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Zwischen den Schuljahren: Westerwaldschule Driedorf

Sommerferien - Zeit zum Durchatmen! In den kommenden sechs Wochen berichten Schulleiterinnen und Schulleiter aus verschiedenen Bundesländern und unterschiedlichen Schulformen vom Stand der Dinge in ihren Ganztagsschulen. Den Anfang macht Karl-Heinz Welsch von der Westerwaldschule im hessischen Driedorf (Lahn-Dill-Kreis). Der Schulleiter der Integrierten Gesamtschule mit Grundstufe, Sprachheilklasse und Pädagogischer Mittagsbetreuung berichtet über Jahrgangsteams, Laptop-Klassen und eine Schule, die sich wie ein Fächer öffnet.

Porträtfoto Karl-Heinz Welsch

Online-Redaktion: Herr Welsch, Ihre Gesamtschule mit Grundstufe deckt die Klassen 1 bis 10 ab. Bis zu welcher Jahrgangsstufe lernen bei Ihnen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam?

Karl-Heinz Welsch: Wir haben die Sekundarstufe I in dem Rahmen, den das Hessische Schulgesetz zulässt, neu organisiert. Die Klassen 5 und 6 bilden die Orientierungsphase, in der der Klassenlehrerunterricht stark betont wird. In den Jahrgangsstufen 7 und 8 findet dann eine zunehmende Differenzierung in den Hauptfächern statt. Am Ende der Klasse 8 ist für uns hinreichend erkennbar, welche Schülerinnen und Schüler jeweils die Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulklassen besuchen sollten. Die Schule ist quasi wie ein Fächer organisiert, der sich entfaltet. Pädagogisch wie organisatorisch halten wir diese so genannten schulformbezogenen Abschlussklassen für ein gutes System. Es ist sinnvoll, mit der Entscheidung für die weitere Schullaufbahn nach der 4. Klasse vier Jahre zu warten.

Online-Redaktion: Wie lange arbeiten Sie bereits mit diesen schulformbezogenen Abschlussklassen?

Welsch: Seit drei Jahren. Da wir damit von der "reinen Gesamtschul-Lehre" abweichen, gab es zuvor einen sehr intensiven schulinternen Diskussionsprozess, der in eine Mehrheit für dieses Modell mündete.

Online-Redaktion: Wie gefällt denn den Schülerinnen und Schülern das System?

Welsch: Egal, ob es sich um Haupt-, Real- oder Gymnasialschüler handelt, versichern mir die Jugendlichen jedes Jahr, dass sie es prima finden.

Online-Redaktion: Einige Ganztagsschulen machen indes auch gute Erfahrungen mit einem Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler bis zum Abschluss.

Welsch: Wenn Sie eine Gruppe zu unterrichten haben, in der von einem leistungsmäßig schwachen Hauptschüler bis zu einem bärenstarken Gymnasiasten höchst unterschiedliche Schüler sitzen, stoßen Sie auch mit den Methoden der Binnendifferenzierung an Grenzen. Wenn aber nicht ausreichend differenziert werden kann, dann hat zum Beispiel ein Hauptschüler ständig die falsche Messlatte vor Augen.

Es kommt noch etwas hinzu: Seit drei Jahren gibt es in Hessen Abschlussprüfungen, die ein ganzes Halbjahr lang einen sinnvollen Schulbetrieb unmöglich machen würden, wenn alle Schülerinnen und Schüler zusammen unterrichtet werden müssten. Hauptschülerinnen und Hauptschüler müssen ihre Projektprüfung vorbereiten und abnehmen lassen. Die Realschülerinnen und Realschüler müssen mit einem Fachlehrer eine Hausarbeit vorbereiten und eine Prüfung ablegen. Die Hessen weiten Abschlussprüfungen für die drei Schulformen finden dann zu unterschiedlichen Terminen statt. Die integrierten Klassen würden permanent auseinander gerissen. Dass es bei parallel laufenden Klassen nicht dazu kommt, empfinden die Schülerinnen und Schüler übrigens als besonders wohltuend.

Online-Redaktion: Welche pädagogischen Erfahrungen haben Sie mit den schulformbezogenen Abschlussklassen gemacht?

Welsch: Die Möglichkeiten, angemessen pädagogisch zu reagieren, haben sich deutlich ausgeweitet. Demnächst fahren zwei neu gebildete Hauptschulklassen zu einem erlebnispädagogischen Projekt, das der Gruppenfindung dienen soll, auf die Wasserkuppe. Die Schülerinnen und Schüler freuen sich riesig darauf. Dieses  wird aus EU-Mitteln finanziert und wäre bei integrierten Klassen so nicht zu Stande gekommen.

Online-Redaktion: Der Klassenlehreranteil ist mit bis zu 18 Wochenstunden recht hoch. Wie organisieren Sie das?

Welsch: Wir halten die Klassenlehrerstunden in den Jahrgängen 5 und 6 recht hoch, um den Bruch zur Grundschule nicht zu groß werden zu lassen. Hierbei hilft uns, dass wir eine Teambildung vorgenommen haben. Fachfremder Unterricht lässt sich nicht vermeiden, aber durch die Teambildung fangen wir das auf. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Alle binnendifferenzierenden Maßnahmen sind Sache der Teams. Da wird die pädagogische Freiheit der einzelnen Kolleginnen und Kollegen sehr hochgehalten. Es wird ihnen aber, wenn sie es wünschen, ein Instrumentarium in Form von Materialien und Fortbildungen zur Verfügung gestellt.

Online-Redaktion: Wer bildet die Teams?

Welsch: Den Grundstock bilden die Klassenlehrerinnen und -lehrer. Dazu kommen je nach Fach - Deutsch, Mathematik, Gesellschaftswissenschaften und den in unserer Schule zusammengelegten Naturwissenschaften - die entsprechenden Fachlehrerinnen und -lehrer.

Online-Redaktion: Haben Sie noch ein klassisches Lehrerzimmer oder treffen sich diese Teams in ihren eigenen Räumen?

Welsch: Wir haben beides. Für die sozialen Kontakte in einer größeren Gruppe halte ich ein Lehrerzimmer schon für notwendig. Die Jahrgangsteams sind ja mehr oder weniger Zwangsgemeinschaften. Zwar ist es Aufgabe der Schulleitung, nicht Kolleginnen und Kollegen zusammen zu stecken, bei denen von Anfang an klar ist, dass es nicht passt. Andererseits ist es natürlich ein Teil pädagogischer Professionalität, auch mit Leuten, die einem nicht so sympathisch sind, zusammen zu arbeiten.

Online-Redaktion: Einige tun sich aber auch schwerer als andere, vom Einzel- zum Teamspieler zu werden. Hat sich die Arbeitszufriedenheit im Kollegium verändert?

Welsch: Das Kollegium legt sehr großen Wert auf diese Jahrgangsteams. Es war sogar deren ausdrücklicher Wunsch, so zu arbeiten. Unsere schulinterne Evaluationsgruppe hat in der aktuellen Befragung eine sehr große Zufriedenheit bei Lehrern, Schülern und Eltern ermittelt.

Online-Redaktion: Seit 1993 gibt es in Ihrer Schule die Pädagogische Mittagsbetreuung, die inzwischen den Grundstock der offenen Ganztagsschulen in Hessen bildet. In Ihrem Schulprogramm ist zu lesen, dass Sie dieses Minimalprogramm weiterentwickeln wollen. Wie weit sind Sie damit bis jetzt gekommen?

Welsch: Wir haben im vergangenen Jahr, als mit dem Bau einer Mensa die räumlichen Voraussetzungen geschaffen worden waren, festgelegt, dass jeder Schüler, der mehr als sechs Stunden Unterricht hat, mindestens eine Stunde Mittagspause erhält -  in der fünften, sechsten oder siebten Stunde. In dieser Zeit bieten wir, auch für Jugendliche, die mit dem Unterricht fertig sind, neben der Möglichkeit, in der Mensa zu essen, eine Hausaufgabenbetreuung und ein Internetcafé an. Für Letzteres öffnen wir einfach einen der beiden EDV-Räume, in dem 30 Schülerinnen und Schüler Platz finden und der oft sozusagen wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Im Anschluss an den Unterricht finden dann Arbeitsgemeinschaften statt.

Online-Redaktion: Sind diese Angebote fest in den Schultag integriert oder freiwillig von den Schülerinnen und Schülern wählbar?

Welsch: Ich lege sehr großen Wert darauf und bin da mit den Eltern einer Meinung, dass aus dem Ganztags- kein Pflichtangebot wird. Das ist ein offenes Angebot, aus dem niemand ein Vor- oder Nachteil erwachsen darf.

Online-Redaktion: Wer beaufsichtigt die Hausaufgabenbetreuung?

Welsch: Im Moment sind drei Honorarkräfte im Einsatz. Die Frequentierung der Hausaufgabenhilfe ist nach unseren Erfahrungen ganz entscheidend von den Personen abhängig, die diese leiten. Vergangenes Jahr haben wir zum Beispiel den Vertrag einer Honorarkraft nicht verlängert, weil es nicht so gut lief.

Online-Redaktion: Wie ist das Mittagessen organisiert?

Welsch: Als die Mensa noch nicht fertig gestellt war, hatte ich eine Vakanz am schuleigenen Kiosk. Von jetzt auf gleich habe ich deshalb eine Mutter eingestellt. Die hat das so toll gemacht, dass wir ihr daraufhin den mit IZBB-Mitteln finanzierten Mensabereich angeboten haben. Es wurde ein Arbeitsplatz in Form einer Ich-AG geschaffen. Wir sind seitdem mit dem Angebot sehr zufrieden, zumal alles frisch zubereitet wird. Das Essen kostet 2,50 Euro inklusive Salat und Getränk. Einmal im Jahr hat jede Klasse das Recht, auf Kosten der Schule dort Mittag zu essen.

Online-Redaktion: Sind Sie auch mit der Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Mittagessen zufrieden?

Welsch: Die Zahl schwankt stark. Der Essensplan wird vier Wochen im Voraus veröffentlicht. Bis zum vorigen Tag müssen die Schüler ihre Essensmarken kaufen. Diese werden von Jugendlichen der 10. Klasse verkauft, die im Eingangsbereich sitzen.

Online-Redaktion: Wenn den Schülerinnen und Schülern durch die Angebote am Nachmittag kein Vor- oder Nachteil erwachsen darf, worauf legen Sie dann Ihr Augenmerk bei der Ausgestaltung der AGs?

Welsch: Ich muss meine Aussage da ein wenig relativieren: Wenn Kinder zu Hause nicht die Möglichkeit haben, unter vernünftigen Bedingungen ihre Hausaufgaben zu erledigen und die Unterstützung der Eltern fehlt, haben sie natürlich einen Vorteil, wenn sie dies in der Schule unter Anleitung können. Uns ist grundsätzlich wichtig, dass wir den Schülerinnen und Schülern Anregungen geben und die Möglichkeit bieten, hier im ländlichen Raum ihre Freizeit zu gestalten.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit der Kooperation mit außerschulischen Partnern aus?

Welsch: Unser Förderverein beschäftigt etwa zehn Kräfte für die Ganztagsbetreuung. Die Kooperationen mit der kommunalen Jugendpflege, mit der Kommune und mit den Kirchen funktionieren hervorragend. Die Vereine zeigen leider nicht so großes Interesse. Ausgenommen der örtliche Musikverein, der in diesem Schuljahr eine Schulorchester-AG für die Klassen 5 und 6 organisiert hat. Das Orchester ist letztens aufgetreten - a la bonne heure, kann ich da nur sagen.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie die Wahl der Arbeitsgemeinschaften durch die Schülerinnen und Schüler?

Welsch: Es gibt eine Ankündigung des Programms mit einer Kurzbeschreibung der Angebote, der Benennung der verantwortlichen Personen und einer eventuellen Einschränkung auf bestimmte Altersgruppen. Dann wählen die Schüler ihre AGs. Bei sehr großer Nachfrage kommen Schülerinnen und Schüler, die nicht in ihren Wunschkurs kommen, im zweiten Halbjahr zum Zug. Dann bieten wir den Kurs einfach noch einmal an, oder wir halten nach einer weiteren Person Ausschau, die das gleiche Thema anbieten könnte.

Online-Redaktion: Sie haben die Offenheit des Ganztagsangebots betont. Um eine gewisse Verbindlichkeit wird aber auch Ihre Schule nicht herumkommen?

Welsch: Wir räumen den Kindern und Jugendlichen eine zweiwöchige Schnupperphase ein, damit sie sich gegebenenfalls noch umentscheiden können, wenn sie merken, dass die AG nichts für sie ist. Dann ist aber eine verbindliche Entscheidung für ein ganzes Schuljahr zu treffen. Im vergangenen Schuljahr waren es aber auch nur höchstens fünf Schüler, die sich von Kursen abgemeldet haben.

Online-Redaktion: Was planen Sie für das kommende Schuljahr?

Welsch: Wir werden zwei Maßnahmen ausweiten, die sich in diesem Schuljahr als absolute Renner herausgestellt haben. Erstens ist da unsere im fünften Schuljahr bestehende Laptop-Klasse. Die Eltern müssen für diese einen Laptop erwerben, die übrige Logistik sowie Software wird von uns gestellt. Familien, die sich dies finanziell nicht leisten können, hilft der Förderverein. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, schwerpunktmäßig mit dem Computer umzugehen, um ihn dann später selbstständig im Unterricht zu benutzen. In zehn Jahren wird es sowieso keine Schulbücher mehr geben. Die Nachfrage nach dieser Laptop-Klasse ist jedenfalls so groß, dass wir im kommenden Schuljahr gleich zwei in der fünften Jahrgangsstufe bilden werden.

Das Zweite ist das Oster-Camp, das wir im April versetzungsgefährdeten Schülerinnen und Schülern angeboten haben. An sechs Tagen arbeiteten zehn Honorarkräfte mit den Schülerinnen und Schüler gezielt die von Fachlehrerinnen und -lehrern benannten Lücken auf. Das Ganze sollte auch Spaß machen und begann beispielsweise jeden Morgen mit einem opulenten Frühstücksbuffet. Ich stand der Sache ehrlich gesagt abwartend gegenüber, aber das Camp, das wir mit Landesmitteln finanziert haben, hat sich nach Befragung von Schülern als so toll erwiesen, dass wir es nächstes Jahr ausweiten werden - auf absolut freiwilliger Basis.

Online-Redaktion: Gibt es auf den Ganztagsbereich bezogen noch Verbesserungsbedarf?

Welsch: Ich möchte die Palette im AG-Bereich verbessert wissen, wozu wir allerdings mehr Partner brauchen.

Westerwald Schule Driedorf
Schülerzahl: 677
Lehrerzahl: 81
Ganztagsangebot: Mensa, Pädagogische Mittagsbetreuung, Internet Café, Begegnungsraum, Schulsanitätsdienst, Hausaufgabenbetreuung, Orchester, Schulband, Chor und weitere AG-Angebote

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