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"Ganztagsschulen können umdenken"

Auf den Startkonferenzen im September 2003 und September 2004 in Berlin wimmelte es von Jugendlichen in orangefarbenen T-Shirts. Sie gehörten zur Servicestelle Jugendbeteiligung und halfen bei der Vorbereitung und Durchführung der Kongresse. Aber auch inhaltlich möchten sie weiterhin zum Ganztagsschulthema beitragen und bieten dazu ab dem Frühjahr Mobile Zukunftswerkstätten an, die Marc Schmieder im Interview erläutert.

Online-Redaktion: Herr Schmieder, was ist die Servicestelle Jugendbeteiligung?

Schmieder: Die Servicestelle ist ein Projekt zur Unterstützung, Beratung und Vernetzung von Jugendprojekten und der Beteiligung von Jugendlichen an politischen Prozessen. Momentan besteht die Servicestelle in Form eines Vereins in Gründung, nachdem sie drei Jahre ein vom Bundesfamilienministerium gefördertes Modellprojekt gewesen ist.

Online-Redaktion: Wie viele Jugendliche engagieren sich bei Ihnen?

Schmieder: Es gibt ein Netzwerk von knapp 900 so genannten Infoscouts, das sind Jugendliche aus allen möglichen Organisationen und Projekten. Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. Sie werden regelmäßig über unseren Infoservice mit Informationen versorgt, welche interessanten Beteiligungsprojekte und Förderprogramme es zurzeit gibt, wo sie Fortbildungen erhalten können oder was an Kongressen ansteht. In unserem Berliner Büro sind etwa 15 Leute beschäftigt, die aus dem Netzwerk kommen. Sie arbeiteten vorher in einer der 32 Regionalen Servicestellen oder wie ich in Schülervertretungen mit.

Online-Redaktion: Das Ziel der Servicestelle Jugendbeteiligung ist die Verbesserung der Mitwirkungsmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern an ihren Schulen?

Schmieder: Ja, aber das ist nur ein Arbeitsbereich, "Partizipation an Schulen", den ich koordiniere. Wir arbeiten ansonsten themenübergreifend zu allem, was mit der Beteiligung von Jugendlichen zu tun hat. Wir versuchen, gute Jugendbeteiligung zu realisieren, und schauen, welche Voraussetzungen dazu notwendig sind. Wir organisieren auch konkrete inhaltliche Projekte mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wie die Schülerclubs und die Schülerfirmen. Auch beim "Youth Bank"-Programm machen wir mit, das es den Regionalen Servicestellen ermöglicht, über Fördertöpfe Projekte vor Ort zu unterstützen. Theoretisch können alle interessanten Modellprojekte mit Jugendlichen von uns mit organisiert werden.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielten Sie denn bei der Startkonferenz "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" im September 2004 in Berlin?

Schmieder: Schon auf der Startkonferenz zu Beginn des Bundesinvestitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" ein Jahr zuvor waren wir präsent. Es hatte ein Gespräch mit dem Ministerium und der Bundesschülervertretung gegeben, in dem überlegt wurde, wie wir uns an der Konferenz beteiligen und was wir darüber hinaus im Rahmen des Ganztagsschulprogramms machen könnten. Die Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ergab sich aus diesem ersten Einsatz auf der Auftaktkonferenz 2003.

Seit Mai 2004 waren wir dann bei der DKJS in die Planung der Begleitkonferenz eingebunden und haben der Stiftung organisatorisch unter die Arme gegriffen. Auch inhaltlich haben wir uns auf einem Seminarwochenende auf die sieben Arbeitsforen vorbereitet, damit sich die Jugendlichen in den Foren mit eigenen Ideen einbringen konnten. Die Arbeit in den Foren und im Plenum haben wir auch in Wort und Bild dokumentiert und zusammen mit der Stiftung aufbereitet. Auf einem Infostand präsentierten wir den Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule" und die Servicestelle und betreuten zwei Kommunikationsinseln im Foyer. Diese dienten auch als Kontaktbörsen, um mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen.

Online-Redaktion: Welchen Eindruck hatten Sie von der Konferenz?

Schmieder: Die Konferenz war ein sehr positives Erlebnis, weil viele Menschen mit guten Ideen zusammen und miteinander ins Gespräch kamen. Man konnte viele Anregungen mitnehmen und auch Kraft und Mut für die eigene Arbeit tanken. Kritischer muss man allerdings sehen, dass außer den Jugendlichen aus unserem Netzwerk und dem Bundesarbeitskreis kaum Jugendliche auf der Konferenz waren. Für die Zukunft sollte man überlegen, wie man diejenigen, um die es ja eigentlich hauptsächlich geht - die Schülerinnen und Schüler - stärker einbinden kann. Wir selbst wollen uns bei der nächsten Konferenz mehr auf das Inhaltliche konzentrieren und weniger an der Organisation mitwirken.

Online-Redaktion: Stichwort Inhalt: Können Ganztagsschulen zu einer besseren Bildung beitragen?

Schmieder: Die Ganztagsschulen haben endlich mal Bewegung in die deutsche Bildungsdebatte gebracht. Durch Programme wie "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" kann man endlich sehen, was in der Praxis umsetzbar ist, was es bereits an praktischen Beispielen gibt und wie diese weiter kommuniziert werden können. In der Möglichkeit, Ganztagsschule zu werden, liegt auch die Chance, viel neu zu denken und umzudenken: Man kann die pädagogischen Konzepte verändern, Vor- und Nachmittag stärker miteinander verzahnen und den Schülern mehr Zeit und Raum zum Entwickeln eigener Ideen und zum selbstständigen Lernen lassen. Man muss nur darauf achten, dass dieser Schwung nicht verpufft oder nur Ganztagsschulen entstehen, die Verwahreinrichtungen mit Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung werden.

Online-Redaktion: Was halten Sie denn für die wichtigsten Veränderungen, die man in einer Ganztagsschule durchführen kann?

Schmieder: Man wird nicht darum herumkommen, den Unterricht zu verändern, denn sonst hätte man den Kontrast von einerseits Projektarbeit am Nachmittag und andererseits Stillsitzen und Zuhören im 45 Minuten-Takt am Vormittag. Es muss eine gute Mischung aus beidem geben, wobei die Schülerinnen und Schüler auch praktische Erfahrungen sammeln sollten, mit denen sie oft mehr im Leben anfangen können als mit theoretischem Wissen.
 
Online-Redaktion: Die Servicestelle Jugendbeteiligung möchte den Ganztagsschulprozess ja auch mit ihren Mobilen Zukunftswerkstätten beeinflussen. Was hat es damit auf sich?

Schmieder: Wir wollen werdende Ganztagsschulen bei ihrer Konzeptentwicklung unterstützen und die Schülerinnen und Schüler in die Konzeptentwicklung einbinden. Im Frühjahr werden wir in einem Pilotversuch eine Schule betreuen und gemeinsam mit ihr in Kritikphase, Visionsphase und Realisierungsphase eintreten. In Vorgesprächen zum Beispiel mit der Schülervertretung ergründet man, wo die Probleme der Schule liegen und worauf man besonders zu achten hat. Dann bereitet sich das Moderatorenteam auf den Einsatz in der Schule vor. Das Team wird dabei nur moderierend in Erscheinung treten. Aus den Erfahrungen des Pilotversuchs soll dann ein Fortbildungsprogramm für jugendliche Moderatoren entwickelt werden, die dann wiederum weitere Zukunftswerkstätten anbieten können.

Online-Redaktion: Wo haben Sie noch weitere Berührungspunkte mit Ganztagsschulen?

Schmieder: Wir koordinieren den Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule", der Expertenbeirat für das Begleitprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ist. Hier setzen sich Schülerinnen und Schüler inhaltlich mit verschiedenen Ganztagsschulaspekten auseinander und entwickeln Standards und Kriterien. Daraus erarbeiten sie Unterstützungsmaterialen. Wir koppeln uns auch mit der DKJS rück, damit die Interessen der Schülerinnen und Schüler im "Ideen für mehr! Ganztägig lernen"-Programm Eingang finden.

Online-Redaktion: Die von Ihnen vorhin begrüßte Bewegung in der Bildungslandschaft - hat sie die Schulen auch schon erreicht?

Schmieder: Es gibt viele Schulen, die auf uns zukommen, um zu erfahren, wie sie ihre Schülerschaft in den Ganztagsschulprozess einbinden können, wie sie mehr Projekte und Mitgestaltung initiieren können. Ich habe aber auch negative Beispiele kennen gelernt: Ganztagsbetriebe mit Mittagessen in drei Schichten, Hausaufgabenbetreuung und Rumsitzen unter Aufsicht bis 16 Uhr - und am Vormittagsunterricht ändert sich gar nichts. Das ist nicht die Richtung, in welche die Ganztagsschulentwicklung gehen sollte.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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