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Gewaltprävention im Ganztag

Gewaltprävention in der Ganztagsschule war Thema eines Workshops beim 2. Münchner Ganztagsbildungskongress. www.ganztagsschulen.org sprach mit Robert Pechhacker von der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik.

Online-Redaktion: Warum ist Gewaltprävention in der Ganztagsschule so wichtig?

Robert Pechhacker: Gewaltprävention ist in der Ganztagsbildung eine noch dringendere Aufgabe als in der Halbtagsschule. Lehrkräfte, anderes pädagogisch tätiges Personal sowie Schülerinnen und Schüler sind darauf angewiesen, dass das Miteinander auch über den ganzen Tag hinweg konstruktiv und friedlich verläuft. Gewaltprävention muss als Querschnittsaufgabe in Schulkonzepten bei der Einführung von Ganztagsklassen mitgedacht werden.

Robert Pechhacker© Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V.

Online-Redaktion: Wann im Tagesverlauf der Ganztagsschule steigt das Konfliktpotenzial und warum?

Pechhacker: Nach unserer Erfahrung und nach Aussage der Teilnehmerinnen und -teilnehmer an unserem Workshop ist der Ganztag nicht ein konfliktfreier oder gar gewaltfreier Platz. Ganz eindeutig steigt aus der Sicht der Erwachsenen das Konfliktpotenzial im Ganztag ab dem Mittagessen und kontinuierlich bis hin zum Tagesende an. Im Laufe des Tages nimmt die Konzentrationsfähigkeit aller Beteiligten und die Bereitschaft zur Toleranz untereinander häufig ab. Oft fehlt es an Rückzugsmöglichkeiten. Aber ganz grundsätzlich zeigt sich, dass die Lehrer-Schüler-Beziehung, wie wir sie aus dem Halbtag kennen, für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen für den ganzen Tag nicht immer ausreicht.

Online-Redaktion: Welchen Handlungsbedarf sehen Sie?

Pechhacker: Ich wünsche mir, dass in der Schule mehr Zeit und Aufmerksamkeit auf Prävention im eigentlichen Sinne gelenkt wird. Viel zu oft wird nach der Erfahrung von Lehrkräften erst reagiert und interveniert, wenn massive Probleme entstanden sind. Das berichtete eine Lehrerin aus einer Realschule. Ein Eindruck, der sich mit unseren Erfahrungen deckt. Auch bei den Anbietern aus der Jugendhilfe übersteigen die Anfragen für Interventionen, z. B. bei Mobbing, die zur Verfügung stehenden Mittel für die universellen Gewaltpräventionsangebote. Dabei sollte man sich eigentlich einig sein, dass die Reduktion von Konflikten und Gewalt das grundlegende Ziel ist.

Online-Redaktion: Wie kann Schule das Thema Prävention ins Bewusstsein rücken?

Pechhacker: Im Workshop berichtete eine Lehrkraft aus einer Mittelschule, dass ihrer Meinung nach ganz grundsätzlich in den meisten Kollegien Handlungskonzepte für den Umgang mit Konflikten, mit Regelverstößen und provozierendem Schülerverhalten fehlen. Die aber sind erforderlich und entstehen nicht durch eine Mitteilung der Schulleitung oder der Schulbehörde, sondern durch den kollegialen Austausch über problematische Situationen. Nur das offene Gespräch über die erzieherischen Herausforderungen, die Gestaltung des Kontakts mit  den Schülerinnen und Schülern sowie die Reflexion der eigenen Haltung in Konflikten ergibt mit der Zeit ein gemeinsames Handeln eines Kollegiums.

Online-Redaktion: Sind also die an einer Ganztagsschule tätigen Erwachsenen allein für das Miteinander verantwortlich?

Pechhacker: Nein, auf keinen Fall. Dass sich auch die Schülerinnen und Schüler für das Miteinander in der Schule verantwortlich fühlen, ist ein weiteres wichtiges Anliegen. Dazu gehört nicht nur die Sensibilisierung für unterschiedliche Formen der Gewalt und die Entwicklung von sozialen Kompetenzen, wie sie ein Elternvertreter aus einem Gymnasium forderte. Für die Fachkräfte der Gewaltprävention steht der Wunsch nach einem Verantwortungsgefühl und Engagement der Kinder und Jugendlichen im engen Zusammenhang mit den bestehenden Möglichkeiten der Partizipation und Mitbestimmung. Wenn die Kinder und Jugendlichen den Alltag in ihrer Klasse und Schule mitgestalten können, entwickeln sie nicht nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Klassengemeinschaft, sondern gewinnen die Überzeugung, dass es Sinn macht, sich für etwas einzusetzen. Was letztlich auch eine ganz grundlegende Voraussetzung für ein couragiertes Verhalten in Konfliktsituationen ist.

Online-Redaktion: Wie ließe sich Konfliktpotenzial darüber hinaus vermeiden?

Pechhacker: Hierzu hatten die Workshopteilnehmer und -teilnehmerinnen viele Vorschläge.  Das kann unter anderem gelingen, wenn Zeiten, Abläufe und Raumnutzungen gut organisiert werden. Wegzeiten, Zeiten zum An- und Ausziehen müssen mit eingeplant werden. Lange Wartezeiten, regelmäßiges Gedränge, verbunden mit Zeitdruck, bringt Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte und das weitere pädagogische Personal unter Druck. Die räumlichen Gegebenheiten sind bedeutend. Platz zur Differenzierung braucht es nicht nur beim Lernen, sondern auch in den Freizeit- und Entspannungsphasen. Denn auch in diesen Phasen sind die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, darunter auch Toben, Ausruhen, Sich-zurückziehen-können, Kontakt mit Freunden, Lesen), sehr unterschiedlich und können in Konkurrenz stehen. In der Ganztagsbildung ist es für die Schülerinnen und Schüler hilfreich, persönliche Ansprechpartnerinnen und -partner zu haben. Eine Lehrerin berichtete im Workshop von einer Coachingstunde, die sie mit der Hälfte ihrer Klasse durchführen kann. Zudem ist eine flächendeckende Versorgung mit Schulsozialarbeit auch im Ganztag notwendig. Die jungen Menschen brauchen Gesprächspartnerinnen und -partner für ihre individuellen Probleme.

Robert Pechhacker, Jg. 1972, ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) mit systemischer Paar- und Familientherapieausbildung (IFW). Seit 2001 ist er bei der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik für die Multiplikatorenbildung zur Gewaltprävention und Konfliktbearbeitung sowie die Partizipation in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Er berät u.a. die Kooperationsgemeinschaft „Colors of Respect“.

Hintergrund: Die Referentinnen und Referenten des Workshops „Gewaltprävention in der Ganztagsbildung“ beim 2. Münchner Ganztagsbildungskongress waren Robert Pechhacker (Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik), Jutta Wolf und Renate Grote-Giersch (Brücke München), Astrid Reschberger (KISKO – Erzbischöfliches Jugendamt) sowie Brigitte Zwenger Balink (Schulprojekt KOMM - Kinderschutzbund München). Sie gehören einem Netzwerk von zwölf Gewaltpräventionsprojekten an, die mit finanziellem Zuschuss des Stadtjugendamtes Prävention an Münchner Schulen anbieten.

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