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Wie Kinder und Jugendliche "Lokale Bildungslandschaften" gestalten

"Lokale Bildungslandschaften" sind auf die Partizipation der Kinder und Jugendlichen angewiesen. Die Online-Redaktion sprach mit Vincent Steinl vom SV Bildungswerk darüber, wie sich die Jugendbeteiligung im Vorfeld des Kongresses entwickelt hat und welche Perspektiven sich über den Kongress hinaus eröffnen.

Vincent Steinl

Online-Redaktion: Wie habt ihr euch dieses Jahr auf den Kongress vorbereitet?

Steinl: Schon im vergangenen Jahr bemühten wir uns darum, möglichst viele Schülerinnen und Schüler, die nicht in Schüler-Netzwerke eingebunden sind, die also "normale Besucher einer Ganztagsschule" sind, stärker einzubinden. Das hat im vergangenen Jahr schon geklappt, aber in diesem Jahr ist die Entwicklung fantastisch.

Bereits im Vorfeld des Kongresses haben wir sehr eng mit den Regionalen Serviceagenturen "Ganztägig lernen" vor Ort zusammengearbeitet. Aus fast jedem Bundesland haben wir Schülerinnen und Schüler dabei, die direkt aus den Ganztagsschulen kommen. Das ist eine große Chance, weil wir nun zum ersten Mal Ganztagsschülerinnen und -schüler erreicht haben, die von dem Kongress aus die Motivation für ihre Schulen weitertragen können. 

Online-Redaktion: Das heißt, ihr wollt nicht nur formale Partizipation, sondern Schülerinnen und Schüler sollen sich mit eigenen Beiträgen, sogar mit einem eigenen Forum einbringen?

Steinl: Genau. Wir haben im Vorfeld sehr genaue Vorstellungen entwickelt und mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, mit dem Bundesministerium, mit der Bundesschülerkonferenz und mit dem Deutschen Bundesjugendring gut zusammengearbeitet. Wir erhielten viele Anregungen, wie wir uns auf dem Kongress inhaltlich einbringen können und wen wir einladen sollten usw.

Wir legen großen Wert auf den Vorbereitungstag. Im Rahmen eines Seminars bereiten wir intensiv und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern das Kongressthema vor. Im letzten Jahr hieß das Motto: Wir kommen einen Tag vorher an und lernen uns erst einmal kennen, was ja auch wichtig ist.

In diesem Jahr haben wir in einem Schreiben an die Schulleiterinnen und Schulleiter gebeten, dass die Schülerinnen und Schüler schon am Donnerstag von der Schule befreit werden, weil wir bereits mittags mit der Arbeit beginnen. Die "Lokalen Bildungslandschaften" sind nämlich ein sehr komplexes Thema und deswegen wollen wir uns einen halben Tag lang inhaltlich damit auseinandersetzen.

Wir erwarten übrigens rund 130 Schülerinnen und Schüler zum Vorbereitungsseminar. Es wird eine heterogene Gruppe sein, die sich gegenseitig unterstützt und neue Anregungen geben kann.

Zum Thema selbst haben wir gemeinsam mit einem Studenten der Erziehungswissenschaft eine Recherche durchgeführt, woraus auch eine Publikation hervorgegangen ist, die wir "Von hier nach dort" genannt haben. Sie ist eine jugendgerechte Einführung in das Thema "Lokale Bildungslandschaft" und soll den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, sich mit den Begriffen, die in der Diskussion eine Rolle spielen, kritisch auseinanderzusetzen.

Während des Vorbereitungsseminars möchten wir die Schülerinnen und Schüler so vorbereiten, dass sie sich trauen mit den Erwachsenen zu diskutieren und ihre eigenen Ideen einzubringen. Die Schülerinnen und Schüler sollen also in die Lage versetzt werden, den komplexen Begriff neu zu besetzen.

Es kommt weniger darauf an, wie die formalen Beziehungen zwischen Schule und außerschulischen Partnern funktionieren, sondern zu überlegen: Wo lerne ich gerne in meiner Bildungslandschaft und wer oder was gehört dazu? Damit werden wir uns am Donnerstag auseinandersetzen. Außerdem sollen die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen und sich über ihre Bildungslandschaft auszutauschen.

Online-Redaktion: Wie kann der Begriff "Lokale Bildungslandschaften" jugendgerecht gemacht werden?

Steinl: Während des Eröffnungsvormittags stellen wir ein Forschungsprojekt vor, das wir im rheinischen Düren zum Thema "Lokale Bildungslandschaften" durchgeführt haben. Dort haben wir uns darum bemüht, den Begriff der Bildungslandschaften jugendgerecht zu diskutieren. Jugendliche, die schon eine Vorstellung davon hatten, was "Lokale Bildungslandschaften" sind, sollten aber selbst herausfinden, wo es hakt. Dabei sind sie unter Anleitung eines Tutors mit sozialwissenschaftlichen Methoden nach der Art eines "Jugend forscht" -Projektes vorgegangen.

In Düren besuchten wir aber auch die Musikschule, den Bürgermeister und die Integrationsbeauftragte der Stadt. Natürlich haben wir in Schulen mit Schülerinnen und Schülern gesprochen sowie Fragebögen verteilt. Wir wollten herausfinden, was die Bildungslandschaft in Düren ausmacht - was dort gut oder nicht so gut läuft.

Online-Redaktion: Was ist denn eine lokale Bildungslandschaft für dich?

Steinl: Bildungslandschaften sind für mich die Orte, in denen Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche lernen. Die hören nicht dort auf, wo die Schulen aufhören, und auch nicht da, wo die formalen Bildungseinrichtungen nicht mehr greifen. Sie ist in der Familie präsent oder in der Half-Pipe der Skater.

Der Begriff birgt für mich die Chance, die Diskussion darüber zu beleben wie die Einrichtungen verzahnt werden, damit unterschiedliche Bildungsorte nicht in negativer Konkurrenz zueinander treten. Im Rahmen der Ganztagsschulentwicklung ist es wichtig, dass die Nachmittagsangebote nicht die normalen Freizeitangebote der Jugendlichen beschneiden, sondern ergänzen.

Online-Redaktion: Sollten die Bildungslandschaft Orte sein, an denen die Schülerinnen und Schüler sich die formale und nonformale Bildung aneignen, die sie für die Bewältigung der Zukunft brauchen?

Steinl: Das wäre natürlich das Ziel, aber das funktioniert nur, wenn die Schülerinnen und Schüler mitbestimmen können, was sie lernen, wo und wie sie lernen. Viele Akteure in der Bildungslandschaft sind dafür noch nicht aufgeschlossen. Beispielsweise lassen die meisten Schulen immer noch wenig Mitgestaltung durch Schülerinnen und Schüler zu.

Die Jugendverbände haben heutzutage mit eigenen Problemen zu kämpfen. Für viele Jugendliche bieten sie auch nicht mehr die Möglichkeiten, ihre Freizeitaktivitäten zumidnest teilweise selbst zu organisieren. Es gibt eigentlich sehr wenige Orte, die Schülerinnen und Schüler wirklich selbst gestalten können. Und das Schlimmste ist, dass diese Orte zunehmend zurückgedrängt werden.

Was du geschildert hast, ist das Idealbild. Unser Ziel ist es, mit dem Kongress darauf aufmerksam zu machen. Das betrifft den zweiten Akt der Jugendbeteiligung an dem Kongress.

Wir wollen am Freitag gemeinsam mit allen jugendlichen Teilnehmern in dem Forum "Neue Perspektiven: Kinder und Jugendliche gestalten lokale Bildungslandschaften" etwa zehn Wünsche formulieren, die wir am Samstag vor dem ganzen Plenum präsentieren. Wir möchten diese anschließend am Samstag im Forum mit den Erwachsenen diskutieren und über Strategien zur Umsetzung nachdenken.

Online-Redaktion: Ihr blickt ja noch weiter über den Tellerrand hinaus: Welche Rolle spielt das Online-Projekt mit den finnischen und deutschen Jugendlichen?

Steinl: Auch dieses Austauschprojekt von Schülern aus Finnland und Deutschland haben sich die Jugendlichen selbst erarbeitet. Ganz toll finde ich, dass dieses Projekt im Rahmen der wissenschaftlichen Vortragsreihe des Kongresses vorgestellt werden kann: "Schools'r us! Ein deutsch-finnischer Online-Austausch über Partizipation", heißt der Programmpunkt.

Der Gedanke des Projektes besteht darin, dass Jugendliche sich in einer virtuellen Umgebung darüber austauschen, welche Partizipationsmöglichkeiten Jugendliche in den Schulen haben. So wird die Frage erörtert, wie sich Finnland und Deutschland unterscheiden und was man voneinander lernen kann.

Erstmals wird es nun zu einer realen Begegnung dieser Jugendlichen auf dem Kongress kommen. Die deutschen und finnischen Jugendlichen dieses Projektes haben die Möglichkeit, sich an dem Rahmenprogramm des Kongresses zu beteiligen, und darüber hinaus können sie ihr Projekt weiterentwickeln.

Online-Redaktion: Wie sehen die Perspektiven der Jugendbeteiligung über den diesjährigen Kongress hinaus denn aus?

Steinl: Im nächsten Jahr wird das Schwerpunktthema des Kongresses "Partizipation" lauten. Das ist der größte Erfolg im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen", den wir je erreicht haben. Mein Wunsch ist es, dass wir Jugendliche begeistern können, ihren Elan und ihr Engagement dazu einzusetzen, wirklich etwas an den Ganztagsschulen in Deutschland zu verändern, weil doch nicht alles Gold ist, was glänzt.

In vielen Ganztagsschulen in Deutschland spielt Partizipation noch eine viel zu geringe Rolle. Wir wollen aber ins Bewusstsein rücken, dass gute Ganztagsschulen nur möglich sind, wenn man die Schülerinnen und Schüler mitnimmt. Dafür wollen wir den diesjährigen Kongress nutzen, und mit diesem Thema wollen auch ins nächste Jahr einsteigen. 

Vincent Steinl ist Vorsitzender des SV-Bildungswerkes und ehemaliger Schülersprecher einer Ganztagsschule.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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