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"Für Europa lernen wir"

Wie kann das Thema Europa an den Schulen gestärkt werden? Durch die aktive Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler in den EU-Projekttag. An der Europaschule in Gießen diskutierten sie anlässlich des Projekttages als "Experten" mit dem Europaparlamentarier Dr. Udo Bullmann über ihre Zukunft in Europa. Und die Gesellschaft für europäische Bildungsprojekte e.V. (GeB) erörterte mit dem Europaexperten die Perspektiven für einen stärkeren Europabezug der Schulen.

"Non scholae, sed vitae discimus". Der gute römische Spruch hätte am 22. Januar 2007 anlässlich des EU-Projekttages eigentlich abgewandelt werden müssen: "Nicht für die Schule, für Europa lernen wir". Denn an diesem Tag hatte Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel dazu aufgerufen, die deutsche Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union mit einer Europaoffensive an den deutschen Schulen zu begehen. Politiker, Abgeordnete des Deutschen Bundestags und des Europäischen Parlamentes, Repräsentanten der Europäischen Kommission sowie den Kirchen waren als Vermittler in Sachen Europa unterwegs: "Einen Tag lang macht Europa Schule", lautete die Devise der Bundesregierung.

Während Angela Merkel in Berlin mit Schülerinnen und Schülern der Caspar-David-Friedrich-Oberschule über ihre europapolitischen Vorstellungen und Erwartungen an die Europäische Union diskutierte, zog es die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, an das Hans und Sophie Scholl Gymnasium nach Ulm. Sie diskutierte dort mit Schülerinnen und Schülern über die Chancen für Bildung und Ausbildung, die vom zusammenwachsenden Europa zu erwarten sind. Ein Anliegen der Politiker als "Botschafter" Europas war es, sich den Ängsten und Vorurteilen zu stellen, die bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland weit verbreitet sind. Um "das Verständnis junger Menschen für die europäische Union zu stärken", so die Überlegung Angela Merkels, habe sie "diese Initiative mit den Ministerpräsidenten der Länder verabredet" (Pressemitteilung der Bundesregierung vom 22.01.2007).

"Warum wechselt die Ratspräsidentschaft so häufig?"

"Für Europa lernen wir": Es klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die Schülerinnen und Schüler mehrerer hessischer "Europaschulen" hatten für den Besuch des Europa-Abgeordneten Dr. Udo Bullmann jedenfalls einen respektablen Fragenkatalog vorbereitet. In der Aula der Theodor-Litt-Schule saßen Kinder und Jugendliche von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II. Viele bereits mit Vorkenntnissen und einschlägige Erfahrungen, da sie ja alle eine Europaschule zwischen Gießen und Marburg besuchen und an Austauschprogrammen mit verschiedenen Ländern Europas teilgenommen haben, die übrigens aus dem Haushalt der Europäischen Kommission finanziert werden. Einigen Fragen an Udo Bullmann war dennoch eine gewisse Europaskepsis anzumerken.

"Warum wechselt die Ratspräsidentschaft so häufig?" lautete die Frage eines Schülers. "Damit alle mal drankommen", erwiderte Bullmann humorvoll. Dies habe aber Vor- und Nachteile zugleich. Wenn Angela Merkel für sechs Monate Chefin des Europarates sei, müssten sich die nachfolgenden Länder - in diesem Fall Portugal - gemeinsam mit Deutschland auf die künftige Präsidentschaft vorbereiten: "Damit die Kontinuität zum Beispiel in Energiefragen gewahrt bleibt." An dem Expertengespräch mit Dr. Bullmann beteiligten sich Schülerinnen und Schüler aus den sieben mittelhessischen Europaschulen. Viele traten selbstbewusst und diskutierfreudig auf. Besonders positiv fiel die Mischung der Schülerinnen und Schüler auf: Ob Berufsschüler, Hauptschülerin, Gymnasiast oder Grundschülerin, eine Zukunft ohne Europa war für die wenigsten vorstellbar.

Hessische "Europaschulen" als Schulentwicklungsprojekt

Dies mag auch eine Folge des Landesprogramms Hessische Europaschulen sein, das bereits 1991 mit fünf Schulen gestartet wurde und nun 31 Europaschulen aus allen Schulformen von der Grundschule bis zur Berufsschule in einem regionalen Netzwerk vereinigt. Dieses Schulentwicklungsprogramm Hessens passt nun besonders gut in die europapolitische Agenda der Bundesregierung, die die Ratspräsidentschaft mit einer Schwerpunktsetzung in verschiedenen relevanten Politikbereichen wie Bildung und Forschung, Energiefragen, Verfassungsgebung etc. verknüpft.

Die "Europaschulen" Hessens haben sich inhaltlich und organisatorisch auf diese Themen eingestellt. Angefangen von der Europäischen Dimension, dem interkulturellen und selbstständigen Lernen, der Organisationsentwicklung bis hin zur Leistungsmessung und Sprachförderung reicht das Spektrum der Qualitätsentwicklung dieser ganztägig arbeitenden Modellschulen. Die Europaschulen richten ihre Unterrichtsinhalte zudem an einem Europäischen Curriculum aus: "Damit bereiten sie ihre Schülerinnen und Schüler auf die Freizügigkeit und kulturelle Vielfalt innerhalb Europas vor", vermerkt Ministerialrat Wolf Schwarz in der visuell und inhaltlich gut aufbereiteten Broschüre "Hessische Europaschulen - Ein Entwicklungsprogramm des Landes Hessen".

Schülerexperten befragen Europaexperten

Europa ist ein weites Feld, dies verdeutlichten die von den Schülerinnen und Schülern eigens in vier Themenblöcken vorbereiteten Fragenkataloge an den Europaabgeordneten Udo Bullmann. Dazu gehörten folgende Fragenblöcke: "Allgemeine Fragen zu Europa", "Allgemeine Fragen zur deutschen Ratspräsidentschaft", zum Bereich "Verfassung" und eben zum "Bereich Bildung/Chancengleichheit". Das Thema Chancengleichheit und gegliedertes Schulsystem lag einem Schüler der Theodor-Heuss-Schule Marburg, die eine verbundene Haupt- und Realschule ist, besonders am Herzen: "Wenn Bildung als Chance für Emanzipation verstanden wird, ist dann ein gegliedertes Schulsystem wie in Deutschland auf Dauer europäisch tragbar?", so der kundige Schüler. Schließlich habe es bei PISA zu schlechten Ergebnissen beigetragen.

Bullmann antwortete: "Niemand sortiert die Kinder in Europa so früh aus wie Deutschland. Das gegliederte Schulsystem halte ich in vielen Teilen für europauntauglich." Die Politik habe die Aufgabe, die Voraussetzungen für jeden einzelnen zu verbessern. Anders als dies bei früheren Generationen der Fall war, würden die heutigen Jugendlichen einen europäischen Arbeitsmarkt vorfinden, auf den sie bereits in der Schule vorbereitet werden müssten. "Gerade in Deutschland erlebe ich eine ausgeprägte Lethargie bezüglich Europa - die halte ich aber für fatal", so der Europaabgeordnete, der einen mittelhessischen Wahlkreis mit 4,2 Mio. Menschen im europäischen Parlament vertritt. Die Schülerfrage: "Warum gibt es noch immer Jugendarbeitslosigkeit?" parierte der Europaexperte Bullmann folgendermaßen: "Eine Aussprache über die richtigen Ursachen" gebe Europa ein politisches Fundament, denn "zu einer gemeinsamen Wirtschaft gehört eine gemeinsame Gesetzgebung."

Integrationsförderung ist europäischer Standard

Das französische Nein zur europäischen Verfassung dürfe nicht als Votum gegen Europa verstanden werden, es sei ein politischer Ausdruck dafür, dass die sozialen Standards in Frankreich als hohes Gut betrachtet würden. "Wir wollen Europa als Sozialunion", sagte Bullmann aus Sicht der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament.

Andere "heiße" Themen, die die Schülerinnen und Schüler an den Experten herantrugen, bezogen sich auf die Angleichung der Bildungssysteme durch den Bologna-Prozess und auf das Thema Integration. Dazu Bullmann: "Einen Großteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund schicken wir in Deutschland in die Pampa", in anderen Mitgliedsstaaten gäbe es dagegen eine viel aktivere Integrationsförderung. "Die Gesellschaft verpasst die Zukunft", warnte der Politiker und ehemalige Dozent für Europafragen an der Universität Gießen.

Erfreulicherweise vermied es Bullmann, den Schülerinnen und Schülern einfach gestrickte Antworten über Europa zu geben. Auch deshalb zeichnete sich der EU-Projekttag an der Theodor-Litt-Schule in Gießen durch seinen hohen Informationswert aus, der allen Beteiligten, also Lehrkräfte und Schülerrepräsentanten, wichtige Anregungen gab und wohl lediglich die Kinder der Grundschulen etwas überforderte. David, ein 14-jähriger Schüler der Theodor-Heuss-Schule in Marburg, gab seiner Zufriedenheit Ausdruck: "Die Informationen des Experten haben mir gezeigt, wie das politische System in Europa funktioniert." Solche Veranstaltungen gehören mittlerweile zur Agenda der hessischen "Europaschulen" und Bullmann ist ein gern gesehener Gast in diesen Schulen.

Europa durch IZBB stärken

Dass die "Europaschulen" als Ganztagseinrichtungen auch auf die Gelder des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) zurückgreifen können, gibt der Arbeit dieser Schulen einen zusätzlichen Schub, wie die Schulleiterin der Europaschule Theodor-Heuss-Schule Marburg Elisabeth Fiedler bekräftigte: "Wir haben einen tollen Anbau bekommen, der dafür sorgt, dass Europa in unserer Schule sichtbar wird", so die Schulleiterin. Der neue Europapavillon, für den sich auch der Oberbürgermeister Marburgs, Egon Vaupel, engagiert hat, sowie die neue Cafeteria wurden mit 1,7 Mio. Euro aus dem IZBB gefördert.

Die Theodor-Heuss-Schule hat sich als bilinguale Schule mit rund 630 Schülerinnen und Schülern auf interkulturelles Lernen und Sprachenlernen spezialisiert. Wie in anderen europäischen Ländern gibt es ein europäisches Portfolio und die Möglichkeit für regelmäßigen Schüleraustausch mit einer polnischen Partnerschule oder Exkursionen nach Brüssel. Gerade die Hauptschüler "bauen dadurch ihre Ängste vor dem Fremden ab", sagt die Europabeauftragte der Schule, Mechthild Ranze. Besuche und Projekte an "dritten Orten" sind ebenso wichtig wie das Methodenlernen und der Englischunterricht ab Klasse fünf. Dadurch werden die Schülerinnen und Schüler zu mehr Selbstständigkeit ermuntert, fügt Ranze hinzu.

"Wie unterrichten Ihre Kollegen Europa?"

 
Dass die "Europaschulen" dennoch mit widrigen Bedingungen zu kämpfen hat, verdeutlichte das abschließende Pressegespräch mit Udo Bullmann, den Schulleiterinnen und Schulleitern sowie dem Vorstand der Gesellschaft für europäische Bildungsprojekte e.V. (GeB).

"Wie unterrichten Ihre Kollegen Europa?" fragte Bullmann in die Runde hinein. "Vom deutschen Modell aus", gab ihm ein Schulleiter zur Antwort. Das Fach Politik, in dem das Thema Europa überwiegend vermittelt werde, habe praktisch keinen Stellenwert mehr, so Joachim Scheerer, Vorsitzender der Gesellschaft und Schulleiter der Theodor-Litt-Schule in Gießen. Bedenklich sei auch die starke Reduzierung der Stunden durch das hessische Kultusministerium. Bullmann erwiderte: "Wenn Sie kein Glück haben, auf engagierte Lehrkräfte zu treffen, die sich für Europa einsetzen, treffen Sie an vielen Schulen auf Nichtwissen und Desinteresse".

Der "dickfelligen Behäbigkeit" vieler Deutscher stellte Bullmann das Beispiel junger Menschen aus Kroatien gegenüber, die sich bei ihm in Brüssel als Praktikanten bewerben: "Sie explodieren geradezu, wenn sie sich für Europa engagieren dürfen." Europa müsse unbedingt in die Lehrerfortbildung integriert werden und die Netzwerke müssten ausgeweitet werden, um Europa stärker in den deutschen Schulen zu verankern. Eines nämlich steht fest: Europa kann niemand im Schnelldurchgang lernen, Europa braucht Geduld, Offenheit und verlässliche Strukturen in der Schulorganisation. "Europa sollte ein Vergnügen sein und keine Pflichtübung", folgerte Bullmann. Denn für Europa lernen wir.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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