. Wir nutzen sie bislang nur noch nicht.“ Man werde nun in der Schule besprechen, in wieweit man Klassenräume oder auch die Turnhalle jenseits des Unterrichts öffnen könne. Und man werde gemeinsam mit den Schülern überlegen, wie man ohne große Finanzmöglichkeiten den Schulhof neu gestalten könne. Dazu wolle man auch den Rat anderer Schulen einholen.

Erwerb von Alltagskompetenzen als Auftrag der Ganztagsschule

Mit konkreten Ideen und Plänen beendete auch die Arbeitsgruppe „Alltagskompetenzen in der Ganztagsschule“ ihren Workshop. In ihm stellte Dr. Michaela Schlich (Universität Koblenz-Landau) heraus, welche wichtige Rolle der Ganztagsschule bei dieser Erziehungsaufgabe zukommt. „Vieles, das Heranwachsende früher im häuslichen Umfeld kennenlernten, findet dort heute nicht mehr statt.

Die Aufgabe, Alltagskompetenzen zu vermitteln, verlagert sich zunehmend in die Ganztagsschule“, führte sie aus. Dabei könne es nicht darum gehen, diese Aufgabe in den Nachmittag zu verschieben. „Wir müssen uns überlegen, wie das Erfahren und Erlernen von Alltagskompetenzen in den gesamten Schulalltag und in möglichst viele Fächer integriert werden können“, wünschte sie sich.

Richtlinie Verbraucherbildung bietet Orientierung

Blick aufs Publikum
© Gregor Groß

Schlich ermutigte die Arbeitsgruppe: „Schüler und Schülerinnen sind in der Lage, sich mit den Routinen des Alltagshandelns auseinanderzusetzen. Alltagskompetenz werde sehr gut über die Ernährungs- und Verbraucherausbildung vermittelt. Die Richtlinie Verbraucherbildung in Rheinland-Pfalz greife zum Beispiel entsprechende Inhalte auf. Das gehe über die reine Informationsvermittlung hinaus. „Allerdings scheint es mir erforderlich, diese Richtlinie noch einmal stärker ins Bewusstsein zu rücken“, betonte sie. Schließlich seien Ernährungs-, Konsum- und Finanzkompetenzen kulturelle Kernkompetenzen, die zu einer reflektierten, selbstbestimmten und verantwortungsvollen Alltagsgestaltung und damit auch zur Gesunderhaltung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben notwendig seien.

Spezielle Themen für die Ganztagsschulen könnten zum Beispiel die Pflege von Textilien, das Ausführen kleinerer Reparaturen, die Planung von günstigen Einkäufen, das Üben von Überweisungen, der Umgang mit Taschengeld oder das Aufstellen eines Haushaltsplanes für den ersten eigenen Haushalt, die richtige Lagerung von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen im Haushalt (Wasser, Strom) sein. Ihre Arbeitsgruppe legte für sich die Entwicklung von Transfergedanken unter anderem zum schonenden Umgang mit Ressourcen und zur Entwicklung einer Tisch- und Esskultur – etabliert im Leitbild der Schule – fest.

Ein Jahresplan für strukturierte Elternkommunikation

Den Input für die dritte Arbeitsgruppe „Kommunikation mit Eltern in der Ganztagsschule“  gab der ehemalige Schulleiter der Berufsschule Hauswirtschaft/Sozialpädagogik in Ludwigshafen, Dr. Fred Bernitzke. Er erinnerte daran, dass der Erziehungsanteil, der in der Ganztagsschule geleistet werde, angesichts sich wandelnder Familien stetig zunehme. In seiner Darstellung verwies er auf die anerkannten Thesen des emeritierten Inhabers des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Werner Sacher.

© Gregor Groß

Elemente guter Elternarbeit seien demnach unter anderem eine offene Atmosphäre sowie klare und regelmäßige Kommunikationsstrukturen. Dazu zähle auch die Erarbeitung eines Jahresplans. Der könne beispielsweise im November beginnen und vorsehen, an den Tagen der Offenen Tür die Besonderheiten des Ganztags darzustellen. Offene thematische Abende, Elternabende mit Vertretern der nächst folgenden Schule sowie die Einbindung der Eltern in die inhaltliche Gestaltung der Schule seien weitere sinnvolle Elemente. Ferner sollten die Schulen den Mut aufbringen, Eltern die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen.

Ideen- und Impulsgeber

In die Elternarbeit sollten die Kinder und Jugendlichen unbedingt einbezogen werden. „Sie sind ein Subjekt und kein Objekt“, betonte Bernitzke. Für die Schülerinnen und Schüler stelle die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus durchaus ein  Spannungsfeld dar. Einerseits fungierten Mutter und Vater als ihre Interessenvertreter, gleichzeitig fürchteten sie, durch den Austausch bloßgestellt zu werden und dass der Druck auf sie erhöht werden könne.

Das Fazit der Arbeitsgruppe fiel zukunftsorientiert aus. „Wir werden die Strukturen an unseren Schulen analysieren und überlegen, wie wir sie im heute erfahrenen Sinne für noch bessere Elternarbeit nutzen können“, betonten die Sprecher der Gruppe. Man wolle Ideengeber sein und Orientierung sowie Impulse für andere, durchaus nicht nur Ganztagsschulen, bieten.

In den kommenden Wochen werden die Ergebnisse dieser ersten Fachtagung weiterentwickelt und als Qualitätskompendium auf dem Bildungsserver „Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz“ eingestellt werden. Weitere Fachtagungen zu anderen Themen rund um die Qualität der Ganztagsschule werden folgen.

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