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Aufschlag in der Ganztagsgrundschule

Als erster Landesverband hat der Hessische Tennis-Verband e.V. (HTV) das Referat "Sport im Ganztag" eingerichtet. Christoph Müller ist der hauptamtliche Mitarbeiter. Im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org berichtet er über erste Erfahrungen mit Ganztagsschulen.

Online-Redaktion: Im deutschen Tennis darf sich der HTV als Vorreiter fühlen. Wie kam es zu der Erkenntnis, dass Sie sich in den Ganztagsschulen engagieren sollten?

Christoph Müller: Schultennis ist für uns schon lange ein Thema. Die Idee ist auf Initiative unseres Referenten der Ausbildung, Bruno Kuzinski, entstanden. Er hat schon vor einigen Jahren den Auftrag von unserem Präsidenten übertragen bekommen, den Bereich Schultennis weiterzuentwickeln. Darüber hinaus hat er die Notwendigkeit gesehen, sich intensiv mit der Ganztagsschule zu beschäftigen. Die strukturellen und gesellschaftlichen Veränderungen betreffen auch die Sportvereine und damit unsere Tennisvereine.

Tennisunterricht
© Christoph Müller

Im Lehrteam des HTV haben wir dann auf Anregung von Bruno Kuzinski überlegt, wie wir unsere Vereine beim Umgang mit den neuen Herausforderungen der Ganztagsschule unterstützen können. Dabei stehen wir in gutem Kontakt zum Landessportbund Hessen und pflegen einen regen Austausch. Das Ergebnis lautete: Dieses wachsende Aufgabenfeld kann nicht länger ehrenamtlich bewältigt werden, der HTV benötigt einen hauptamtlichen Koordinator für dieses Thema. Als unser Präsident das hörte, fragte er nur: „Und wer soll das machen?“ Die Wahl fiel auf mich.

Online-Redaktion: Ist die Erkenntnis, sich in Ganztagsschulen engagieren zu wollen oder zu müssen, von der Sorge eines Mitglieder- und Nachwuchsschwunds der Vereine getragen?

Müller: Diese Annahme wird gerne verbreitet, weil gerade unsere Trainer bei der Trainingseinteilung seit einigen Jahren feststellen, dass die frühen Nachmittagsstunden nicht mehr so einfach mit Schülerinnen und Schülern zu belegen sind. Außerdem verzeichnen viele kleinere und mittelgroße Mitgliedsvereine einen Mitgliederrückgang. Allerdings zeigen jüngste Untersuchungen, zum Beispiel von einem Team um Prof. Dr. Robert Prohl von der Goethe-Universität Frankfurt*, dass der Besuch einer Ganztagsschule oder eines G-8-Gymnasiums keine negativen Auswirkungen auf die Mitgliedschaft im Sportverein hat.

Aber hier gibt es vielfältige Betrachtungsweisen, und außerdem spielt der demografische Wandel eine große Rolle. Unsere Erfahrung ist, dass die Vereine, die sich im Ganztag engagieren, sogar steigende Mitgliederzahlen vorweisen, während die anderen stagnieren oder gar zurückgehen. Und in der Praxis haben wir das Problem, dass die Schülerinnen und Schüler, die früher direkt nach der Schule kamen, um 13 oder 14 Uhr, nun später trainieren müssen. Das führt oft zu Engpässen auf unseren Plätzen.

Online-Redaktion: Teilen die Vereine Ihre Überzeugung, dass sie auf die Ganztagsschulen zugehen sollten?

Müller: Die Reaktionen fallen höchst unterschiedlich aus. Von einem durchschlagenden Erfolg zu sprechen, den wir in den vergangenen anderthalb Jahren seit Bestehen des Referats hätten, wäre vermessen. Viele Vereine haben die Notwendigkeit erkannt und überlegen im Austausch mit uns, welche Möglichkeiten sie haben. Manche sind dabei sehr kreativ. Andere wiederum sehen das Potenzial nicht, fühlen sich mitunter sogar zu gut ausgebildet, um in einer Schule mit Kindern zu arbeiten. Da versuchen wir Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn ich bin sicher: In der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen liegt eine Chance, die für die Zukunft unserer Vereine von immenser Bedeutung ist. Diese Information an die Basis zu bringen, ist unsere große Herausforderung.

Online-Redaktion: Wie fällt bislang das Echo der Ganztagsschulen aus?

Müller: Bislang kamen einzelne Lehrerinnen und Lehrer zu unseren Trainerfortbildungen, jetzt gehen wir aktiv auf sie zu. Etwa indem wir in den Schulsportleiter-Dienstveranstaltungen über unsere Angebote informieren. Wir können derzeit noch nicht sagen, zu wie vielen Kooperationen zwischen Vereinen und Ganztagsschulen es dank unseres Engagements gekommen ist. Aber wir haben so etwas wie einen Indikator: Vor vier Jahren wurde auf Initiative von Bruno Kuzinski in Absprache mit dem Kultusministerium der schulübergreifende Wettbewerb um den Top-Spin-Grundschul-Cup ins Leben gerufen. Die Teilnahme daran gilt als schulische Veranstaltung. Im ersten Jahr meldeten sich 32 Grundschul-Mannschaften an, im zweiten 64. 2013 waren es 130. In diesem Jahr waren 400 Mannschaften der rund 1170 Grundschulen in Hessen zu dem Wettkampf gemeldet.

Online-Redaktion: Das alles kostet Geld. Ist der HTV ein reicher Verband?

Müller: Unser Verband hat sich das Engagement in den Schulen schon immer etwas kosten lassen. Vieles aber wurde erst dank großzügiger Förderer möglich. Allein für den erwähnten Wettbewerb entstehen für Medaillen, Urkunden und T-Shirts, die jeder Spieler und jede Spielerin erhält, für die Siegerpokale und für die Fahrtkostenunterstützung erhebliche Ausgaben. Auch die von uns entwickelte zertifizierte Ausbildung „Assistent Sport im Ganztag“ wird so mitfinanziert.

Online-Redaktion: Was darf man sich darunter vorstellen?

Müller: Es handelt sich um eine zweitägige Ausbildung. Sie richtet sich eher an Tennisspielerinnen und -spieler aus Vereinen, die älter als 55 Jahre sind, oder sagen wir solche, die im schulischen Zeitfenster einsetzbar sind. Das geschieht im Wissen, dass diese Altersgruppe meistens wirtschaftlich abgesichert und nicht so sehr darauf angewiesen ist, Ihren Lebensunterhalt mit Training verdienen zu müssen.

Tennisunterricht
© Christoph Müller

Zweitens verfügt diese Generation über eine große Lebenserfahrung, viele spielen schon lange Tennis, und die eigenen Kinder sind aus dem Haus. Viele haben die erforderliche Zeit. In den zwei Tagen werden sie auf die Arbeit in der Schule vorbereitet, werden didaktisch und  methodisch geschult. Sie lernen viel über Motivation und differenzierenden Unterricht. Bislang konnten wir die Ausbildung schon dreimal durchführen, weitere Termine sind bereits geplant und stehen kurz bevor.

Online-Redaktion: In der Ganztagsschule treffen sie auf völlig andere Voraussetzungen als auf dem vertrauten Vereinsgelände. Welches sind die größten Herausforderungen?

Müller: Es fängt schon mit dem oft zitierten Umgang auf Augenhöhe an. Die von uns ausgebildeten Assistenten müssen die Kompetenzen der Lehrkräfte kennen und anerkennen. Umgekehrt müssen sie ebenfalls die Anerkennung erfahren.

Die nächste Herausforderung ist die Arbeit mit heterogenen Gruppen. Alle Mitglieder müssen das Gefühl haben, sie werden ihrem Vermögen nach gefordert und zugleich gefördert. Außerdem ist es natürlich ein Unterschied, ob ich im Tennisklub eine Gruppe von vier bis fünf Personen trainiere oder aber eine Gruppe mit 15 Schülerinnen und Schülern, von denen einige möglicherweise noch nicht einmal freiwillig gekommen sind. Auf diese Dinge bereiten wir die künftigen „Assistenten Sport im Ganztag“ vor.

Online-Redaktion: Wo liegt denn mit Blick auf die Schulen Ihre Hauptzielgruppe?

Müller: Ganz klar in den Grundschulen, übrigens sogar auch schon in den Kindertagesstätten. In diesem Alter werden die Grundlagen gelegt. Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass mit Eintritt in die Sekundarstufe I der Blick der Eltern und der Schulen sich doch zunächst einmal ganz stark auf das schulische Lernen konzentriert. Da wollen viele nichts Neues anfangen. Auch deswegen ist es gut, frühzeitig die Kinder für unseren Sport zu begeistern.

Online-Redaktion: Zum Schluss noch eine ganz praktische Frage: Grundschulen verfügen wohl kaum über Tennisplätze. Wie ist da Training möglich?

Müller: Tennisspielen in Turnhallen ist für den HTV nichts Neues. Bereits vor vielen Jahren hat unser ehemaliger HTV Verbandstrainer Günter Friedl zusammen mit Michael Kreuzer, einem aktiven Verbandstrainer, Programme für Tennis in der Schule entwickelt. Seit 2007 passt dies nun hervorragend zu dem vom Internationalen Tennisverband ITF entwickelten Programm „Play & Stay“, das altersgemäß in vier Material- und Platzgrößenstufen durchgeführt wird, mit weicheren Bällen, kürzeren Schlägern, auf kleineren Feldern. Mit der HTV-eigenen Methodik ist selbst für Grundschulkinder ein recht schneller Spielerfolg möglich, und Tennis macht so einfach Spaß. 

* Studien zum Thema „Ganztagsschule und Sportverein“

Christopher Heim, Robert Prohl & Andreas Bob (2012): Ganztagsschule und Sportverein. In: Schulpädagogik heute, 3, H. 6.  
DOSB (2011): „Quo vadis, Sportverein und Ganztagsschule?“. Dokumentation der Fachkonferenz vom 17. November 2011 in Frankfurt am Main.

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