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Europäische Ganztagsschulpartnerschaften in Sicht?

Die Deutsch-französische Zusammenarbeit trägt weit, dies zeigte sich einmal mehr beim ersten Expertentreffen in Sachen Ganztagsschule in Mainz vom 28. Februar bis 2. März 2005. Der zweite Teil des Berichtes gibt Einblicke in einen Dialog, der ein erster Schritt für deutsch-französische Ganztagsschulpartnerschaften werden könnte.

So was hat es in 50 Jahren bundesdeutscher Bildungspolitik nicht gegeben: "Alle wetteifern um das Konzept Ganztagsschule. Die Opposition will es nur besser machen", sagte Karl-Heinz Held vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Und Petra Jung vom Bundesbildungsministerium ergänzte: "Wir bekommen viele Anfragen von konservativen Abgeordneten, denen es mit dem Ausbau der Ganztagsschulen nicht schnell genug geht." Der Ausbau von Ganztagsschulen ist nicht mehr aufzuhalten, seine Dynamik ist getragen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens.

In Frankreich schaut man nun staunend über die Grenze. Mit Ganztagsschulen holt der Nachbar etwas nach, was sie seit jeher kennen: "Die Zeitstruktur und das Ganzheitliche der Schule in Frankreich ist Ergebnis eines im 19. Jahrhundert entschiedenen Machtkampfes zwischen Staat und Kirche: Die Beanspruchung der Hegemonie in der Gesellschaft über Bildung und Erziehung", sagte Dr. Christian Alix vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung.

Kulturelle Unterschiede

Ganztagsschulen in Frankreich stehen aber vor neuen Herausforderungen: "Unsere Gesellschaft möchte, dass die Kinder aufgehoben werden. Mehr Schule heißt mehr Erfolgschancen für die Zukunft", erinnerte der französische Schulleiter Pateyron auf dem Deutsch-französischen Expertentreffen in Mainz. Ganztagsschulen in Frankreich wollen nun unabhängiger werden - und sie wollen sich stärker für externe Kooperationen öffnen. "Ihre Schulen verfügen über eine große Unabhängigkeit", meinte Pierre Polivka, Inspektor im Pariser Erziehungsminsterium, wohl vor dem Hintergrund des zentralistischen französischen Systems.

Polivka möchte, dass die Schulen in Frankreich ihre Schülerinnen und Schüler stärker zu unabhängigen Bürgern erziehen. Schule in Frankreich haben den Zweck, möglichst viel Wissen zu vermitteln: "Es kommt aber darauf an,  ganzheitlicher zu denken". In Frankreich waren die Unterrichtszeiten immer nach den Bedürfnissen der Wirtschaft und Gesellschaft ausgerichtet: "Die Bedürfnisse der Gesellschaft gehen vor den Bedürfnissen der Kinder", ergänzte Polivka.

In den Startlöchern: Ganztagsschulforschung

Für Deutschland liegen noch wenige Forschungsergebnisse vor, da es bis vor kurzem wenig Ganztagsschulen gab. "In einem Jahr wird es aber erste Ergebnisse zu den Gelingensbedingungen von Ganztagsschulen geben", sagte Petra Jung, Referatsleiterin "Zukunft Bildung" im Bundesbildungsministerium.

Evaluation hatte hierzulande vor der PISA-Leistungsstudie keine große Tradition. "Wir sind sehr interessiert an Frankreich", sagte Karl-Heinz Held vor diesem Hintergrund. Doch dem Anschein nach ist auch in Frankreich Evaluation zuweilen ein Zankapfel. So gab es Bemühungen in Pariser Schulen, den Schulalltag neu zu strukturieren. Wissenschaftliche Erhebungen hatten empfohlen, Schule dem Biorhythmus der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Doch allein der Vorschlag löste eine heftige Debatte aus, weil Teile der Lehrergewerkschaften das Projekt infrage stellten: "Es fehlte der Mut, die Ergebnisse zu veröffentlichen."

Vielleicht wäre etwas mehr Aufschluss über Evaluation in Frankreich wünschenswert gewesen. Doch es wartete bereits der Besuch an die Grund- und Hauptschule Mainz-Mombach.

Leben für die Ganztagsschule - Grund- und Hauptschule Mainz-Mombach

Schulleiter Helmut Wagner beim Rundgang

Die Schule liegt nicht sehr idyllisch: viel Gewerbegebiet drum herum, wenig abwechslungsreiche Gebäude und Landschaften. Doch die äußere Monotonie kontrastiert mit einem reichen Schulleben. Nach dem gemeinsamen Mittagessen können 145 Schülerinnen und Schüler in altersgemischten Gruppen selbst gewählte AGs besuchen oder ihre Hausaufgaben erledigen.

Eine weitere Besonderheit zeichnet die Schule aus: Ein Künstler hat sein Atelier in der Einrichtung und engagiert sich im Ganztag. Für die Arbeitsgemeinschaften melden die Eltern ihre Kinder für ein Jahr verpflichtend an. "Arbeitsgemeinschaften sind interessant, wenn die AG-Leiter fähig und nicht langweilig sind", sagt Helmut Wagner, der Schulleiter.

Brasilianische Trommeln in Mainz-Mombach

Allerdings haben von 32 AG-Leitern viele ein Problem mit der Disziplin, wie Wagner ergänzte. Doch solche Probleme kennt man nicht nur in Europa. "Es gibt hüben und drüben zu wenig Disziplin", so Berchon Dias, der junge Leiter der Percussion-AG aus Curitiba in Brasilien. "Brasilianische Kinder wollen einen Chef, während hiesige Kinder die Grenzen austesten, sich aber trotzdem was sagen lassen." Zuvor hatte der akademisch ausgebildete Musiker mit seiner AG eine beeindruckende Vorstellung von Trommelklängen gegeben. "Wir studieren hier Sambarhythmen ein, und die Kinder lernen gleichzeitig Noten lesen." Wie viel Musik an Hauptschulen bewegen kann und welche tiefgreifenden Veränderungen sie bei den Schülerinnen und Schülern auslösen kann, zeigte vor kurzem das Musikprojekt des Komponisten Sir Simon Rattle von der Berliner Philharmonie und der Dokumentarfilm "Rhythm is it".

Die Percussion-AG von Berchon Dias

Nach dem Schulbesuch gab es leise Kritik der Franzosen: Es gebe zu wenig Systematik und zu wenig Unterrichtsstoff in den Nachmittags-AGs. Doch darüber - und über andere Aspekte von Ganztagsschule - konnte am darauf folgenden Mittwochvormittag diskutiert werden. Themen gab es mehr als genug: "Mehr Zeit für Lernen und Leben. Aktuelle Entwicklungen der Ganztagsschule in Deutschland und Frankreich", Didaktik - Lernformen zwischen Autonomie und Steuerung, Partizipation von Eltern und Fortbildung.

Mehr individuelle Förderung - mehr Evaluation in Deutschland

Schulen, auch derselben Schulform, entwickeln sich unterschiedlich, das zeigt die Schulforschung seit den 1970er Jahren immer wieder. Vielfalt kann schöpferisch sein, sie kann aber auch zu einem unübersichtlichen Flickenteppich führen. Vor diesem Hintergrund werden in Deutschland länderübergreifende Bildungsstandards in den Fächern Deutsch, Mathematik, Erste Fremdsprache, Biologie, Chemie und Physik eingeführt. "Was die Schülerinnen und Schüler erreichen, soll zentral evaluiert werden", so Karl-Heinz Held, Abteilungsleiter im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Alle Schulen in Rheinland-Pfalz sind 2002 verpflichtet worden, ein Qualitätsprogramm zu schreiben.

In Hessen sind Schulprogramme schon länger verbindlich, neu sind ein Institut für Qualitätsentwicklung und das Zentralabitur, das landesweit einheitliche Standards sichert.

Das deutsche Bildungssystem sollte sich auf die Stärken der erfolgreichen PISA-Länder besinnen. Dazu gehört, laut Hans Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, eine stärkere Selbstverwaltung der Schulen. Außerdem widersprechen sich zentrale Steuerung von bestimmten Bildungsaufgaben einerseits und dezentrale Strukturen andererseits nicht. Koch setzte sich ferner für eine Evaluationskultur und eine grundlegende Kursänderung in Deutschland ein: "Die Bildungsreform kann nur dann erfolgreich sein, wenn wir den Paradigmenwechsel von einem selektiven zu einem fördernden System erreichen."

"Machen Sie Ganztagsschulpartnerschaften!"

Nach wie vor dominiert in Deutschland - wie in Frankreich - der Frontalunterricht. "Der Unterricht ist zu lehrerzentriert", erinnerte Karl-Heinz Held in seinem Kurzvortrag über die Unterrichtsorganisation an Ganztagsschulen. Doch man könne dies auch ändern, wenn man neue Unterrichtsmethoden einführt.
 
Dazu gehören Held zufolge die Einführung von Projektunterricht mit längeren selbstständigen Arbeitsphasen, eigenverantwortliches Arbeiten oder Wochenplanarbeit in vorbereiteter Lernumgebung, Stationenlernen, Praktika, die Förderung von Schülerfirmen oder Theaterensembles. "Für all diese Methoden braucht man Zeit", ergänzte Held. Deswegen sei die Ganztagsschule ein wichtiger Beitrag für verändertes Lernen und stärkere Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler. Elisabeth Bittner, Referatsleiterin im MBFJ, erläuterte anschließend die Qualifizierung für außerschulische Fachkräfte in Rheinland-Pfalz. All dies zeigt, dass der Aufbau der Ganztagsschulen in den Ländern fortwährend verbessert und intensiviert werden soll. Ein Baustein dazu sind die regionalen Serviceagenturen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die das Investitionsprogramm des Bundes inhaltlich flankieren. Sieben Länder haben bereits einen Vertrag mit der DKJS unterschrieben.

"In Deutschland ist die Autonomie der Kinder viel größer als in Frankreich", befand der französische Schulleiter Pateyron in der anschließenden Diskussion. In Frankreich gebe es deshalb verschiedene staatliche Projekte zu interkultureller Pädagogik und zur Förderung der Wertschätzung der Kinder.

"Fremde Strukturen, zumal Bildungsstrukturen, lassen sich nicht einfach importieren oder exportieren. Allerdings können sie wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des eigenen Systems geben", so Christian Alix vom DIPF. Die Kulturen in beiden Bildungssystemen seien sehr unterschiedlich: "Machen Sie Ganztagsschulpartnerschaften - da erst fängt der europäische Dialog an." Auch Karl-Heinz Held betonte die Bedeutung eines Kulturdialoges: "Wir haben einen Dialog begonnen, den man fortsetzen sollte."

Hessen kennen lernen

Vor dem Besuch der Hermann-Ehlers-Schule in Wiesbaden erläuterte Jörn Koppmann vom Hessischen Kultusministerium das Landesrahmenkonzept für Ganztagsschulen. Er gab fundierte Einblicke in das hessische "Ganztagsprogramm nach Maß".

Die Hermann-Ehlers-Schule gehört zu den wenigen gebundenen Ganztagsschulen in Hessen. Lage, Umgebung und Gebäude der Schule sind so beschaffen, dass alle Aspekte zusammen eine harmonische Lern- und Lebensatmosphäre ermöglichen. Der eigentliche Reichtum ist aber in der Heterogenität der Schule zu sehen. Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Lernstärken arbeiten zusammen, es gibt Möglichkeiten für unterschiedliche Bildungsabschlüsse, Französisch ist zweite Fremdsprache, starke Schüler helfen schwachen, es gibt engagierte Senioren und Eltern. Insgesamt also eine Schule, die ihren Schülerinnen und Schülern hilft, Vielfalt und Ganztag tagtäglich zu leben: "Vormittag und Nachmittag sind gleichgewichtig", betont der Oberstufenkoordinator der Schule und gleichzeitig Vorsitzende des hessischen Ganztagsschulverbandes Guido Seelmann-Eggebert.

Es gibt zwei Pflicht-Nachmittage und das gemeinsame Mittagessen für alle. Außerdem Hausaufgabenbetreuung und Übungsstunden im Klassenverband. Eine regelmäßige wöchentliche Reflektion des Ganztagsschulprogramms ist in Planung, last but not least: Evaluation.

Gemeinsame Lösungen?

Die Herman-Ehlers-Schule war auch ein willkommener Ort der Abschlussdiskussion des deutsch-französischen Treffens. Pierre Polivka sah ähnliche Problemlagen in Frankreich und Deutschland. Beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer, die in Ganztagsschulen arbeiten, ohne ganztägig präsent sein zu wollen, oder die Finanzierung der externen Partner an den Ganztagsschulen. Als oberstes Ziel nannte Polivka die Verbesserung des Niveaus der Schülerinnen und Schüler und die Demokratisierung an den Schulen. Hans Konrad Koch sah auf der anderen Seite in der "Sozialisierung mit Ganztagsschulen" eine Antwort auf PISA: "Das drängendste Problem ist die Selektivität und die vielen Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss. Diese Probleme haben wir gemeinsam."

Und wie geht es weiter? Um im Dialog zu bleiben, wurde ein Gegenbesuch in Frankreich vereinbart, mit einem abschließenden Workshop in Deutschland. Denn ein Dialog über unterschiedliche Schulkulturen braucht einen langen Atem. Der Grundstein für deutsch-französische Ganztagsschulpartnerschaften könnte gelegt sein.

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