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Ganztags nimmt Formen an

Ein umlagerter Stand und viel Anerkennung: Die ostwestfälische Kleinstadt Herford erfreute sich während des Berliner Ganztagsschulkongresses "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" großer Aufmerksamkeit. Durch das entschlossene und einvernehmliche Handeln von Politik, Verwaltung, Schulen und Kooperationspartnern hat es die Kommune zu einem Vorzeigemodell in Sachen Ganztagsschulen gebracht.

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Wie wahr dieser Spruch ist, beweist sich derzeit in der ostwestfälischen Kleinstadt Herford. Seit in der Grundschule Landsberger Straße die ersten Baumaßnahmen bei der Umwandlung zu einer Ganztagsschule gegriffen haben, weicht die anfängliche Skepsis und Zurückhaltung in Teilen des Lehrerkollegium und in der Elternschaft. Der abstrakte Begriff "Ganztag" bekommt eine Form - und die sieht vielversprechend aus: Relativ einfache Bautätigkeit hat aus den üblichen quadratischen Betonkasten-Klassenzimmern im Erdgeschoss einen offenen, hellen und transparenten Raum mit PC-Inseln und Kuschelecken geschaffen. Die trennenden Regipswände sind abgerissen worden, stattdessen verbinden nun Wände aus hellem Holz und Glas mit Türen die ehemals getrennten Räume, von denen der mittlere zum Multifunktionsraum umgewandelt worden ist. Nun ist es möglich, einen weiten Blick quer durch die untere Etage zu werfen, die nun eher wie ein Atelier wirkt. Helle, neue Möbel runden den freundlichen Gesamteindruck ab, denn auch die Türen besitzen nun Glaselemente.

Vorher und nachher. Links: So sehen die Klassenzimmer in der Landsberger Straße vor dem Umbau aus. Rechts: Hell und transparent wirken die Klassenzimmer nach dem Umbau.

"Viele Kolleginnen waren sehr skeptisch gegenüber den Glastüren eingestellt", berichtet Bettina Gräber, Schulleiterin der Grundschule Landsberger Straße in Herford. "Lehrer hinter Glas, hieß es. Doch inzwischen sind alle sehr angetan, und kein Schüler drückt sich mehr an den Scheiben die Nase platt. Es ist etwas Normales geworden." Aber das Wichtigste ist für die Schulleiterin: "Die Kinder fühlen sich wohl. Die alten Klassenzimmer waren aber auch schrecklich. Man kam sich wie in einem kleinen Schuhkarton eingesperrt vor."

Tafeln werden überflüssig

Nun werden nach und nach alle Klassenzimmer die neue Gestalt annehmen, um den Erfordernissen eines Ganztagsbetriebs besser Rechnung tragen zu können. Die zur Tafel hin orientierten Tischreihen des alten Frontalunterrichts gehören hier der Vergangenheit an. Fraglich ist laut Bettina Gräber, ob man die Tafel für den Unterricht der Zukunft überhaupt noch in diesem Maße brauchen wird wie bisher. Die bunt im Raum aufgestellten multifunktionalen Vierertische und die anderen verstellbaren Möbel machen schon jetzt deutlich, dass sich die Einrichtung an den Bedürfnissen des Unterrichts und der Kinder orientiert und nicht umgekehrt. Die Transparenz sorgt dabei für ein höheres Wohlgefühl.

Die Grundschule Landsberger Straße ist eine von elf Herforder Ganztagsgrundschulen, an denen derzeit und im nächsten Jahr bauliche Veränderungen stattfinden. Insgesamt zwölf Millionen Euro aus Landes- und kommunalen Mitteln sowie dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" des Bundes verbaut die Kommune. "Als ich den ersten Bewilligungsbescheid über rund drei Millionen Euro auf meinem Schreibtisch liegen hatte, wusste ich, dass jetzt auch die Skeptiker überzeugt sein würden", erzählt Rainer Schweppe.

Der Leiter der Abteilung Schule, Kultur und Sport hat den Prozess der Umwandlung der Grundschulen in Ganztagsschulen vor zwei Jahren mit eingeleitet. Im Herbst 2002 diskutierte der Schulträger erstmals über das "erste Eckpunktepapier des Landes NRW" im Kreis der Grundschulleiterinnen und -leiter. Erste Interessenten brachten sich damals schon ein, und eine Befragung von Eltern ergab eine mehrheitliche Befürwortung von Ganztagsschulen. Der Schulträger legte dann einen differenzierten Projektplan für die Entwicklung, Implementation und Qualitätssicherung offener Ganztagsschulen vor. Im weiteren Verlauf des Prozesses galt es nun, die verschiedenen Akteure an einen Tisch zu bekommen und viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Rainer Schweppe unterstütze den Prozess, indem er zusammen mit der Schulrätin Jutta Schattmann alle Grundschulen vor Ort aufsuchte, um Gespräche zu führen. Am Jahresende 2002 vereinbarte man ein straffes Aktionsprogramm, das bis zum heutigen Tag eingehalten werden konnte.

Die Verwaltung sensibilisierte die Politik

Im Januar 2003 stellte die Schulabteilung auf einer Grundschulleiterkonferenz die Grundzüge, Chancen und Aktionsperspektiven der offenen Ganztagsgrundschule vor. Einen Monat später fand ein Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern aller betroffenen Organisationen und Gruppen zur Verständigung über Qualitätsmerkmale offener Ganztagsgrundschulen statt. Anschließend erstellte man auf der Basis ausführlicher Protokolle der einzelnen Arbeitsgruppen ein Leitbild- und Handlungskonzept für die offene Ganztagsgrundschule, das in den einzelnen Schulen mit großem Engagement mit erarbeitet worden war.

Im März fassten Schul- und Jugendhilfeausschuss den Beschluss über die Umgestaltung von Grundschulen in offene Ganztagsgrundschulen, einen Monat darauf taten dies auch die Kollegien und Schulkonferenzen der Einzelschulen und reichten im Mai die entsprechenden Anträge bei der Bezirksregierung ein. Diese Anträge wurden im Juni und Juli genehmigt, so dass sich Schulträger und die Schulen sofort auf die Aufnahme des offenen Ganztagsbetriebs vorbereiteten. Im September startete mit Schuljahrsbeginn dann der Ganztagsschulbetrieb an fünf Standorten.

Es war weniger die PISA-Studie, welche die Stadt Herford zur Einführung des Ganztagsbetriebs veranlasste, als vielmehr die Einsicht, dass eine Stadt rechtzeitig auf den demographischen Wandel reagieren muss. Dieser setzt in der Kommune Herford noch vergleichsweise sanft ein, die Schülerzahlen gehen nur leicht zurück. "Wir wollen eine familienfreundliche Stadt sein und dazu eine gute Bildung und Betreuung für die Kinder anbieten. Wir sehen das als Standortfaktor", erläutert Schweppe. Die Teilnahme an den zwei Bertelsmann-Projekten "Schule und Co." und "Lebendige Schule in einer lebendigen Stadt" untermauerten den Veränderungsbedarf.

Abschied von Betonbunkern und Pavillons

Schweppes Reisen zusammen mit Schulleitungen und politischen Vertreterinnen und Vertretern nach Dänemark und Schweden bestärkten ihn und seine Abteilung nur noch in dem Bestreben, einen anderen Weg in der Bildungslandschaft einzuschlagen und in "einer Dimension Schulen bei ihrem Wandel zu unterstützen, wie es dies noch nicht gegeben hat". Gerade die schwedischen Schulen verdeutlichten dabei aber auch, dass es mit Änderungen von Lehr- und Lernmethoden und einer anderen zeitlichen Rhythmisierung des Tages nicht getan ist. Auch der "Raum als dritter Pädagoge" bekam nun Gewicht. Bereits im Oktober 2003 nahm Schweppe Kontakt zu dem Pädagogen Dr. Wilfried Buddensiek von der Universität Paderborn auf, um Fragen der Lernraumgestaltung von offenen Ganztagsschulen zu klären und Qualitätskriterien zu entwickeln. Im Dezember 2003 konnte ein erster Arbeitskreis zum Thema "Lernraumgestaltung" mit dem Wissenschaftler und den Grundschulen tagen, dem im März ein weiterer folgte.

Auf Grundlage dieser Workshops gestaltet der Schulträger nun die Grundschulen baulich um und plant für das kommende Jahr einen spektakulären Neubau am Standort Landsberger Straße, der vom Architekturbüro Sittig/Voges nach Lernraumentwürfen von Dr. Wilfried Buddensiek konzipiert worden ist. Das Arbeiten in Lehrerteams wird dann auch räumlich deutlich werden - ein klassisches Lehrerzimmer gibt es in diesem futuristisch anmutenden Gebäude nicht mehr, stattdessen sind dezentrale Räumlichkeiten für die jeweils für eine Etage verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrer sowie die Erzieherinnen und Erzieher vorgesehen. Hier lassen sich dann Verantwortlichkeiten und Ergebnisse konkret zuordnen. Es sind unter anderem rechtwinklige und sternförmige Klassenzimmer geplant, in denen sich Sitzkreis- und Teamarbeitsvarianten leicht verwirklichen lassen. Jede Klasse erhält ihre eigene Toilette, für deren Sauberkeit sie dann auch selbst verantwortlich ist, und einen eigenen Ausgang zum Garten. Viel Glas und Holz heben den Neubau von den Betonbunkern oder Pavillon-Notlösungen der siebziger und achtziger Jahre deutlich ab.

Schulleiterin Gräber freut sich schon, aus den derzeit beengten Räumlichkeiten herauszukommen: "Wenn der Neubau erst mal steht, wird das einen noch größeren Schub für den Ganztagsbereich auslösen. Bisher höre ich von vielen noch, dass sie erst daran glauben, wenn sie es wirklich sehen."

Eltern entscheiden über das gemachte Angebot

Auch für die pädagogische Seite holte sich der Schulträger Beratung von außen: Prof. Dr. Tassilo Knauf, Erziehungswissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, half bereits im ersten Workshop bei der Formulierung des Leitbildes und bei der Evaluation des Ganztagsschulprozesses. Seine im Februar und März diesen Jahres vorgelegten Einschätzungen halfen auch den sechs Grundschulen, die zu diesem Schuljahr Ganztagsschule geworden sind. Damit verfügen sämtliche Grundschule Herfords über ein Ganztagsangebot.

Rainer Schweppe am Schreibtisch
Den Schreibtisch voller Arbeit: Rainer Schweppe

Obwohl sich durch die Kommunalwahl in diesem Monat die politischen Mehrheiten in der 66.000 Einwohner-Stadt verändert haben und ein neuer Bürgermeister gewählt worden ist, glaubt Rainer Schweppe, dass der Rat und die Ausschüsse und auch alle Parteien zur Entscheidung zur Ganztagsschule stehen. Dies ist auch in Zukunft bedeutsam, denn die Einführung von Ganztagsangeboten in weiterführenden Schulen ist für den Abteilungsleiter der nächste logische Schritt: "Wir müssen aufpassen, dass der Bruch zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen nicht zu groß wird. Die Grundschülerinnen und -schüler werden in ein paar Jahren andere sein." Ein Workshop zu diesem Thema sei bereits durchgeführt worden, ein weiterer geplant.

Auch das Hin zu einem echtem Ganztag mit rhythmisierten Angeboten über den ganzen Tag ist für Schweppe zwingend. Herford forciert dabei allerdings nichts. Die Teilnahme an den Ganztagsangeboten ist freiwillig, allein das Angebot soll immer mehr Eltern überzeugen, dass es sich lohnt, ihre Kinder für den Ganztag anzumelden. "Wir machen ein gutes Angebot, und die Eltern entscheiden sich", bringt es Schweppe auf den Punkt. Sind dann genügend Schülerinnen und Schüler vorhanden, werden Ganztagszüge eingerichtet. Die ersten Monate sind in dieser Hinsicht ermutigend: Immer mehr Kinder wechseln von den Horten in den Ganztagsbereich der Schulen. 190 Schülerinnen und Schüler sind sogar ohne vorherige Betreuungssituation zu diesem Schuljahr neu angemeldet worden. Inzwischen sind es insgesamt 505 Ganztagsschülerinnen und -schüler in den elf Grundschulen.

"Wer machen will, findet Wege"

"An unserer Schule gibt es gute Angebote", findet Bettina Gräber, "und unsere fünf Ganztagslehrerinnen bieten freiwillig Hausaufgabenhilfe am Nachmittag an. Dies hat den interessanten Nebeneffekt, dass im Kollegium nun über den Sinn und Umfang von Hausaufgaben diskutiert wird." Daneben werden Sport-, Kreativ- und Entspannungsangebote sowie Leseförderung durchgeführt. "Auch hier fühlen sich die Kinder sehr wohl", berichtet die Schulleiterin, "und es ist wichtig, dass sie auch einfach mal nur Zeit haben, zu spielen und sich zu begegnen."

Dass sich nun auch Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Schichten begegnen und Kinder in den Genuss von Angeboten kommen, die sie ohne Ganztagsschule wegen der mangelnden familiären Unterstützung nicht wahrnehmen könnten, hält Bettina Gräber ebenso für einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit wie die Ermöglichung von Berufstätigkeit für Frauen. "Wir gehen jetzt besser mit Ressourcen um, denn begabte Kinder werden nun unabhängig von der sozialen Herkunft gefördert und erhalten Zukunftschancen, die der Gesellschaft insgesamt zu Gute kommen", fügt Rainer Schweppe hinzu.

Auch pädagogisch ist der rhythmisierte Ganztag für Bettina Gräber dem traditionellen Halbtag überlegen: "Bisher jagen wir die Kinder durch den Vormittag. Kaum sind sie in ein Thema eingetaucht, müssen sie sich auch schon wieder auf etwas Neues einstellen. Beim Ganztag haben wir einfach mehr Zeit zum Lernen und können den Tag ganz anders strukturieren." Eine Veränderung brauche allerdings Zeit, und man dürfe nicht erwarten, dass sich schlagartig alles zum Besseren wende.

Einmal im Monat treffen sich nun die Schulleitungen und die Verwaltung, um zu bilanzieren, was gut läuft und was besser laufen könnte. Das ist das Erfolgsrezepts des Herforder Wegs: Alle Beteiligten ziehen an einem Strang und sind sich im Ziel einig. Auf dem Berliner Ganztagsschulkongress bewunderten viele Besucher diese Einigkeit in einer Kommune, die bei ihnen so nicht gegeben sei. Rainer Schweppe resümiert seine Erfahrung: "Wer verhindern will, findet Gründe. Wer machen will, findet Wege."

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