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Mit Anerkennung und Wertschätzung für eine demokratische Schulentwicklung

Auf dem Ganztagsschulkongress am 12. und 13. September 2008 in Berlin werden die Mitwirkungsmöglichkeiten von Schülern und Eltern an Ganztagsschulen im Mittelpunkt stehen. Am 14. und 15. Dezember 2007 diskutierten Pädagogen, Schüler und Eltern auf der Fachtagung "Demokratische Schulentwicklung" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des SV Bildungswerks in Bad Hersfeld, wie sich Beteiligung an Ganztagsschulen initiieren, begleiten und ausbauen lässt.

Eine "bunte Mischung" fand sich am 14. Dezember 2007 im Bildungszentrum des Bundesverbands der Unfallkassen (BUK) im hessischen Bad Hersfeld ein: Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und außerschulische Pädagoginnen und Pädagogen aus allen Himmelsrichtungen. Allen lag das Thema am Herzen, welches in der Ganztagsschuldiskussion 2008 eine entscheidende Rolle spielen wird: Partizipation. Zurzeit läuft der Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, bei dem besonders gelungene Partizipationsmodelle an Ganztagsschulen gesucht werden. Am 12. und 13. September 2008 werden die Beteiligungsmöglichkeiten auf dem großen Berliner Ganztagsschulkongress der DKJS und des BMBF im Mittelpunkt stehen.

Das Thematische Netzwerk "Partizipation" der Serviceagenturen "Ganztägig lernen" Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen und Thüringen hatte zusammen mit dem Bildungswerk für Schülervertretungsarbeit in Deutschland e. V. (SV-Bildungswerk) zur Fachtagung "Demokratische Schulentwicklung - Partizipation, Qualifikation, Qualität" eingeladen, um zwei Tage lang zu diskutieren, wie an Ganztagsschulen demokratische Schulentwicklungsprozesse initiiert, begleitet und ausgebaut werden können.

Sonja Student von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Rheinland-Pfalz hält diesen Komplex für eine "Gemeinschaftsaufgabe", die einem niemand abnehme: "Wenn wir das nicht gestalten, dann macht es niemand." Bei demokratischer Schulentwicklung gehe es um die "Qualität des Zusammenlebens". Dem stimmt Anke Loser vom SV-Bildungswerk zu: "Eine demokratische Schule ist nur möglich, wenn ein Wir-Gefühl da ist und viele zusammenspielen."

"Demokratie-Audit" bewertet Fortschritte

In Sachen Partizipation muss das Rad nicht neu erfunden werden. Das im März 2007 ausgelaufene BLK-Projekt "Demokratie lernen und leben" hat einen reichen Fundus an guten Beispielen für an Ganztagsschulen verankerte Partizipation hinterlassen, wie Angelika Eikel, die an diesem Programm als Wissenschaftliche Mitarbeiterin mitgewirkt hat, auf der Tagung darlegte. So könnte in Schulklassen der Klassenrat ein basisdemokratisches Mittel sein, um Mitbestimmung im kleinen Rahmen zu erreichen. Mit dem "Service Learning", das Unterrichtsinhalte mit außerschulischem Dienst für das Gemeinwohl verbindet, halte eine neue Lernkultur Einzug. Zukunftswerkstätten und Mediationskonzepte veränderten die Schulkultur ebenso wie die Öffnung der Schulen nach außen durch Kooperationen und Vernetzung. Mit Hilfe von Supervision könnten Schulen die Personalentwicklung angehen, und paritätisch besetzte Steuerungsgruppen das Schulmanagement bestimmen. Eine Zukunftskonferenz bringe die Schulprogrammentwicklung voran.

Das "Herzstück" demokratischer Schulentwicklung ist für Angelika Eikel das "Demokratie-Audit", ein kommunikatives Verfahren zur systematischen Qualitätsentwicklung und -verbesserung durch Selbstbewertung und Begutachtung von außen anhand eines Kriterienkatalogs, an dem alle Gruppen in der Schule beteiligt sind. In bestimmten Abständen werden die Fortschritte beurteilt, die Schulen auf dem selbst gewählten Weg zu einer demokratischen Einrichtung machen. Gruppen aus anderen Schulen messen bei Besuchen die Fortschritte, führen Gespräche vor Ort und sprechen Empfehlungen aus.

Wer solche Maßnahmen an seiner Ganztagsschule einführen möchte, der "kommt nicht ohne Verbündete aus", machte Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung deutlich. "Es hat auch keinen Sinn, in solche Prozesse gleich mit Maximalforderungen wie dem Abschaffen von Noten einzusteigen. Man sollte lieber im Kleinen beginnen, wie mit der Einführung eines Klassenrates. Wichtig ist es, die Eltern dazu zu gewinnen - das ist oft schwieriger, als man denkt." Wenn man Demokratisierungsprozesse anstoßen wolle, dann biete die Ganztagsschule dafür ideale Voraussetzungen. "Es ist kein Zufall, dass die Preise für die Schule des Jahres 2007 gerade an Schulen überreicht worden sind, die sämtlich demokratisch und ganztägig organisiert sind."

Gegen die Schulleitung geht nichts

Die Eltern zu gewinnen, mag wichtig sein. Doch entscheidend - da waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig - ist die Schulleitung. Ohne oder gar gegen sie geht nichts. Achim Kessemeier, Schulleiter der Grundschule Fuldatal-Simmershausen rät, bei Veränderungen in der Schule behutsam vorzugehen: "Kontinuität und Geduld sind wichtig. Wir haben unsere Schule langsam weiterentwickelt." Dies gelang unter anderem durch den Einsatz von Zukunftswerkstätten, Ideenwerkstätten und Wir-Werkstätten. Besonders letztere Methode, bei der durch so genanntes wertschätzendes Fragen die Stärken einer Schule herausgearbeitet und dann zu konkreten Projekten weiterentwickelt werden, empfahl Kessemeier: "Die Wertschätzung ist ungemein wichtig, und im Grundschulbereich kann man so eine Wir-Werkstatt sehr gut als Open Space organisieren." Auf diese Weise seien auch die Umgestaltungsarbeiten des Schulhofs geplant worden.

Heute ist die Grundschule Fuldatal-Simmershausen eine Referenzschule der DKJS in Sachen "Partizipation in der Grundschule" und glänzt auch mit vielen anderen Schwerpunkten wie dem Programm "Schule und Gesundheit" des Hessischen Kultusministeriums, als "Umweltschule in Hessen", als "Bewegte Schule" und als Teilnehmerschule am Vernetzungsprogramm "Schola 21". Die Grundschule verfügt über ein Schülerparlament, das auch zusammen mit der örtlichen Gesamtschule abgehalten wird. "Die Kinder öffnen sich und werden selbstständiger", beschreibt Kessemeier die Folgen der Schülerpartizipation, "was auch zu einer höheren Lehrerzufriedenheit führt."

Einzig die Elternpartizipation ist noch nicht so entwickelt wie gewünscht. "Für eine kontinuierliche Elternarbeit und für Demokratie in der Schule gibt es noch keine Kultur und kein Handwerkszeug. Auch in Fortbildungen erfährt man über diese Themen nichts", bedauerte der Schulleiter. "Eigentlich sollten sich Eltern als Partner einbringen können, die ihre Lösungsvorschläge machen und ihre Kompetenzen anbieten."

Demokratische Kultur fördert Schulklima und Leistungen

Am Fontane-Gymnasium im brandenburgischen Rangsdorf werden die Eltern über die Feedback-Kultur in das Schulleben miteinbezogen. Mit Fragebogenaktionen zum Wohlbefinden an der Schule, zur Kooperation und zum Unterricht, die alle zwei Jahre durchgeführt werden, bewerten Lehrerinnen und Lehrer die Schulleitung und Eltern sowie Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse die Lehrerinnen und Lehrer. "Da wird nicht nur genörgelt, sondern auch gelobt", berichtete die Gymnasiastin Anne-Marie May, "und die Kritik wird ernst genommen. Mit ihren Anregungen übernehmen wir Schüler Verantwortung. Dadurch sind schon Arbeitsgemeinschaften, eine Schülerfirma und ein Schülercafé entstanden." Insgesamt hätten sich am Fontane-Gymnasium das menschliche Klima und im Gefolge Unterricht und Noten verbessert.

Für Sonja Student ist die Entwicklung an der brandenburgischen Ganztagsschule besonders wichtig, zeige sie doch, dass eine demokratische Schulkultur nicht im Widerspruch zu einer Leistungskultur stehe. Im Gegenteil fördere ein demokratisches Klima die Leistung und die Unterrichtsqualität. Wertegrundlage einer demokratischen Schule sei das Wohl des Kindes. Transparenz und Kommunikation, Selbstbestimmung und Kooperation, Anerkennung und Zugehörigkeitsempfinden sowie Verantwortung seinen die Bausteine, um auf dieser Grundlage aufzubauen.

Die Kreativität der Kinder frei entfalten lassen

Ralph Leipold, Schulleiter des Gymnasiums Neuhaus am Rennweg in Thüringen, unterstützte dies: "Wir sollten die Fähigkeiten der Kinder sich entfalten lassen. Aus dieser schöpferischen Kreativität wächst dann etwas heran, was die Schule verändert." Die Schulleitungen sah Leipold dabei besonders in der Pflicht: "Partizipation braucht Führung. Wir Schulleiter sind nicht für Statistik und Erbsenzählen da, sondern für Schulentwicklung. Um grundlegende Veränderungen in der Schule anzustoßen, muss man Gleichgesinnte finden und allen mit Wertschätzung und Respekt begegnen."

Auf Schülerebene können SV-Berater, die im Rahmen des Programms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" von der Servicestelle Jugendbeteiligung ausgebildet werden, Schülerinnen und Schülern helfen, demokratische Elemente in den Ganztagsschulen zu verankern. Das SV-Beraterprogramm läuft seit einem halben Jahr und wendet sich an Jugendliche der Klassen 9 und 10. Katharina Horn von der Servicestelle Jugendbeteiligung machte auf der Tagung die Schülergruppe mit den Inhalten der SV-Beratung bekannt: "Wir bilden die Schüler im Projektmanagement, in Rhetorik und Schulrecht fort, bieten Demokratieerziehungs- und Methodentrainingsseminare an."

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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