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4. Bremer Ganztag "Gelebte Lernvielfalt"

„Gelebte Lernvielfalt“ lautete das Motto des 4. Bremer Ganztagsschulkongresses am 15. Oktober. Die rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich hernach überwiegend einig: Dieser Tag wurde dem Titel gerecht. Die Vielfalt des Gebotenen war groß.

Die Vorsitzende des ZentralElternBeirates der Hansestadt, Andrea Spude, brachte es auf den Punkt: „Kongresse wie der heutige rütteln mich immer wieder wach und schärfen das Bewusstsein.“ Zugleich äußerte sie zwei Wünsche: Zum einen solle man in Bremen den Blick künftig noch stärker auf die Qualität des Ganztagsangebots und weniger auf den weiteren Ausbau richten. Auf den Kongress bezogen meinte sie: „Ich würde es begrüßen, wenn noch mehr Eltern an so toll organisierten und informativen Veranstaltungen teilnehmen würden.“

Als informativ, unterhaltsam, mitunter sogar lustig erwiesen sich die Vorträge der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Annedore Prengel („Inklusive Beziehungen ganztägig kultivieren“), des Pädagogen und Lehrerfortbildners Wolfgang Endres („Vielfältige Lernchancen in der Ganztagsschule“) und der Coaching-Expertin Bernhild Schrand („Multiprofessionelle Teamarbeit gestalten“).

Pädagogische Beziehungen kultivieren

Prof. Annedore Prengel, Expertin für das Thema Inklusion, erinnerte in ihrem Vortrag daran, dass das Lernen von Kindern und Jugendlichen in Kindertagesstätten und Schulen immer in Beziehungen geschehe. Wenn Entwicklungs- und Bildungsprozesse gelingen sollen, bilde die Qualität der pädagogischen Beziehung daher eine wesentliche Voraussetzung. In Bildungseinrichtungen gehe es darum, gute Beziehungen – zwischen den Erwachsenen der verschiedenen pädagogischen Berufe auf der einen und den Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite – „zu kultivieren“. Didaktische und sozialpädagogische Fachkompetenzen müssten mit der Fähigkeit, professionelle Beziehungen zu gestalten, einhergehen.

© Ute Garbrecht

Für die Pädagogik der Ganztagsschule seien diese Einsichten von besonderer Bedeutung: Gute pädagogische Beziehungen bilden ein Fundament der Ganztagsschule. Problematische pädagogische Beziehungen gefährden deren Gelingen. Weil Schülerinnen und Schüler viele Stunden in der ganztägigen Schule verbringen, sei das Beziehungshandeln der Pädagoginnen und Pädagogen besonders einflussreich und folgenreich – im Guten ebenso wie im Schlechten.

Beeindruckt zeigte sich anschließend Rosemarie Lange, die didaktische Leiterin der Oberschule Lehmhorster Straße. „Mir ist noch einmal bewusst geworden, wie wichtig ein gutes Miteinander in der Schule ist. Einsamkeit kann zu Burn-out und Depression führen.“ Und sie nahm aus dem Vortrag die Erkenntnis mit, wie schnell Kinder verbal verletzt werden können. „Schon der Satz: Setz dich hin und lerne, drängt ein Kind leicht in die Isolation.“.

Wissenschaftlich, anschaulich und humorvoll

Wer Wolfgang Endres einmal gehört hat, freut sich stets auf das kommende Mal. Endres gelingt es, wissenschaftliche Erkenntnisse alltagstauglich zu präsentieren. In Bremen öffnete er seinem Publikum die Augen dafür, dass Kinder nicht alle am gleichen Tag das Gleiche können. Als Beispiel nannte er das Geh-Alter der Kleinkinder. Manche laufen mit zehn, andere mit 20 Monaten, der Durchschnitt liegt bei 13 Monaten. „Was sagt uns das für die Schule“, fragte eine junge Lehrerin. „Eigentlich passt unser System der Tests und Klassenarbeiten so nicht.“

Rosemarie Lange sah sich von Endres „bestärkt, wie richtig und wichtig jahrgangsübergreifende Arbeit in der Schule ist“. Endres habe plastisch vorgeführt, „wie beschränkt und in welchen Schubladen wir denken“. Zunächst hatte er das Publikum gebeten, auf Karten präsentierte Zahlen nach einem bestimmten Prinzip zu ordnen. Anschließend hielt er kommentarlos eine Karte mit dem Alphabet in die Höhe. Prompt begannen die Anwesenden die Buchstaben nach dem zuvor bei den Zahlen erfahrenen System zu ordnen. Endres’ Kommentar: „Wer hat gesagt, dass Sie die Buchstaben sortieren sollen?“ Die humorvolle Vortragsweise faszinierte Rosemarie Lange ebenso wie die Bestätigung, dass individuelles und kooperatives Lernen den Lernerfolg beeinflussen.

Die Qual der (Workshop)Wahl

Vielfältig war das Angebot an Workshops. Die Schulleiterin des Gymnasiums Links der Weser, Sabine Elfers, sah darin „ein breites Spektrum an Themen, die sicherlich alle in einer Ganztagsschule bedacht werden müssen“. Diese Themen reichten von „Lern- und Übungszeiten“,„Multiprofessionelle Teamarbeit“ und „Lernen mit außerschulischen Partnern“ wie den Bremer Philharmonikern über „Forschendes Lernen“, „Kinder in heterogenen Gruppen“ und „Partizipation“ bis zur „Bewegten (Ganztags)Schule“ und „Yoga und Entspannung“. Die Auswahl fiel nicht leicht.

© Ute Garbrecht

Sabine Elfers entschied sich für „Selbstorganisiertes Lernen: Lernen wie es mir gefällt“. Dort präsentierte eine Gastschule, die Bernstein-Schule aus Ribnitz-Damgarten (Mecklenburg-Vorpommern), ihr Konzept des selbstorganisierten Lernens. Schüler werden zu Zukunftsforschern, Stadtforschern oder Naturforschern. Ein wöchentlicher „Forschungstag“ ersetzt im Stundenplan den wahlobligatorischen Unterricht, der thematisch gebündelt in Trimestern organisiert ist. Im Rahmen individueller Lernzeiten in Lernateliers wird an der „offenen Frage“ gearbeitet. Das fördert die Selbstständigkeit und Individualität.

Kommentar von Sabine Elfers: „Durch die individuellen Lernzeiten wird die Motivation gestärkt, und der Erfolg der Arbeit wird gezielt organisiert und gefördert. Dazu bedarf es eines veränderten Verständnisses von der Lehrerrolle, in das ein Kollegium hineinwachsen muss. Auch wenn das vorgestellte Konzept nicht eins zu eins übertragbar ist, möchten wir diesen Prozess bei uns in Gang setzen.“

Freiraum zum Forschen

Dafür, dass Schulen den Kindern einen möglichst großen Freiraum zum Forschen anbieten sollen, konnte Winfried Hebold-Heitz, der Koordinator für Schulprojekte beim Alfred Wegener Institut Bremerhaven, die Sinne seiner Workshop-Teilnehmer schärfen. So wie es Schulen tun, die mit dem Institut kooperieren und ihre Kinder tageweise dorthin zum „Unterricht“  schicken. „Von uns bekommen die Kinder eine Frage geschenkt. Etwa: Wie lange dauert es, bis Eis schmilzt?“, berichtet Hebold-Heitz. Danach beginne sofort das Forschen, denn die Kinder stellten Überlegungen an wie: „Das kommt drauf an, wie warm es ist, wie groß das Eis ist.“ Oder sie grübeln: Wie sollen wir das wohl rausbekommen? Im Schulalltag sehe so etwas meist anders aus. „Da erleben wir oft Forschen nach Rezept. Die Kinder kriegen eine Frage und dann einen Leitfaden.“ So würden verschiedene Lösungen und Ansätze von vornherein ausgeschlossen. Kinder und Jugendliche aber seien geprägt von naiver Neugier, sie trauten sich, Fragen zu stellen.

„Und was ist denn so schlimm daran, wenn Lösung A und B sich als falsch herausstellen. Dann hat das Experimentieren doch auch zum richtigen Ergebnis – Lösung C – geführt“, fragt der Pädagoge. Er appellierte an die Lehrkräfte, sich vom Druck zu befreien, jede Schülerfrage beantworten zu wollen. „Wie spannend ist es doch, wenn es alle nicht wissen und zusammen herausfinden“, meinte er.

Großer Beratungsbedarf

Gut besucht waren die Institutionen und Vereine, die beim „Marktplatz der Kompetenzen“ ihre Projekte und Ideen präsentierten. Zu ihnen zählte auch der Ganztagsschulverband. Dessen stellvertretende Bundesvorsitzende Christel Hempe-Wankerl, die viele Jahre die Ganztagsschulentwicklung in der Bremer Senatsbehörde begleitet hat, kennt den großen Beratungsbedarf der Schulen, die sich im Aufbau zum Ganztag befinden. „Wir alle können nur hoffen, dass die Begleitung der Ganztagsschulen im Schulentwicklungsprozess auch in Zukunft gewährleistet ist“, meinte sie. Mit Blick auf die Situation in Bremen sprach sie von einer positiven Ganztagsentwicklung. Sie hoffe, dass die schlechte Finanzlage des Landes daran nichts ändern werde.

In der nächsten Woche auf www.ganztagsschulen.org: die Bremer Bildungssenatorin Prof. Dr. Eva Quante-Brandt im Interview

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