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Bunt gemischt, ist halb gewonnen

Bremen zeichnet sich durch ein dicht geflochtenes Netz an gebundenen oder teilgebundenen Ganztagsschulen aus, die nicht nur durch ihre beispielhafte pädagogische Architektur, sondern auch durch ihr ausgefeiltes pädagogisches Handwerkszeug überzeugen. In der Grundschule am Buntentorstein, die in einem Stadtviertel liegt, in dem privilegiertere mit sozial schwächeren Familien dicht zusammenleben, vereinen sich die Vorzüge verschiedener Bremer Ganztagsschulen.

Manche Schule wird ihrem Namen nur zu gerecht. So verhält es sich mit der Grundschule am Buntentorsteinweg, die in der Bremer Neustadt, einem bunt gemischten Stadtviertel längs der kleinen Weser liegt. Wer das Schultor passiert, fühlt sich persönlich eingeladen. Das mag auch daran liegen, dass zwei Gebäudeteile, ein klassizistisches, das von innen den Charme der Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf versprüht,und ein neues, modernes, wunderbar verbunden wurden.

Schulhaus Grundschule am Buntentorsteinweg

Die Grundschule am Buntentorsteinweg ist eine dreizügige Ganztagsschule mit rund 235 Schülerinnen und Schülern, die in sieben Klassenverbänden und vier ahrgangsübergreifenden Lerngruppen unterrichtet werden. Die acht Klassenräume des Hintergebäudes der Schule verfügen jeweils über eine Art Schwesterraum, in dem die Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten oder bestimmten Freizeitangeboten nachgehen können. Sie sind durch Fenster oder Glastüren verbunden, damit die Lehrkräfte Sichtkontakt mit den Kindern halten können.

Mit Engagement zur kunterbunten Grundschule

Im Mittelgebäude sind die Klassen sogar teilweise in Doppelräumen untergebracht, die aufgrund der Raumaufteilung  Möglichkeiten zum differenzierenden und integrativen Unterricht bieten. Im Vordergebäude der Schule gibt es extra Räume für Fremdsprachenunterricht und Sprachförderung sowie eine Schülerbücherei und einen Computerraum.

All dies wurde nicht zuletzt durch das außerordentliche Engagement von Schulleiterin Meike Baasen möglich: "Sie hat mit Leib und Seele für den Neubau gekämpft", erläutert Gisela Steinhauer als stellvertretende Schulleiterin.

Baasen habe keine Sitzung mit den Architekten ausgelassen und dazu beigetragen, dass die Grundschule nach pädagogischen Gesichtspunkten gestaltet wurde: "Die Kinder sollen sich wohlfühlen", so Baasen. Der Umbau des Gebäudes, der durch Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) sowie aus Bremer Landesmitteln finanziert wurde, sei ideal geplant und durchgeführt worden.

Was machen die Schülerinnen und Schüler aus diesem Stück vom räumlichen Glück? Zu Gast bei der jahrgangsübergreifenden "Delfingruppe": Statt gleich zu rechnen, sitzen rund 20 Kinder der Klassen eins bis drei ab acht Uhr in der Früh mit ihrer Klassenlehrerin zusammen und bilden einen bunten "Erzählkreis".

Statt Morgenkater sanft in den Unterricht gleiten

Die Namen der Kinder werden laut vorgelesen - von einer Schülerin. "Hier bin ich", antworten ihr die Mitschüler. Während die Klassenlehrerin sich auf die Moderation der Gruppe beschränktund die Kinder einzeln aufmuntert, kleine Aufgaben wie das Vorlesen ihrer Namen zu übernehmen, gleiten sie sanft in den Schultag hinein.

Schülerinnen und Schüler vor der Tafel

In derart aufgelockerter Stimmung merken die Kinder kaum, dass sich nach etwa einer halben Stunde zum Spiel der Ernst hinzugesellt hat. Nicht nur die räumlichen, auch die zeitlichen Ressourcen stehen der Ganztagsgrundschule am Buntentorsteinweg zur Genüge zur Verfügung: Montag, Mittwoch und Donnerstag hat sie ihre Tore von 8:00 Uhr bis 16:00 Uhr, Dienstag und Freitag bis 14:00 Uhr (mit anschließender Betreuungsmöglichkeit) geöffnet.

Das Pensum, das die - ebenfalls jahrgangsübergreifende - "Delfingruppe" am Mittwoch zu absolvieren hat, sieht wie folgt aus: Erzählkreis, Mathe, Frühstück, Deutsch, Pause, Spielzeit/ Freie Arbeit/ Muttersprache, Essen, Pause, Wochenplan, Tagesplan/ Musik/ ABC-Kurs. "Wir machen jetzt Geometrie", erläutert die Klassenlehrerin, nachdem die Kinder bereits miteinander warm geworden sind und sogar Rückwärtszählen geübt haben. Ein lautes "Ja!" gellt der Lehrerin aus allen Hälsen freudig entgegen.

Kinder als Experten in den Unterricht einbeziehen

In der Geometrie arbeitet man überwiegend mit Formen statt mit Zahlen. Nachdem Peggy dies auf Nachfrage der Lehrerin erläutert hat, lautet die nächste Aufgabe der Klassenlehrerin, Formen zu Dreiecken zusammenzulegen. Alles läuft wie am Schnürchen, bis ein Junge moniert, dass die Mädchen eher dran genommen werden. Da sich die Geometrie durch ihre Formenarithmetik besonders gut zum Malen und Zeichnen eignet, möchte die Klassenlehrerin, dass die Schülerinnen und Schüler nun in Kleingruppen kreativ zu Werke gehen. Aus Dreiecken, Vierecken oder Quadraten gestalten sie individuelle Muster, die ein wenig an den Kubismus denken lassen. Die Motive variieren: ein Auto-Cabrio ist ebenso dabei wie ein Bild aus drei Sonnen, einer Blume sowie einer Burg.

Die Jahrgangsmischung in der Lerngruppe hat Methode: Seit ab dem Schuljahr 2005/ 2006 alle Kinder - ohne Umweg über die Vorklassen - in die erste Klasse eingeschult werden, haben "offene Unterrichtsformen"  Vorrang. "Jedes Kind lernt das, was es gerade braucht und  hat dabei die Zeit für das Lernen, die zu ihm passt. Dadurch sind die Kinder auf einem unterschiedlichen Lernstand", so die Klassenlehrerin.

Meike Baasen fügt hinzu: "In den altersgemischten Gruppen helfen die Großen den Kleinen oder die Kleinen den Großen. Wichtig ist, dass die Kinder als Experten aktiv in den Lernprozess einbezogen werden", so die Schulleiterin. Darüber hinaus übernehmen die Kinder der höheren Klassen als Paten Verantwortung für ein jüngeres Schulkind. Weil sich das Schulklima dadurch deutlich verbessert habe, sollen altergemischte Gruppen auch in der Klasse drei bis vier eingeführt werden.  

Gegen zehn Uhr ist Zeit für das Frühstück, das die Kinder im Klassenraum einnehmen. Der Raum, in dem bunte Bilder der Kinder ebenso anzutreffen sind wie eigene Fächer mit Lernmaterialien oder Wochenpläne, ist ein buntes und kindgerechtes Zuhause der Schülerinnen und Schüler. Seine Gestaltung trägt mit dazu bei, dass die Kinder, die aus sehr unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus kommen, zum Lernen und Leben verführt werden.

Junge Lehrer mit neuen Ideen gefragt

Der organische Wechsel von Anspannung und Entspannung kommt ebenfalls dem Bedürfnis der Kinder entgegen, ihr spielerisches und kreatives Naturell auszuleben, das ja ihre Entwicklung in der Vorschulzeit auszeichnete. Doch in der Grundschule am Buntentorstein wird es zusätzlich mit dem Ernst der Schule verknüpft. Das wird auch deutlich, als zur Deutschstunde der Studienreferendar Tobias May den Klassenraum betritt. Der junge bärtige Mann probiert mit den Schülerinnen und Schülern in Absprache mit Schulleiterin Meike Baasen und der Klassenlehrerin eine neue Lernmethode aus: die Lernwörter-Station.

Schüler der "Delfingruppe"

Sie setzt sich aus insgesamt fünf Stationen zusammen, wie schwierige Wörter oder Nomen unterstreichen, Wörter im Partnerdiktat üben sowie Wörter nach dem Alphabet sortieren. Tobias May teilt die Schülerinnen und Schüler in fünf Tische auf, die er dann, je nach Lernerfolg, mit einem Sternchen belohnt. Mit der Lernwörter-Station üben die Kinder die angewandten Regeln der deutschen Rechtschreibung und das spielerische Moment wird mit dem Schulischen verbunden. "Arkadisch" lautet übrigens das Lieblingswort einer türkischen Schülern: "Das bedeutet ,Freunde'." Die finden viele Kinder oft erst in der Schule.

Vom jahrgangsübergreifenden Unterricht zur Teambildung

Die Verjüngung des Teams durch Tobias Mey ist der Klassenlehrerin höchst willkommen: "Die Studienreferendare bringen schließlich theoretische Neuerungen und Methoden mit." Allerdings hapere es bei manchen Studienreferendaren zuweilen noch am kindgerechten Umgang, der gerade in einer Grundschule von zentraler Bedeutung sei.

Da die Schülerinnen und Schüler aus zahlreichen Nationen aus sehr heterogenen sozialen und kulturellen Verhältnissen stammen, hat sich das Unterrichts- und Freizeitangebot auf ein zentrales Paradigma zukunftsfähiger Schulen eingestellt: Heterogenität. Einen Eindruck davon vermittelte auch die "Delfingruppe", deren Kinder unterschiedliche sprachliche, kognitive, aber auch soziale Fähigkeiten mitbringen. Auf  Hausaufgaben wird in der gebundenen Schule verzichtet, da sie Schulaufgaben im Rahmen des Ganztags erledigt werden.

Ein Segen für die Eltern. So gibt es laut Steinhauer im Rahmen des Wochenplans für "jedes Kind individuelle Aufgaben, die dem eigenen Lerntempo des Kindes entsprechen". Dies erfordere eine gute Kommunikation zwischen dem Elternhaus und den Lehrerteams.

Die Sozialpädagogen beispielsweise bringen laut Steinhauer einen anderen Blickwinkel auf die Kinder mit, der weniger leistungsorientiert ist. Er entlastet nicht nur die Lehrkräfte, sondern ist für die Praxis der Ganztagsschule unentbehrlich, wie das folgende Beispiel zeigt. Der Diplom-Pädagoge Achim Schroth von der AWO Bremen arbeitet seit drei Jahren an der Grundschule, erst ehrenamtlich, dann hauptberuflich. Um kurz nach elf Uhr betritt er das Klassenzimmer der "Delfingruppe", um einen Teil "frei arbeiten zu lassen und einzeln zu fördern."

Spiel und Bewegung zwischen dem Unterricht

Während er mit den Kindern die Räume wechselt, geht die andere Hälfte der Klasse in den Türkischunterricht. Auch diese Differenzierung ist nur in einer gebundenen Ganztagsschule möglich. In der ersten dreiviertel Stunde ist Freispielphase. Die Kinder können sich die Spiele selber aussuchen: während die Jungen Fußball spielen, präferieren die Mädchen Rollenspiele. Nun verwandeln sich Teile des Schulgeländes in einen Bewegungsraum, der ausgefüllt ist mit der Freude und Lebendigkeit der Kinder.

Gisela Steinhauer

Danach wenden sich die Kinder verschiedenen Tätigkeiten zu: geometrischen Figuren etwa, mit denen sie an den Vormittagsunterricht anknüpfen. Oder dem Theaterspiel. Dort allerdings kommt es zu einem Konflikt in einer vierköpfigen Mädchengruppe. Ein Mädchen, das immer Katze spielen möchte, wird von der Gruppe ausgeschlossen. "Ich bin Moderator zwischen den Gruppen und beobachte die Kinder. Es ist viel gewonnen, wenn sie die Regeln verinnerlichen und miteinander spielen können", erläutert Schroth. Die sozialpädaggogische Intervention zur Behebung des Gruppenkonfliktes bewirkte übrigens ein kleines Wunder, denn die Mädchen legten nicht nur ihren Streit bei, sondern sie hatten auch den Spaß am Lernen wieder gefunden.

Bei den Jungen steht die Rangordnung im Vordergrund, bei den Mädchen eher soziale Beziehungen, so der Sozialpädagoge, zu dessen Handwerkszeug spielpädagogisches, künstlerisches oder das klassische sozialpädagogische Repertoire gehört. Schroth sieht sich als Teil eines Ganztagsschulteams, in dem jede und jeder seine Perspektive einbringen kann, sich gemeinsam fortbildet und  die Kommunikation zwischen Teilen ein sinnvolles Ganzes macht.

Keiner stellt sich über den anderen

Kaum eine andere Schule legt wohl so großen Wert auf die Entwicklung multiprofessioneller Teams aus Lehrkräften, Sozialpädagogen und Erzieherinnen wie die Grundschule am Buntentorsteinweg. "In den letzten 30 Jahren hat sich das Lehrerbild grundlegend geändert", erklärt Gisela Steinhauer. Heute müsse man viel mehr zusammenarbeiten. Die Lehrerteams müssten beispielsweise den Tagesablauf der Jahrgangsgruppen koordinieren und dafür sorgen, dass Eckpunkte für Qualität (zum Beispiel gleiche Rituale, feste Wochenpläne) möglich werden

Doch die zentrale Aufgabe des Lehrerteams bestünde darin,mit dem pädagogischen Personal der Horte oder dem sozialpädagogischem Personal, Hausmeister etc. zusammenzuarbeiten. An der gebundenen Grundschule am Buntentorsteinweg ist die Bildung multiprofessioneller Teams das i-Tüpfelchen.

Woanders mag es beamteten oder angestellten Lehrern schwer fallen, mit den Pädagogen aus anderen Ressorts zusammenzuarbeiten - an der Grundschule ist dies selbstverständlich und Teil der Schulkultur. Dies verdeutlicht die gemeinsame Entwicklung von Leitbildern in Teamarbeit mit den Eltern, Lehrkräften und Sozialpädagogen. Dass die Schule auch das Präsenzzeitmodell mit Lehrerarbeitsplätzen umgesetzt hat, einen Schülerrat etabliert hat und eigene Fortbildungsangebote unterbreitet hat, verdeutlicht, in welcher Liga die Grundschule am Buntentorsteinweg eigentlich spielt.

Neue Fortbildungsbausteine aus Bremen

Für das Land Bremen hat die Grundschule am Buntentorsteinweg sogar an der Entwicklung eines Fortbildungsbausteins im Rahmen des Verbundprojektes "Lernen für den GanzTag" mitgewirkt: Dieser heißt "Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen in Ganztagsschulen" (Bremen/ Rheinland-Pfalz) und arbeitet mit überzeugenden Methoden an der Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Professionen.  

Hier schließt sich der Kreis: Als Verantwortliche für das Ganze hat Schulleiterin Meike Baasen kaum Zeit für Unterricht. Da ihre Schule als Ganztagsschule eine Anwahlschule ist, die auch Kinder aus anderen Bezirken aufnehmen kann, wird auch der Blick über den Tellerrand  immer wichtiger.

Es geht auch um Standortsicherung der Schule in einem Netzwerk aus Schule, Kita und Stadtteil. Schließlich steht die Schule in einem Wettbewerb mit anderen privaten Schulen. Da die Mittel aus dem Bremer Senat begrenzt sind, so die stellvertretende Schulleiterin Gisela Steinhauer, wurde ein Förderverein gegründet, um Spendengelder zur Fortentwicklung der Angebote hereinzuholen.

Bunt ist die Grundschule am Buntentorsteinweg tatsächlich. Aber nicht nur bunt, sondern offensichtlich auch so stark, dass eine Pippi Langstrumpf ihre Freude daran hätte.

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