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10. Ganztagsschulkongress: Schüler suchen Gehör

Sie sind jung, engagiert, motiviert und manchmal ein wenig enttäuscht: Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler nehmen am 10. Ganztagsschulkongress in Berlin teil. Sie eint die Hoffnung, dass sie stärker als bisher in die Gestaltung der Ganztagsschule eingebunden werden.

Der Workshop „Blick auf meine Ganztagsschule! Schülerinnen und Schüler ziehen Bilanz.“ des SV Bildungswerks erfreute sich am Auftakttag des Jubiläumskongresses großen Interesses. Fast schon zu groß für den Raum, den Lucy Demers vom LandesSchülerRat Sachsen und Raisa Spiller vom Stadtschülerrat Dresden nutzen durften. „Die Meinung der jungen Menschen ist uns halt wichtig“, versicherte eine Pädagogin, die das Glück hatte, einen der Workshop-Plätze belegen zu dürfen. Ein Kollege musste draußen bleiben. Zunächst enttäuscht, meinte er: „Schade, wir sollten die Menschen, für die wir arbeiten, viel stärker hören und ihre Vorstellung in unsere Ganztagsplanungen einfließen lassen.“ Seine Miene hellte sich auf, als er mitbekam, dass er Ergebnisse des Workshops, vor allem aber die Sichtweise der Schülerinnen und Schüler, auf www.ganztagsschulen.org würde nachlesen können.

Einschätzungen aus unterschiedlicher Perspektive

Lucy (16), die seit Kurzem in Wuppertal lebt und lernt, und Raisa (18) freute das große Echo, das ihnen widerfuhr. „Allzu oft werden wir nicht ernst genommen“, bedauerten sie und klagten zugleich: „Partizipation ist eine ganz schwierige Angelegenheit. Manchmal kommt es vor, dass in unserer Schule ein Feedback eingefordert wird. Wenn wir dann aber etwas Kritisches äußern, kann es gut sein, dass damit zum letzten Mal zu diesem Thema eine Frage an uns gerichtet wird“, schildert Lucy ihre Erfahrung. Der Workshop unterstrich, wie wertvoll der Austausch der Generationen sein kann. Eine spontane Befragung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Ganztagsschule führte höchst unterschiedliche Sichtweisen zutage. Lucy und Raisa befragten ihre „Gäste“: Werden Schülerinnen und Schüler ihrer Meinung nach an der Entwicklung des Ganztagsangebot beteiligt?; Bieten Ganztagsangebote den Schülern Spaß und Entspannung?; Müssen die Schüler  nach dem Ganztag daheim noch Hausaufgaben erledigen und haben sie noch ausreichend Zeit für soziale Kontakte?; lauteten vier von insgesamt acht Fragen. Die Einschätzung der Workshopteilnehmer fiel überwiegend positiv aus. Ausnahme: Dass die jungen Menschen an der Entwicklung der Ganztagsangebote beteiligt werden, glaubte selbst die Runde, überwiegend bestehend aus Lehrerinnen und Lehrern, nicht.

Raisa Spiller und Lucy Demers
Raisa Spiller und Lucy Demers© GTS-Redaktion

Doch sie alle staunten nicht schlecht, als die beiden SchülerInnen-Vertreterinnen zunächst im Video einzelne Schüler zu Wort kommen ließen und anschließend die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter deutschen Schülern präsentierten. Befragt wurden 100 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 13 aus acht Bundesländern. Deren Votum fiel weniger erfreulich aus. Zwar sagten rund 60 Prozent, dass ihnen der Ganztag „gut“ oder „eher gut“ gefällt. Doch nur rund 30 Prozent erklärten, sie nutzten GTS-Angebote. Dass es ausreichend Ganztagsangebote gibt, bestätigte ebenfalls nur knapp ein Drittel der Befragten. Den Spaß- und Entspannungsfaktor vermissen rund 60 Prozent. Dass sie bei der  Gestaltung der Ganztagsangebote mitreden dürfen, mochten gerade einmal zehn Prozent mit „ja“ beantworten. Dafür bedauerte eine große Mehrheit, dass sie aufgrund der Ganztagsschule kaum noch Zeit für soziale Kontakte jenseits der Schule habe. Eine Ursache könnte sein, dass 90 Prozent angaben, daheim noch Hausaufgaben zu erledigen haben.

Erklärungsversuche für eine Wahrnehmungsdiskrepanz

Wie erklären sich die Beteiligten die Diskrepanz? Lucy und Raisa glauben, dass viele Schulleitungen, aber auch Lehrerinnen und Lehrer mit „der sehr ehrlichen und direkten Art  der Schülerinnen und Schüler ihre Probleme haben. Sie lieben es eher gediegen und glauben, es sei schon alles in Ordnung.“ Das verhindere den offenen und ehrlichen Gedankenaustausch. Und so kämen derart unterschiedliche Sichtweisen zustande. Man dürfe sich aber eben nicht nur auf das eigene Gefühl verlassen und glauben, man wisse schon, was die anderen denken. „Wir erhoffen uns vom Workshop auch, dass da einige rausgehen und unsere Sichtweise verstehen“, erklärten die beiden. Als Beispiel führten sie die Hausaufgaben an. Jeder Lehrer denke, er gebe ja nur ein bisschen auf. Raisa: „Wenn das aber jeder denkt, wundert es doch nicht, dass wir keine Zeit mehr für andere soziale Kontakte haben.“ 

Doch auch die Lehrerinnen und Lehrer im Raum fanden ihre Erklärung. „Manches, was sich die jungen Menschen vorstellen, lässt sich leider in der Schule – auch in der Ganztagsschule – einfach nicht umsetzen. Wenn wir dann „nein“ sagen, schließen die Schülerinnen und Schüler schnell daraus, wir wollten sie nicht beteiligen oder ihre Wünsche nicht umsetzen“, erklärte eine Lehrerin. „Dass wir sie aber sehr wohl ernst nehmen, zeigt doch die Resonanz auf diesen hervorragenden Workshop.“ Dem stimmten Lucy und Raisa nur bedingt zu. Es sei schon ein großer Fortschritt, dass man zum jährlichen Ganztagsschulkongress eingeladen werde und eigene Workshops anbieten könne. In den Schulen allerdings verpuffe diese Partizipation allzu oft. Dabei sei es besonders wichtig, schon als junger Mensch zu erfahren, dass man gehört und ernst genommen werde und etwas verändere könne. „Sonst glaube ich doch auch später nicht, dass es etwas bringt, sich in Gesellschaft und Politik zu engagieren“, betonte Raisa.   

Der Blick auf die nächsten zehn Jahre

Für ihre eigene verbleibende Schulzeit und für alle folgenden Generationen haben die beiden jungen Frauen kurz vor Weihnachten ein paar Wünsche. „Nur wenn wir wirklich in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, können wir uns mit der Schule identifizieren“, erklärten sie. Eine Umfrage unter Schülerinnen und Schülern zur Gestaltung der Ganztagsangebote an einer Schule halten sie für „normal und selbstverständlich – auch wenn dabei eventuell herauskommt, dass sie sich eine Graffiti-AG wünschen.“ Das Thema Hausaufgaben sollte nach Ende der Ganztagsschule weitgehend tabu sein. Das Konzept, das eine Schule im Workshop vorstellte, fand ihre ungeteilte Zustimmung. Dort, so berichtete ein Lehrer, dürfen am Tag lediglich Hausaufgaben im Umfang von 60 Minuten aufgegeben werden. Dieses Zeitkontingent müssen sich alle Pädagogen teilen. Die Erledigung der Hausaufgaben ist in den Unterricht integriert.

Ihrem Ziel, ein Umdenken bei den Erwachsenen anzustoßen, kamen Lucy und Raisa sehr nahe. Schon im Workshop veränderte sich deren Verhalten. Sie fragten und fragten, entwickelten gemeinsam Ideen für eine stärkere Beteiligung der Schülerinnen und Schüler, erbaten von den beiden SchülerInnen-Vertreterinnen aber auch Kommentare und Einschätzung der in diesem Arbeitskreis entwickelten Konzepte. Entsprechend lauteten die Antworten auf die Frage, was sie als Erfahrung mit nach Hause nehmen würden. „Ich werde die Schüler mehr einbeziehen“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt, während eine Pädagogin formulierte: „Ganztagsschule ist für die Schülerinnen und Schüler. Sie kann nur mit deren Beteiligung funktionieren.“ 

Und da es sich nun einmal um den Jubiläumskongress handelte, mochten Lucy und Raisa abschließend ihre Hoffnung für die Zeitspanne bis zum nächsten runden Geburtstag in zehn Jahren nicht verhehlen: „Sie sollten Freiräume für individuelles Lernen auf unterschiedlichen Niveaustufen ermöglichen. Die Masse an Ganztagsschulen darf zunehmen, ohne dass auf Qualität verzichtet wird“, forderten sie. Dabei zeigten sich die beiden davon überzeugt, dass es keinen Sinn mache, beim Wandel einer Schule zur Ganztagsschule am bestehenden System herumzudoktern. „Man muss es komplett umstellen“, glauben die beiden.

 

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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