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"In der Schule mitbestimmen und das eigene Leben gestalten"

Die Freude an demokratischer Beteiligung kann bei Schülerinnen und Schülern nicht früh genug geweckt werden. Ganztagsschulen bieten zeitlich und konzeptionell gute Voraussetzungen für Partizipation. Eine solche Teilhabe hilft, Ganztagsschulen zu Lern- und Lebensorten zu machen. Anna-Lena, 16 Jahre, und Helena, 14 Jahre, die als Schülervertreterinnen des Pamina-Schulzentrums Herxheim auch am 3. Netzwerktreffen der Modellschulen für Partizipation in Landau teilgenommen haben, erläutern in einem Gespräch mit der Online-Redaktion, warum Partizipation stark und selbstbewusst macht.

Online-Redaktion: Könnt Ihr Euch beide bitte mal kurz vorstellen?

Anna-Lena: Ich heiße Anna-Lena Alt und besuche das Gymnasium im Pamina-Schulzentrum Herxheim als Schülerin der zehnten Klasse einer Ganztagsschule.

Helena: Ich bin Helena Stark und Schülerin der sechsten Klasse am Pamina-Gymnasium.

Online-Redaktion: Was hat euch beim dritten Netzwerktreffen der Modellschulen Partizipation gefallen?

Helena: Mir hat die Veranstaltung in Landau gefallen. Dabei hat die Freie Montessori Schule Landau auf mich einen guten Eindruck gemacht, weil das Klima an der Schule sehr angenehm war. Die Schülerinnen und Schüler waren ziemlich ruhig, und man konnte sich auch mit den Erwachsenen unterhalten.

Anna-Lena: Auch mir hat die gastgebende Schule gut gefallen, weil man zuschauen konnte, wie sie die Schülerbeteiligung gestalten. Das fand ich interessant.

Online-Redaktion: Warum denn?

Anna-Lena: Die Schule ist ganz anders als unsere: Bei uns am Pamina-Gymnasium Herxheim wird mehr Unterricht gemacht, während es an der  Montessori-Schule mehr Freiarbeit gibt. Dabei arbeiten die Schülerinnen und Schüler auch viel alleine. Wir dagegen bekommen von den Lehrkräften mehr Aufgaben.

Online-Redaktion: Ihr habt also auch durch den Vergleich der Schulformen gelernt?

Anna-Lena: Auf jeden Fall. Es war eine wichtige Erfahrung zu sehen, wie die Lehrkräfte an der Montessori-Schule Landau  mit den Schülern umgehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Lehrerinnen und Lehrer mehr auf die einzelnen Schüler eingehen. Ich bewundere, dass die Schüler-Lehrer-Beziehung dort so gut funktioniert. So etwas wünsche ich mir auch für unsere Schule.

Helena: Mir gefiel auch, dass man die Lehrer duzen darf.

Online-Redaktion: Wie sieht denn ein Tag in Eurer Ganztagsschule aus?

Anna-Lena: Er beginnt um 7:45 und endet um 15:50 Uhr. Vormittags findet der normale Unterricht statt, dann essen wir in der Cafeteria zu Mittag. Anschließend gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, die von Lehrkräften durchgeführt wird, und Kompetenzerweiterung. Die Schwerpunkte am Nachmittag liegen in den Bereichen Mathematik, Deutsch, Englisch. Dazu werden Aufgaben durchgenommen. An bestimmten AG-Tagen wird nachmittags auch Sport angeboten und anderes.

Online-Redaktion: Wo bleibt da noch Zeit für die demokratische Schülerbeteiligung?

Anna-Lena: Die Schülerbeteiligung beruht ja auf Freiwilligkeit. Wir sind keine komplette Ganztagsschule, sondern das Ganztagsangebot betrifft diejenigen Mitschüler, die von ihren Eltern angemeldet wurden. Die UNESCO-Arbeit fängt beispielsweise Freitag Nachmittag an, wenn offiziell keine Ganztagsschule mehr stattfindet. Den Nachmittag müssen sich die Schülerinnen und Schüler ab 13:00 Uhr für Projektarbeit freihalten. Das Pamina-Gymnasium ist Teil des bundesweiten Netzwerkes der UNESCO-Projektschulen. Dabei werden Themen wie Menschenrechte, Umweltschutz und Toleranz in Form von Projekten vermittelt.

Die Schülervertretungsarbeit findet während des Schultages statt. In den fünften und sechsten Klassen, die als Ganztagsklassen eingerichtet sind, gibt es pro Woche eine Klassenleiterstunde mit den Schülervertretern. Wenn wir Zeit für eine Abstimmung brauchen, die die Klasse betrifft, machen wir das während der Unterrichtszeit.  

Ich glaube, dass die Ganztagsschule den Vorteil hat, dass man stärker mit der Schule verbunden ist. Es fällt einem leichter, sich einzubringen und über gemeinsame Dinge auszutauschen. Dies kann man von Zuhause, per Telefon oder E-Mail natürlich nicht so gut. In der Ganztagsschule hat man persönliche Ansprechpartner wie Lehrer oder Mitschüler und kann sich mit der entsprechenden Person direkt austauschen.

Online-Redaktion: Woher bringst Du dieses Engagement mit? Kommt es auch von Zuhause?

Anna-Lena: Ich bin zunächst als Einzelkind aufgewachsen und habe erst sehr spät Geschwister bekommen. Deswegen war ich immer bei Familienfeiern das einzige Kind unter Erwachsenen, und da muss man sich etwas anpassen.

Meine Familie ist sehr stark in sozialen Berufen vertreten. Meine Tante und Oma sind beide Krankenschwestern und haben in einem Altenheim bzw. Krankenhaus, meine Großtante hat in einem Behindertenheim gearbeitet. Von daher war soziales Engagement in unserer Familie schon ausgeprägt.  

Online-Redaktion: Was ist Partizipation für Euch?

Anna-Lena: Einfach diese Gemeinschaft und das Miteinander von Lehrerinnen und Lehrern, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern. Eine gute Schule beruht auf der guten Beziehung zwischen diesen drei Pfeilern. Wenn die Eltern und Lehrer nicht miteinander kommunizieren, kann Schule nicht gut funktionieren. Der Schüler sollten weder Vermittler noch Prellbock zwischen den Eltern und Lehrenden sein.

Helena: Das finde ich auch sehr wichtig. Vor allem aber auch, dass man als Schüler den Lehrern vertrauen kann. Manchmal hat man den Fall, dass sich die Schüler und Lehrer nicht leiden können. Hier an der Montessori-Schule mögen die Schülerinnen und Schüler fast jeden Lehrer, weil sie besser kommunizieren - und das gefällt mir.

Online-Redaktion: Was hat aus Eurer Sicht Partizipation mit Demokratie zu tun?

Anna-Lena: Ganz viel, weil Partizipation nur auf der Grundlage der Demokratie und einem gleichberechtigten, respektvollen Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen funktionierenkann.

Online-Redaktion: Wie könnte an Eurem Gymnasium in Herxheim mehr Partizipation stattfinden?

Anna-Lena: An unserer Schule sind wir eigentlich schon relativ weit. Wir haben ja die UNESCO-Gemeinschaft, in der Eltern, Schüler und Lehrkräfte zusammenarbeiten. Ich glaube, durch eine bessere Kommunikation könnte diese Gemeinschaft auch im normalen Schulalltag durchgesetzt werden. Partizipation sollte aber nicht nur in Form einer Arbeitsgemeinschaft oder von Projektarbeit stattfinden, sondern ich finde, das ist etwas für die ganze Schule.

Helena: Ich bin auch ganz zufrieden mit der Partizipation an unserer Schule. Aber man sollte noch daran arbeiten, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Respekt vor den Lehrern haben. In unserer Klasse fehlt es manchen Mitschülern daran - das geht dann zu Lasten des Lernens.

Anna-Lena: Aber ich meine, dass es nicht reicht, wenn man nur auf die eine Seite schaut. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler sollten mehr Respekt vor den Lehrern haben. Wichtig ist auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer den einzelnen Schüler als Individuum wahrnehmen und nicht nur als Teil einer Klassengemeinschaft behandeln. Sie sollten stärker auf den einzelnen Menschen achten.

Online-Redaktion: Welche Instrumente der Partizipation habt ihr hier in Landau kennengelernt und was bedeutet für Euch dabei Verantwortungsübernahme?

Helena: An unserer Schule gibt es selbstverständlich eine Schülervertretung. Dabei ist der UNESCO-Ansatz für mich auch ein Instrument der Partizipation, weil sich die Schüler, Eltern und Lehrer treffen. So planen wir alle Projekte, die im Namen der UNESCO veranstaltet werden, gemeinsam an der Schule. Die Schülerinnen und Schüler sind da genauso kreativ beteiligt wie die Eltern oder Lehrer.

Anna-Lena: An unserem Gymnasium, das ja auch ein Schulzentrum ist, ist der Gedanke der Partizipation ziemlich hoch angesetzt. Die Schülerinnen und Schüler lernen früh, dass sie die Konsequenzen für ihr Handeln selbst tragen müssen.

Zum Beispiel beim Thema Ordnung und Sauberkeit. Gerade in unserer Klasse spielt das eine Rolle: Wir haben einen Teppichboden - was an sich schon selten ist - der aber gepflegt werden muss. Nun kam allerdings niemand von der Schulleitung vorbei und sagte: "So, lasst euch mal was einfallen, um das Problem zu lösen!"

Vielmehr hat unser Klassenlehrer uns ins Gewissen geredet und gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Dann haben wir aus Eigeninitiative einen Staubsauger angeschafft. Verantwortungsübernahme bedeutet dann, dass man den Klassen bestimmte Räume zuordnet, und dass die Schülerinnen und Schüler für diese die Verantwortung tragen.

Helena: Das mit der Verantwortung ist in unserer Klasse so eine Sache. Bei uns sagen viele: Ich bin hier nur zum Lernen, ich wohne hier nicht. Deshalb sind viele auch nicht bereit, die Räume sauber zu halten oder zu kehren, weil sie die Verantwortung auf den Kehrdienst schieben.

Anna-Lena: Ein bisschen von der Montessori-Pädagogik steckt auch in unserer Schule. Doch das Thema Partizipation muss unter den Schülerinnen und Schülern noch ernster genommen werden. Es reicht nicht, wenn man Schülervertreter hierher nach Landau schickt. Man muss miteinander reden, so wie es beim dritten Netzwerktreffen Partizipation in Landau auch unsere Lehrerinnen und Lehrer gemacht haben, als sie sich mit anderen Schulen ausgetauscht haben. Wir versuchen nun, über Gespräche und Diskussionen  gemeinsam weiterzukommen.

Ich hoffe, dass wir an unserer Schule etwas bewegen können, dass der gegenseitige Respekt zunimmt und sich das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern verbessert. Das kann sich aber nur bessern, wenn alle offen und gemeinsam über demokratische Beteiligung reden.

Helena: Ich werde meinem Klassenlehrer vorschlagen, gemeinsam zu überlegen, wie wir viele Sachen besser regeln. Wenn jeder eingeladen und beteiligt wird, kann man sich auch besser auf Veränderungen einlassen.

Online-Redaktion: Gehört dazu noch mehr Beteiligung als bisher?

Anna-Lena: Ich finde, man sollte die Schülerbeteiligung nicht nur auf die Schülervertretung (SV) beschränken, weil sich die Klasse sonst auf dem Rücken der gewählten Schülervertreter ausruht. Bei wichtigen Dingen ist es gut, wenn man eine Vertretung hat, aber man sollte sich dadurch nicht stillschweigend entmündigen lassen, sondern weiterhin das Recht verteidigen, in Schuldingen mitzureden.

Das ist aber schwer, denn wenn man etwas für die ganze Klasse erreichen möchte, hat man nur die Möglichkeit dazu, wenn man in der SV ist oder einen Vertrauenslehrer hat, der in dem Projekt mitarbeitet. Sonst ist eher schwierig, ein eigenes Projekt durchzusetzen.

Helena: Bei uns in der Klasse gibt es schon einen Klassenrat, der eigentlich ganz gut funktioniert: wir kommen etwa alle drei Wochen im Parlament zusammen, um uns über gemeinsame Angelegenheiten auszutauschen. Das hat uns schon viel geholfen.

Online-Redaktion: Wie sieht für Euch eine ideale demokratische Schule aus? Vermittelt sie auch Freude an der Partizipation?

Anna-Lena: Das ist eine Schule, die gemeinsam von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrer sowie den Eltern gestaltet wird, bei der jeder einzelne ein Stimmrecht hat und seine Meinung öffentlich machen kann, ohne einen langen Weg über Papiere oder sieben verschiedene Personen gehen zu müssen. Es geht also darum, dass man seine Stimme erheben kann und auch Gehör findet.

Das tolle Gefühl an der Partizipation ist für mich nicht der Prozess an sich, sondern die Genugtuung darüber, ein angestrebtes Ziel erreicht zu haben. Die Freude kommt daher, dass man mitbestimmen und sein eigenes Leben zum Besseren wenden kann. Man lernt es zu lenken und zu entscheiden, in welche Richtung man gehen will. Wenn man das eigene Leben nur schleifen lässt, wird man nur im Strom mitgetragen und verliert irgendwann den Mut.

Helena: Wenn man sich beteiligt, macht man als Schülerin oder Schüler mehr Erfahrungen und hat es später nicht so schwer.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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