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"Hier kann etwas Neues entstehen"

Welche Rolle spielt Partizipation in Schulen? Bereitet die Lehrerausbildung auf dieses Thema vor? Kann an Ganztagsschulen demokratische Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern besser verwirklicht werden? PD Dr. Thomas Coelen, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen und Mitglied in der Jury des Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule", beantwortet diese und weitere Fragen zum Jahresthema 2008 "Partizipation an Ganztagsschulen".

Online-Redaktion: Dr. Coelen, wie ist es um die Partizipationskultur in deutschen Schulen bestellt?

Thomas Coelen: Das könnte ich nur gefühlt beantworten. Eine Studie, die man heranziehen könnte, welche sich aber nicht auf die Schulkultur bezog, ist die 2004 veröffentlichte Civic Education Study der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement). Für Deutschland ergab sie im internationalen Vergleich alarmierende Befunde: Die Mehrheit der Jugendlichen standen danach der Demokratie distanziert bis ablehnend gegenüber.

Online-Redaktion: Sind Schülerinnen und Schüler überhaupt daran interessiert mitzubestimmen?

Coelen: Auf jeden Fall, das zeigen uns Ehrenamtsstudien wie die der Enquetekommission des Deutschen Bundestages oder der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts. Diese kommen immer wieder zu dem verblüffenden Ergebnis, dass sich zwar die Motivation für ehrenamtliches Engagement von Jugendlichen extrem gewandelt hat - früher wurde eher angegeben, für andere etwas Gutes tun zu wollen, heute will man das für sich selbst. Aber Umfang, Breite und Zeitintensität des Engagements sind ungebrochen.

Partizipation steht und fällt mit der Frage, auf welche demokratische Willkommenskultur in Schulen diese Motivation der Jugendlichen trifft. Das ist ein sich ständig selbst befeuernder Prozess: Partizipation geht nur durch Partizipation. Wenn aus der Schule keine Signale kommen, dann erleben Schülerinnen und Schüler in ihr nur eine Institution, die sie mit Zertifikaten versieht. Versteht sich eine Schule anders, wird man bei Kindern und Jugendlichen viel Engagement erleben.

Online-Redaktion: Prägen Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule die Kinder und Jugendlichen für ihr späteres Leben als Bürger im Sinne von "citizen" oder "citoyen"?

Coelen: Meines Wissens gibt es darüber keine Längsschnittstudien. Viele so genannte Führungspersönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft erzählen, dass sie früh erste Demokratieerfahrungen gesammelt haben - zumeist im außerschulischen Bereich wie Verbänden, Vereinen und Jugendeinrichtungen. Auf einen Nenner gebracht lässt sich sagen, dass die Sozialisation durch frühe, intensive und breite Mitbestimmungserfahrungen eine demokratische Biographie wahrscheinlicher macht.

Online-Redaktion: Wie kann in Schulen Partizipation befördert werden?

Coelen: Man könnte hier vieles nennen. Es fängt bei der Mitbestimmung über Zeitstruktur, Inhalte oder Unterrichtsmethoden an. Das Verteilen und Wahrnehmen von für das Schulleben erforderlichen Aufgaben gehört dazu: Klassenrat, Streitschlichtung, Jahrgangsvertretungen, Schulparlament, Engagement nach außen mit anderen gesellschaftlichen Akteuren sind weitere Elemente. Aber der zentrale Ort für Demokratieerfahrung bleiben meiner Meinung nach die Schulklasse und die Schülervertretung.

So hat eine Hamburger Schülerin auf einer Konferenz im Rahmen des BLK-Programms "Demokratie lernen und leben" eine wunderbare Aussage getroffen, mit der meiner Ansicht nach fast alles gesagt wurde: "Demokratie ist für uns die Schülermitverwaltung." Das mag unglaublich altbacken klingen, ist aber aus Schülersicht das Entscheidende. Wenn Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie an dieser Stelle nicht ernst genommen und gehört werden, dann haben alle anderen Demokratieelemente an der Schule nur Dekorcharakter.

Online-Redaktion: Partizipation und Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern dürften zum hierarchischen System Schule in einem Spannungsverhältnis stehen. Kommen sie der Leistungsentwicklung in die Quere?

Coelen: Genau so eine Frage stellen wir derzeit Schulleiterinnen und Schulleitern im Rahmen einer Studie zur Partizipation an ganztägigen Grundschulen (PagGs), die wir im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) an zehn Grundschulen in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz durchführen. Sie sagen allesamt, dass Partizipation die Leistungsentwicklung befördert. Die Schulleitungen stützen sich auf ihre Beobachtungen. Empirische Befunde gibt es dazu nicht.

Online-Redaktion: Aus welchen Motiven haben die Schulen, die an Ihrer Studie teilnehmen, partizipative Elemente eingeführt?

Coelen: Die Beweggründe sind unterschiedlich. Zum einen aus einer reformpädagogischen Tradition heraus, die nicht zuletzt durch das inzwischen ausgelaufene BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" befördert worden ist. Diese Schulen gehen diesen Weg nun alleine weiter. Zum anderen handelt es sich auch um die Initiativen einzelner Lehrerinnen und Lehrer.

Einen großen Impuls gibt sicherlich die Ganztagsschulentwicklung. Diese Schulen sind konstitutiv darauf angewiesen, sich zu öffnen und zu kooperieren. In dem Maße, in dem Institutionen mit anderen "Demokratiekulturen" - insbesondere dem großen Bereich der Kinder- und Jugendarbeit - in die Nähe der Schule rücken, beeinflusst das auch die schulinterne Kultur.

Online-Redaktion: Braucht es dazu die Schulleitung?

Coelen: Solche Prozesse müssen nicht von oben bestimmt werden, es muss auch nicht die ganze Schule mitmachen. Das kann in einer Klasse beginnen. Wenn man aber die Schule insgesamt mit einer demokratischen Kultur ausgestalten möchte, muss die Schulleitung sicherlich eine Schlüsselposition einnehmen.

Online-Redaktion: Besteht die Gefahr, dass die Demokratieverdrossenheit befördert wird, wenn Schülerinnen und Schüler merken, sie dürfen nur so viel entscheiden, wie Erwachsene zulassen?

Coelen: Es gibt systematische Grenzen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schule. Die gibt es aber in anderen Lebensbereichen auch. Meiner Ansicht nach macht es wenig Sinn, sich in der Schule über diese Grenzen hinwegsetzen zu wollen. Die Schule ist eine staatliche Institution, die im Wesentlichen Qualifikation, Selektion und Allokation zur Aufgabe hat. Daneben besitzt sie erzieherische und eben demokratiepädagogische Aufgaben, aber das ist nicht der Kern der schulischen Verfasstheit. Partizipation kann in der Schule immer nur Beiwerk sein.

Durch die Ganztagsschulentwicklung besteht aber die besondere Chance, mit Partnern zu kooperieren, die systematisch auf Mitbestimmung und Freiwilligkeit basieren. Der systematischen Demokratielücke der Schule kann hier komplementär etwas zur Seite gestellt werden. Diese Partner können gemeinsam etwas Neues entstehen lassen.

Online-Redaktion: Beim diesjährigen Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" schienen bei den Preisträgerschulen die partizipativen Elemente eher punktuell auf Projekte beschränkt und weniger im Schulleben institutionalisiert. Gibt es Schulen, in denen Schülerinnen und Schüler auch Einfluss auf den Unterricht nehmen können?

Coelen: Auf jeden Fall gibt es die. Mein Kollege Hans Brügelmann und seine Arbeitsgruppe Grundschulpädagogik an der Universität Siegen haben im vergangenen Jahr eine hervorragende Tagung zum Thema "Demokratische Grundschule" veranstaltet. Dort sind sehr viele Schulen vorgestellt worden, die weit über eine projektbezogene Beteiligung von Schülerinnen und Schülern hinausgehen. In diesen Schulen werden in möglichst allen Bereichen des Schullebens partizipative Elemente als Strukturprinzipien eingebaut. Solche Ganztagsschulen waren im Wettbewerb sicherlich nicht breit vertreten, was uns in der Jury auch ein wenig enttäuscht hat

Online-Redaktion: Kann diese demokratische Kultur auch in offenen Ganztagsschulen greifen, wo die Kooperation mit außerschulischen Partnern auf den Nachmittag beschränkt bleibt? Oder bedarf es dazu einer gebundenen Ganztagsschule?

Coelen: Weder noch. In additiven Modellen kann der Vormittag von Veränderungen natürlich völlig unbehelligt bleiben. Die Antwort darauf ist aber meiner Ansicht nach nicht die gebundene Ganztagsschule. Eine offene Ganztagsschule kann man auch so gestalten, dass sie nicht additiv bleibt und die Kinder am Mittag einfach als Staffelstab übergeben werden. Mit dem Begriff der Ganztagsbildung wird die systematische Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Trägern bezeichnet. Mit einer solchen Zusammenarbeit bewegt man auch den Vormittag. Bei der gebundenen Ganztagsschule kann man zwar ein Konzept aus einem Guss gestalten, aber die eben genannten schulischen Grenzen von Partizipation können nicht überschritten werden, denn das Ganze ist dann Schule.

Online-Redaktion: Wie ist es in der Lehrerausbildung um das Thema "Demokratie in der Schule" bestellt?

Coelen: Hier kann ich nur für die vier Hochschulen sprechen, an denen ich tätig gewesen bin: An der Universität Siegen spielt das Thema wie gesagt eine große Rolle. In Hamburg war das Anfang der 1990er Jahre so. In Bielefeld war es ebenfalls ein Thema, zum Beispiel bei Christian Palentien. In Trier bei Anne Sliwka wird es ähnlich sein.

Was mich eher besorgt, ist die Tatsache, dass das Thema Ganztagsschule, ganz zu schweigen von der Ganztagsbildung, in der Lehrerbildung in Deutschland so gut wie nicht vorkommt. Vor zwei Jahren haben wir mal etwas kursorisch alle Vorlesungsverzeichnisse der lehrerbildenden Hochschulen durchgekämmt und anhand der Titel feststellen wollen, inwiefern das Thema Ganztagsschule angeboten wurde. Das Ergebnis war ernüchternd. Das liegt möglicherweise daran, dass die Lehrerbildung sich bisher um dieses Thema nicht kümmern musste, weil die Lehrerinnen und Lehrer in den additiven Modellen mit der Ganztägigkeit ihrer Schule nichts zu tun haben.

In der Sozialpädagogik ist die Ganztagsschule dagegen ein Riesenthema. Hier rennen mir die Studentinnen und Studenten die Bude ein und wollen über dieses Thema schreiben, aber das sind fast immer angehende Diplom-Sozialpädagogen oder Diplom-Pädagogen beziehungsweise Studierende des neuen Studiengangs BA Soziale Arbeit, keine Lehramtsstudenten.

PD Dr. Thomas Coelen,
geboren am 16.12.1966 in Krefeld. Oktober 1988 - Dezember 1994: Studium der Erziehungswissenschaft und der Unterrichtsfächer Biologie und Geschichte (zusätzliches Studium des Unterrichtsfaches Sport ab April 1989) an der Universität Hamburg.
1. Staatsexamen für das Lehramt an der Mittel- und Oberstufe Allgemeinbildender Schulen.
August 2002 - Dezember 2004: Lehrer am Gymnasium Oldenfelde in Hamburg.
Mai 2001: Disputation der Dissertation am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg mit dem Thema: "Pädagogik und kommunale Öffentlichkeit. Zum Verhältnis von Jugendarbeit und Schule im Hinblick auf eine raumbezogene Identitätsbildung". Januar 2005: Einreichung der Habilitationsschrift an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld: "Ganztagsbildung: Grundlegungen - Institutionalisierungen - Forschungsperspektiven".
November 2004 - März 2007: Vertretung der Professur für Sozialpädagogik an der Universität Rostock.
Seit April 2007 Vertretung einer Professur für Sozialpädagogik an der Universität Siegen.

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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