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Ganztag und Sportverein: Kooperation braucht Unterstützung

Vereine und Ganztagsschulen benötigen Unterstützung bei der Zusammenarbeit. Matthias Nagel koordiniert die Kooperationen für den Sportkreis Ludwigsburg (Baden-Württemberg).

Online-Redaktion: Herr Nagel, das Pilotprojekt „Dezentrale Koordinierungsstellen für Sportvereine in Ganztagsschulen“ des Württembergische Landessportbundes ist abgeschlossen. Was bedeutet das für die Zukunft?

Matthias Nagel: Nach dem ersten Projektjahr im vergangenen Schuljahr und der damit verbundenen Evaluation wollen wir in diesem Jahr noch gezielter unsere Vereine bei den Kooperationsabsichten mit den Schulen beraten. Wir möchten dazu beitragen, dass diese Kooperationen nachhaltig sind.

Online-Redaktion: Welche Aufgaben übernehmen Sie konkret im Sportkreis Ludwigsburg?

Nagel: Wir beraten die Vereine in allen Fragen rund um das Thema Sport im Ganztag, geben Tipps und Hilfestellung zu einer erfolgreichen Kooperation. Überwiegend erhalten wir rechtliche, steuerliche und organisatorische Anfragen.

© Matthias Nagel

Im aktuell dem Wandel stark unterzogenen Ganztag sehen wir uns als Lobbyist unserer Vereine. Es gibt einen gesteigerten Bedarf der Unterstützung in diesem für die Sportvereine noch recht neuen Themenfeld. Wir gehen aber davon aus, dass es hier lediglich einer Anlaufunterstützung bedarf und zukünftig beispielsweise die Kooperationen direkt zwischen Schule und Verein vereinbart werden können.

Online-Redaktion: Vereine und Schulen sind sensible Gebilde. Wie führen Sie beide zusammen?

Nagel: Oftmals sind es noch systemische Unterschiede zwischen Schule und Vereinen. Hier gilt es zu vermitteln und spezifisch die Voraussetzungen und beiderseitigen Erwartungen an eine Kooperation aufzuzeigen, um so spätere Missverständnisse möglichst im Vorfeld schon zu vermeiden.

Das große Thema ist nach wie vor die Finanzierung des Ganztags. Die Vereine wollen sich einbringen, sind aber nicht in der Lage, sich zu den von den Schulen gewünschten Zeiten mit Ehrenamtlichen zu unterstützen. Einer gewünschten Professionalisierung, verbunden mit einer hohen Qualifizierung, lässt sich von den Sportvereinen nachkommen, aber eben nur zu den notwendigen Rahmenbedingungen und mit einer adäquaten finanziellen Ausstattung.

Online-Redaktion: Was sind Ihrer Erfahrung nach die entscheidenden Voraussetzungen für gelingende Kooperationen zwischen Vereinen und Schulen?

Nagel: Der Organisationsaufwand ist auf beiden Seiten meist bei Kooperationsbeginn unverhältnismäßig hoch. Dabei ist es hilfreich, möglichst frühzeitig die grundlegenden Bedingungen zu klären. Denn mit Ende der Ferien erhöht sich der allgemeine Arbeitsaufwand im Schul- und Vereinsbetrieb deutlich, und so lassen sich kurzfristige Planungsschritte und Entscheidungen minimieren.

Online-Redaktion: Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Sportvereine von der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen profitieren, sogar Mitgliederzuwächse verzeichnen. Doch es gibt, wie Ihre Online-Befragung von Schulen und Vereinen zeigt, auch große Vorbehalte. Warum?

Schüler beim Fußball
© Britta Hüning

Nagel: Eine signifikante Zunahme bei den Mitgliederzahlen im Kinder- und Jugendbereich können wir bei den Vereinen, die sich im Ganztag engagieren, noch nicht ausmachen. Aber wir stellen auch keinen Verlust in diesen Altersklassen fest, wie er bei den in diesem Thema eher passiven Sportvereinen zu erkennen ist. Spannend wird die Frage sein, wie es den Vereinen gelingt, auf der eine Seite die Schule als Marketingplattform für die Vereinsangebote zu nutzen und gleichzeitig Kinder und Jugendliche zu motivieren, nach einem längeren Schultag trotzdem noch den Weg in den Verein zu finden. Dies wird von vielen noch sehr kritisch gesehen.

Online-Redaktion: Die erwähnte Befragung ergab, dass rund 35 Prozent der Vereine der Zusammenarbeit positiv gegenüberstehen. Entspricht diese Zahl auch den tatsächlich eingegangenen Kooperationen?

Nagel: Wir sind bei der Zahl der Kooperationen im landesweiten Vergleich schon sehr ordentlich aufgestellt. Die Möglichkeiten der Kooperation mit den Schulen sind aber nicht für alle Vereine gleich, weshalb wir Kooperationen sowohl aus dem WLSB-Programm „Schule & Verein“  als auch aus dem „Jugendbegleiter“-Programm der Jugendstiftung Baden-Württemberg, aber inzwischen auch ganz neu aus der Rahmenvereinbarung zwischen Landessportverband und Kultusministerium Baden-Württemberg, abgeleitet aus dem neuen Schulgesetz, haben. Diese unterscheiden sich aber stark in der Ausrichtung, im Umfang des Engagements und bei den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Aber ganz gleich, unter welchen Voraussetzungen: Es wird nicht allen Sportvereinen möglich sein, sich hier zu engagieren.

Online-Redaktion: Was hindert Vereine, mit Ganztagsschulen zu arbeiten?

© Britta Hüning

Nagel: Letztendlich ist es wie überall eine Ressourcenfrage. Für eine Kooperation werden zusätzliche Übungsleiter- und Hallenstunden benötigt. Die Vereine sind personell meist gut ausgestattet, aber eben noch nicht zu den gewünschten Zeiten am frühen Nachmittag. Die Sporthallen waren in der Vergangenheit schon nahezu voll belegt, und da noch weitere Belegungszeiten zu finden, ist nicht immer möglich.

Online-Redaktion: Größtes Problem für die Schulen ist laut Befragung, geeignete Partner auf Vereinsseite zu finden. Wie können Sie als Koordinator helfen?

Nagel: Wir versuchen gemeinsam mit dem WLSB unsere Übungsleiterinnen und Übungsleiter zu qualifizieren und sie vor allem pädagogisch vorzubereiten, zum Beispiel auf die heterogenen Gruppen in den Angeboten. Unterstützend sind wir aber auch, wo es gewünscht ist, bei der Anbahnung von Kooperationen tätig und versuchen hier nachhaltig zu wirken.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung kann die flächendeckend gute Zusammenarbeit für den Breitensport, aber auch für den Leistungssport haben?

Nagel: Noch mehr als in der Vergangenheit werden sich unsere Vereine um den Nachwuchs für den Sport im Allgemeinen und für den Leistungssport im Speziellen bemühen müssen. Der Weg in den Sportverein ist nicht mehr selbstverständlich. Die Bandbreite der Freizeitangebote ist wesentlich größer geworden. Und die Kinder und Jugendlichen entscheiden freier, womit sie ihre Freizeit verbringen.

Online-Redaktion: Werfen wir zum Schluss einen Blick in die Zukunft: Wie sieht das Miteinander von Vereinen und Schulen in zehn Jahren aus?

Nagel: Eine Prognose fällt schwer, da sich der gesellschaftliche Wandel allenthalben kaum vorhersagen lässt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir zukünftig in anderen Konstellationen und Netzwerken Sport treiben werden. Ein Hin zu mehr Bewegung ist zu begrüßen. und die Vereine und die Schulen sollen der Motor dieser Bewegung sein. Im Verbund lässt sich möglicherweise dem Trend der letzten Jahre entgegenwirken, und das bringt unsere Jugend wieder näher an den Sport. Hier sollten Vereine und Schulen eng zusammenarbeiten, um gemeinsam zu gestalten und sich nicht gegenseitig ideologisch zu behindern.

Matthias Nagel ist ausgebildeter Diplom-Betriebswirt und Jugendreferent im Stadtverband für Sport Ludwigsburg. Er war selbst aktiver Wasserballer und Abteilungsleiter beim SV Ludwigsburg 08.

Der Württembergische Landessportbund begleitet mit elf Koordinatoren in 15 Sportkreisen (Biberach, Böblingen, Freudenstadt, Heilbronn, Hohenlohe, Ludwigsburg, Mergentheim, Ostalb, Rems-Murr, Rottweil, Schwäbisch Hall, Sigmaringen, Stuttgart, Tübingen und Zollernalb) Sportvereine auf dem Weg an die Ganztagsschule. Mit der Initiative „Koordinierungsstellen Sportvereine Ganztagsschule“ sollen Netzwerke geknüpft werden, so dass noch mehr Kooperationen zwischen allen Beteiligten entstehen.

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