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Die Ganztagsschule – ein Wunsch der Gesellschaft

„Ganztagsschule – der einzige Weg in die Zukunft der Bildung?“ lautete der Titel einer Diskussionsrunde auf der Bildungsmesse didacta in Stuttgart.

Zum Forum Bildung des Verbandes Bildungsmedien hatten sich Christel Hempe-Wankerl (stellvertretende Bundesvorsitzende des Ganztagsschulverbandes), Cem Özdemir (Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen) sowie aus Baden-Württemberg Dr. Jörg Schmidt (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport) und Gerhard Brand (Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung) versammelt. Sie gingen gut eine Stunde lang unter anderem den Fragen nach, was eine gute Ganztagsschule ausmacht, welche Auswirkungen sie auf das Familienleben haben kann, ob sie leistungssteigernd wirkt und welche Entwicklung die Ganztagsschule in Baden-Württemberg haben wird.

Baden-Württemberg setzt auf Wahlfreiheit

Der von Moderator Christoph Link (Stuttgarter Zeitung) transportierten Provokation, die Ganztagsschule stelle eine Vereinnahmung durch den Staat dar, widersprach die Runde energisch und ließ durchklingen, dass derlei Gedanken auch in Baden-Württemberg inzwischen die Ausnahme darstellten. „Der Wunsch nach Ganztagsschulen kommt aus der Gesellschaft“, machte etwa Dr. Jörg Schmidt deutlich. Er räumte aber ein, dass es Eltern gebe, die ihr Kind zu Hause haben wollten, und ebenso auch Pädagogen, die nach wie vor lieber in einer Halbtagsschule arbeiteten.

© Herbert Boßhammer

„Deshalb bleibt es in Baden-Württemberg bei der Wahlfreiheit. Kein Kind und keine Familie kann zur Ganztagsschule gezwungen werden.“ Dazu gab Gerhard Brand zu bedenken: „Eine echte Wahlfreiheit wird es in Baden-Württemberg nur geben, wenn die Schulbezirksgrenzen aufgehoben werden. Nur dann kann eine Familie sich für eine Halbtagsschule entscheiden, sollte in ihrem Ort nur eine Ganztagsschule existieren und eine kleine Schule nicht mehr beibehalten werden können.“ Die Sorge bemühte sich Dr. Jörg Schmidt zu entkräften: „Es wird dabei bleiben, dass es auch kleine Schulen geben wird.“

Schulbesuche als Überzeugungshilfe

Dass diese Freiheit der Eltern auch für die Lehrerinnen und Lehrer zu gelten habe, unterstrichen Christel Hempe-Wankerl – „Schulentwicklung gelingt nur, wenn das Kollegium mitzieht“ – und Gerhard Brand. Er sorgt sich, dass die geplante Drittelparität die Entscheidungsmöglichkeiten der Schule einschränke: „Stellen Sie sich vor, Eltern und Schüler sind für die Umwandlung in eine Ganztagsschule, die Pädagoginnen und Pädagogen aber nicht. Das kann nicht funktionieren. Deshalb muss der Grundsatzbeschluss vorher im Kollegium gefällt werden.“

© Britta Hüning

Cem Özdemir fasste die Meinung der Diskutierenden kurz und bündig zusammen: „Ich kann nun wirklich kein breitgestreutes Misstrauen gegen die Ganztagsschule sehen.“ Für jene Eltern, die der Abkehr von der Halbtagsschule dennoch skeptisch gegenüber stehen, sollte die Schule Besuche in Ganztagsschulen anbieten, meinte die stellvertretende Bundesvorsitzende des Ganztagsschulverbandes. Begründung: „Ich bin überzeugt, dass viele ihre Meinung ändern, wenn sie erleben, wie dort Schule funktioniert.“

Die Geschichte eines Aufstiegs

Grünen-Politiker Özdemir gestand, dass er gerne in den Genuss von mehr Bildung und eines anders rhythmisierten Schultags gekommen wäre. „Meine Eltern haben beide gearbeitet, hatten keinen Einblick ins deutsche Schulsystem. Hinzu kam die sprachliche Hürde“, schilderte er den knapp 80 Zuhörerinnen und Zuhörern seine biografische Erfahrung. Auf die Frage des Moderators: „Sind Sie nachmittags etwa in der Stadt rumgestromert?“ räumte Özdemir ein: „Ich war entweder allein zuhause oder habe auf der Straße gespielt. Aber ganz ehrlich, ich hätte mir gewünscht, ich hätte meine Hausaufgaben wie alle anderen auch gemacht.“ Und deshalb fügte er mit Blick auf Kinder mit ähnlichen Erfahrungen hinzu: „Wenn es zuhause nicht optimal läuft, muss die Schule das kompensieren.“

www.ganztagsschulen.org wollte vom Politiker wissen, wie er angesichts dieser Ausgangslage nicht zum Bildungsverlierer geworden sei. „Ich hatte Glück“, sagte er im Gespräch. In der Hauptschule habe er „eine gute Nachhilfelehrerin, die von meinen Eltern bezahlt werden konnte“, gehabt. In der sich anschließenden Realschule habe es einige gute Lehrerinnen und Lehrer gegeben, „die wussten, auf welchen roten Knopf sie bei mir drücken mussten“. So habe eine Pädagogin ihm aufgetragen, zwei Wochen lang eine Tageszeitung zu lesen und anschließend einen Vortrag in der Klasse zu halten. „Das hat bei mir die Neugierde an der Welt und damit auch am Lernen geweckt“, erinnerte sich Özdemir an seine Jugendtage.

Entspanntes Familienleben

Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass eine Ganztagsschule allein noch kein Allheilmittel darstellen kann. Christel Hempe-Wankerl formulierte das so: „Ganztagsschule kann nicht nur Betreuung sein. Es muss eine andere Schule mit Entspannungs- und Vertiefungsphasen sein. Und wenn die Kinder um 16 Uhr nach Hause gehen, sollte das Thema Schule erledigt sein.“ Den Vorbehalt des Moderators „Wo ist da noch Raum für Familienleben?“ konterte sie mit dem Hinweis auf die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Sie habe ergeben, dass das Familienleben deutlich entspannter werde, wenn das Kind eine Ganztagsschule besuche. Die Diskussionen über Hausaufgaben etwa erübrigten sich. Man habe Zeit für schöne gemeinsame Dinge.

Angeborene Neugierde der Kinder wach halten

Was aber macht eine gute, leistungssteigernde Ganztagsschule aus? Für Cem Özdemir sind es der rhythmisierte Unterricht, der Raum für Bewegung und Ruhe, ein frisches und gesundes Essen bietet, und der Vorteil, dass kein Kind die Schule verlässt, ohne seine Hausaufgaben erledigt zu haben. „Vor allem aber sind es hochmotivierte und optimal qualifizierte Pädagogen, denen es gemeinsam mit den Elternhäusern gelingt, die angeborene Neugierde der Kinder wach zu halten“, betonte er.

© Britta Hüning

Die allerdings sollten auch wirklich Ganztagslehrer sein, die sich entsprechend lange in der Schule aufhielten und arbeiteten, verlangte Christel Hempe-Wankerl. „Es sollte eine ganz normale Arbeitszeit und keine Stundendeputate geben“, präzisierte sie. Bei einer 45-minütigen Unterrichtseinheit ergäben 28 Lehrerwochenstunden 21 Arbeitsstunden pro Woche. „Da bleibt viel Zeit für Arbeit in der Schule – vorausgesetzt, es existieren die entsprechenden Lehrer-Arbeitsplätze“, glaubt die Vertreterin des Ganztagsschulverbandes. Die Ganztagsschule sei auch der Einstieg in ein neues Arbeitszeitmodell. In Bremen sei man da schon einen Schritt weit gegangen. „Hier kann eine Schule eine Arbeitszeitpräsenz von 35 Stunden in der Schule einführen. Und die Lehrer sind entspannter“, berichtete sie.

Baden-Württembergs VBE-Chef Gerhard Brand hielt dem entgegen: „Bevor sich Lehrerinnen und Lehrer daran gewöhnen, ganztags in der Schule zu arbeiten, müssen sich die Kommunen daran gewöhnen, entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.“ Er wies darauf hin, dass Lehrer schon jetzt sehr viel arbeiteten – eben auch zuhause – und meinte: „Jeder Beruf, der Freiheiten mit sich bringt, führt dazu, dass dort mehr als gefordert gearbeitet wird.“

Bauliche Voraussetzungen für Inklusion schaffen

Die von Gerhard Brand geforderte Veränderung des Arbeitsplatzes führte die Diskussionsrunde schnell zum Thema: „Wer soll das bezahlen?“

Cem Özdemir plädierte erneut dafür, dass es dem Bund möglich sein müsse, in Ganztagsschulen zu investieren, auch wenn die Bildungspolitik weiterhin Sache der Länder bleibe. „Es ist doch absurd, dass der Bund eine Schule in Djakarta, nicht aber in Stuttgart unterstützen kann“, meinte er. Jenseits der Finanzierungsfrage appellierte Gerhard Brand an die Kommunen: „Es werden viele Schulen zu Ganztagsschulen umgebaut. Dabei sollten sie beachten, dass so umgebaut wird, dass die Gebäude anschließend inklusionsfähig sind.
Mit Blick aufs eigene Land kündigte Dr. Jörg Schmidt eine neue Schulbauförderrichtlinie an, die solche Bedürfnisse berücksichtige. Er zeigte sich überzeugt, dass sich in den kommenden Jahren in Baden-Württemberg 70 Prozent der Grundschulen auf den Weg zur Ganztagsschule machen werden. Kommentar einer Zuhörerin: „Das hätte er vor einigen Jahren hier nicht sagen können. Da wollte die Ganztagsschule hier kaum einer.“ Sprach’s und machte sich auf zu einem ersten Rundgang über die Messe, die bereits am ersten Tag auf äußerst großes Interesse gestoßen war.

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