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"Schülerinnen und Schüler sind der Motor für Ideen"

Ganztagsschulen leben nicht vom Unterrichtsangebot oder den Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag allein. Die Partizipation der Schülerinnen und Schüler, die auch Teil des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" ist, trägt maßgeblich zur bundesweiten Akzeptanz der Ganztagsschulen bei. Projektleiter Benjamin Gesing von der Servicestelle Jugendbeteiligung, der Ende 2006 ins Bundesjugendkuratorium berufen worden ist, berichtet im Interview über die zahlreichen Aktivitäten und Erfolge der Servicestelle im vergangenen Jahr und verrät einige Pläne für 2007.

Benjamin Gesing

Online-Redaktion: Herr Gesing, wie würden Sie das abgelaufene Jahr für die Servicestelle Jugendbeteiligung auf einen Nenner bringen?

Benjamin Gesing: Die Partizipation von Schülerinnen und Schülern in Ganztagsschulen hat einen enormen Schwung bekommen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat neben der Servicestelle Jugendbeteiligung mit dem SV Bildungswerk einen weiteren Partner gewinnen können. Dort arbeiten junge Menschen, die eine enorme Kompetenz in Sachen Schülerbeteiligung in Ganztagsschulen mitbringen.

Ein Schwerpunkt der Stiftung lag 2006 auf dem Thema Kooperation. Wir haben daher versucht, Schülerinnen und Schülern nahezubringen, wie sich Partizipation in den Schulen gestalten lässt, wie sich gute Beispiele ausfindig machen und verbreiten lassen. In einer Schule in Mecklenburg-Vorpommern habe ich zum Beispiel einen Workshop veranstaltet und ein unfertiges Jugendbeteiligungsraster vorgestellt.

Auf diesem Raster waren alle Ebenen einer Ganztagsschule dargestellt: Organisation, Entwicklung, Personal, Schulgelände, Rhythmisierung und andere Punkte. Die Jugendlichen haben dann mit mir darüber diskutiert, was man in diesen einzelnen Bereichen an ihrer Schule verändern kann. Nach diesem Workshop wandten sich die Schülerinnen und Schüler umgehend an ihre Schulleiterin und fragten nach dem ihnen bis dahin unbekannten Schulprogramm, bei dem sie nun auch mitreden wollten. Auf solche Erfolge kommt es auch an.

Online-Redaktion: Welche Punkte sind den Jugendlichen am wichtigsten, wenn Sie merken, dass sie an ihrer Ganztagsschule etwas mitgestalten dürfen?

Gesing: Sie wollen vor allem ein Mitspracherecht bei den Unterrichtsthemen. Man sollte die Schülerinnen und Schüler an diesem Punkt nicht unterschätzen, sondern die Lehrerinnen und Lehrer sollten ihnen ruhig zutrauen, hier Einfluss zu nehmen. Grundsätzlich muss man erst mal festhalten, dass viele Kinder und Jugendliche Angst vor der Ganztagsschule haben. Die Jugendlichen vom Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule" haben das Anfang letzten Jahres auf einem Seminar festgestellt, als Schülerinnen und Schüler ihnen dort mitteilten, dass sie von der Ganztagsschule nichts wissen wollten, weil sie schon in ihre Halbtagsschule nur mit Bauchschmerzen gingen und mit Kopfschmerzen wieder rauskämen. Wenn schon Ganztagsschule, dann müsse sie partizipativ aufgebaut sein.

Online-Redaktion: Aber welche Möglichkeiten der Mitsprache gibt es für die Schülerinnen und Schüler in der Realität des Schulalltags?

Gesing: Das fängt klein an: Zum Beispiel kann eine Klasse darüber mitbestimmen, welche Bücher im Deutschunterricht gelesen werden. Organisatorisch spielt der Klassenrat eine bedeutende Rolle, der sich einmal die Woche trifft, um über Herausforderungen und Schwierigkeiten zu diskutieren und Entscheidungen zu fällen, was verändert werden sollte. Auch die Rückkopplung mit der Schulleitung ist wichtig. Einige Schulen haben bereits einen Schulrat eingeführt - das geht über den punktuellen Kontakt mit der Schülervertretung hinaus. Die Schulleitung gibt dem Schulrat anstehende Entscheidungen bekannt und erwartet Empfehlungen dazu. Die Mitglieder des Schulrates tragen als Multiplikatoren diese Entscheidungsfragen dann in die Schule, diskutieren zum Beispiel auf dem Pausenhof. Nach einer Woche bringt der Schulrat das Stimmungsbild der Schülerschaft der Schulleitung zu Gehör, damit dieses dann in die Entscheidung einfließen kann.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit dem Instrument der Mobilen Zukunftswerkstatt aus?

Gesing: Wir haben zusammen mit dem Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule" die Mobile Zukunftswerkstatt im letzten Jahr an weiteren Ganztagsschulen veranstaltet. Alle an Schule Beteiligten konnten dabei an drei Tagen ihre Schule kritisieren, ihre Träume von einer besseren Schule schildern und konkrete, realistische Schritte zur Verwirklichung vereinbaren. Ganz entgegen vieler Erwartungen zeigte sich, dass dabei gerade die Schülerschaft der Motor für die Nachhaltigkeit der Ideen ist. An einer Berufsschule in Kassel ist nach einer solchen Zukunftswerkstatt ein Klassenrat installiert worden - vorher wusste niemand etwas von einer solcher Möglichkeit.

Online-Redaktion: Bleiben das kurze Strohfeuer oder verändert sich wirklich etwas über längere Zeiträume?

Gesing: Keine Frage: Es handelt sich um einen langfristigen Prozess, bei dem man viel Geduld mitbringen muss. Wir können natürlich nicht alle Schulen jeden Tag nachbetreuen, halten den Kontakt allerdings vierteljährlich durch Anrufe oder Besuche aufrecht. Erfahrungen haben wir diesbezüglich inzwischen mit unserer ersten Mobilen Zukunftswerkstatt gemacht, die wir im Sommer 2005 an einer Haupt- und Realschule in Niedersachsen veranstalteten. 2006 konnten wir feststellen, dass immer noch an den damals entwickelten Ideen gearbeitet wird und einige bereits umgesetzt worden sind. Die Schule denkt nun darüber nach, wie die Rhythmisierung verbessert werden kann. Es ist eine Medienkompetenz-AG von Jugendlichen entwickelt worden, die nun zum Nachmittagsangebot gehört. Das sind kleine Anstöße, die einen Dominoeffekt zur Folge haben können.

Online-Redaktion: Wie steht es mit der Ausbildung der Moderatoren von Zukunftswerkstätten?

Gesing: Unsere so genannten Zukunftspiloten werden im Rahmen des Themennetzwerks "Partizipation" im Programm "Ideen für mehr! Ganztägig Lernen" ausgebildet. Vergangenes Jahr ist dies in drei Seminaren geschehen. Wesentlich bei der Ausbildung zum Zukunftspiloten ist die Berücksichtigung der Heterogenität in der Adressatengruppe. Normalerweise arbeiten Zukunftswerkstätten mit Gruppen, die sich alle auf ein Ziel verständigt haben. In den Schulen ist das aufgrund der unterschiedlichen Altersstufen und Berufsgruppen nicht so, worauf ein Zukunftspilot vorbereitet sein muss.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Ausbildungen haben darüber hinaus diskutiert, ob und wie sich Zukunftswerkstätten an weniger als drei Tagen veranstalten lassen, um es beispielsweise auch Landesschülervertretungen zu ermöglichen, kleinere, punktuelle Projekte mit diesem Instrument anzugehen. Hierzu ist nun mit den "Mobilen Akademien" ein Modell entwickelt worden, das wir zusammen mit der Jugendpresse Deutschland umsetzen. Die "Mobilen Akademien" finden halbtäglich statt und zeigen Jugendlichen, wie man Medien in die Ganztagsschulen bringt. Die regulären Zukunftswerkstätten wollen wir übrigens verkleinern und entwerfen daher eine Art Checkliste oder Praxistipp, damit die Schülerinnen und Schüler diese vor Ort selber umsetzen können.

Online-Redaktion: Wie stellen Sie sicher, dass trotz der altersbedingten Fluktuation innerhalb der Servicestelle Jugendbeteiligung das Wissen der erfahreneren Mitglieder nicht verloren geht?

Gesing: Wir haben ein System entwickelt, das ein wenig dem Rotary-System ähnelt. Jeder Nachfolger erhält eine Art Koffer, in dem sämtliche Informationen und Tipps enthalten sind, die er benötigt, um die Arbeit des Vorgängers fortzusetzen. Bei den Zukunftspiloten gibt es dieses Problem der hohen Fluktuation übrigens noch nicht - dort ist der Stamm mit etwa 25 Leuten seit Jahren recht konstant.

Online-Redaktion: Zum Abschluss des Jahres haben Sie in Fuldatal eine zweitägige Konferenz zum Thema Schülerpartizipation veranstaltet. Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse, die dort gewonnen worden sind?

Gesing: Die Fachtagung hatte einen jugendlichen, aber auch wissenschaftlichen Charakter. Es waren viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler da, die den Jugendlichen aus ihrer Sicht schilderten, was Ganztagsschulen ausmachen. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Beteiligung von Kindern im Moment vernachlässigt wird. Wir disktutierten intensiv darüber, wie Kinderbeteiligung an Ganztagsschulen aussehen kann und welche anderen Methoden man dazu benötigt, denn auf diesem Feld haben wir keine Erfahrung und sind auf Hilfe von außen angewiesen. Dazu braucht die Servicestelle Jugendbeteiligung Experten wie Oggi Enderlein von der Werkstatt "Schule wird Lebenswelt" oder Hartmut Wedekind, der Kinderzukunftswerkstätten durchgeführt hat.

Ein zweiter zentraler Diskussionspunkt in Fuldatal war die Frage, wie man Schülerinnen und Schüler zur Mitgestaltung von Schule motivieren kann. Josef Blank vom SV Bildungswerk hat eine tolle Expertise entwickelt, um besonders benachteiligte Jugendliche zu erreichen. Auf der Fachtagung wurde eine Motivationslandkarte erstellt, auf der man sehr gut Höhen und Tiefen der Motivation von einzelnen Jugendlichen, von Schülergruppen und in der Zusammenarbeit mit Lehrern, Eltern und außerschulischen Partnern erkennen konnte. Es wurden Methoden vorgestellt, mit denen man Motivationslöcher ertragen und überwinden kann.

Online-Redaktion: Welche Pläne hat die Servicestelle Jugendbeteiligung für 2007?

Gesing: Es gibt die Servicestelle innerhalb des Ganztagsschulprogramms seit etwas über zweieinhalb Jahren. Ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, unseren Status als Erfahrungs- und Methodenwerkstatt aufzugeben und statt dessen an möglichst viele Schulen zu gehen. Bisher geschah das nur punktuell. In Gesprächen mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung haben wir uns deshalb darauf geeinigt, einen Schwerpunkt auf die Regionalisierung zu legen. 2007 werden also möglichst viele jugendliche Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an die Schulen gehen, um dort zusammen mit den Schülerinnen und Schülern passgenaue Modelle für Jugendbeteiligung auszuwählen und Partizipationsprozesse anzustoßen.

Darüber hinaus initiieren wir Modellstandorte in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die im Februar starten werden: Dort stehen dann Jugendliche als feste Ansprechpartner für Ganztagsschulen in ihrer Region zur Verfügung. In einigen Bundesländern möchten wir auch Jugendbeteiligungstage durchführen, um bestimmte Aktivitäten zu bündeln und einen größeren Erfahrungsaustausch innerhalb einer Region zu ermöglichen. Nicht zuletzt wollen wir damit auch eine größere Öffentlichkeit für das Ganztagsschulprogramm wie auch für Jugendbeteiligung erreichen.

Online-Redaktion: Schule verändert sich - stimmt Ihrer Meinung nach die Richtung?

Gesing: Ganztagsschulen können eine spannende Variante sein, um Kindern und Jugendlichen eine lebenswerte Lern- und Lebenswelt zu schaffen, in der effektives Lernen ermöglicht wird. Jede Ganztagsschule ist anders, an vielen Standorten erkenne ich aber, dass diese Lern- und Lebenswelt mit sehr viel Partizipationsmöglichkeiten geschaffen worden ist, was mich persönlich sehr freut.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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