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Im Fokus: der Siebte Familienbericht "Familie zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität"

Der Siebte Familienbericht der Bundesregierung "Familie zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität", der im Dialog mit breiten gesellschaftlichen Gruppen erarbeitet wurde, ist ein Meilenstein der Familienforschung in Deutschland. Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Mitverfasserin des Siebten Familienberichtes und neue Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, gibt einen Einblick in die zentralen Handlungsfelder für zukünftige Familien- und Bildungspolitik. Welche gesellschaftlichen Gruppen wurden für den Siebten Familienbericht einbezogen, und welche zentralen Aussagen trifft er über die Kopplung von Familienhintergrund und Bildungschancen?

Jutta Allmendinger

Online-Redaktion: Der Siebte Familienbericht "Familie zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität" hat eine lange Vorgeschichte: Workshops, Gutachten und Expertenhearings, hinzu kamen Vorgaben des Bundesministeriums für Familie und Jugend. Im Ergebnis liegt der Öffentlichkeit eine fundamentale Bestandsaufnahme der Situation von Familien in Deutschland, aber auch eine grundsätzliche Neubestimmung der Familienpolitik vor. Wie beeinflusst diese die Perspektiven der Bildungspolitik?

Allmendinger: Die Kommission spricht sich im Siebten Familienbericht dafür aus, flexiblere Lösungen für die Verknüpfung von unterschiedlichen Lebensbereichen zu finden. Dazu gehört auch, dass die Erwerbswünsche von Frauen besser als bisher gefördert werden.

Um die noch immer bestehenden Restriktionen für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit abzubauen und erwerbstätigen Eltern eine Verlässlichkeit im Alltag zu bieten, muss ein flächendeckendes Netz qualitativ hochwertiger Betreuungsangebote für Kinder aller Altersklassen geschaffen werden. Diese Forderung ist auch vor dem Hintergrund der gravierenden Bildungsarmut in Deutschland zu verstehen. Hier besitzt vor allem die Ganztagsschule - neben der frühkindlichen Förderung - einen herausragenden Stellenwert. Der Familienbericht macht deutlich: Familienpolitik, Sozialpolitik und Bildungspolitik dürfen nicht länger isoliert nebeneinander stehen, vielmehr bedarf es einer stärkeren Verzahnung.

Online-Redaktion: Welche Akzentverschiebungen hat der Siebte Familienbericht der Bundesregierung in Bezug auf seine Vorgängerberichte vorgenommen?

Allmendinger: Der Siebte Familienbericht baut auf die Vorgängerberichte auf: Im Fünften Familienbericht wurde die Bedeutung der Familie für das Humanvermögen dargestellt, der Sechste Familienbericht hat die Lebenssituation von ausländischen Familien analysiert. Die Kommission des aktuellen Familienberichts konnte auf diese Analysen zurückgreifen und erarbeitete vor allem Konzepte für eine neue Balance zwischen verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Beruf und dem Lebensumfeld von Familien.

Ein besonderer Schwerpunkt wurde dabei auf die international vergleichende Perspektive der Entwicklung von Familie und Familienpolitiken gelegt. Familienentwicklungen in Deutschland werden im Siebten Familienbericht als Teil einer europäischen Entwicklung interpretiert. Dadurch erhoffte sich die Kommission, Antworten und Reaktionen auf die vielförmigen Herausforderungen moderner Gesellschaften zu finden - Antworten, die auch für Deutschland wichtig sind.

Anders als bei früheren Familienberichten hat der Auftraggeber Wert darauf gelegt, den Bericht auch jenseits der üblichen Anhörungen dialogorientiert zu erarbeiten und öffentlich zu kommunizieren. Im Erarbeitungsprozess wurde daher ein gesellschaftlicher Dialog mit Familienverbänden, Kirchen, Gewerkschaften und Unternehmen, Politik und Wissenschaft geführt.

Online-Redaktion: Wie sehen die Eckpfeiler einer nachhaltigen Familienpolitik aus?

Allmendinger: Eine der größten Herausforderungen in der Entwicklung von familialen Beziehungen ist die Änderung der Lebensläufe durch die längere Lebenserwartung, durch höhere Qualifikationen und eine größere Vielfalt in den beruflichen und privaten Lebensabschnitten. Dies alles bedarf neuer Strategien der Bewältigung - einer neuen Balance. Um eine solche Balance zu gewährleisten, darf nachhaltige Familienpolitik nicht auf Einzelmaßnahmen setzen. Familienpolitik ist vielmehr ein Dreiklang von Zeitpolitiken im Lebenslauf und in der täglichen Zeit, von der Entwicklung neuer Konzepte integrativer Infrastrukturen, die die Rhythmen der Lebensläufe von Familienmitgliedern unterstützen und schließlich auch von finanziellen Transfers. Nur so lassen sich Rahmenbedingungen schaffen, die es jungen Erwachsenen im 21. Jahrhundert ermöglichen, eine Familie zu gründen.

Online-Redaktion: Stichwort Zeitpolitik: Welche Empfehlungen gibt der Siebte Familienbericht für eine familienfreundliche Bildungspolitik?

Allmendinger: Ein großes Kapitel des Siebten Familienberichts widmet sich dem Thema Zeitorganisation im Lebensverlauf. In Deutschland kann vor allem bei Frauen eine enorm verdichtete "Rush Hour" in der Mitte des Lebens beobachtet werden, die durch die Gleichzeitigkeit von Familiengründung und Berufsstart entsteht. Die Kommission plädiert dafür, neue Lebensverlaufsmodelle zu entwickeln, um die Zeitspanne für Ausbildung, Beruf und Familiengründung zu entzerren und zu verlängern.

Im Bereich der Bildungspolitik würde das zum einen bedeuten, jungen Menschen die Familiengründung schon während des Studiums zu ermöglichen. Darüber hinaus sind weitere Modularisierungen notwendig. Durch die Einführung gestufter Studien- und Abschlussstrukturen im Hochschulbereich wurde ein Anfang gemacht: Junge Frauen und Männer haben damit die Chance, die Familiengründung im Anschluss an den ersten Abschluss zu legen, um dann später ein weiterführendes Studium anzuschließen. Von Altersbegrenzungen, etwa bei der Vergabe von Stipendien oder bei Zulassungen zum Masterstudiengang, muss dann natürlich Abschied genommen werden.

Damit auch die Gestaltung der Alltagszeit einfacher wird, müssen die Betreuungsangebote für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche so ausgebaut werden, dass die unterschiedlichen Lebensbereiche besser synchronisiert werden können. Durch die restriktiven Öffnungszeiten von Krippen und Kindergärten sowie durch unsere Halbtagsschulorganisation war dies bisher selbst bei Teilzeitarbeit kaum möglich.

Online-Redaktion: Was haben Sie über die negative Kopplung von Bildungschancen und sozialem Hintergrund herausgefunden?

Allmendinger: In kaum einem anderen Land sind die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen so eng mit dem sozialen Hintergrund verknüpft wie in Deutschland. Selbst bei gleichen Kompetenzen hat es ein Kind mit niedrigem sozioökonomischem Background hierzulande schwerer, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind aus einer ökonomisch besser gestellten Schicht. Im Hochschulstudium setzt sich diese Sozialvererbung fort. Nur zwölf Prozent der Studienberechtigten kommen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Elternhäusern, während nahezu vier Fünftel der Studienanfänger aus einkommensstarken Haushalten stammen.

Online-Redaktion: Stichwort Ganztagsschulen: Für die Leserinnen und Leser unseres Portals ist von Interesse, wie Sie das Verhältnis von familiärer Erziehung und öffentlich verantworteter Bildung und Erziehung einschätzen, auch im europäischen Vergleich.

Allmendinger: Die familienpolitischen Traditionen des deutschen Sozialstaates schlagen sich in einer strikten Trennung zwischen Erziehung und Bildung nieder. In den skandinavischen und angelsächsischen Staaten ist dagegen die Kopplung von Bildung und Erziehung und die frühkindliche Förderung ein gesellschaftspolitisches Anliegen. In fast allen Industriestaaten, besonders auch in den Spitzenländern der PISA-Studie, wird die Ganztagsschule in großem Umfang praktiziert, in Deutschland werden die Kinder jedoch um die Mittagszeit vor die Tür gesetzt.

Wenn es um öffentliche Bildung und Erziehung geht, tun wir uns noch immer schwer. Dabei geht es bei Ganztagsschulen nicht um eine "Verwahrung" von Kindern und Jugendlichen, die keine Bedeutung für die schulische Bildung hätte, sondern um eine Verbesserung des Lehrens und Lernens und damit auch der Qualität von Schule. Für Kinder, die in schwierigen Lebens- und Familienverhältnissen aufwachsen, haben wir eine große Verantwortung. Das deutsche Halbtagsschulsystem erschwert aber die Integration von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund. Ganztagsschulen ermöglichen nicht nur eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern garantieren gleichberechtigte Bildungsmöglichkeiten.

Kindern, die zu Hause keine Bücher vorfinden, denen zu Hause bei den Hausaufgaben nicht geholfen wird oder die einen Computer nur als Spielgerät erfahren, können in der Ganztagsschule viele Anregungen und Möglichkeiten finden, die ihnen sonst zu oft verschlossen bleiben.

Online-Redaktion: Integration gehört zu den Kernaufgaben zukünftiger Bildungspolitik. Welchen Beitrag kann denn nachhaltige Familienpolitik dazu leisten, dass die Bildungschancen für Migrantinnen und Migranten grundsätzlich verbessert werden?

Allmendinger: PISA 2003 zeigt, dass neben der starken Kopplung von Bildungschancen und sozialer Herkunft die Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland besonders groß sind. Im internationalen Vergleich lassen sich Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in allen Staaten feststellen. In Deutschland jedoch erreichen Migrantenkinder der ersten Generation ein höheres Kompetenzniveau als diejenigen, die in Deutschland geboren und zur Schule gegangen sind.

Unseren Bildungsinstitutionen gelingt es offensichtlich nicht, Kindern mit Migrationshintergrund gleiche Bildungschancen zu eröffnen. Das zeigt sich auch darin, dass diese Schülerinnen und Schüler überproportional in Hauptschulen vertreten sind und die höchsten Wiederholeranteile aufweisen. Die Schwierigkeiten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund setzen sich auch im späteren Ausbildungsverlauf fort: Sie haben erhöhte Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz im dualen Berufsbildungssystem zu erhalten. Wir müssen uns daher anstrengen, um Kindern und Jugendlichen mit Einwanderungsgeschichte eine faire Chance in unserer Gesellschaft zu geben.

Notwendig sind Reformen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die auch Auswirkungen auf die Eröffnung von Bildungschancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kindern mit Migrationshintergrund haben. Mit einem breiteren Angebot im frühkindlichen Bereich, der auch einen Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen umfasst, und differenzierten Ganztagsangeboten bieten sich Chancen, Sprachdefizite bei Migrantenkindern und zunehmend auch bei deutschen Kindern abzubauen.

Online-Redaktion: Schon jetzt zeitigt der demographische Wandel spürbare Auswirkungen auf die Schulen. Die Finanzierung von Schullaufbahnen und die Ausbildung der nachwachsenden Generationen wird eine immer größere Rolle spielen. Welche Lösungsvorschläge entwickeln Sie in dem Familienbericht?

Allmendinger: In der Tat sinken in den neuen Bundesländern die Schülerzahlen vor allem im Primärbereich bereits heute massiv, und auch in den alten Ländern wird für die kommenden Dekaden ein spürbarer Rückgang prognostiziert. Diese quantitative Verschiebung geht mit einer qualitativen Bildungsstagnation einher: Der Anteil der Gymnasiasten ist an der 30-Prozent Marke stehengeblieben. Gleichzeitig verlassen nach wie vor rund zehn Prozent der Jugendlichen die allgemein bildende Schule ohne formalen Abschluss. Die Arbeitskräftebedarfsprojektionen aber weisen unisono auf eine steigende Nachfrage nach gut und sehr gut ausgebildeten Arbeitskräften hin. Den nachrückenden geburtenschwachen Jahrgängen wird es nur unter erheblichen Anstrengungen möglich sein, diesen Zusatzbedarf zumindest annähernd zu decken.

Zusätzliche Ausgaben für Bildung sind daher notwendig. Außerdem ist es entscheidend, dass durch die sinkenden Schülerzahlen die frei werdenden Ressourcen auch effektiv genutzt werden. Etwa, indem kleinere Klassen gebildet und konsequent in Ganztagsschulen, aber auch in Lehrerfortbildungen investiert wird. Damit könnte ein Lernumfeld geschaffen werden, das stärkere individuelle Förderung ermöglicht und hilft, den starken negativen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland zu überwinden und bisher brachliegende Bildungspotenziale besser auszuschöpfen.

Wenn in Zukunft gut qualifizierte Fachkräfte fehlen, heißt es aber auch, ältere Mitarbeiter zu fördern und ihren die Möglichkeiten zu geben, ihre Beschäftigungsfähigkeit durch Weiterbildung zu erhalten. Weiterbildung darf dabei nicht nur verstanden werden als eine betriebsintern organisierte Aufstiegsfortbildung oder Umschulungsmaßnahme, die erst in der Arbeitslosigkeit ansetzt. Vielmehr muss Weiterbildung so gestaltet werden, dass dabei auch neue Tätigkeiten und Berufsfelder erschlossen werden können. Diese Art von Weiterbildung setzt jedoch eine neue Konstruktion von Lebensläufen voraus, die es möglich machen, dass Bildungszeiten systematisch in die eigene Lebensplanung eingebettet werden können. Hier müssen neue Wege der Verknüpfbarkeit von Erstausbildungen und Berufspraxis mit Kompetenzerweiterungen geschafft werden.

Prof. Dr. Jutta Allmendinger, geboren 1956, Studium der Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Mannheim sowie der Volkswirtschaftlehre und Statistik an der Universität Wisconsin. 1989 Promotion an der Harvard University in Cambridge, USA. Wissenschaftliche Angestellte am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung von 1988 bis 1991. Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit Februar 2003 leitete sie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Seit 2007 ist sie Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

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