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Wachstum und Zusammenhalt

Die Gesellschaft wandelt sich, Großfamilien stehen nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens. Die Private Montessori-Volksschule Wertingen hat sich demgegenüber als eine der ersten Ganztagsschulen in Bayern auf dem Weg gemacht, den Zusammenhalt zwischen Jung und Alt wiederherzustellen - nach dem Gesellenstück hat sie mit dem Werkhaus der Generationen nun ihre Meisterprüfung abgelegt.

Schulen, die etwas aus eigener Kraft erreicht haben, zeichnen sich durch vermehrten Eigensinn aus: Sie wagen etwas, betreten Neuland, sie erkennen Chancen früher als andere Schulen, die sich mit dem Gegebenen zufrieden geben. Kurzum: Sie haben Persönlichkeit. So auch die Private Montessori-Schule in Wertingen (Bayern). Dass diese Einrichtung auch noch zu den Ganztagsschulen der ersten Stunde gehört, ist gewiss alles andere als ein Zufall.

Die Schule, von der die Rede ist, liegt mitten in Wertingen, unweit des herrschaftlich wirkenden Schlosses, das heute als Rathaus dient. Die Private Montessori-Schule erkannte als eine der ersten Schulen in Bayern die Chancen, die sich mit dem IZBB für den Schulbau und die Schulentwicklung eröffneten: Aus den IZBB-Mitteln errichtete sie mit Zuschüssen in Höhe von 484.000 Euro im Jahr 2005 ein "Werkhaus der Generationen", für das sie im Jahr 2008 einen Anerkennungspreis im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule" gewann.

Wer sich nach dem Weg erkundigt, muss nicht lange warten, bis er die richtige Straße gewiesen bekommt. Kein Wunder, denn die Montessori-Schule ist eine bekannte und geschätzte Einrichtung im ländlichen, durch Tradition geprägten Wertingen.

Familien fallen zunehmend auseinander

Experimentierfreudige Schulen bekommen gerade in diesem ländlichen Umfeld nichts geschenkt. Sie müssen sich ihren guten Namen durch außergewöhnliche Erfolge erst verdienen, erklärt Sonja Spiegler, die Geschäftsführerin des Montessori-Vereins. Allerdings hat der soziale Wandel, der sich durch eine zunehmende Individualisierung von Lebenschancen und die tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt auszeichnet, auch in Wertingen seine Spuren hinterlassen.

Schließlich gehören alleinerziehende Mütter und geschiedene Ehen längst zum Alltagsbild der Gemeinde: "Oft kommen Familien von einem Gehalt allein nicht mehr über die Runden" so Sonja Spiegler. Die Notwendigkeit, dass beide Elternteile arbeiten, habe durch die Finanzkrise sogar zugenommen: "Wir unternehmen eine große gemeinschaftliche Anstrengung, damit sich wirklich alle Familien einen Schulplatz bei uns leisten können", so Spiegler.

Letztlich ist es ein Glücksfall für alle - für die Gemeinde, die Kinder, die Pädagogen sowie die Eltern -, dass die Montessori-Schule sich in Wertingen angesiedelt hat. Das Umfeld ist aber auch wie gemacht für den Gedanken der Montessori-Pädagogik. Ein Beispiel: Vor dem Eingang der Schule befindet sich ein Bauerngarten, der von den Kindern bestellt wird. Diese identifizieren sich mit dem kleinen Grundstück, das unter ihrer Obhut und Pflege steht. Schließlich lernen sie so die Bedeutung lebensnaher Arbeit viel besser einzuschätzen - übrigens hatte Maria Montessori dies in ihrem "Erdkinderplan" bereits skizziert.

In Blickweite des Gemüsegartens liegt der benachbarte Bauernhof, mit seinem Stall, der Scheune und dem obligatorischen Traktor: Während die Kinder ihren Kräuter- und Rosengarten pflegen, weht ihnen der Geruch von natürlichem Dung mit der Frühlingsluft in die Nasen. Die Verbindung der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler mit der Lebenswelt der älteren Generationen liegt in der Montessori-Schule gewissermaßen auf der Hand. Dementsprechend wurde auch das Gebäude für die Nachmittagsangebote "Werkhaus der Generationen" genannt, denn hier lernen und arbeiten Jung und Alt gemeinsam.

"Eine Schule ohne Angst und Druck" - die Lösung

Doch wie kam es zur Gründung dieser besonderen Schule, die nicht nur durch ihre hohe pädagogische Professionalität, sondern auch durch ihr außergewöhnlich gut gestaltetes Schulhaus auf sich aufmerksam macht?

Mit der Idee einer kindergerechteren Pädagogik wurde im Oktober 1989 in Waldkirch der Montessori-Vereins gegründet, der heute noch als Träger der Schule fungiert. Schon im September 1990 wurde das Gründerrisiko mit der staatlichen Genehmigung der ersten Montessori-Grundschule in Schwaben belohnt. Allerdings bezog die Schule ihren Standort zunächst für vier Jahre in Lauingen. Die endgültige Bleibe der Schule fand der Montessori-Verein schließlich in Wertingen. Mitten im Ort wurde ein ehemaliges Möbelhaus von einem Investor aufgekauft und bald darauf von den Eltern zu einer Schule umgebaut, die heute durch ihre pädagogische Architektur besticht.

Für den Ausbau zur Ganztagsschule zog man übrigens den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes GGT e.V., Stefan Appel, zu Rate. Appel machte im Rahmen einer Begehung des Gebäudes auf die Gestaltung der Räume aufmerksam, die sich in das pädagogische Konzept einfügen sollten. "Appel betonte: 'Ihr braucht neue Räume, die dem Ganztagsbetrieb funktional zugeordnet sind", wandte sich Appel an die Pädagogen.

Schulleiterin Erika Biberacher erinnert sich: Als sie einen Vortrag mit dem Titel "Schule ohne Angst und Druck" hörte, hat es bei ihr Klick gemacht. Der leistungsbetonten und notenfokussierten Schule, die sie selber als verbeamtete Lehrerin von der Pike auf kannte, wollte sie von nun an für immer den Rücken kehren. "Das Ziel der Bildung sind Menschen, die ein erfülltes, glückliches Leben in Frieden mit sich selbst, mit den Mitmenschen und in Verantwortung für die Welt leben". Gegenwärtig besuchen rund 330 Schülerinnen und Schüler die Einrichtung, die sich mit ihrem inklusiven Ansatz als "eine Schule für alle" versteht. Die Kinder haben die Möglichkeit, nach dem Besuch der Grundschule die weiterführende Schule bis zur Fachhochschulreife zu besuchen.

Das Maß der Dinge: das Wachstum des Kindes

Eine Besonderheit der Montessori-Pädagogik ist die individuelle Förderung gemäß den psycho-physischen Entwicklungsstadien des Kindes. Lernen ist bei Maria Montessori ein ganzheitlicher, auf das Lernsubjekt fokussierter Prozess, der die Kinder zur eigenverantwortlichen Tätigkeit und zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit anregt: "Geistige und körperliche, soziale und emotionale Aspekte der Bildung sind gleich zu gewichten und nicht voneinander zu trennen", heißt es in der schuleigenen Broschüre.

Da das seelische und geistige Wachstum der Kinder, Montessori zufolge, zwar einer allgemeinen Entwicklungslogik folgt, die aber individuell sehr variiert, müsse man den Schülerinnen und Schülern spezifische Lernformen bereitstellen. Diese handlungsorientierten Settings wie Freiarbeit im Rahmen einer vorbereiteten Umgebung, Dokumentation der Lernarbeit in Form von Tagebüchern, Arbeit mit Montessori-Material, ein Bewertungsprozess in Selbst- und Fremdeinschätzung anstelle von Noten, handlungsorientierte Projekte, Praktika zur Berufsorientierung bilden das Fundament der Pädagogik. Fragt man eine Schülerin der sechsten Klasse, ob sie die Lehrerin als Lernbegleiterin erleben, bekommt man zur Antwort: " Als einen Menschen!"

Abschied von der Paukschule

Pädagogen legen Wert darauf, dass sie regelmäßig über den eigenen Tellerrand gucken und Fortbildungen besuchen: "Wir haben nicht nur den Montessori-Tunnelblick", erklärt Sonja Spiegler. Vor allem Grundschulen seien frauendominiert und lange Jahre habe die Lehrerinnen stark auf die Emanzipation geschaut und die Mädchen stark gefördert: "Die Montessori-Schule kann schneller auf die vaterlose Gesellschaft reagieren. Deshalb suchen wir ganz bewusst auch männliche Erzieher." Wie viele andere Schulen auch, hat es die Montessori-Schule mit einer sehr heterogenen Schülerschaft zu tun.

Wenn ein Kind an einer Regelschule persönliche oder schulische Probleme habe, droht es im Unterricht schnell zurückzufallen - auch traue man sich kaum die Fachlehrer zu fragen, wenn man etwas nicht kapiert habe. So potenzieren sich die Probleme, was mit der Einführung des G8-Gymnasiums nur noch verschärft wird. Dagegen wird das Lerntempo in der Montessori-Schule an das einzelne Kind angepasst, was nicht zuletzt durch die kleineren Gruppen und die individualisierenden Lernformen ermöglicht wird: "Hier geht es mir viel besser", verrät die 14-jährige Hannah.

Eine Schule leistet sich ein "Dorf" und eine "Stadt"

Der Eindruck von Individualität wird rasch bestätigt, wenn man sich in dem Schulgebäude genauer umsieht. Nicht nur die Menschen, auch die Schule als dritter Pädagoge - sie wächst und wächst, nicht anders als eine vitale Stadt. Der zusätzliche Raum, der mit Beginn des 21. Jahrhunderts für weitere Klassenzimmer, Fachräume oder für Aufenthaltsbereiche geschaffen wurde, wurde mit dem Leitthema "Dorf" oder "Stadt" als Gestaltungsprinzip in Verbindung gebracht.

Es gibt ein Bistro, eine Sonnenterasse und eine Sitzstufe à la "Spanische Treppe" steht etwa für die mediterrane Stadt. Eine weitere Besonderheit der Montessori-Pädagogik, wie sie in Wertingen gelebt wird, sind die altersgemischten Lerngruppen sowie die bewusste Öffnung der Schule für die Eltern und Senioren: "Bei uns sind die Eltern und interessierte Menschen jederzeit willkommen", so die Schulleiterin.

Das Meisterstück der Schule: das "Werkhaus der Generationen"

Auf dem Weg zur offenen Ganztagsschule erwies sich das "Werkhaus der Generationen" als ein ganz entscheidender Schritt. Die Idee, die der Montessori-Verein mit dem Werkhaus verband, lautete: "Kinder und Jugendliche brauchen 'echte' Aufgaben und den Kontakt zu Menschen verschiedenen Alters". Die Mittel aus dem IZBB kamen gerade zur rechten Zeit, schließlich standen im Oktober 2003 die Mittel bereit, um auf rund 850 Quadratmetern ein kleines Paradies der Zukunft einzurichten.

Das neu lichtdurchflutete Gebäude, das sich wie organisch in das Schulgelände einfügt bietet neben seinen bauästhetischen Reizen alles, was den idealen Ganztag ausmacht: es wurden Werkräume, Ateliers, Gruppen-, ein Koch- und Speisebereich für das tägliche warme Mittagessen errichtet. Das Gebäude bietet ferner Platz Theater, Bewegung, Musik und Spiel, aber auch für das Vertriebsbüro der Schülerfirma "kids@work" und für ein kleines Lehrerzimmer. Mit anderen Worten: Es ist das pulsierende Herz des Ganztagsbereichs geworden, der an vier Nachmittagen für rund 140 Kinder und Jugendliche bis um 16 Uhr geöffnet hat.

"Wir lernen hier das Gleiche wie Ihr - bloß freiwillig!"

In der Schreinerwerkstatt engagiert sich ein freundlicher älterer Herr auf ehrenamtlicher Basis, der von den Kindern wie ein Lehrmeister des Lebens behandelt wird - während er seinen Lebensabend mit sinnerfüllenden Aufgaben widmet. Empfinden die Kinder die Schule überhaupt noch als Schule?

Auf die Frage einer Regelschülerin, was man denn an einer Montessori-Schule mache, sagte die von uns: "Wir lernen hier das Gleiche wie Ihr - bloß freiwillig!" Während Vanessa, 13 Jahre, in der Frühlingssonne im Freien auf der Schaukel sitzt, gibt auch sie eine eindeutige Antwort: "Es ist so schön, wie wir mit Freunden hier die Zeit genießen - alt wird man schnell genug.

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