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Ehrenamt für Integration

Das Beherrschen der deutschen Sprache ist ein unverzichtbares Element bei der Integration von Migrantinnen und Migranten. Im Saarland fördert das Modellprojekt "SIGNAL" des Kultusministeriums und des Landesverbandes Saarland des Deutschen Roten Kreuzes die Sprachkompetenz von Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund in Ganztagsschulen. Ehrenamtliche Tätigkeit findet in enger Kooperation von Lehrern und Erziehern mit Eltern und außerschulischen Partnern statt.

Das Thema Integration ist momentan in aller Munde. Am vergangenen Freitag fand zu diesem Thema im Bundeskanzleramt eine große Konferenz statt. Schon vor diesem Gipfel herrschte der Konsens, dass das Erlernen der deutschen Sprache eine wesentliche Voraussetzung zur Integration sei. Defizite beim Spracherwerb erschweren die frühe gesellschaftliche und berufliche Integration und sind später kaum auszugleichen.

Logo: Deutsches Rotes Kreuz macht Schule

Im saarländischen Kultusministerium und beim Landesverband Saarland des Deutschen Roten Kreuzes sah man dies ebenso und rief das Modellvorhaben zur "Sprachförderung und Integration in Ganztagseinrichtungen und Nachbarschaft als außerschulischem Lebensraum" ("SIGNAL") ins Leben, das mit Beginn des Schuljahres 2005/2006 an 13 saarländischen Schulen und fünf Kindergärten in sozialen Brennpunkten mit hohem Migrantenanteil startete. Das bundesweit einmalige Projekt ist Teil des Bund-Länder-Programms "FörMig" (Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund) und bündelt schulische und außerschulische Angebote, die nach dem Prinzip "Miteinander sprechen - füreinander Dasein - voneinander Lernen" verzahnt sind.

Das Deutsche Rote Kreuz ist im Saarland nicht nur Träger der Ganztagsbetreuung an 67 Freiwilligen Ganztagsschulen, sondern verfügt auch über einen großen Bereich "Migrationsdienste", in dem Sozialarbeiter und Psychologen tätig sind. "Wir haben uns gefragt: Warum diese beiden Bereiche nicht zusammenbringen?", erinnert sich Bettina Neu, Koordinatorin der Betreuungsangebote in der Freiwilligen Ganztagsschule.

Bundesweit einmaliges Modell

Gemeinsam mit dem Kultusministerium entwickelte man ein Konzept, das vorsah, mit ehrenamtlichen Integrationsbegleitern Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund und Sprachschwierigkeiten in Kleingruppen Förderunterricht im Ganztagsbereich zu erteilen. Kultusminister Jürgen Schreier erklärte zu diesem Aspekt: "Sprache lernen braucht Zuwendung und Partnerschaft. Gerade viele zugewanderte Kinder brauchen Partner, die sich Zeit nehmen und ihnen beim Erlernen der deutschen Sprache außerhalb des Unterrichts helfen. Ehrenamtliche Integrationsbegleiter schenken ihnen diese Zeit. Die Sprachförderung über ehrenamtliche Integrationsbegleiter ist bundesweit ein völlig neuer Ansatz und ein einzigartiges Modell." Mit "SIGNAL" gebe die Landesregierung dem Förderprogramm der Freiwilligen Ganztagsschule einen neuen inhaltlichen Schwerpunkt und ermögliche Migrantenkindern, die bisher nicht teilnehmen konnten, auch das weitere Angebot der Freiwilligen Ganztagsschule wahrzunehmen.

Die Integrationsbegleiter fand das DRK über einen Aufruf. "Wir haben keine bestimmten Qualifikationen vorausgesetzt, außer der Beherrschung der deutschen Sprache natürlich", erklärt Bettina Neu. Die Auswahl der Ehrenamtlichen durch das DRK erfolgte dann in Abstimmung mit der jeweiligen Schule nach Befähigung, sozialem Umfeld, Dauerhaftigkeit des Engagements und Kreativität. Bettina Neu: "Es handelt sich um Studierende, pensionierte Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher, Hausfrauen oder Lehrerinnen in Elternzeit sowie diverse andere Berufsgruppen - überwiegend sind es Frauen."

Freiwillige Teilnahme der Schulen

Die ausgewählten Ehrenamtlichen wurden von der Diplom-Sozialpädagogin, dem Projektleiter und Diplom-Psychologen Wolf Bernhard Emminghaus und der Diplom-Pädagogin Rabea Pallien in Fortbildungen auf ihren Einsatz vorbereitet.- 81 so genannte Integrationsbegleiter haben inzwischen an einer Fortbildung teilgenommen, heute arbeiten etwa 60 von ihnen an den Grundschulen und in den Kindergärten.

Das Kultusministerium traf die Auswahl der Schulen und Kindertagesstätten. Die Teilnahme der Schulen am Modellprojekt erfolgte auf freiwilliger Basis. Sie konnten ein für ihre Schule passendes Förderkonzept selbst entwickeln. An diesen Schulen ist nicht unbedingt das Deutsche Rote Kreuz der Träger des Ganztagsbereichs, lediglich zwei gehören zu diesem Kreis. Die Schulen wiederum suchten diejenigen Kinder aus, bei denen sich in einer Sprachstandserhebung Defizite gezeigt hatten. Pro Schule können circa 20 Kinder mit Migrationshintergrund gefördert werden. "Von Schule zu Schule ist es unterschiedlich, aus welchen Klassenstufen Kinder teilnehmen - an den meisten ab Klasse 1, bei manchen nehmen auch Quereinsteiger aus Klasse 3 oder 4 teil", erklärt Bettina Neu.

An einer Schule mit Ganztagsbetreuung durch das Deutsche Rote Kreuz testete man "SIGNAL", um dann im Schuljahr 2005/2006 in weiteren Ganztagsschulen in Saarbrücken, Völklingen, Neunkirchen und Saarlouis einzusteigen. Die Sprachförderung umfasst mehrere Stadien. Die ehrenamtliche Integrationsbegleitung ist gekoppelt mit Förderstunden von eineinhalb bis zwei Zeitstunden wöchentlich am Nachmittag in Freiwilligen Ganztagsschulen.

Erstaunliches ehrenamtliches Engagement

In einer ersten Phase lernen Kleingruppen von drei bis fünf Kindern gemeinsam mit den ehrenamtlichen Integrationsbegleiter die deutsche Alltagssprache spielerisch über eine Vielzahl von lebensweltnahen Methoden und bringen ihr neues Wissen dann in ihre Familien ein. In der zweiten Phase wird in zusätzlichem, einmal wöchentlich erteiltem Sprachförderunterricht im Rahmen der Freiwilligen Ganztagsschule das Gelernte vertieft. Diese Förderstunden werden von Lehrkräften der Schule oder externen Lehrkräften übernommen und verbinden den Vormittagsunterricht mit dem Angebot der Ehrenamtlichen in Form von Projektarbeit, Leseförderung und Hausaufgabenhilfe. Im Rahmen der dritten Phase lernen Kinder mit Migrationshintergrund und ihre Eltern während gemeinsamer Exkursionen mit deutschen Familien soziale Gemeinschaft und Kommunikation kennen.

Im ersten Jahr wurden rund 350 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und etwa 70 Eltern gefördert. "Wir haben Elternbriefe in verschiedenen Sprachen versandt, um die Eltern über die Möglichkeiten im Projekt 'SIGNAL' zu informieren", berichtet Bettina Neu. Auf Elternabenden seien Übersetzer anwesend gewesen, die das Anliegen weiter getragen hätten. "Inzwischen gibt es an einer Schule zwei Eltern mit Migrationshintergrund, die selbst für die anderen Eltern übersetzen, das funktioniert am besten."

Den Eltern stehen drei Möglichkeiten offen, an der Förderung zu partizipieren. Sie können getrennt von ihren Kindern in Elternklassen an Deutschkursen teilnehmen, in denen die Lehrkraft mit ihnen den Stoff lernt, den auch die Schülerinnen und Schüler beigebracht bekommen. Bettina Neu: "Das ist zugleich die Gelegenheit für die Eltern mitzubekommen, was ihre Kinder in der Schule machen." In Eltern-Kind-Klassen lernen alle gemeinsam durch Interaktion die deutsche Sprache und die Muttersprache. Drittens können die Eltern an den Exkursionen ihrer Kinder teilnehmen, wodurch sich auch ein Kontakt ins soziale Umfeld entwickelt.

Gefördert wird dieses seit dem 1. Januar 2005 laufende Projekt bis Ende 2009 mit 1,4 Millionen Euro. Momentan werten die Verantwortlichen die ersten Ergebnisse aus, um anhand dieser Evaluation zum kommenden Schuljahr eventuell Veränderungen vorzunehmen. Bisher sieht es allerdings kaum danach aus, als sollten gravierende Eingriffe nötig sein. Besonders mit dem Einsatz der Ehrenamtlichen ist man mehr als zufrieden. "Wenn man ein gelungenes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement sehen will, dann bei unserem Projekt", schwärmt Emminghaus. "Das Engagement ist erstaunlich: Da wirken Menschen aus der Nachbarschaft mit und solche, die Deutsch selbst als Fremdsprache erlernt haben. Die Ehrenamtlichen haben auf jeden Fall Erfahrung im Umgang mit Migranten gesammelt."

"Kinder haben Lust auf Lernen"

Für den Psychologen liegt es auf der Hand, dass man die Integrationsbereitschaft erhöht, indem man die Sprachkompetenz fördert. "Deutsch zu lernen ist schwierig, aber SIGNAL hilft, indem die Barrieren gesenkt werden: Die Kurse finden in einem nichtschulischen Kontext statt, die Sprachanlässe knüpfen an die Erfahrungen der Migranten an, wenn es zum Beispiel um Heimatkunde geht, und die Sprache ist die des Alltags, nicht nur Bildungssprache", so Emminghaus.

Die ehrenamtlichen Integrationsbegleiterinnen und -begleiter sollen vor allem die Integration in das soziale Umfeld erleichtern. Für alle teilnehmenden Schulen werden daher auch Exkursionen angeboten. Dies können Wanderungen und Ausflüge in die nähere Umgebung sein, zum Beispiel in das Wildfreigehege "Wolfsrath" in Saarwelligen oder zum Theater Überzwerg, zu Sehenswürdigkeiten und interkulturellen Festen. Die Kinder lernen so ihr Umfeld kennen, und sie lernen, dieses Handlungswissen in die deutsche Sprache und in ihre Muttersprache umzusetzen. Die Ausflüge erhöhen das Sprachverständnis. "Die Ehrenamtlichen bereiten dann eine Art Rallye vor, bei der sich die Kinder und Erwachsenen den Sprachraum erschließen müssen und ihr Blick konzentriert wird", berichtet Emminghaus.

Das Lernen geht bewusst ohne Druck vonstatten: "Die Kinder wollen ja lernen, sie haben Lust auf Leistung und auf Erfolg", so der Psychologe. "Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler hier immer eine Rückmeldung erhalten." Durch Spiele, Bücher und andere Materialien entwickeln die Integrationsbegleiter schon bestehende Deutschkenntnisse bei den Kindern weiter. "Die Sprachförderung richtet sich konkret am Bedarf der Basis aus", beschreibt Emminghaus den so genannten "Bottom-up-Ansatz". Bildungsplanung sei zwar "gut und schön", aber "wir wollen, dass es in beide Richtungen geht".

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