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10. Ganztagsschulkongress: Aus Erfahrung gut

Sie haben die Ganztagsschulentwicklung hautnah und von Anfang an intensiv mitverfolgt. Sie gehören zu den Frauen und Männern der ersten Stunde in den Serviceagenturen "Ganztägig lernen": Maria Parttimaa-Zabel und Herbert Boßhammer.

Darauf, ob sie die „ältesten“ Mitarbeiter in den Länder-Serviceagenturen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) sind, mögen sich die beiden nicht festlegen. Sicher aber ist: Sie haben erlebt, was sich nach dem PISA-Schock an deutschen Schulen tat, sie haben den Ganztag mitgestaltet, zahllose Fortbildungen und Beratungsgespräche mit Lehrerinnen und Lehrern geführt, leiteten Workshops und sind Stammgäste beim Ganztagsschulkongress. So auch bei der Jubiläumsveranstaltung, die am 6. und 7. Dezember 2013 im berliner congress centrum (bcc) stattfand. Zehn Jahre Ganztagsschulkongress, zehn Jahre Ganztagsschulprogramm – Maria Parttimaa-Zabel (Mecklenburg-Vorpommern) und Herbert Boßhammer (Nordrhein-Westfalen) haben etwas zu erzählen.

2004 begann für die Erziehungswissenschaftlerin Parttimaa-Zabel die Arbeit bei der Serviceagentur. Die gebürtige Finnin folgte dem Ruf, sich für den Aufbau der Ganztagsschulen zu engagieren, gerne. „Die Herausforderung, etwas Neues für die Schulentwicklung in Deutschland auf den Weg zu bringen, reizte mich“, erinnert sich Maria Parttimaa-Zabel, die zuvor auch als Entwicklungshelferin in Namibia und auf den Salomon-Inseln tätig gewesen war. Als Frau aus dem damaligen PISA-Siegerland Finnland war sie nun für deutsche Schulen tätig – das erinnert stark an den umgekehrten Weg, den der unvergessene Rainer Domisch gegangen war – von Deutschland nach Finnland.

Was dachte Maria Parttimaa-Zabel, als sie vom Abschneiden Deutschlands und dem ihres Heimatlandes erfuhr? Hatte sie Sorgen, weil ihre eigene Töchter in Deutschland zur Schule gingen? Die Finnin muss schmunzeln. Die Fragen sind ihr schon häufiger durch den Kopf gegangen. „Nein“, sagt sie im Rückblick, „ich habe aber gespürt, dass in Finnland etwas anders läuft.“ Sie nennt ein Beispiel: Ihr als Mutter sei gar nicht bewusst gewesen, wie intensiv sie sich zuhause um die Schulbelange wie die Hausaufgaben ihrer Kinder kümmern musste. In Finnland sei das halt anders, und Maria Parttimaa-Zabel dachte ursprünglich: „Schulen in den beiden Ländern funktionieren gleich.“ 

Das Kind im Mittelpunkt aller Überlegungen

Eigentlich aber scheut sie den regelmäßigen Vergleich der Länder. Vielmehr mag sie auf die deutschen Schulen, ihre Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren und ihre Zukunft schauen. Im Blick hat sie dabei stets die Schülerinnen und Schüler. Gerne erinnert sie an die Thesen der Kinderpsychologin Oggi Enderlein, die das Programm unterstützt, das Kind in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen. Daran möchte sich auch die Leiterin der Serviceagentur in Mecklenburg-Vorpommern orientieren. In diesem Sinne berät sie mit ihrem kleinen Team auch die Schulen in Schulnetzwerken und Fortbildungen. „Viele sind sehr offen für Anregungen. Da sind wir auf einem guten Weg. Schwierig ist es aber, die Veränderungen in der Breite zu erreichen, nicht nur in einzelnen Schulen“, sagt sie und attestiert Lehrerinnen und Lehrern, dass sie die Ganztagsentwicklung trotz zum Teil nicht optimaler Rahmenbedingungen mit Engagement vorantreiben.

Maria Parttimaa-Zabel und Herbert Boßhammer
Maria Parttimaa-Zabel und Herbert Boßhammer auf dem 10. Ganztagsschulkongress© Piero Chiussi/Agentur StandArt

Haben die vergangenen zehn Jahre Deutschland vorangebracht, wollen wir von ihr beim Jubiläumskongress wissen. „Ja“, antwortet Maria Parttimaa-Zabel und betont zunächst, dass sie in ihrer Arbeit im Programm von der Unterstützung der Universität Dortmund profitiert habe. Diese habe die wissenschaftliche Basis geliefert und ihr auch die Augen für die Bedeutung von Netzwerkarbeit geöffnet. Ihre kleine Serviceagentur hat auch vom bundesweiten Netzwerk der Serviceagenturen der DKJS viel profitiert. Die rasante Entwicklung der Ganztagsschule habe die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich verbessert. Die „zusätzliche“ Zeit sei auch zur Verbesserung der Chancengleichheit genutzt worden. Doch sie sagt auch, dass ihr die, wenn auch aktuell gesunkene, Quote der sogenannten Bildungs-Risikogruppe nach wie vor zu hoch ist. Um die müsse man sich noch stärker bemühen. Dazu brauche es empathiefähige Lehrerinnen und Lehrer.

Einen Vergleich mit ihrem Heimatland will Maria Parttimaa-Zabel schließlich doch nicht verschweigen. In Finnland spreche man nicht von „schwachen“ und  „hochbegabten“ Schülern. „Wir stellen lieber die Interessen der Schüler in den Mittelpunkt. Was zählt, ist, ob sie sich für eine Sache oder ein Thema besonders interessieren und sich deshalb intensiv damit beschäftigen. Die Kinder können unglaublich viel lernen und sich weiterentwickeln, wenn sie positive Unterstützung bekommen und in heterogenen Gruppen arbeiten. Das hat auch das Beispiel der Gemeinschaftsschule gezeigt.“

Als Schulleiter mit dem Ganztag groß geworden

Nur ein Jahr (2005) später als seine Kollegin aus Mecklenburg-Vorpommern ist Herbert Boßhammer bei der Serviceagentur Nordrhein-Westfalen eingestiegen. Die Frage Ganztag allerdings beschäftigte den heute 64-Jährigen schon länger. Wollte er doch an der von ihm geleiteten Grundschule den Offenen Ganztag (OGS) einführen. Und musste erfahren, wie schwer sich sein Kollegium damit tat. „Viele wollten da nicht mitziehen“, erinnert sich der Vater dreier erwachsener Kinder. Frank und frei räumt er knapp zwölf Jahre später ein, dass er auf viele Fragen der Lehrkräfte, aber auch der Eltern nicht wirklich eine Antwort parat hatte. „Ich wusste doch auch nicht, wie es laufen würde. Ich spürte nur, dass der Ganztag der richtige Weg sein würde“, erklärt Boßhammer.

Zu jener Zeit existierten an seiner Grundschule eine Übermittagsbetreuung und ein „paar Arbeitsgemeinschaften, die Eltern anboten.“ Der geplante Umwandlungsprozess löste heftige Diskussionen, Nachdenklichkeit und Sorgen aus. „Viele Eltern kamen und fragten mich, ob ihr Kind Bildungsnachteile zu befürchten hätten, wenn es nicht in die OGS gehe. Ganz ehrlich: Ich konnte ihnen keine befriedigende Antwort geben“, gesteht Boßhammer.

Allen Bedenken zum Trotz und im Licht der bundesweiten Ganztags-Aufbruchstimmung wagte die Grundschule den Schritt. Der Einstieg Herbert Boßhammers mit einer halben Stelle bei der Serviceagentur öffnete zusätzliche Perspektiven. Man nutzte die Angebote zur Netzwerkarbeit, hörte von Morgenkreisen in der Schule, führte sie ein und probierte sie aus. Man wagte sich an Neues. Boßhammer: „Wir merkten an der Schule auf einmal, dass uns die Förderung von Kindern mit besonderer Begabung im Ganztag gut gelang.“ Und man spürte plötzlich, dass die Vermischung von Offenem Ganztag und traditioneller Schule funktionierte: „Die Kinder haben zumeist nicht gemerkt, dass sie ein Ganztagsangebot nutzten. Wir haben die Kompetenzen aller gefördert.“

„Lernen ist alles, was dem Kind später im Leben hilft“

Diese Praxiserfahrung hat Herbert Boßhammer geprägt. Er ist ein überzeugter Ganztagsschulverfechter. Einer, der die Verzahnung von Vor- und Nachmittag fordert, aber nicht nur inhaltlich. „Bildung und Erziehung aus einem Guss und unter Einbeziehung der Eltern“, lautet sein Credo. Will heißen: Alle an Schule Beteiligten sollen sich austauschen über das Kind, über seine Bedürfnisse, seine Wünsche, seine Leidenschaften, seine Sorgen. „Dann funktioniert Ganztagsschule, und da sind wir in den vergangenen zehn Jahren ein gutes Stück vorangekommen", ist er überzeugt. Ganztag bedeutet in seinen Augen die Beschleunigung der Schulentwicklung. Die wiederum ende nie. „Wir müssen uns immer wieder fragen, warum und für wen wir etwas machen. Wir müssen Bestehendes auf den Prüfstand stellen“, verlangt er.

Boßhammer wünscht sich, dass Schülerinnen und Schüler in der Ganztagsschule die Chance zum Forschen haben. Dazu reiche der Vormittag in der Regel nicht aus. „Kinder lernen den ganzen Tag. Auch wenn sie ein Fahrrad reparieren oder sich am Kiosk treffen und mit anderen austauschen. Lernen ist all das, was dem Kind später im Leben hilft“, sagt der engagierte Pädagoge. Und schließt sich dem renommierten Bildungsforscher John Hattie an: „Lehrer müssen Zeit haben, über den Unterricht hinaus mit dem Kind zusammen zu sein. Es kommt auf die emotionale Beziehung an.“ Die Ganztagsschule bietet den Raum dafür.

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