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Museen machen Schule

Immer mehr Lehrkräfte nutzen außerschulische Lernorte für ihren Unterricht. Neben Science-Centern und Bauernhöfen gelten Museen als besonders beliebte Kooperationspartner.

Ein Blick in die Internet-Suchmaschine offenbart: In jedem Bundesland, in nahezu jeder größeren Stadt, aber auch in ländlichen Regionen häufen sich die Nachrichten über die Bereitschaft von Pädagoginnen und Pädagogen, von herkömmlichen Unterrichtskonzepten abzuweichen, den Klassenraum zu verlassen und die Schülerinnen und Schüler an außerschulische Lernorte zu führen. Sie erhoffen sich eine Steigerung des Interesses etwa für naturwissenschaftliche Fragen und für die Lernmotivation. „Das geschieht besonders dann, wenn die Angebote didaktisch sehr gut in unsere Lehrpläne passen“, sagt Jan Philipp Moos. Er ist Referendar an der Bonner Anne-Frank-Schule und unterrichtet Mathematik und Physik. Gemeinsam mit seiner Kollegin, der Chemielehrerin Heike Arnold-Fußhöller, ist er gerade im Deutschen Museum in Bonn angekommen. Einige Schülerinnen und Schüler dieser Bonner Hauptschule hatten sich entschieden, ihr Bild über spätere Berufsperspektiven zu erweitern. Sie nahmen an acht Nachmittagen an Workshops und Betriebsbesuchen teil, büffelten und forschten im Museum und absolvierten so ihren „Laborführerschein“. Er verknüpft chemische Inhalte mit Einblicken in die Arbeitswelt chemienaher Berufe und wird den Schülerinnen und Schülern mit mehr als 30 Gleichgesinnten anderer Schulen an diesem Tag im Dezember ausgehändigt.

v.l.n.r. Wolfgang Grießl, Präsident der Bonner Industrie- und Handelskammer, Johannes Schlarb, Deutsche Telekom-Stiftung, Joachim Wittbrodt, Leiter des Regionalen Bildungsbüros in Bonn © Deutsches Museum Bonn

Heike Arnold-Fußhöller weiß um die Vorzüge des Laborführerscheins. Er ist mehr als eine Teilnahmebestätigung an einem Workshop, er schmückt die spätere Bewerbungsmappe. Da in ihm dokumentiert wird, welche Interessen und Stärken der Einzelne entwickelt, kann die Berufsberaterin der Schule die jungen Menschen fortan viel gezielter informieren. Und sie spürt bei diesen nach Abschluss des Projektes ein gesteigertes Engagement: „Sie wissen danach häufig viel klarer, was sie wollen. Sie haben ein Ziel und das stachelt ihren  Ehrgeiz an.“ Ihre Schülerinnen Melly (15) und Manju (14) stimmen zu: „Durch den Laborführerschein haben wir erfahren, in welche Richtung es gehen könnte. Etwas mit Chemie, vor allem aber mit Menschen soll es sein“, sagen sie. „Außerdem ist es mal etwas Neues, aus dem normalen Unterricht herauszukommen.“

Dr. Andrea Niehaus: Museen und Schulen sind Partner

Geleitet wird das Deutsche Museum in Bonn von Dr. Andrea Niehaus. Der Laborführerschein richtet sich gezielt an die Hauptschulen. Doch ihr Haus bietet für alle Schulformen etwas. „Wir wollen die Kinder und Jugendlichen für die MINT-Fächer begeistern“, betont sie. Sie weiß, dies gelingt nicht allein durch ausgestellte Exponate. Schülerinnen und Schüler müssten selbst aktiv werden können. Im Deutschen Museum ist es möglich. Zahlreiche Workshops für alle Altersgruppen gehören zum Angebot. Die hauseigene Experimentierküche ist für Schulklassen, -gruppen, aber auch Einzelpersonen geöffnet. Hier können Grundschulkinder mehr über die Sinnesorgane des Menschen erforschen, sie können selbst entdecken, was im Brausepulver enthalten ist.

Niehaus
Dr. Andrea Niehaus, Leiterin des Deutschen Museums in Bonn© Deutsches Museum Bonn, Fotograf Matthias Kehrein

In der „Kleinen Gummibärchenkunde“ wird herausgefunden, welche Eigenschaften die beliebte Süßigkeit außer ihrem Geschmack kennzeichnen. Ältere Schülerinnen und Schüler können beispielsweise eigenhändig Shampoos und Handcreme herstellen und so etwas über deren Zusammensetzung erfahren. Die Praxisnähe macht den Erfolg des Konzeptes aus. Andrea Niehaus ist überzeugt: „Durch praktische Beispiele und die Anschaulichkeit können wir früh den Funken für die Naturwissenschaften entzünden.“ Doch eines ist der engagierten Museumsleiterin wichtig: „Die Begeisterung können wir nur im Zusammenspiel mit engagierten Lehrerinnen und Lehrern wecken. Wir sind keine Konkurrenz, sondern Partner, die gemeinsam etwas entwickeln wollen.“

Außerschulische Lernorte als Chance für Ganztagsschulen

Ilhan Kaluc ist einer dieser engagierten Pädagogen. Er ist Techniklehrer an der Johannes-Rau-Schule im Schulzentrum Pennenfeld, die einen offenen Ganztagsbetrieb führt. Vom Angebot des Deutschen Museums ist er begeistert. Als Anspruch für seine Schule formuliert er: „Es muss uns gelingen, die Dinge, die wir im Unterricht, zu dem auch solche Angebote außerschulischer Lernorte gehören, behandeln, mit den Arbeitsgemeinschaften des Nachmittags zu verzahnen.“ Die dafür erforderliche Abstimmung zwischen dem pädagogischen und dem weiteren pädagogisch tätigen Personal erfordere Offenheit und Bereitschaft, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Kaluc weiß um die Chance des Ganztagsbetriebes. In den Arbeitsgemeinschaften könne die Berufsorientierung weiter vertieft werden.

Dr. Florian von Sothen leitet die Theodor-Litt-Schule, eine einstige Haupt- und heutige Sekundarschule. Auch sie ist Ganztagsschule. Er schätzt Projekte an außerschulischen Lernorten wie eben den Laborführerschein. „Als Lehrer erlebe ich dabei die Schülerinnen und Schüler von einer Seite, die ich im Unterricht nie erfahren würde.“ Auch deshalb herrscht an seiner Schule das Klassenlehrerprinzip. Dadurch können Lehrerinnen und Lehrer projektorientiert arbeiten und flexibler mit Lehrstoff und Unterrichtsstunden umgehen.

Beitrag zur Berufsorientierung

Klaus Lehmann
Dr. Klaus Lehmann, „Erfinder und Vater“ des Laborführerscheins© Deutsches Museum Bonn, Fotograf Matthias Kehrein

Die Projektorientierung ist nach Ansicht des „Erfinders und Vaters“ des Laborführerscheins, Dr. Klaus Lehmann, eine große Chance, den außerschulischen Lernort Museum in den Unterricht zu integrieren. „Lehrer können am didaktischen Konzept des Laborführerscheins andocken“, versichert er. Alle Materialien seien in die Schule übertragbar und nutzbar. Dass ein außerschulischer Lernort viel zur Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler beiträgt, freut auch den Präsidenten der Bonner Industrie- und Handelskammer, Wolfgang Grießl: „Das erhöht die Ausbildungsplatzchancen, zumal es sich hier um ein Projekt handelt, das Wege in Berufe aufzeigt, die die Schüler in der Schule eventuell nicht kennengelernt hätten.“ Und Johannes Schlarb ist überzeugt: „Der Laborführerschein müsste zwölf Seiten stark sein, um alles aufzuzeigen, was die Schülerinnen und Schüler in den Kursen und Gesprächen erlebt haben.“ Er vertritt die Deutsche Telekom-Stiftung, die dieses Projekt fördert.

Nicht nur auf die Berufsorientierung legt Physiklehrer Rolf Hoffmann von der Bonner Hedwigschule wert. Er stellt bei den Schülerinnen und Schülern eine Steigerung des Selbstbewusstseins fest, etwa, wenn es spätestens nach dem zweiten Besuch einer Firma gilt, über die Erfahrungen zu referieren. „Sie verlassen den geschützten Raum der Klasse und überwinden ihre Scheu“, weiß er. Dass das Projekt wirkt, kann Eva E. Mahler-Behr, Diplom-Pädagogin und Lehrbeauftragte an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, bestätigen. Sie begleitet und evaluiert das Programm durch Schülerbefragungen. Ein Ergebnis: Wenn die Schülerinnen und Schüler ihre Laborführerscheine in der Hand halten, sagen 90 Prozent von ihnen, sie wüssten nun, was sie werden wollen. Die Zahl derjenigen, die ihre Berufsaussichten positiv einschätzen, steigt deutlich an. Auch Maren (15) und Lisa (13) blicken optimistisch in die Zukunft. Offen räumen sie ein, dass sie vor Beginn des Projektes nicht überzeugt waren, dass im Museum „etwas anderes passiert als im Unterricht“. Die vom Museum organisierten Nachmittage mit Theorie, Forschen und Betriebsbesuchen haben sie ebenso wie ihre Schulkameraden Edmond (14) und Shkumbin (16) vom Gegenteil überzeugt.

Gemeinsames Projekt von 13 Bonner Museen

© Deutsches Museum Bonn

Außerschulische Lernorte wie Museen sollten, darin sind sich die Lehrkräfte, die an diesem Nachmittag ins Deutsche Museum gekommen sind, einig, verlässliche Säulen im Bildungssystem werden. Dass die Chance dazu besteht, hatten vor einigen Jahren Dr. Katrin Engeln und Prof. Dr. Manfred Euler vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel (IPN), das die Schülerlabore wissenschaftlich begleitete, vorhergesagt. Auch der Leiter des Regionalen Bildungsbüros in Bonn, Joachim Wittbrodt, wünscht sich den Ausbau der Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Lernorten. Er erinnert an die Aachener Erklärung des Deutschen Städtetages, die die Ergänzung des klassischen Unterrichts durch solche Angebote ausdrücklich vorsieht. Nicht zuletzt deshalb wird in der ehemaligen Bundeshauptstadt derzeit intensiv an der Ausweitung des Projektes „Museen machen Schule“ gearbeitet. Auf der entsprechenden Homepage sind aktuell 187 Angebote von 13 Bonner Museen für die Schulen zu finden. Tendenz, so hoffen die Unterstützer, steigend.

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