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"Jeder ist anders und jeder kommt von anderswo"

Das Themenatelier "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen: Klappe, die Zweite" hat seinen Weg gefunden. Während beim 1. bundesweiten Netzwerktreffen die großen Themen und Inhalte im Vordergrund standen, dominierten beim 2. Treffen am 21. und 22. Juni 2008 die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern sowie die Verknüpfung der Projekte untereinander. Der Blick hinter die Kulissen erwies sich als ebenso spannend wie die Präsentation der Zwischenergebnisse.

In "Klappe, die Zweite" ist man mal Produzent, mal Rezipient: Die Rollen, die das Themenatelier an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verteilt, sind fließend. Es ist wie im echten Leben: Die Schule bereitet die Kinder und Jugendlichen auf die Übernahme von Verantwortung vor, und im Arbeitsleben wird diese auf viele Schultern verteilt.

Zum Auftakt des 2. bundesweiten Netzwerktreffens im "Podewils'schen Palais", das zu DDR-Zeiten als "Haus der jungen Talente" bekannt und in der Theater- und Kulturszene vielen ein Begriff war, traten Schülerinnen und Schüler von vier Ganztagsschulen zunächst als talentierte Produzenten in Erscheinung.

Sie präsentierten Kurzfilme zu Themen, die Kinder und Jugendliche in den Schulen gleichermaßen bewegen: Gewalt und Toleranz, Liebe in zwei unterschiedlichen Kulturen, Hip-Hop und Anderssein. Den größten Applaus erntete ein Musikvideo der Dessauer Sekundarschule "An der Stadtmauer".

Ein Ausrufezeichen für Toleranz und Anerkennung

Es war eine emphatische Werbung für wechselseitige Anerkennung und Toleranz: "In dieser zeit ist es so, man lebt vereint irgendwo, jeder ist anders und jeder kommt von anderswo ", so lautete eine Strophe des Hip-Hop-Songs, den die Schüler Florian und Ahmed selbst komponiert hatten. Diese Botschaft haben sie mit schnellen Filmschnitten untermalt, die das Lebensgefühl von coolen Jugendlichen in der Schule, in Clubs, auf der Straße, in Plattenbausiedlungen oder über den Dächern Dessaus in Sachsen-Anhalt zum Ausdruck brachte.

Außer der Sekundarschule "An der Stadtmauer" gaben drei weitere Ganztagsschulen Proben ihres Könnens. So zeigte das Ganztagsgymnasium Johannes Rau Sequenzen aus dem 22-minütigen Film "Weekend", der das Verständnis von Liebe und die Rolle der Geschlechter in unterschiedlichen Kulturen problematisiert. Der Film, der in Kooperation mit dem Medienprojekt Wuppertal entstanden ist, war einem Roadmovie nachempfunden.

Die Ganztagsschule als Schmelztiegel der Kulturen

Einen sehenswerten Filmbeitrag über ein interkulturelles Tanzprojekt präsentierte die Integrierte Gesamtschule Grünthal aus Stralsund gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner und Tanzchoreographen Stefan Hahn. Der Künstler leitete die Schülerinnen und Schüler beim Tanzen an. Heraus kam ein kleiner Experimentalfilm über Farbe und Bewegung, der einen Eindruck der kulturellen Dynamik der Hansestadt Stralsund lieferte.

Die Grundschule als Schmelztiegel der Kulturen war das Thema des Films "Die Kinder vom Heiligenweg". Die Heiligenwegschule Osnabrück vereint rund 200 Kinder aus 17 Nationen unter einem Dach. Obwohl die Schule ganz neu ins Themenatelier aufgenommen wurde, überzeugte sie mit einem guten Film. Den Kindern um den Filmemacher Karsten Kräutner gelangen eindrucksvolle Bilder aus dem Schulalltag einer zweiten Grundschulklasse. Besonderen Applaus gab es für einen Rap am Ende des Kurzbeitrags.

Übrigens präsentierten die anderen Schulen ihre Projekte im Rahmen einer kleinen Ausstellung: "Sie bot ein Forum für den Austausch untereinander und jede Schule hatte die Möglichkeit, ihre Projekte vorzustellen", erläuterte Harriet Völker, die auch die Leitung des Themenateliers von der Deutschen Kinder und Jugendstiftung (DKJS) übernommen hat. Die Austellung und Präsentation der Filme fanden so gebührende Aufmerksamkeit.

"Die Filme dokumentieren einen Bildungsprozess"

Das erläuterte Jens Carstensen von der Immanuel-Kant-Schule in Bremerhaven. "Wenn man etwas selber macht, lernt man viel besser als an der Tafel", so der Musiklehrer weiter. Nicht nur wegen seiner unangepassten Art und den langen Haaren ist Carstensen in der Kulturszene mittlerweile ein bekanntes Gesicht. Immer wieder gelingt es ihm, mit seinen Schülerprojekten bei Wettbewerben wie "KINDER ZUM OLYMP!" oder "Zeigt her eure Schule" begehrte Preise zu gewinnen.

Nachdem er am ersten Themenatelier mit einem eigenen Projekt beteiligt war, ging es ihm nun darum, die Schnittstellen und Verknüpfungen zwischen dem alten und dem neuen Themenatelier zu begleiten: "Wo liegen Chancen? Wo kann man etwas verknüpfen? Was kriegt man bewegt?" Wenn man die Kinder und Jugendlichen als Subjekte der Bildung versteht, sollte man Carstensen zufolge an einer "Wahrnehmungserweiterung" der Schülerinnen und Schüler arbeiten.

"Opa war Hartz IV, Papa ist Hartz IV, ich werde Hartz IV" - diesen Fatalismus können schülerorientierte Kulturprojekte durchbrechen und die Kinder und Jugendlichen handlungsfähig machen. Es gilt also, Bewegung in das oft festgefahrene Verhältnis zwischen der Schule und der außerschulischen Welt zu bringen.

Schüler-Projektarbeit unter realen Bedingungen

"Gerade die Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien brauchen eine Schule, die ihre Persönlichkeit und die Lernmotivation stärkt", bekräftigte Sven Krugmann, Lehrer an der Erich-Kästner-Schule in Baunatal (Hessen). Doch die Erarbeitung gesellschaftlicher Anerkennung ist auch "ein harter und steiniger Weg", so der Pädagoge weiter. Die Orientierung der Projekte an Fristen und bestimmten Rahmenvorgaben erzeuge einen Ergebnisdruck, der den Projekten durchaus zugute komme.

Das Zeitfenster für die insgesamt 15 Projekte ist eng genug: Bis zum 15. Juli 2008 müssen sie ihre Beiträge für den geplanten gemeinsamen Film aller Projekte abgeben, auf dem 5. bundesweiten Ganztagsschulkongress am 12. und 13. September 2008 in Berlin soll das Gesamtwerk uraufgeführt werden. Zunächst hatten die Erwachsenen nach der Präsentation der Kurzfilme noch einiges zu tun.

Sie regelten die Themen, um die die Schülerinnen und Schüler verständlicherweise einen weiten Bogen machen: also Finanzielles und Organisatorisches. Fragen waren zu klären wie: Bis wann und wie kann das Projekt abrechnen? Wie kann man zusätzliche Mittel für die Filmprojekte anwerben? Sollte man auch die Schulverwaltung in die Projektplanung mit einbeziehen?

Die Regeln und das Handwerk des Filmens lernen

Zwischenzeitlich gingen die Schülerinnen und Schüler in Workshops ihrem eigentlichen Handwerk nach: dem Filmen. Vom Freitagnachmittag bis zum frühen Abend bekamen sie eine praxisnahe Einführung in die Grundlagen des Filmens durch Profis in den Sparten "Musikproduktion", "Interviewtechnik" sowie "Jingleproduktion". Es dauerte nicht lange und schon traten die Schülerinnen und Schüler aus dem Workshop "Jingleproduktion" von Nils Neubert am Nachmittag als junge Reporter oder Kameraleute wieder in Erscheinung und setzten das in die Praxis um, was sie eben gelernt hatten.

Der WDR-Journalist und Filmemacher Neubert, der mit der Gemeinschaftsgrundschule ein Filmprojekt mit Kindern aus Roma-Familien sowie aus deutschen und türkischen Familien vorbereitet, zeichnete sich durch seine Professionalität und sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern aus.

Wie macht man eigentlich einen goldenen Schnitt? Michelle, Schülerin der Gemeinschaftsgrundschule Spörkelhof ging dieser Aufgabe mit einem heiligen Ernst nach. Sie fotografierte Köpfe, aber auch Motive wie den Himmel oder den Fernsehturm am Alexanderplatz, Hauptsache die Proportionen des goldenen Schnitts waren gewährleistet, die der Fotoaufnahme Spannung verleihen.

Ihre Schulfreundin Laura, die sich als Reporterin übte, löcherte die Erwachsenen, die nun im World Cafe zusammengekommen waren, mit Fragen: "Was machen Sie hier? Wie geht es Ihnen?" Sie traf die Erwachsenen in Gruppenarbeit an, wo sie sich am späten Nachmittag einer inhaltlichen Fragestellung widmeten: "Inklusion als Ziel im Kulturprojekt - Woran kann man Inklusionserfolg messen?" Im Moderationsverfahren World Cafe (heterogene Gruppenzusammensetzung, mehrfacher Wechsel der Kleingruppen etc.) dominierten praxisnahe Beispiele aus den jeweiligen Projekten.

Als Ergebnis des Austausches, der zwischen den Projekten stattfand, hielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest: Inklusion kann man daran messen, dass Vertrauen zwischen den Schulen und außerschulischen Partnern geschaffen wurde, dass eine größere Identifikation mit der Schule stattfindet und das Verhältnis Schüler-Lehrer entspannter wird. Nicht zuletzt entwickeln die Schülerinnen und Schüler Fähigkeiten, die sie vorher nicht gezeigt haben. Der Austausch zwischen den Projekten schaffte übrigens neue Synergien und eine bessere Kommunikation untereinander.

"Ihr seid ein Team, wo jeder vom anderen abhängt"

Diese gute Atmosphäre und das angenehme Sommerwetter spielten auch Michelle und Laura aus dem Workshop "Jingleproduktion" in die Hände, die die Gelegenheit nutzten, um ihr Handwerk des Recherchierens und Dokumentierens einzuüben. "Du musst Fragen stellen, die zu den Gesprächspartnern passen", erklärte Nils Neubert der Schülerin.

"Ihr drei seid ein Team, wo jeder vom anderen abhängt", erklärte er den Mädchen die Anforderungen, die der Film an Teamarbeit stellt. Michelles Mutter, die auf Wunsch der Tochter nach Berlin gereist war, freute sich ihrerseits über die Lernerfolge der Kinder: "Die Kinder tauen auf und erproben auf spielerische Art ihre neu erworbenen Kompetenzen."

In den Schulen vor Ort kommt es darauf an, dass die Projekte an den Schulen Fuß fassen und in den Unterricht integriert werden, erklärte Jens Carstensen. "Die Arbeit mit den einzelnen Schülerinnen und Schülern ist dabei zentral." In anderen Worten: Individuelle Förderung ist ein Grundprinzip erfolgreicher Kulturarbeit.

Einmal im Rampenlicht stehen

Die Arbeit mit den Kindern wurde am Samstagvormittag fortgesetzt. Nils Neubert und seine Crew waren nun am Set, das heißt beim Filmdreh zu sehen: "Was Kinder können und Erwachsene nicht." Grimassen schneiden zum Beispiel oder ulkige Tierlaute von sich geben. Die Kinder waren in ihrem Element.

"Projekte scheitern oft, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht wiederfinden", äußerte der Musiker Derya Takkali (bekannt aus "Derya und die Boddin-BEATZ") im Rahmen der Gruppenarbeit zum Thema "Partizipation". Man müsse den Schülerinnen und Schülern daher die Chance geben, auch außerhalb der Schule ihre Talente zu zeigen. Hier sind aber die Eltern gefordert, die mehr Verständnis für diesen Aspekt von Schule mitbringen müssten. Eine Mutter gab ihm Recht: "Die schulische Leistung der Kinder ist den Eltern sehr wichtig. Sie nehmen ihr Kind sofort aus dem Workshop, wenn es nicht gut genug in der Schule ist."

Der äußerst kultiviert wirkende Derya ist wie Jens Carstensen als Botschafter gewonnen worden, um Verknüfungen zwischen dem ersten Themenatelier und "Klappe, die Zweite" herzustellen. "Er arbeitet inzwischen mit vier Schulen aus Stralsund, Hagenow, Salzwedel und Wittenberg zusammen. Ziel ist es, gemeinsam Musik zum Thema 'Inklusion, Anderssein' zu entwickeln und diese bei einem Auftritt seiner Band mit den Schülern vor einem großen Publikum aufzuführen", erläutert Harriet Völker. Seine Musik könne auch in die Filmbeiträge einfließen.

Allerdings kann auch der Zeitgeist ein Stolperstein bei der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern sein, wie der Filmemacher Ertan Erdogan erläuterte. Zu Beginn seines Projektes, das er gemeinsam mit Evelyn Arndt leitet, konnte er sich gar nicht vor dem Ansturm der interessierten Schülerinnen und Schüler retten. Viele waren darauf aus, sich beim Casting im Vorfeld des Films in erster Linie äußerlich zu präsentieren. Einmal im Rampenlicht stehen und für Minuten berühmt werden, so stellten sie sich das Filmprojekt vor.

Kulturarbeit wider den Zeitgeist

Solche Themen und künftigen Aufgaben des Netzwerkes wurden in den vier Länderrunden diskutiert. Man war sich einig, dass das 2. bundesweite Netzwerktreffen mehr Zeit für den Austausch zwischen den Projekten sowie für genuine Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern erübrigte. "Beim ersten Netzwerktreffen dominierten die inhaltlichen Impulse und es gab noch kein eigenes Programm für die Schülerinnen und Schüler", resümierte die Prozessbegleiterin für das Land NRW, Ulrike Kohlmeier, zufrieden.

Diesmal standen aber die Präsentation der ersten Zwischenergebnisse, die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern sowie die Verknüpfung der Projekte im Vordergrund. Auch sollen beim nächsten Netzwerktreffen die Erwachsenen aktiver in die kreative Arbeit der Workshops eingebunden werden, denn eines gab die Mutter von Michelle zu bedenken: "Die Kinder haben Spaß, weil sie an den Projekten partizipieren. Ihr Wunsch ist es aber, dass die Eltern mehr mitmachen."

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