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"Eine Win-Win-Situation für Ganztagsschule und Sportverein"

Fünf dezentrale Koordinierungsstellen des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) sollen die Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Ganztagsschulen verbessern, unterstützt von der WLSB-Sportstiftung. www.ganztagsschulen.org sprach mit Dominik Eberle, Referent des WSLB.

Online-Redaktion: Fünf Sportkreise Württembergs kommen mit Beginn des neuen Schuljahres in den Genuss professioneller Unterstützung bei der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen. Nach welchen Kriterien wurden sie ausgesucht?

Jungen beim Fußballtraining
© www.thinkstock.de

Dominik Eberle: Die Kreise konnten sich auf unsere Ausschreibung hin bewerben. Acht von 24 haben die Chance wahrgenommen. Heidenheim, Heilbronn, Ludwigsburg, Stuttgart sowie der Zusammenschluss von Sigmaringen und Zollernalb haben den Zuschlag bekommen. Insgesamt gehören dazu rund 2.000 Vereine. Entscheidend für die Auswahl waren unterschiedlichste Kriterien. Die Struktur und Größe spielte eine Rolle, aber auch die Anzahl der dort existierenden Ganztagsschulen. Wir haben auch geschaut, ob später eine eigenständige Anschlussfinanzierung gegeben ist. Denn eines ist klar: Wir können mit diesem Pilotprojekt nur etwas initiieren.

Online-Redaktion: Wie werden die fünf Stellen finanziert?

Eberle: Getragen wird das Projekt von der Stiftung des WLSB. Sie hat dafür 50.000 Euro zur Verfügung gestellt. Diese Förderung ist die erste Ausschüttung der Stiftung überhaupt. Den Stiftungsgremien war es wichtig, dass das erste von ihr geförderte Projekt ein Themenfeld aufgreift, das derzeit alle Sportvereine und -verbände betrifft und beschäftigt. Die fünf von den Sportkreisen engagierten Koordinatorinnen und Koordinatoren werden auf 450-Euro-Basis für etwa zehn Stunden pro Woche eingestellt.  

Online-Redaktion: Können sie in dieser vergleichsweise kurzen Zeit etwas bewegen?

Eberle: Ja. Die Koordinatoren sollen sich in der Arbeit Schwerpunkte setzen. Sicher können sie nicht auf alle Vereine und Ganztagsschulen zugehen. Sie sollen vier bis fünf spezielle Projekte angehen.

Online-Redaktion: Warum haben Sie sich für dezentrale Koordinierungsstellen entschieden?

Eberle: Das geschah ganz bewusst. Wir wollen in die Fläche gehen und vor Ort mit Vereinen zusammenarbeiten und diese unterstützen. Das ist nur möglich mit dezentralen Koordinierungsstellen. Wir wollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diese Aufgabe gewinnen, die die Befindlichkeiten und Gegebenheiten, ja auch die handelnden Akteure gut kennen. Deshalb haben wir auch den Sportkreisen überlassen, wen sie mit der Aufgabe betrauen wollen. Alle haben sich für Expertinnen und Experten entschieden, die aus der Region stammen und sich bereits im Umfeld von Sport und Schule betätigen. Wir haben Diplompädagogen, Sportwissenschaftler oder auch einen Sportmanager. Kurz: Es handelt sich allesamt um Personen mit wertvoller Erfahrung.

Online-Redaktion: Welche Aufgabe sollen sie in erster Linie erfüllen?

Porträtfoto Dominik Eberle
© D. Eberle

Eberle: Zu ihren Aufgaben zählen sowohl der Aufbau als auch die Betreuung von Netzwerken zwischen Vereinen und Ganztagsschulen. Schulen und Schulträger müssen einerseits um die Möglichkeiten der Sportvereine wissen. Die Vereine müssen andererseits für die Mitarbeit im Schulischen fit gemacht werden. Bei einigen Sportvereinen gibt es eine Hemmschwelle, auf Schulen und Pädagogen zuzugehen.

Wir benötigen Konzepte, wie die Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktionieren kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass bei den Vereinen zumeist ehrenamtliche Mitarbeiter engagiert sind. Sie sind auf den Gang in die Schule nicht vorbereitet. Oft ist es ihnen aufgrund der eigenen Berufstätigkeit auch gar nicht möglich, dort aktiv zu werden. Hier sollen die Koordinatoren Ideen entwickeln und mit den Vereinen umsetzen.

Die Vereine könnten sich zum Beispiel zusammenschließen, um Übungsleiter zu finanzieren. Sie könnten gemeinsam auf die Suche nach Sportstudenten, jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr oder Lehrer im Ruhestand, die für diese Aufgabe begeistert werden können, gehen. Und es geht darum, Erfahrungen auszutauschen.

Online-Redaktion: Liegt die Zusammenarbeit von Vereinen und Ganztagsschulen in Baden-Württemberg noch im Argen?

Eberle: So negativ würde ich das nicht einschätzen. Aber klar ist, dass unser Land, sagen wir einmal: ein wenig in der Ganztagsschulentwicklung hinterherhinkte. Und jetzt geht alles rasend schnell. Der WLSB hat bereits viel unternommen, um Vereine dabei zu unterstützen. Info-Offensiven und Fortbildungen wurden angeboten und durchgeführt. Trotzdem sind nicht alle Vereine darauf vorbereitet.

Online-Redaktion: Warum starten Sie das Projekt alleine und nicht im Verbund mit dem Badischen Sportbund?

Eberle: Die Stiftung vertritt und unterstützt die Mitglieder des WLSB. Die Ergebnisse lassen sich sicherlich auch in den anderen Sportbünden anwenden.

Online-Redaktion: Sind sich die Vereine der Bedeutung, auf die Ganztagsschulen zuzugehen, bewusst?

Junge beim Tennistraining
© www.thinkstock.de

Eberle: Ich glaube, manche haben die Entwicklung nicht ernst genug genommen bzw. ihnen war nicht bewusst, dass es alle treffen kann. Jetzt merken immer mehr, dass Ganztagsschule die Vereinswelt maßgeblich verändert. Wenn die Kinder und Jugendlichen bis spät am Nachmittag in der Schule sind, hat das Auswirkungen auf das Sporttreiben, auch im Verein. Gepaart mit dem demografischen Wandel wird sich das deutlich auf die Mitgliederzahlen auswirken. Es sei denn, Vereine und Ganztagsschulen kooperieren. Das gilt übrigens auch, wenn es um die Nutzung der Sportstätten geht. Durch die Ganztagsschulen haben die Vereine viel stärkere Konkurrenz bei deren Vergabe bekommen.

Online-Redaktion: Mehrere Studien belegen, dass Vereine, die mit Schulen kooperieren, vom Mitgliederschwund verschont bleiben…

Eberle: Genau das ist es ja gerade, was wir unseren Vereinen verdeutlichen möchten. Wir wollen ihnen die Angst vor der Entwicklung nehmen, sie fit machen, mit Ganztagsschulen so zu arbeiten, dass eine Win-Win-Situation entsteht. Das wird eine ganz zentrale Aufgabe der Koordinatorinnen und Koordinatoren sein. Wir haben natürlich auch in andere Bundesländer, wie Nordrhein-Westfalen, geschaut. Dort ist man, was die Einbindung der Sportvereine angeht, bekanntlich viel weiter. Und hat damit wie auch mit der Einrichtung von Koordinierungsstellen sehr gute Erfahrungen gesammelt.

Online-Redaktion: Die Ganztagsschule als Chance?

Eberle: Auf jeden Fall. In der momentanen Umbruchphase besteht das Risiko, vor allem die Probleme zu sehen. Also all die Dinge, die ich schon erwähnte: sinkende Mitgliederzahlen, fehlende Sportstätten, ausbleibende Übungsleiter. Dabei überwiegen unseres Erachtens die Chancen.

Mädchen beim Fußball
© Britta Hüning

Vereine, die sich in der Ganztagsschule einbringen, können Werbung für sich und ihre Sportart betreiben. Ich selbst komme zum Beispiel aus dem Basketball. Wenn man nicht schon in der Grundschule den Kindern die Faszination dieser Sportart vermittelt, laufen viele fast automatisch zu anderen Sportarten über. Außerdem haben wir als Sport dank Schule die große Chance der frühen Talentsichtung. Hier können wir doch noch alle Kinder erreichen. Was übrigens den Charme hat, dass in der Schule mit großer Sicherheit Kinder Sportarten kennen- und möglicherweise lieben lernen, mit denen sie ansonsten niemals in Berührung gekommen werden.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag leisten Sportvereine zur Bildung?

Eberle: Welche Bedeutung ein Wechsel von An- und Entspannung im Schulalltag für die Lernfähigkeit haben, ist hinreichend wissenschaftlich belegt. Sport und Musik können da einen großen Beitrag leisten. Mal ganz abgesehen davon, dass mehr Bewegung nicht nur für den Geist, sondern auch für den Körper wichtig ist. Denken Sie nur an die Frage übergewichtiger Kinder oder die alarmierende Zahl der Kinder, die nicht schwimmen können.

Online-Redaktion: Sie sprachen vorhin von einer Win-Win-Situation. Wie kann die Zusammenarbeit der Professionen aus Schule und Sport gelingen?

Eberle: Beispiele gelingender Kooperationen zeigen, dass Schule und Sportvereine an einem Tisch sitzen und gemeinsam Konzepte für den ganzen Tag entwickeln müssen. Sie müssen klären, wie die Clubs und ihre Erfahrung für Bildung genutzt werden können. Welchen Beitrag kann der Sport zum Erziehungsauftrag leisten? Welche sozialen Aspekte spielen eine Rolle? Die Übungsleiter sollten sich auch inhaltlich mit der Schulleitung und dem Sportverein abstimmen. Es reicht auf jeden Fall nicht, dass ein Hausmeister dem Übungsleiter des Vereins den Hallenschlüssel in die Hand drückt und der seine Trainingseinheit absolviert. Auch dafür müssen die Koordinatorinnen und Koordinatoren werben und die Weichen stellen. Eine spannende und anspruchsvolle Aufgabe.


 

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