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Perspektiven in Niedersachsen

Mit der Fachtagung "Ganztagsschule - Perspektiven in Niedersachsen" stellte sich am 31. Mai 2006 die Arbeitsstelle Schulreform des Didaktischen Zentrums der Universität Oldenburg vor. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden Unterstützungssysteme im Land präsentiert. Fachleute gaben Tipps zu Themen wie Kooperationen und Berufsvorbereitung.

"Ganztagsschule ganz praktisch" - der Titel eines Workshops der Fachtagung "Ganztagsschule - Perspektiven in Niedersachsen" am 31. Mai 2006 in der Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Universität hätte auch das Motto der gesamten Veranstaltung sein können. Denn mit ihrer Fachtagung wollte die Arbeitsstelle Schulreform des Didaktischen Zentrums den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Ganztagsschulen konkrete Tipps und Unterstützungssysteme für die tägliche Arbeit an die Hand geben.

Diese Art der Arbeit ist für die an der Universität angesiedelte Arbeitsstelle nichts Neues, wie Mitarbeiter Stefan Hühne, Lehrer an der Realschule Ganderkesee, zur Begrüßung der rund 50 Anwesenden erläuterte: "Wir veranstalten regelmäßig den Gesprächskreis Ganztagsschule, der sich an einer jeweils anderen Schule trifft, die wir uns dann auch ansehen."

Auf der Fachtagung bestand in sechs Workshops die Möglichkeit, gute Beispiele vorzustellen und zu diskutieren. Zuvor gaben zwei Eröffnungsvorträge einen Überblick zum einen über die Ganztagsschulentwicklung in Deutschland sowie zum anderen über die Situation in Niedersachsen.

Prof. Dr. Hanna Kiper sprach über "Bildungspolitische Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen". Nach Jahrzehnten des ideologischen Streits träten heute alle wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen, Verbände und Parteien für die Ganztagsschule ein - sei es aus sozialpolitischen, ökonomischen, finanzpolitischen, sozialpädagogischen oder schulpädagogischen Erwägungen. "Die Ganztagsschule ist eine Möglichkeit, besser individuell zu fördern als in anderen Schulkulturen", stellte die Erziehungswissenschaftlerin fest. "Hier kann man mit einer regionalen Bildungsplanung die Frage in den Vordergrund rücken, wie wir allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden." Die Schulen müssten dazu mit Blick auf ihre Schülerschaft mit den Eltern und Schülern gemeinsam Profile und Angebote entwickeln.

Stärkung der gesamten Persönlichkeit durch die Ganztagsschule

"Die Bestandsaufnahme der Ganztagsschullandschaft in Niedersachsen ist die Bestandsaufnahme eines unübersichtlichen Geländes", leitete Helmut Temming, im niedersächsischen Kultusministerium für Ganztagsschulen zuständig, seinen Beitrag "Ganztagsschule in Niedersachsen hat Zukunft - eine Bestandsaufnahme" ein. Das liege an den nach verschiedenen Erlassen genehmigten Ganztagsschulmodellen, die jeweils Bestandschutz eingeräumt bekommen hätten und nun nebeneinander existierten.

Beim Thema Ganztagsschule gebe es "keineswegs eine einhellige Begeisterung bei Eltern, Kindern und Kommunen", wie er selbst auf zahlreichen Veranstaltungen im Land habe erleben müssen, erklärte Temming. Bei gebundenen Ganztagsschulen dürfe man nicht ignorieren, dass es viele Anfragen von Eltern gebe, ob und wie sie ihre Kinder von diesen Schule abmelden könnten. "Früher habe auch ich geglaubt, dass nur die gebundene Ganztagsschule das Wahre ist, aber besonders in ländlichen Regionen ist viel Überzeugungsarbeit nötig", berichtete Temming.

Prof. Dr. Hanna Kiper (l.) und Helmut Temming

Der neue Ganztagsschulerlass von 2004 präferiere daher die offene Ganztagsschule. Inzwischen gibt es 460 Ganztagsschulen in Niedersachsen, nachdem es im Schuljahr 2002/2003 erst 155 gewesen sind. Neue Ganztagsschulen, die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes erhalten wollen, müssen auf zusätzliche Lehrerstunden verzichten. "Niemand wurde gezwungen, sich zu bewerben", betonte Temming. Inzwischen gebe es 185 Ganztagsschulen, die auf zusätzliche Landesmittel verzichtet hätten, bei 40 dieser Schulen sei es aber mittlerweile gelungen, zusätzliche Lehrerstunden zu finanzieren. "Langfristig will das Kultusministerium sämtlichen Schulen zusätzliche Lehrerstunden zur Verfügung stellen", so Temming.

"Für uns ist die Bildung der entscheidende Grund für die Einführung einer Ganztagsschule, die die gesamte Persönlichkeit stärken soll und nicht nur den Unterricht tradiert", führte der Regierungsschuldirektor aus. "Ein wesentlicher Beitrag zur Ganztagsbildung ist darüber hinaus die Kooperation mit außerschulischen Partnern. Gute Ganztagsschulen sollten sich mit Partnern vor Ort zusammentun." Diesen Aspekt unterstrich in der anschließenden Aussprache ein Lehrer aus Ostfriesland: "Man arbeitet mit Fachleuten zusammen, die tolle Angebote machen. Das ist qualitativ gut und oft besser als das, was Lehrer anbieten können."

"Das Rad nicht immer neu erfinden": Datenbank und regionale Netzwerke

Passend zu diesem Thema präsentierte Nele Ellinghusen www.außerschulischepartner.de, eine Datenbank für außerschulische Partner und interessierte Schulen in der Weser-Ems-Region. "Das Projekt ist noch in der Entwicklungsphase", beschrieb Nele Ellinghusen das Netzwerk, das "einmal so wie die Gelben Seiten funktionieren soll: Schulen und außerschulische Partner können sich hier eintragen". Man strebe einen zügigen Zugriff auf dieses Angebot und schnelle Kontaktaufnahme zwischen den Partnern an: "Tolle Angebote sollen die Motivation wecken, mit Partnern zusammenzuarbeiten." Ziel sei es, die Datenbank bis September 2007 mit rund 500 Einträgen zu bestücken.

Thomas Nachtwey vom Bildungswerk der niedersächsischen Wirtschaft stellte mit der Regionalen Serviceagentur Niedersachsen ein weiteres Unterstützungsprojekt vor. Mit Standorten in Osnabrück, Lüneburg, Hannover, Braunschweig, Göttingen und Oldenburg sei die Serviceagentur regional verortet. Neben der Durchführung und Koordination des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) wolle die Serviceagentur besonders auf den Feldern Berufsorientierung, Kulturelle Bildung und Medienkompetenz Unterstützungsdienste leisten. "Dabei ist uns die Bildung regionaler Netzwerke wichtig, damit das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss", meinte Nachtwey. "Zudem wollen wir Kontakte zwischen Schulen und Partnern vermitteln und gute Beispiele bündeln, damit die Ganztagsschulen aus diesem Wissen schöpfen können."

Thomas Nachtwey (l.) und Wolfgang Battenberg

Berufsorientierung und Öffnung der Schule sind auch zwei Merkmale, die sich die Schule am Luisenhof in Nordenham mit ihren rund 680 Schülerinnen und Schülern auf die Fahnen geschrieben hat. Diese Haupt- und Realschule ist seit zehn Jahren offene Ganztagsschule. Realschulleiter Wolfgang Battenberg stellte im Workshop "Ganztagsschule ganz praktisch" seine Schule vor: "Wir liegen in einem sozialen Brennpunkt mit einem hohen Migrantenanteil. Bis vor zehn Jahren gab es Ärger ohne Ende, ein normales Arbeiten war kaum noch möglich." An einem Wochenende hätten die Schulleitung und das Kollegium überlegt, wie man die Situation ändern könne und die Einführung einer Ganztagsschule beschlossen. Ein Schwerpunkt ist dabei die Öffnung der Schule gewesen. "Schule kann nicht ohne Bezug zur Umwelt existieren", formulierte Battenberg.

Nun arbeite man mit den Johannitern, dem Deutschen Roten Kreuz, der Jugendfeuerwehr, dem Turnerbund, dem Fußballverein, der Kreisvolkshochschule, der Stadtbücherei und dem Arbeitsamt zusammen. Viel Wert legt die Schule auf Präventionsarbeit: So gibt es in den Klassen 5 bis 10 jeweils eine so genannte Präventionswoche, die sich mit den Themen Drogen, Alkohol oder sexuellem Missbrauch beschäftigt und unter anderem gemeinsam mit der Polizei oder der Arbeiterwohlfahrt organisiert wird.

Erfolgreiche Vermittlung durch Berufsorientierung

Neue Technologien haben Einzug gehalten: Zwei Computerräume wurden eingerichtet, die man zur Informatikausbildung, für Lehr- und Lernprogramme, Computertastschreibkurse und zur Erstellung von Computergrafiken nutzt. Ein Computerraum wurde vom Förderverein finanziert. "Jede Schule sollte einen Förderverein haben", riet Battenberg. Zudem gebe es einen Technikraum. "Es ist wichtig, dass die Betriebe wissen, dass wir technisch was machen. Man muss sich rühren und sich zeigen", so der Schulleiter. Auf diese Weise sei auch eine Kooperation mit Airbus entstanden: In einer AG würden Schülerinnen und Schüler dort nun durch Auszubildende betreut und könnten in die Firma reinschnuppern.

In Sachen Berufsorientierung ist die Schule am Luisenhof sehr aktiv. Neben Schnupperpraktika gibt es in Klasse 9 zwei je 14-tägige Praktika und ein Berufsschulpraktikum, Betriebserkundungen, Bewerbungsseminare sowie Experteninformationen in der Schule durch die Rotarier. Diese enge Verzahnung mit der Berufswelt trägt laut Battenberg Früchte: "Wir haben im letzten Jahr beide Realschulklassen komplett und 23 von 66 Hauptschülern in Ausbildung und Beruf untergebracht."

Das Schulleben wird durch Sporttage und -turniere, Gesundheitstage, Seniorenarbeit - die Schülerinnen und Schüler lesen älteren Menschen bei der AWO vor -, Theateraufführungen und einen Werder-Bremen-Fanclub bereichert. Viermal im Jahr besucht Wolfgang Battenberg mit Schülerinnen und Schülern Werder-Heimspiele. "Das hat nicht viel mit dem Kopf zu tun", erläuterte der Schulleiter, "ist aber genauso wichtig für uns, weil es zur Schulidentität beiträgt." Mit einem Weihnachtsmarkt nehme man Geld ein, das in einen Sozialfonds komme, aus dem unter anderem das Essensgeld für Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen Familien finanziert werde. "Wir sind immer öfter hinter dem Essensgeld her", berichtete der Schulleiter. Man sei in der Schule der Ansicht, dass "es nicht sein kann, dass Kinder hungrig in einer Schule sitzen, aber nicht essen können".

Die Akzeptanz der Ganztagsschulangebote am Nachmittag ist hoch: In der Hauptschule nehmen 92 Prozent, in der Realschule 86 Prozent am Ganztagsbereich teil. Das AG-Angebot reicht unter anderem von Textilgestaltung, Wandmalerei, Gartenarbeit, Schach, Tanzen, Modellbau über Bewerbungstraining, Photolabor, Fußball bis zu Seidenmalerei, Segeln und Badminton. Sämtliche Angebote werden durch Lehrerinnen und Lehrer erteilt. Dennoch ist der Sozialpädagoge für Wolfgang Battenberg die "wichtigste Person" in einer Ganztagsschule, denn "sie nimmt als wichtiger Puffer Druck vom Klassenlehrer".

Knackpunkt "Individuelle Förderung"

Wo es in Ganztagsschulen noch hakt, zeigte sich im Workshop "Merkmale guter Ganztagsschulen". Als Knackpunkt ihrer Schulen machten zwei Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Workshops die "individuelle Förderung" an ihren Schulen aus. Ein Schulleiter meinte: "Ich habe auch an anderen Schulen selten gelungene Beispiele für individuelle Förderung gesehen. Wir haben in Deutschland keine Kultur, über Stärken zu sprechen." Eine andere Teilnehmerin ergänzte: "Alle Schulen, die ich kenne, sind mit ihrem Förderunterricht unzufrieden."

Wie kann man diese Situation verbessern? Unter der Leitung von Prof. Dr. Hilbert Meyer von der Universität Oldenburg und Stefan Hühne erarbeitete der Workshop einige Punkte: Die elementare Frage zu Beginn müsse lauten: Wie lernen Schüler? Durch Fortbildungsmaßnahmen, aber auch mit der Unterstützung durch Förderschulen sollten sich die Kollegien fortbilden, indem sie Diagnose- und Methodenkompetenzen und Kompetenzen zur Binnendifferenzierung erwerben. Der Besuch von Grundschulen, die in diesem Bereich oftmals schon weiter seien als die weiterführenden Schulen, könne ebenfalls hilfreich sein. Als nächstes müsse man ein Förderkonzept entwickeln und alle Beteiligten darüber informieren.

".wie man ganztags Schule machen kann", lautete der Titel des Abschlussplenums dieser Fachtagung. Ein Schritt in die richtige Richtung, das zeigte dieser Tag, ist der Austausch der Schulen untereinander. Das Offenlegen von Problemen und die gemeinsame Suche nach Lösungen macht aus den Einzelkämpfern Mannschaftsspieler, die zum Nutzen ihrer Schülerinnen und Schüler den besten Weg finden.

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