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Ganztagsschule muss auf die Eltern zugehen

Für große Transparenz und intensive Kommunikation zwischen Ganztagsschule und Eltern plädiert der Bundeselternrat. Das betont sein Vorsitzender Hans-Peter Vogeler im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org.

Online-Redaktion: Herr Vogeler, immer mehr Eltern wünschen sich eine Ganztagsschule für ihr Kind. Und zwar eine gute. Auf welche Qualitätskriterien sollten sie achten?
 
Hans-Peter Vogeler: Der Bundeselternrat hat solche Kriterien in einer eigenen Arbeitsgruppe aufbereitet. Die „Checkliste von Eltern für Eltern“ ist über unsere Webseite abrufbar. Hier will ich nur auf die Punkte hinweisen, die eine Ganztagsschule von einer Halbtagsschule wesentlich unterscheiden: Rhythmisierung des Schulalltags, Öffnung der Schule zum Stadtteil und ein multiprofessionelles Team, das die Kinder über den Tag begleitet.

Darüber hinaus erwarten Eltern, dass der Ganztag auch dazu genutzt wird, eine andere Lernkultur zu etablieren. Damit meinen wir ein vielfältiges und leistungsförderndes Lernangebot, das den Kindern lernförderliche Rückmeldungen gibt, sowie eine altersangemessene Rhythmisierung.

Porträtfoto Vogeler
Hans-Peter Vogeler© Bundeselternrat

 
Online-Redaktion: Wie stellen sich Eltern denn Rhythmisierung vor?
 
Vogeler: Unterrichts-, Lern- und Arbeitsphasen sind ausgewogen über den Tag, bis in den Nachmittag hinein verteilt. Es findet ein Wechsel von Spannungs- und Entspannungsphasen statt. Dabei ist wichtig, dass die Kernfächer nicht alle von acht bis zwölf stattfinden und Musik, Sport oder anderes dann ausschließlich nachmittags. Auf eine echte Mischung kommt es an! Selbstverständlich sind die Unterrichtsstunden nicht nur 45 Minuten, sondern zwischen 60 und 90 Minuten lang. Die individuellen Lernzeiten, das, was einmal Hausaufgaben waren, sind genauso wie Förderangebote  und Neigungskurse in den Schultag integriert.
 
Online-Redaktion: Es gibt offene, gebundene und teilgebundene Ganztagsschulen. Welche Form ist aus Ihrer Sicht die richtige?
 
Vogeler: Um den Ganztag gut rhythmisiert gestalten zu können, ist die gebundene Form erforderlich. Die offene Form hat den Vorteil, dass jedes Elternhaus entscheiden kann, ob es das Angebot annehmen will. Der deutliche Nachteil des Offenen Ganztags liegt darin, dass der Unterricht unverändert konzentriert am Vormittag bleibt und es zu einer Zweiklassengesellschaft kommt, den Teilnehmern und Nichtteilnehmern im Ganztag. Die teilgebundene Form stellt hier einen Kompromiss dar und ist häufig ein Schritt in der Entwicklung hin zu der gebundenen Ganztagsschule.
 
Online-Redaktion: Wie kann man Eltern die Sorge nehmen, dass mit der Ganztagsschule ihr Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder sinken könnte?
 
Vogeler: Durch Transparenz. Sie müssen jederzeit wissen, was in der Schule passiert und wo ihr Kind leistungsmäßig, sozial und in Bezug auf die Schule auch emotional steht. Die Informations- und Kommunikationsstruktur muss so aufgebaut sein, dass alle Eltern erreicht werden und dass alle Eltern, auch die Vollzeitberufstätigen, problemlos mit der Schule in Kontakt treten können. Die Schule muss von sich aus den Kontakt zu den Eltern suchen.
 
Online-Redaktion: Gelingt so eine gemeinsame Erziehungs- und Bildungsverantwortung?
 
Vogeler: Regelmäßige Lernentwicklungsgespräche von Lehrern, Schülern und Eltern sichern die Ziele der Lernvereinbarungen ab und machen die individuelle Lernentwicklung des Kindes zu einer gemeinsamen Aufgabe.
 
Eltern wünschen sich, dass die Schule sich nicht abschottet, sondern möglichst viele Kontakte in das „richtige Leben” hat. Sie möchten nach ihren zeitlichen Möglichkeiten eingebunden werden: Wer wenig Zeit hat, möchte ohne schlechtes Gewissen nur wenig in der Schule aktiv werden, wer mehr Zeit und Lust hat, möchte mit seinen Kompetenzen eingebunden und geschätzt werden. Eltern engagieren sich, wenn sie merken, dass sie etwas bewirken können, dass sie tatsächlich gebraucht und deshalb ernst genommen werden.
 
Online-Redaktion: Die Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschulen und Vereinen ist immer wieder ein Thema. Was sagen Sie Eltern, die befürchten, dass den Kindern zu wenig Zeit für den Verein und andere soziale Kontakte bleibe?
 
Vogeler: Vereine, Musikschulen und andere sollten in die Schule geholt werden. Wenn alle Freunde in der Schule sind, findet das Vereinsleben eben in der Schule statt. Ungelöst scheint uns allerdings das Problem mit dem Leistungssport, vor allem in Mannschaftssportarten. Die lassen sich nicht in einer Schule konzentrieren.
 
Online-Redaktion: Die Ganztagsschule erleichtert nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie muss sie gestaltet sein, um hohen pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden?
 
Vogeler: Vieles habe ich dazu schon gesagt. Entscheidend ist, dass Ganztagsschule so gestaltet ist, dass Kinder gerne dorthin kommen und dass eine neue Lernkultur etabliert wird.
 
Online-Redaktion: Haben Eltern schon die Wahlfreiheit zwischen Ganztags- und Halbtagsschule?
 
Vogeler: Nein, es gibt noch viel zu wenige echte, gut rhythmisierte Ganztagsschulen. Der Bedarf ist fast überall größer als das Angebot. Beispiel Bayern: Selbst wenn sich alle Eltern eines Dorfes einig wären, dass sie ihre einzügige Schule zur Ganztagsschule wandeln wollen, dürften sie das nicht. Es muss überall eine Halbtagsschule geben, damit Eltern diese wählen könnten, wenn sie es denn wollten. Für die Ganztagsschule gilt diese Art von Wahlfreiheit nicht.
 
Online-Redaktion: Reicht das bisherige Ganztagsschulangebot in Deutschland aus?
Elternsprechstunde© Britta Hüning

 
Vogeler: Auch hier lautet die Antwort: nein. Die Umfragen zeigen, dass der Bedarf höher ist als das Angebot.
 
Online-Redaktion: Was benötigen Schulleitungen, aber auch die Pädagoginnen und Pädagogen grundsätzlich, um dem Anspruch einer guten Ganztagsschule gerecht werden zu können?
 
Vogeler: Zeit für Mitarbeiterauswahl und -Entwicklung. Damit verknüpft ist natürlich das Recht die Mitarbeiter auszusuchen. Zeit für Teambesprechungen, Zeit für Kooperation mit außerschulischen Partnern.
 
Online-Redaktion: Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht die Ganztagsschule 2020 aus?
 
Vogeler: Es gibt sie überall und für alle Schularten. Gutes kostenloses Schulessen ist die Regel. Die Lehrer essen zusammen mit den Kindern. Hausaufgaben, außer Vokabeln lernen und Referate vorbereiten, fallen nicht mehr an. Kinder gehen mit Begeisterung zur Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

Hans-Peter Vogeler, Jg. 1959, Chemiker, ist seit 2009 Vorsitzender des Bundeselternrates. Er engagierte sich zuvor bereits als Elternvertreter in Schule, Stadtteil und Kreiselternrat. Von 2008 bis 2010 war er Vorsitzender der Elternkammer Hamburg. Vogeler gehört u.a. der Sachverständigenkommission des Vereins Kinderfreundliche Kommunen e.V., einem gemeinsamen Vorhaben des Deutschen Unicef-Komitees und des Deutschen Kinderhilfswerks sowie dem Vorstand der Plattform Ernährung und Bewegung (peb) an.

Der Bundeselternrat ist die Arbeitsgemeinschaft der Landeselternvertretungen in Deutschland und Mitglied der der European Parents' Association.

Kategorien:  Köpfe - Familien und Kinder

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