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Ganztagsschule als elementarer Teil der Präventionskette

Ganztagsschulen können einen Beitrag zu präventiver Arbeit der Kommunen leisten. Doch dafür bedarf es einer starken Öffnung nach außen und konsequenter Vernetzung im Stadtteil. Darin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Fachtagung "Ganztag präventiv" am 18. Oktober 2013 in Münster einig.

„Wenn...“ lautete eines der am häufigsten gebrauchten Wörter dieses Tages. Es zog sich wie ein roter Faden durch den Eröffnungsvortrag des Direktors des Deutschen Jugendinstitutes (DJI), Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, die Grußworte der versammelten Prominenz, die Diskussionsrunden, Fachforen – vor allem aber auch durch die Aussagen der rund 250 Gäste. 

Dr. Brigitte Mohn, Klaus Bellmund und Sylvia Löhrmann im Podiumsgespräch
Dr. Brigitte Mohn (Bertelsmann Stiftung), Moderator Klaus Bellmund und die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann© BST/Thomas Kunsch

„Wenn wir nicht systematisch vom Kind aus denken, machen wir einen Riesenfehler“, mahnte die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann zu Beginn des Fachtages. Zu diesem hatten die Landesregierung NRW sowie die Bertelsmann-Stiftung im Rahmen des Modellvorhabens „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ eingeladen. Vom Kind aus denken, bedeute aber auch ressortübergreifend zu agieren. Ihr Appell: „Wir müssen Vernetzung aus Sicht von Kindern systematisch angehen“. Wenn es gelinge, ein „ganzes Dorf“ für die Bildung und Erziehung von Kindern zu gewinnen, könne Ganztagsschule präventiv wirken. Löhrmann fügte hinzu: „Ein Dorf nur mit Lehrerinnen und Lehrern ist aber nicht wirklich schick.“

Die Steuerungsmöglichkeiten der Kommune

Auf die Bedeutung, möglichst viele Professionen zusammenzubringen, wies Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe hin. „Die Steuerungsmöglichkeit und Steuerungsaufgabe dazu hat die Kommune“, betonte er. Seine Stadt setze außerdem schon lange nicht mehr auf das Gießkannenprinzip, sondern auf gezielte Analyse und Förderung im Sozialraum. Eine starke Verantwortungsgemeinschaft erleichtere erfolgreiche Bildungsbiografien. Dies helfe dem einzelnen, aber auch der Kommune: „Wenn wir in Prävention investieren, spüren wir das später finanziell deutlich und positiv.“ 

Die Ganztagsschule biete die Chance, präventiv zu wirken. Dem schloss sich das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Dr. Brigitte Mohn, ausdrücklich an. Allerdings müsse es an manchen Schulen noch besser gelingen, den Vor- und Nachmittag zu verzahnen. Dann könne der Ganztag das Fundament für das weitere Leben bilden und Chancengleichheit erhöhen. „Wenn das klappt, sind wir einen großen Schritt weiter“, betonte sie.

Qualitätsstandards für Ganztagsbildung

Als der gewohnt kritische Geist präsentierte sich Prof. Dr. Thomas Rauschenbach. „Hoffnungsträger Ganztagsschule. Genutzte und ungenutzte Potenziale eines bildungspolitischen Reformprojekts“ hatte er seinen Vortrag überschrieben. Er hob die rasante Entwicklung hin zur Ganztagsschule als „fundamentale Veränderung“ hervor, die sich für viele überraschend ohne Kulturdebatte vollziehe. „Wenn das so weitergeht, sind wir bald bei 70 Prozent Schulen mit Ganztagsangebot.“

Die Ansprüche an Ganztagsschule, die so ziemlich alles besser machen solle als die Halbtagsschule und am Ende auch noch ein präventive Funktion übernehmen müsse, bezeichnete er als richtig und zugleich äußerst ambitioniert. Wenn man jetzt Zwischenbilanz ziehe, müsse man ehrlich konstatieren: „Die Ganztagsschule ist eine Großbaustelle. Ihre Fertigstellung ist zwar zu erwarten, aber noch nicht abzusehen.“

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI)
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI).© BST/Thomas Kunsch

Er sehe bei der Qualität der Ganztagsschulen, die sehr stark variiere, durchaus noch Luft nach oben. Wenn sich beispielsweise 50 Prozent der Eltern bei der Hausaufgabenbetreuung entlastet fühlten, dann sei dies eben bei 50 Prozent noch nicht der Fall. Er sei vom Ganztag überzeugt. Aber eine wirkliche Erfolgsgeschichte könne dieser nur schreiben, wenn verbindliche Qualitätsstandards aufgestellt würden und damit die „Spielwiese der Unverbindlichkeit“ verlassen werde. Zu ihnen zählten klare Vereinbarungen über Kooperationen, aber auch Regeln, wie die Ganztagsschulen im Sozialraum und in den Kommunen verankert werden.

Rauschenbach forderte ein abgestimmtes Programm von Schule und Bildung über den ganzen Tag, und zwar als pädagogische Gesamtidee. „Wir brauchen nicht mehr Schule. Wir brauchen mehr Bildung“, sagte Rauschenbach. Sein drittes „Wenn“: „Es wäre ein Riesenschritt zu erfolgreicher Ganztagsschule, wenn es für ihren Besuch einen Rechtsanspruch analog jenem auf die U-3-Betreuung gäbe.“ Der Applaus der zahlreichen Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe war ihm sicher, als er abschließend mahnte: „Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Es handelt sich um eine Aufgabe von nationaler Tragweite, die unter Führung des Bundes bewältigt werden muss.“

Vernetzung der Professionen

Die Frage „Wer soll das bezahlen?“ wurde nicht nur von dem DJI-Direktor eindeutig beantwortet. Auch die anwesenden Kommunen schlossen sich dem (verständlicherweise) an. Doch jenseits des Geldes bekräftigten mehrere Beigeordnete für Bildung und Jugend, wie Dr. Andrea Hanke (Münster), Burkhard Hintzsche (Düsseldorf), Hans-Georg Rötters (Moers), sowie die Amtsleiter Wolfgang Rüting (Kreis Warendorf) und Michael Lüning (Stadt Witten) die besonders wichtige Rolle der Kommunen. Rüting sprach aus, was seine Kollegin und Kollegen dachten: „Ohne Kommunen würde Schule nicht funktionieren.“

Blick ins Plenum
Blick vom Podium ins Plenum© BST/Thomas Kunsch

In kurzen Spotlights im Gespräch mit dem Leiter des Projekts „Kein Kind zurücklassen!“ bei der Bertelsmann Stiftung, Karl Janssen, beleuchteten sie die Aktivitäten ihrer Kommunen mit Blick auf Prävention und Ganztagsschulen. Münster etwa hat die Offenen Ganztagsschulen beim Jugendamt angesiedelt (Hanke: „Das erleichtert den Zugang zur Jugendhilfe“) und lenkt die Zusammenführung der Professionen in regelmäßigen Konferenzen. Eigene Qualitätszirkel hat Düsseldorf ins Leben gerufen, um die Qualität der vernetzten Arbeit zu sichern und zu steigern. Als kulturelle Zentren betrachtet Moers seine Schulen und bindet sie wie selbstverständlich in die Konferenzen des Sozialraums ein.

„Schulen betrachten wir als Anker für viele im Stadtteil“, betonte Rötters. Ähnlich sieht man es in Witten. Dort möchte man Ganztagsschulen zu kreativen Räumen für viele Partner weiterentwickeln. Spezielle Förderprogramme hat der Kreis Warendorf konzipiert, um die soziale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler zu fördern und setzt dabei auf die Einbindung aller Eltern.

Alle Seiten müssen sich öffnen

In fünf parallelen Foren vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Überlegungen des Vormittags. Drei zentrale Herausforderungen kristallisierten sich heraus als es darum ging, wie der Ganztag zum Glied einer kommunalen Präventionskette wird und Brüche in den Bildungsbiografien verhindert werden können:

Schulen öffnen sich als Lern- und Lebensort von Schülerinnen und Schülern in den Sozialraum, das Quartier und die Kommune. Sie entwickeln sich zum Glied einer kommunalen Präventionskette weiter.
Akteure aus dem Sozialraum, dem Quartier und der Kommune öffnen sich für Schulen und passen ihre Angebote an die Anforderungen des Ganztags an.
Kommunen unterstützen die sozialräumliche Vernetzung durch den Aufbau kommunaler Bildungslandschaften, transparenter und nachhaltig ineinander greifender kommunaler Präventions- und Hilfestrukturen.

In den Foren galt es an unstrittig, dass viele Details umgesetzt werden müssen, will der Ganztag diesen Herausforderungen gerecht werden. Gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaften gehören ebenso dazu wie die Kulturelle Bildung als Teil der Präventionskette und verlässliche Reaktionsketten für den Kinderschutz, die eine entsprechende Vernetzung erfordern.

Die Foren verständigten sich auch darauf, dass die Öffnung von Schulen zum Sozialraum mit dem Ansatz verbunden ist, den Lernort Schule stärker mit der Alltags- und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen zu verknüpfen. Und schließlich gab es keinen Widerspruch zur These, dass der Ganztag Chancen für eine interkulturelle Schulentwicklung bietet. Eine Pädagogin fasste zusammen: „Wenn alle auf Augenhöhe kooperieren und die Kinder im Blick haben, kann vieles davon gelingen.

Lob für die gute Arbeit der Offenen Ganztagsschulen

Auf den Punkt brachten es die Gesprächspartner von Moderator Klaus Bellmund, als dieser zum Schluss des Tages die Frage in die Runde warf, welche Schlussfolgerungen man aus den Diskussionen dieses Forums ziehen könne. Immer wieder fiel das Stichwort Qualität. So müssten das Personal besser qualifiziert und langfristig fachlich ausgebildete Fachkräfte angestellt werden, wenn man Ganztagsschule an sich und als Teil der Präventionskette verbessern wolle.

Dennoch müsse man auch das Engagement und die jetzige gute Arbeit des pädagogischen Personals der OGS wertschätzen, betonte Dr. Norbert Reichel, Referatsleiter im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Wesentlich sei ebenso, die Vernetzung der Ganztagsschulen in ihren Sozialraum weiter voranzutreiben, beispielsweise durch eine Beratungsstelle der Jugendhilfe oder Familienbildung in der Schule, eventuell auch durch eine neue Organisationsentwicklung von Schule. Der gebundene Ganztag sei der Weg in die Zukunft, meinte Dr. Kirsten Witte, Programmdirektorin der Bertelsmann Stiftung. Dort seien mehr Veränderungen als in der offenen Form möglich. Zuvor müssten aber verbindliche Qualitäten definiert und realisiert werden können.

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