(Beginn des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])

Das Barometer der Ganztagsschulen

Alle zwei Jahre wollen es die Praktiker und Theoretiker der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz genauer wissen: Was hat man gemeinsam erreicht? Was macht gute Ganztagsschulen aus? Wie wird eine Ganztagsschule für die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte, die Eltern und die außerschulischen Partner zu einem "Lernerlebnis"? Fragen, auf die rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 2. Ganztagsschulkongresses "Lernerlebnis Ganztagsschule - mehr Zeit für Bildung" am 1. September 2008 in der Landeshauptstadt Mainz eine Antwort suchten. Dabei erwies sich der 2. Ganztagsschulkongress in der Landeshauptstadt Mainz auch als so etwas wie ein Barometer der Ganztagsschulen.

Ein unentbehrliches Messgerät der Meteorologie ist das Barometer. Sinngemäß bedeutet Meteorologie "Diskussion der Erscheinungen des Himmels (von meteoron, "Phänomen am Himmel"). Der 2. Ganztagsschulkongress war so etwas wie das Barometer der Ganztagsschulen: eine Diskussion der Phänomene am "Himmel" der Ganztagsschulen. Der Tag begann regnerisch und windig, aber im Gebäude des Gymnasiums Theresianum pulsierte das Herz der rheinland-pfälzischen Ganztagsschulen lebendig und vernehmbar.

Während im Atrium der Schule Kinder auf bunte Luftballons trommelten, bis sie platzten, spielte in der großräumigen und hellen Turnhalle eine Big Band mit flotten Rhythmen auf: Der Kongress bildete dabei eine Einheit aus "Erlebniswelt" (Ganztagsschulprojekte), "Diskussionswelt" (Lernerlebnis Ganztagsschule), "Genusswelt" (Verpflegung) sowie einer "Gedankenwelt" (wissenschaftliche Expertisen sowie Reden) und jede dieser "Welten" zeichnete sich durch eine besondere Atmosphäre aus.

Ganztagsschulen als zentrales bildungspolitisches Projekt

Auf der zentralen Bühne in der Turnhalle des Gymnasiums zeigten sich viele Protagonisten, die die Ganztagsschulentwicklung in Rheinland-Pfalz inhaltlich, organisatorisch oder wissenschaftlich voranbringen. Vera Reiß, Staatsekretärin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur verwies auf die gegenwärtig 458 Ganztagsschulen in Angebotsform. In gut drei Jahren hat sich die Zahl dieser Ganztagsschulen landesweit nahezu verdoppelt. Rund 45.000 Schülerinnen und Schüler nehmen inzwischen die neuen Ganztagsangebote wahr.

Nimmt man die Ganztagsschulen in verpflichtender Form hinzu, sind es sogar gut 60.000 Ganztagsschülerinnen und Schüler. Schulen in Angebotsform zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Schülerinnen und Schülern an vier Tagen in der Woche von acht bis 16 Uhr Ganztagsangebote - meist in Kooperation mit außerschulischen Partnern - unterbreiten.

Seit das Land 2001 mit einem eigenen Ganztagsschulprogramm gestartet ist, hat es in Rheinland-Pfalz einen regelrechten Boom dieser Schulform gegeben: "Die Ganztagsschulen waren in Rheinland-Pfalz immer ein zentrales bildungspolitisches Projekt", fügte Reiß hinzu. Das ehrgeizige rheinland-pfälzische Vorhaben wird seit dem Jahr 2003 zusätzlich durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) unterstützt, das dem Land bis Ende 2009 insgesamt 198 Mio. Euro zum Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung stellt.

"Wir sind niemals fertig"

Allerdings ist die flächendeckende Verbreitung noch kein Garant für gute Ganztagsschulen. So war es ein Ziel des 2. Ganztagsschulkongresses, über die Qualität der neuen Ganztagsangebote nachzudenken. "Wir sind niemals fertig. Es bleibt die Herausforderung, die inhaltliche Weiterentwicklung voranzubringen", meinte die Staatsekretärin. Es ging aber auch darum, Schulen anzusprechen, die noch keine Ganztagsschulen sind: "Alle Beteiligten können ihre Erfahrungen weitergeben und voneinander lernen", so Bildungsministerin Doris Ahnen.

Vier Schwerpunkte machen das Profil des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms aus: Schulentwicklung, Berufsorientierung, Partizipation und Sprachförderung. "Rheinland-Pfalz steht für Chancengerechtigkeit und dabei ist die Sprachförderung von größter Wichtigkeit." Sprachförderung durch individuelle Förderung ist ein fester Bestandteil in der Arbeit in Kindertagesstätten und ist seit 2006 für alle Schulen des Landes verpflichtend geworden. Sie wird mit 5.600 Lehrerwochenstunden pro Woche unterstützt. Insgesamt gibt das Land jährlich rund sechs Mio. Euro dafür aus. Zum Gelingen gehören laut Reiß bestimmte Voraussetzungen: die diagnostische Kompetenz des Lehrerkollegiums, eine enge Zusammenarbeit von Kindertagesstätten und Grundschulen, differenzierte Angebote in heterogenen Gruppen, Methodenvielfalt und muttersprachliche Angebote.

Schulstrukturreform "Realschule Plus"

Ein starker Pfeiler des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms ist ferner die frühzeitige Berufsorientierung in den Haupt- und Realschulen. Sie soll den Schülerinnen und Schülern einen realistischen Einblick in das Berufsleben eröffnen und die ihnen entsprechende Berufswahl fördern. Instrumente im Rahmen der neuen Ganztagsschulen seien Berufsorientierungscamps, die Lernwerkstatt Berufsorientierung oder wöchentliche Praxistage.

Einen weitergehenden Schritt hat die Landesregierung mit der Schulstrukturreform "Realschule Plus" gewagt. Für Schülerinnen und Schüler, die sonst nach der neunten Klasse die Schule verlassen müssten, eröffnet "Realschule Plus" den Abschluss der zehnten Klasse. So werden die Hauptschulen, zumindest nominell, abgeschafft, was nicht zuletzt auch den Jungen zugute kommen könnte: "Schulversagen hat ein Geschlecht: Wiederholer und Schulabbrecher sind überwiegend Jungen", fügte Reiß hinzu. Mithilfe der Ganztagsschulen, die mehr Zeit in Sprachförderung, Hausaufgabenhilfe, Projekte undBewegungsangebote investieren, soll die Jungenförderung Früchte tragen.

Auch das achtjährige G8-Gymnasium wird in Rheinland-Pfalz nur in Kombination mit den Ganztagsschulen angeboten. So starteten zum neuen Schuljahr landesweit neun Gymnasien in Ganztagsform, darunter das "Theresianum" Mainz. Die Einbettung der G8-Gymnasien in das Ganztagsschulprogramm soll dazu führen, dass Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt und weder die Kinder noch die Lehrkräfte überfordert werden.

Zwischen Ganztagsbetreuung und Ganztagsbildung

Übrigens haben Schulen, insbesondere Ganztagsschulen mit ihrem erweiterten Zeitrahmen, mehr zu vergeben als lediglich Noten oder Schulabschlüsse, wie die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Katrin Höhmann von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ausführte. Dass nach PISA viele Schulen den Schluss gezogen haben, die Schülerinnen und Schüler noch mehr Fakten pauken zu lassen, war aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin ein Fehler: "Das ist ein falsche Weg."

Schulen hätten vielmehr die Möglichkeit, Bildungsprozesse anzustoßen: "Bildung ist die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und Fachgrenzen zu überschreiten." Sie setzt eine funktionierende Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern voraus. Ein normatives Verständnis von richtig und falsch, das mit der Notenvergabe häufig verknüpft sei, gehe dementsprechend an den Schülerinnen und Schülern vorbei.

Problematisch ist es aus Sicht von Höhmann auch, dass die Kinder und Jugendlichen für die Pädagogen vielfach so etwas wie Black Boxes sind. Laut einer Studie, die in NRW an vier Gesamtschulen erhoben wurde, wissen 35 Prozent der Lehrkräfte nicht, welche Sprache die Kinder und Jugendlichen sprechen oder welchen Migrationshintergrund sie haben.

"Viele Kooperationspartner machen noch keinen Bildungsprozess"

"Die Lehrer müssen die Schule gut kennen - und die Sache", so Höhmann. Bildungsprozesse könnten durch projektförmiges Denken an den Schulen angestoßen werden. Allerdings mahnte die Erziehungswissenschaftlerin auch zur Vorsicht: "Viele Kooperationspartner machen noch keinen Bildungsprozess." Die "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG) habe gezeigt, dass Kooperationspartner sich wertgeschätzt fühlten, wenn der Unterricht stärker mit den Nachmittagsangeboten abgestimmt würde. Soweit die Theorie.

Der zweite landesweite Kongress offenbarte, dass sich im achten Jahr des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms nicht nur eine überaus vielfältige Ganztagsschullandschaft in die Breite entwickelt hat, sondern dass es inzwischen flächendeckend eine Fülle guter Praxisbeispiele gibt, die auch bundesweit Maßstäbe für Qualität geworden sind. 40 überwiegend gut besuchte Workshops in den vier Schwerpunktbereichen Partizipation, Berufsorientierung sowie Sprachförderung sprechen dabei eine klare Sprache.

Inhaltlich reichte das Themenspektrum der Workshops von bundesweit bekannten Ganztagstagsschulen wie der IGS Ludwigshafen, die ihr gut arbeitendes Schulparlament vorstellte, bis zur Cusanus-Grundschule in Bernkastel-Kues. Deren Konzept der Sprachförderung stand im Mittelpunkt des Workshops "Sprachförderung im Team". Zwar begeisterte das Thema bis auf einen Mann ausschließlich weibliche Pädagoginnen, doch mit dabei waren auch Vertreterinnen von Gymnasien, die sich gerade erst auf dem Weg zur Ganztagsschule machen. Dabei bekamen die Teilnehmerinnen diverse Anregungen, um auch ihre Schulleitung vom Nutzen der integrierten Sprachförderung zu überzeugen.

Sprachförderung und multiprofessionelle Teambildung

Weil Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Menschen ist, zieht sich die Sprachförderung wie ein roter Faden durch den Schulalltag der Cusanus-Grundschule. Dazu die Schulleiterin Stephanie Reiter: "Sprachförderung ist in erster Linie Kommunikation. Hierzu arbeiten die Lehrkräfte mit außerschulischen Partnern in Teams zusammen. Da die Grundschule einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund hat, bietet sie eigene Förderkonzepte für diese Kinder."

So gibt es einen Eingliederungslehrgang für fünf Kinder mit zehn Lehrerwochenstunden sowie darauf aufbauende Deutsch-Förderkurse für zehn Kinder mit vier bzw. mit zwei Lehrerwochenstunden. Ferner bietet die Schule drei bis vier Tagen von 13.40 bis 14.40 Uhr eine qualifizierte Lern- und Hausaufgabenhilfe mit Kommunikationstraining durch einen Logopäden an. Dieser erteilt auch am Mittwochvormittag ein logopädisches Sprech- und Sprachtraining, das von 8:00 bis 10:00 Uhr stattfindet und durch das Ganztagsbudget finanziert wird.

Darüber hinaus gibt es integrative Maßnahmen zur Sprachförderung im offenen Unterricht durch Klassen- bzw. Fachlehrerinnen. Letztere betreuen auch die Lesepatenschaften, die sich quer durch die Klassen ziehen. Während des Unterrichts oder in AGs kommt auch das Leseprogramm ANTOLIN zum Einsatz. Interessant sind auch der Besuch von Lese-Eltern am Vor- und Nachmittag sowie die Unterstützung der Bücherei durch Eltern. Wichtig ist, dass die individuellen Förderpläne beim Übergang der Kinder in die Sekundarstufe mitgegeben werden.

Mit anderen Worten: Sprachförderung findet nicht nur im Verbund mit der Nachbarschaft statt, sondern ist in dieser teamorientierten und systematischen Form nur in einer Ganztagsschule möglich. Zentrale Themen der Diskussion waren eine verlängerte gemeinsame Grundschulzeit, die Förderung der Bilingualität und das Recht der Eltern, nach der Grundschule die jeweilige Schulform auszuwählen.

"Phase des grandiosen Ausbaus von Ganztagsschulen"

Was wissen wir über Ganztagsangebote in Deutschland? "Sicher ist, dass Ganztagsschulen sinnvoll sind", so Prof. Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Leiter des Forschungsverbundes "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG). Sie seien bereits ein Erfolg, weil sie arbeitsmarkt- und familienpolitische Wirkungen erzielen, so der Bildungsforscher in seinem Vortrag mit dem Titel "Qualität und Wirkung von Ganztagsangeboten".

Doch aus pädagogischer Sicht ist die Bilanz eher gemischt. Zwar blickten die Schulen in Deutschland auf eine "Phase des grandiosen Ausbaus zurück". In lediglich vier Jahren sei der Anteil der Ganztagsschulen an den allgemein bildenden Schulen von fünf Prozent auf 12 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt in Rheinland-Pfalz sei die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Arbeitsgemeinschaften, der Hausaufgabenbetreuung, den Förderangeboten sowie der ungebundenen Freizeit stark gestiegen. Darüber hinaus habe sich die Zufriedenheit mit der Kooperation zwischen 2007 und 2007 "deutlich gebessert".

"Die Erwartungen an eine reformpädagogische Schul- und Lernkultur haben sich aber nur bedingt erfüllt", so Klieme. Vielfach dominiere auch am Nachmittag der Lehrervortrag. Ebenso nutzten die voll gebundenen Ganztagsschulen ihr Potenzial nicht. Es gäbe ferner keine belastbaren Befunde zur Auswirkung der Ganztagsangebote und deren Nutzung. Klieme vermutete allerdings "etwas bessere Noten" durch den Besuch von Ganztagsschülern sowie "etwas positivere Auswirkungen auf das Sozialverhalten".

Lehren aus einer internationalen Großstudie

Auch eine groß angelegte Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hatte, dessen Forschungsteam 50.000 einzelne Studien weltweit auswertete, ergibt ein eher zwiespältiges Bild. "Die größte Wirksamkeit für Lernerfolge lautet: keine störenden Schülerinnen und Schüler." Obwohl die Lerngruppen zusehends heterogener würden, beruhe das deutsche Bildungssystem genau auf den Faktor Homogenität.

Nimmt man die Ergebnisse dieser Studie ernst, sind gerade die vermeintlich alten Zöpfe wieder up to date. Dazu gehören das Frage-Antwort-Schema durch die Lehrkräfte, Hausaufgabenförderung, aber auch Peer-to-Peer-Learning (Lernen von Gleichaltrigen) sowie das kooperative Lernen. Wichtig seien auch eine aktive Schulleitung, klare Erwartungen und mehr Fortbildung der Lehrkräfte, die Einbeziehung der Eltern und eine konkrete Sprachförderung: "Die Ganztagsschulen bieten dafür einen guten Rahmen." Das Gelingen von Ganztagsschulen hänge also davon ab, wie man sie pädagogisch gestalte.

Eine stabile Großwetterlage für die Ganztagsschulen

Dem Vortrag von Klieme war Claudia Berger, Schulleiterin des Georg-Friedrich-Kolb-Schulzentrums in Speyer, aufmerksam gefolgt: "Der Unterricht muss rascher verbessert werden. Es müssen bessere Absprachen zwischen den Beteiligten am Vor- und Nachmittag getroffen werden", so ihr Kommentar. Dagegen legte Stephanie Reiter von der Cusanus-Grundschule Wert auf die Äußerungen der Staatssekretärin zum Auftakt des Kongresses am Vormittag: "Das Wort verbindliche Ganztagsschule fiel relativ häufig. Das hat vermutlich Signalcharakter: Da möchte ich auch hin!".

Und das Wetter? Als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach einem ereignisreichen Tag neue "Hausaufgaben" mit nach Hause nahmen, freuten sie sich über die Sonne, die sich zwischen den Wolken hervorgekämpft hatte. Nach dem Verlauf des Kongresses, der ja in gewisser Weise auch ein Barometer der Ganztagsschulen war, hatte man damit sogar gerechnet.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: http://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 
(Ende des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 

(Beginn der inhaltlichen Zusatzinformationen [zum Inhalt Taste I, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)