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10. Ganztagsschulkongress: Inklusion als Frage der Haltung

Inklusion gilt als eine der zentralsten aktuellen Herausforderungen für die Schulen. Sie ist verbunden mit vielen Hoffnungen, aber auch Sorgen und Fragen. Workshops beim 10. Ganztagsschulkongress widmeten sich dem Thema.

Wie Inklusion gelingen kann, erfuhren die Teilnehmer des Arbeitskreises „Inklusive Schule! Wie sich das Schulleben verändert“ am Samstagvormittag im berliner congress center (bcc).  Die Leiterin der Gorch-Fock-Schule (Bremerhaven), Stefanie Polzer-Pupel, und ihr Team sowie Andrea Krause (Sonderpädagogin) und Gerald Tuschner vom Schulcampus Evershagen (Rostock) stellten ihre Konzepte vor. Und ließen die große Schar der Zuhörerinnen und Zuhörer gleich wissen: „Inklusion ist nie abgeschlossen. Auch wir haben uns erst auf den Weg gemacht.“

Das „Wie“ präsentierten sie anschaulich. Und machten die unterschiedlichen Ausgangssituationen deutlich. Während in Bremerhaven schon vor knapp 18 Jahren die Sonderschulden im Grundschulbereich aufgelöst wurden, existiert in Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor ein sehr ausdifferenziertes Schulsystem. Sonderpädagogin Andrea Krause: „In der Gesellschaft aber sind wir viel weiter. Da herrscht ein starkes emotionales Verständnis für Inklusion“, betonte sie. Das macht es ihr deutlich leichter, ein feingliedriges Netzwerk an Unterstützern aufzubauen. „Denn wir wollen Kindern helfen, wenn sie ein Problem haben und nicht erst, wenn der langwierige Prozess der Feststellungsdiagnostik abgeschlossen ist“, betonten Krause und ihr Schulleiter Gerald Tuschner.  Konkret bedeutet das: Sobald eine Lehrkraft feststellt, dass „bei einem Kind etwas nicht läuft“, wird im Team beraten, was zu tun ist.

Von Netzwerken und Kontaktpersonen

Der Kontakt zu den Eltern wird gesucht. In Abstimmung mit diesen wird abgewogen, was die Schule selbst leisten kann und wo sie eventuell Hilfe von außen benötigt. Die selbst aufgebauten pädagogischen Unterstützungssysteme, die der Förderung dienen, sind umfangreich. Der Campus kooperiert unter anderem mit der Caritas, verfügt über einen Ansprechpartner im Sozial- und Gesundheitsamt, berät Eltern und Schüler und pflegt die Kooperation mit Ärzten und Psychologen.  Das alles gelingt nur im intensiven Austausch mit den Eltern. Denn wo nötig, nimmt die Schule ihre Schülerinnen und Schüler im wahrsten Sinne an die Hand. „Es kommt immer wieder vor, dass ein Kind einen Termin beim Logopäden hat, ihn aber nicht wahrnimmt. Wenn wir wissen, dass ein Schüler solche Termine hat, schauen wir, ob er auch hingeht. Wenn nicht, kümmern wir uns darum, dass er es tut.“ 

Ob dies mit einer Sonderpädagogin für mehr als 800 Schülerinnen und Schülern gelingen kann, möchte eine Workshop-Teilnehmerin wissen. „Ja, wenn sie sozusagen die Koordinatorin und Schnittstelle ist. Wichtig aber ist, dass alle Lehrerinnen und Lehrer eine gemeinsame Haltung entwickeln, nicht wegschauen, das Gespräch suchen und das Kind in den Mittelpunkt stellen“, sagen Krause und Tuschner. Wichtig sei auch, dass man klare, aber einfache Strukturen aufbaue. „Sie brauchen zum Beispiel in Ämtern eine Kontaktperson und nicht `zig verschiedene“, erläuterte Krause. Sie und ihr Schulleiter machten gemeinsam deutlich, dass dies nur gelingen könne, wenn das Kollegium besonders engagiert sei und nicht ständig auf die vereinbarte Arbeitszeit blicke. Eine ehemalige Schulleiterin ergänzte die Ausführung: „Wir alle müssen am Menschenbild arbeiten. Und als Schule müssen wir dahin kommen, Verantwortung nicht wegzuschieben, sondern anzunehmen.“ Dass sei aber nur möglich, wenn eine Kultur etabliert werde, die es auch Lehrern ermögliche, Schwächen zuzugeben und andere um Rat zu fragen.

Aus „Einzelkämpfern“ wurden Teams

Auf intensive Unterstützung der Stadt kann die Gorch-Fock-Schule in Bremerhaven („der ärmsten Stadt Deutschlands“, so Polzer-Pupel) bauen. Wie alle Grundschulen verfügt sie über Sonderpädagogenstunden.  Das ermöglicht ihr individuelle Förderung in vielfältiger Form. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Sprachförderung: „Zu uns kommen sehr viele Aussiedler ohne ausreichende Deutschkenntnisse, und das zum Teil auch in Klasse vier“, sagt die Schulleiterin.

Auch sie landet in ihrer Darstellung schnell bei der Haltung, auf die es ankomme. Sie erinnert an das Jahr 2007, als „wir keine Lust mehr hatten, Kinder aus dem Unterricht herauszunehmen, um dann mit ihnen an ihren Schwächen zu arbeiten.“ Das sei in erster Linie für die Kinder nicht gut gewesen. Sie fühlten sich bloßgestellt, hätten stets ihre Schwächen vor Augen geführt bekommen. Eine Form der Diskriminierung, wie die Schulleiterin glaubt. Auch für die Pädagogen habe sich die alte Form der Förderung nachteilig ausgewirkt: „Man wusste nie, ob man mit etwas Neuem beginnen konnte, weil man ja nicht wusste, wer tatsächlich in der Klasse war.“ Also stellte man das System um. Bildete Teams aus Lehrkräften, Sonderpädagogen und Erzieherinnen. Sie stimmen sich in regelmäßigen Teamzeiten über die Kinder ab, gehen gemeinsam in den Unterricht. Der Blick richtet sich gezielt auf die Differenzierung im Unterricht und im Ganztag. Was einhergeht mit einer ständigen Anforderungshaltung gegenüber allen Kindern und einer entsprechenden Wertschätzung der individuellen Leistung. Stefanie Polzer-Pupel: „Bei uns ist jeder Unterricht Förder- und Sprachunterricht.“

Inklusion gelingt im Zusammenwirken der Professionen

Die Schulleiterin aus Bremerhaven machte keinen Hehl daraus, dass der Prozess der Teamentwicklung nicht ohne Probleme über die Bühne gegangen sei. Unterschiedliche Sichtweisen der Professionen, aber auch die Abgabe von Verantwortung und Autorität fielen nun einmal nicht allen leicht. Ohne professionelle Unterstützung und Begleitung sei dies überhaupt nicht möglich gewesen. Wörtlich meinte sie: „Es gab durchaus Tränen. Und wir Lehrer mussten uns plötzlich daran gewöhnen, dass wir nicht mehr allein im Unterricht waren und im Grunde alleine entscheiden konnten, wie wir arbeiten wollten.“ Sie konnte der Einschätzung der Workshop-Teilnehmer nur zustimmen: Inklusion geht nur als und im Team.

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