(Beginn des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])

Mit Kanu und Kräutergarten in Dinkelscherben

Sechs Ganztagsklassen, selbstständiges Lernen und Verantwortungsübernahme sind pädagogische Markenzeichen der Montessori-Schule Dinkelscherben im Landkreis Augsburg.

Der Raum ist sichtbar einmal eine Turnhalle gewesen, der Basketballkorb hängt noch an der Wand, die Spielraummarkierungen kleben noch am Boden. Doch heutzutage kann hier niemand mehr Basketball oder Fußball spielen. Denn jetzt werkeln hier die Schülerinnen und Schüler der Montessori-Schule Dinkelscherben mit Lehrer Sebastian Kretschmann an Kanus.

Nach Originalplänen gebaut: Kanus© Redaktion www.ganztagsschulen.org
Die 3er- und 4er-Kanadier wiegen bei einer Länge von 4,80 Metern 25 Kilogramm und werden aus hochwertigem Bootsbau-Sperrholz gefertigt. Die Paddel fertigen die Schülerinnen und Schüler nach Originalplänen alter Indianerboote. „Jedes Paddel wird später im Kunstunterricht genau wie die Boote individuell bemalt und zu einem echten Unikat“, erklärt Kretschmann.

Die Kanus entstehen im Rahmen der Schülerfirma und haben einen vorbestimmten Lebenszyklus: Die Jugendlichen unternehmen jeweils im Juni eine fünftägige Bootstour auf der Naab, dann werden die Boote verkauft und die Erlöse reinvestiert. „Die Paddel dürfen die Schüler behalten, wenn sie mögen“, meint der Lehrer. Die Schülerfirma nimmt inzwischen auch Kundenaufträge entgegen. Sebastian Kretschmann zeigt die in einem Bauwagen gelagerten Boote, die auf ihren Verkauf warten.

Die Arbeit an den Kanus ist eines von vielen Projekten, welche die Montessori-Schule Dinkelscherben auszeichnen. Diese hat sich seit 1993 aus einer Elterninitiative für eine Grundschule entwickelt und bietet heute Bildung und Betreuung bis zum Mittelschulabschluss an.

Lernen mit Montessori-Materialien
Lernen mit Montessori-Materialien© Montessorischule Dinkelscherben
„Heute sind wir fast ein mittelständisches Unternehmen“, berichtet Isabella Reiter, die Geschäftsführerin des Elternvereins. 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in den pädagogischen Teams, darunter 14 vom Land zugeordnete verbeamtete Lehrerinnen und Lehrern sowie sieben weitere Lehrkräfte, die sich „für Montessori-Pädagogik interessieren“. Das Kollegium sei seit Jahren konstant, man verliere nur wenige junge Lehrer, die dann Beamte werden wollten.

Steigende Zahlen, räumliche Ausweitung

Über 200 Mitglieder zählt heute die Elterninitiative, und wenn Mütter und Väter einen Schulvertrag abschließen, dann verpflichten sie sich auch zu 55 Arbeitsstunden im Jahr. „Indirekt setzt sich so die Tradition der Elterninitiative fort, auch wenn sich jetzt nicht mehr alle untereinander kennen“, so Isabella Reiter. Gleichzeitig hilft das Engagement der Eltern, die Höhe des Schulgelds moderat zu halten.

Arbeit in der Kanuwerkstatt© Montessorischule Dinkelscherben

Heute lernen etwa 240 Schülerinnen und Schüler an der Schule im Landkreis Augsburg. Mit den Schülerzahlen wuchs über die Jahre natürlich auch der Raumbedarf. Im ehemaligen Grundschulgebäude, das von den Eltern selbst gebaut wurde, sind heute Krippe und Kindergarten untergebracht. Ein dann vom Verein gemietetes ehemaliges Industriegebäude beherbergt heute die Grund- und Hauptschule mit den Jahrgangsstufen 1 bis 6, während die Jahrgänge 7 bis 10 in der umgebauten ehemaligen Dorfschule Häder, einem Ortsteil Dinkelscherbens, untergebracht ist. Der „Campus Häder“ ist im vergangenen Jahr feierlich eingeweiht worden.

Die Schülerinnen und Schüler können den Mittelschulabschluss oder einen Qualifizierenden Mittelschulabschluss ablegen, letzteren an der Partnerschule, der Mittelschule Fischach-Langenneufnach. Die Schulabgängerinnen und -abgänger haben in der Regel feste Ziele: Einige wollen ihr Abitur oder Fachabitur machen, viele beginnen eine Berufsausbildung oder besuchen eine Fachschule. Die Schule hält Kontakt zu den Abgängerinnen und Abgängern, von denen einige jeweils im Jahresbericht über ihren weiteren Werdegang berichten.

Wahlfreiheit wichtig für die Eltern

Sechs Klassen der Montessori-Schule sind als Ganztagsklassen organisiert, in denen montags bis donnerstags der Unterricht über den Tag rhythmisiert von 8.15 bis 15.45 Uhr stattfindet. „Die Wahlfreiheit ist den Eltern und Kindern wichtig, daher bieten wir sowohl Halb- als auch Ganztagsklassen an“, meint Isabella Reiter. Auch in den Halbtagsklassen gibt es zwei lange Nachmittage in der Woche.

Flusstour mit den selbstgebauten Kanus
Flusstour mit den selbstgebauten Kanus© Montessorischule Dinkelscherben

Zwischen der Kindertagesstätte und der Grundschule besteht ein reger Austausch, und die Kinder besuchen sich gegenseitig. Der interne Austausch der Lehrkräfte in den Schulen erfolgt durch die Stufenkonferenzen. An jedem Donnerstag findet ein durch die Häuser wandernder Jour fixe, die so genannte Drehscheibe, statt: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und außerschulische Pädagogen tauschen sich dann mit Schulleiterin Petra Sternegger über ihre Anliegen aus und planen Zukünftiges.

Der Unterricht ist jahrgangsübergreifend gestaltet, jeweils drei Jahrgänge lernen zusammen. Der klassische lehrergeleitete Unterricht tritt gegenüber den Formen selbständigen Lernens zurück. Die Schülerinnen und Schüler sind frei in ihrer Zeiteinteilung und auch in der Wahl der Orte, an denen sie lernen. In den offenen Klassenzimmern „warten“ die Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Lernangeboten, geben Anstöße für den Unterrichtsstoff, den sich die Schülerinnen und Schüler dann mit ihrer Begleitung selbst weiter erschließen. Sie lernen unter anderem in Freiarbeit, mit Experimenten und bereiten Referate vor. Diese Art des Lehren und Lernens funktioniere sehr gut, so die Schulleiterin. In den vergangenen Jahren schafften alle Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss, einige davon mit den besten Notenschnitten des Landkreises.

Übernahme von Verantwortung und Erziehung zur Selbstständigkeit

Ein Baustein des Schullebens ist die Übernahme von Verantwortung durch die Jugendlichen in verschiedenen Bereichen. Sie engagieren sich mit ihren Ideen, Wünschen und Vorschlägen zur räumlichen und inhaltlichen Gestaltung des Schullebens, so auch bei der Neugestaltung der renovierten Dorfschule.

Einmal in der Woche ist Mitarbeit in der Küche angesagt© Montessorischule Dinkelscherben
„Die Schülerinnen und Schüler haben sich mit vielen Ideen eingebracht und können zurecht sagen: Das ist unsere Schule“, freut sich Schulleiterin Sternegger. Das Engagement der Jugendlichen hörte damit nicht auf. Die Schülerinnen und Schüler des Campus Häder halten ihr Schulhaus und das Außengelände selbst in Ordnung, verkaufen Snacks in einem Verkaufswagen, arbeiten im Büro mit. Sie halten sogar Schafe, Hühner und Bienen und pflegen den Schulgarten, in dem Kräuter und Gemüse angebaut werden, die auch für das Mittagessen genutzt werden. Einmal in der Woche hat jede Schülerin und jeder Schüler Küchendienst und hilft der angestellten Köchin beim Zubereiten des Mittagessens.

Die von der Schule intendierte „Erziehung zur Selbstständigkeit“ wird von vielen Maßnahmen zur Berufsorientierung flankiert, die ab der 7. Jahrgangsstufe einsetzen. Dazu gehören unter anderem ein Bewerbungsseminar, zwei zweiwöchige Praktika, Informationsveranstaltungen wie Jobmessen und Betriebserkundungen. Daneben bietet die Schule in Kooperation mit der gfi (Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration) und der Arbeitsagentur Augsburg das Projekt „BOM“ (Berufliche Orientierungs-Maßnahme) an, das eine Sozialpädagogin vor Ort an der Schule betreut und umsetzt. Dieses besteht aus den Modulen Berufs- und betriebskundliche Information, Betriebserkundungen, Eignungs- und Kompetenzfeststellung, Berufsknigge, Unterstützung im Bewerbungsprozess, Betriebspraktika sowie sozialpädagogische Betreuung.

Überquerung der Alpen beim jährlichen „Alpencross“
Überquerung der Alpen beim jährlichen „Alpencross“© Montessorischule Dinkelscherben

Die Berufsorientierung ist ein langer Prozess, der Ausdauer erfordert. Ganz wortwörtlich Ausdauer müssen die 13- und 14-jährigen Schülerinnen und Schüler mitbringen, mit denen Sebastian Kretschmann seit acht Jahren zum Schuljahresbeginn von Oberstdorf bis Meran beim „Alpencross“ fünf Tage wandert. „Hier geht es darum, an seine Grenzen zu kommen, trotzdem weiterzumachen und am Ende den Stolz zu spüren, bis zum Ende durchgehalten zu haben“, meint der Lehrer.

 

Kategorien:  Schule vor Ort - Schulporträts

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: http://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 
(Ende des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 

(Beginn der inhaltlichen Zusatzinformationen [zum Inhalt Taste I, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)