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"Ich kenne kein Kind, das nicht lernen will"

Die Münchener Lehrerin Sabine Czerny wurde bundesweit bekannt, weil ihre Grundschulklassen im Vergleich zu Parallelklassen bei Vergleichsarbeiten bessere Leistungen erzielte, woran sich eine Debatte über Notengebung und Notenspiegel entzündete. Die Pädagogin erläutert im Interview, mit welchen Methoden sie gearbeitet hat und welche Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen geschaffen werden sollten.

Sabine Czerny

Online-Redaktion: Frau Czerny, die Schülerinnen und Schüler Ihrer Klassen haben im Vergleich zu Parallelklassen bei Vergleichsarbeiten bessere Leistungen erzielt. Wie erklären Sie sich diesen Vorsprung?

Sabine Czerny: Ich kenne kein Kind, das nicht lernen will, aber viele, die nicht mehr scheitern wollen. Erfahrungsgemäß sind es weniger fachliche Gründe, die vom Erfolg abhalten - die wären meist in kurzer Zeit behoben - sondern es liegt eher daran, dass Kinder sich nichts mehr zutrauen beziehungsweise Hemmungen dem Lernen entgegenstehen oder sie unbewusst mit einer persönlich belastenden Situation beschäftigt sind.

Kinder brauchen das Gefühl, so wunderbar zu sein, wie sie sind, und angenommen und gesehen zu werden. Sie müssen wissen, dass da jemand ist, der ihnen vertraut, der sich kümmert, der an sie glaubt, für sie da ist und ihnen Raum und Zeit lässt. Wenn sie zudem, gegebenenfalls unterstützt durch geschickt arrangierte Lernprozesse, die inneren Überzeugungen entwickeln können, fähig und kompetent zu sein, fühlen sie sich kraftvoll und frei. Dann arbeiten sie selbstständig und entwickeln Ziele und Visionen.

Online-Redaktion: Welche Voraussetzungen müssen vorhanden sein, damit Kinder mit Freude lernen?

Czerny: Kinder lernen von Natur aus gerne, Lernen ist dem Menschen angeboren. Es wäre wichtig, wieder darauf zu achten, wie der Mensch lernt, beziehungsweise wie er eben nicht lernt. In der Waldorfpädagogik spricht man von einem antipathischen Prozess, wenn man Kinder auffordert "Lern das!" und das Kind zum Beispiel aus einem Heft lernen lässt. Denn dann trennt man die Sache vom Kind. Das Kind in diesem Alter erfährt, es erlebt, es ahmt nach, es probiert aus, es macht mit, es tut einfach, es ist. Vielem liegt ein Entwicklungsprozess zugrunde, der nur unterstützt werden kann.

Ich "umgebe" meine Kinder mit den Lerninhalten, visuell, verbal und handelnd, sie merken meist gar nicht, dass sie lernen. Kinder beteiligen sich gerne, sie brauchen Erfolgserlebnisse und Anforderungen, aber sie wollen sich nicht ständig beweisen müssen.

Online-Redaktion: Welche pädagogischen Methoden haben Sie in Ihrem Unterricht eingesetzt, um Wissen zu vermitteln?

Czerny: Im Prinzip habe ich alle gängigen Methoden eingesetzt. Allerdings scheint mir die Methode an sich sekundär. Entscheidend ist die Haltung, die man Kindern und ihrem Ich-Werdungsprozess entgegenbringt. Jede Methode fördert über die Wissensvermittlung hinaus eigene Qualitäten und Fähigkeiten. Dies gehört sinnvoll genutzt und ist meist wichtiger als der Wissenserwerb selbst.

Bei der Planung sollte dies gut bedacht werden, die beste Methode zur falschen Zeit oder in den falschen Umständen kann verheerende Überzeugungen in Kindern bewirken. In meinen Augen ist daher die Methodenvielfalt, aber insbesondere die Passung wichtig. Ich persönlich schätze zudem die Methode des Erzählens sehr, da dabei geschickt innere Bilder und ein inneres Erleben erzeugt werden können.

Online-Redaktion: Wie haben Sie diese persönliche "pädagogische Mischung" gefunden?

Czerny: Ich habe viele Aus- und Fortbildungen besucht, viel gelesen, viele Gespräche geführt, mich mit Alternativpädagogik beschäftigt, andere Schulen auch im Ausland besucht und habe immer das mitgenommen, was ich für mich als sinnvoll erachtet habe. Das Entscheidende dabei war meines Erachtens aber nicht, was ich alles gemacht habe, sondern, dass ich nicht aufgegeben habe, danach zu suchen, was ich tun kann, damit  Kinder mit Freude und erfolgreich lernen. Bei jedem Lehrer wird dieser Weg ein anderer sein.

Entscheidend ist dieser innere Wunsch, sich um Kinder bestmöglich zu kümmern, er ist der Antrieb. Er gehört beschützt und bewahrt - gerade auch von übergeordneter Stelle. Bei den derzeitigen Arbeitsbedingungen von Lehrerinnen und Lehrern bleibt er allerdings oft auf der Strecke. Lehren und Lernen sind individuelle Prozesse, so dass der Lehrer unbedingt Freiraum, Zeit und Kraft braucht, um sein Eigenes entwickeln zu können.

Online-Redaktion: Welche Erfahrungen haben Sie mit jahrgangsübergreifendem Unterricht gemacht?

Czerny: Ich habe, bis auf Miniprojekte, noch nicht jahrgangsübergreifend gearbeitet und kann mir dies bei den gegebenen organisatorischen und prüfungstechnischen Rahmenbedingungen auch nur schwer in größerem Umfang als sinnvoll vorstellen. Auf einen Versuch käme es sicherlich an. Skeptisch bin ich gerade bei den unteren Jahrgangsstufen auch deshalb, weil ich eine Klassengemeinschaft als sehr wertvoll erlebe, sie trägt, sie schützt, sie stärkt und ist für viele Kinder ein Ort des Geborgenseins, den sie brauchen - dies sollte nicht unterschätzt werden.

Online-Redaktion: Welche Möglichkeiten haben Schülerinnen und Schüler in Ihren Klassen, sich selbst einzuschätzen, zu reflektieren, zu loben und zu kritisieren?

Czerny: Meines Erachtens wird dieser Punkt stark überbewertet. Wir tun ja gerade so, als ob Kinder das nicht automatisch und in gesundem und sinnvollem Umfang machen würden. Zurzeit zerlegen wir den Menschen geradezu in Scheibchen, so dass immer irgendetwas nicht passt, immer etwas zu verbessern ist. Dabei ist doch die ganzheitliche Perspektive auf das Kind wichtig.

Kinder brauchen zu gegebenem Zeitpunkt situative, weiterbringende Rückmeldungen, aber keine Urteile, egal in welcher Form. Ich versuche meinen Kindern vorzuleben, wie eine gewünschte Rückmeldung aussehen kann und unterstütze sie dabei, sich gewählt und verständlich auszudrücken. Ein bis zweimal im halben Jahr führe ich mit jedem Kind und seinen Eltern eine ausführliche Gesprächsrunde, in der es sich in allen fachlichen und sozialen Bereichen reflektiert. Wir schauen gemeinsam, was gut läuft, was verändert werden sollte und was auch tatsächlich im Rahmen der Lebensbedingungen des Kindes veränderbar ist. Noch viel mehr versuche ich aber den Kindern vorzuleben, wie man die Andersartigkeit eines Menschen, seine Fehler und Stärken respektiert, ihn annimmt, ihn so sein lässt, wie er ist, und darauf vertraut, dass er sich - auch aufgrund natürlicher Feedbacks - entwickelt und seinen Weg findet.

Ich verstehe nicht, warum das Urteilen, das immer wieder Werten und Einschätzen so einen dominierenden Raum einnimmt - unsere Kinder haben dadurch nur zunehmend Angst vor Versagen, und gerade diese verhindert vielfach den Lernerfolg. Zudem verändert die Pflicht, dauernd zu beurteilen, unsere Schullandschaft, die Menschen und den Unterricht in eigentlich nicht mehr verantwortbarem und nicht mehr ausgleichbarem Maße.

Online-Redaktion: Wie sollte die Zusammenarbeit mit dem Kollegium und Eltern aussehen?

Czerny: Der Lehrer sollte für seine Klasse die Verantwortung, aber auch das Vertrauen und den dazugehörigen Freiraum bekommen. Oft sind gerade situative, intuitive Entscheidungen die wertvollsten. Jede Einschränkung des Freiraumes ist deshalb hemmend. Die Zusammenarbeit sollte als freiwillig und im Sinne eines Austausches zu verstehen sein. Sinnvoll wäre es meines Erachtens, nicht nur hauptsächlich gemeinsam Materialien zu erstellen, sondern sich vielmehr darüber auszutauschen, wie man mit verschiedenen Situationen umgeht, sich mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, sich gemeinsam einzufühlen und individuelle Lösungen für die anvertrauten Kinder zu suchen.

Wichtig wäre ein Klima, in dem sich ein Lehrer trauen kann, sich selbst in Frage zu stellen. Oftmals findet man die dafür passenden Kollegen auch besser außerhalb der eigenen Schule. Eltern sind meines Erachtens die wichtigsten Partner des Lehrers. Ich öffne gerne die Klassenzimmertüre und führe Dreiergespräche, also mit Eltern und Kind, und erlebe dies als sehr sinnvoll und gewinnbringend.

Online-Redaktion: Welche Meinung haben Sie zu Ganztagsschulen?

Czerny: Bislang sind die Ganztagsschulen, so wie ich sie kennen gelernt habe, weit weg von dem, was sie sein sollten und könnten, und gleichen oft nur Kinderaufbewahrungsstätten. Es gibt viele richtige Wege, und so kann eine gute Ganztagsschule einem Kind Möglichkeiten zur Entfaltung ebenso eröffnen wie eine Halbtagsschule in Kombination mit einem reichen Nachmittagsangebot durch Gemeinde, Vereine oder Familie.

Wichtig ist doch, dass schulisches Lernen nicht noch mehr das Leben von Kindern beherrscht, sondern ihnen eine grundlegende Bildung ermöglicht, dabei aber noch die Zeit und den Freiraum gibt für die Vielfalt und Intensität bezüglich der anderen Dinge, die es interessieren und die für ihre Persönlichkeitsbildung wertvoll sind. Nur so ist doch eine individuelle Förderung von Begabungen und Interessen möglich.

Online-Redaktion: Wenn Sie bildungspolitisch zu bestimmen hätten - was würden Sie in Schulen zuvorderst ändern wollen?

Czerny: Sofort das Urteilen und Beurteilen abschaffen. Es wirkt verheerend, wenn eindeutig subjektive Urteile als objektiv dargestellt werden, diese zudem auf wenige Kriterien beschränkt sind und tief greifende, lebensbestimmende Konsequenzen mit sich bringen. Dies erschwert, wenn es nicht gar verhindert, dass Kinder sich selber kennen lernen, ein "Ich" werden, um schließlich eine Identität auszubilden. Für die wenigen objektiv prüfbaren Dinge, zum Beispiel Rechenfertigkeiten oder Faktenwissen, darf es durchaus Maßstäbe geben, an denen sich Kinder messen können.

Daraus würde weiterhin folgen, dass es keine Selektion in zweifelhafte "Intelligenz-  beziehungsweise Leistungs-Schulformen" mehr gäbe, sondern alle Kinder gemeinsam lernen. Wie lebendig dann Unterricht und Schule organisiert werden könnten! Wie viel Raum dann für individuelle Interessen da wäre! Unsere Kinder würden erleben, dass einerseits die Unterschiede gar nicht so groß sind, sondern hauptsächlich zeitlich bedingt sind, und andererseits, dass Verschiedenartigkeit nicht problematisch und schwierig ist, sondern eine Bereicherung durch Vielfalt darstellt.

Sabine Czerny, geboren 1972 in München. Studium Lehramt an Grundschulen an der LMU München. Seit 1996 Lehrerin an Grundschulen in Bayern. Diverse Aus- und Weiterbildungen, Interesse unter anderem an Waldorf, Montessori, Heilkunde, Kinesiologie, systemischem Arbeiten, gehirngerechtem Arbeiten, modernen Wissenschaften, Quantenphysik und -philosophie.

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