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Die demokratische Schule als kontinuierliche Innovation

Eine selbstbewusste, starke Schule, die sich den Anforderungen einer flexiblen Gesellschaft und einer globalisierten Kultur stellt, ruht sich nicht auf den soliden Fundamenten der öffentlichen Schule aus. Sie erfindet sich gewissermaßen als lernende Organisation neu und bedient sich der besten Bausteine aus Schulforschung und -praxis. Das Porträt der Gemeinschaftsschule Balthasarstraße in Köln, das unsere diesjährige Kongressberichterstattung abschließt, zeigt ermutigende neue Wege der Lernkultur auf.

Blick auf ein älteres Schulgebäude
Die Grundschule liegt beinahe versteckt hinter großen Toren, die, wenn sie am Morgen geöffnet werden, erst den Blick auf den Innenhof und die Schule freigeben. Den Betoncharakter, der manche Schulen architektonisch auszeichnet, sucht man an dieser Grundschule vergeblich

"Kommen Sie, wann Sie möchten. Unsere Schule ist für Besuch stets geöffnet", erklärte Michaela Willweber auf dem 7. Ganztagsschulkongress 2010. Eine Einladung oder Hospitation ist für die Schulleiterin der Kölner Gemeinschaftsgrundschule Balthasarstraße nichts Außergewöhnliches, sie gehört vielmehr zum Alltag der Grundschule, die seit August 2007 eine Offene Ganztagsschule ist. Außergewöhnlich ist etwas Anderes: "Die GGS Balthasarstraße hat in nur drei Jahren erreicht, wofür andere Schulen 18 Jahre brauchten", sagte Ulrich van Alst von der Perspektive Bildung e.V., der die Schulleiterin auf dem Ganztagsschulkongress begleitete.

Viel zu selten sieht man eine Ganztagsschule und den Träger ihrer Ganztagsangebote Seite an Seite arbeiten, um neue Kontakte zu knüpfen, die Schule nach außen gemeinsam darzustellen oder die Ergebnisse der Lernforschung begierig aufzugreifen, um die Schule weiterzuentwickeln. "Unser Ziel als Träger des Ganztags war es von Anfang an, die Grundschule zur gebundenen Ganztagsschule auszubauen", so van Alst. Ein tragender Pfeiler der dafür erforderlichen professionellen Zusammenarbeit ist für ihn die Feedbackkultur. Einen lebhaften Eindruck von dem gemeinsamen Projekt Ganztagsschule verschafft das Schulprogramm, das von allen Akteuren erarbeitet wurde und das für die Praxis in der Grundschule eine hohe Verbindlichkeit besitzt.

Wie kann man das Lebendige, ubiquitär Demokratische der Schule bildlich ausdrücken? Rechts: drei Kinder nach der Aufführung eines Theaterstücks

Dort heißt es: "Ein halber Tag reicht nicht aus, um die Welt zu erklären und all das zu lernen, was heute wichtig ist. Deshalb sind Ganztagsschulen heute so gefragt wie noch nie. Diese zukunftsweisende Schulform bietet weitaus mehr als neue Öffnungszeiten: Raum für individuelle Förderung und für innovative pädagogische Konzepte. Ganztagsschulen - das bedeutet auch, gemeinsam und voneinander zu lernen, Freizeit kreativ zu gestalten und mehr freie Zeit für das Familienleben zu gewinnen."

Jeden Tag ein Stück Innovation

Wer die GGS Balthasarstraße besucht, erlebt eine Schule in Veränderung und Innovation. Stets sucht die GGS Balthasarstraße den Dialog, um Neues aufzunehmen und dazuzulernen. Die Grundschule liegt beinahe versteckt hinter großen Toren, die, wenn sie am Morgen geöffnet werden, erst den Blick auf den Innenhof und die Schule freigeben. Das vierstöckige Schulgebäude, das durch die umliegenden Wohnhäuser schützend umschlossen wird, wirkt durch die abwechslungsreichen Fenster angenehm offen und durch den weichen Kunstbelag auf dem Schulhof geradezu einladend.

Abbildung eines Buchtitels mit der Aufschrift
Buch des polnischen Arztes, Schriftstellers und Pädagogen Janusz Korzcak

Den Betoncharakter, der manche Schulen architektonisch auszeichnet, sucht man an dieser Grundschule vergeblich. Zu dem positiven Bild der Schule passt auch, dass sie nach einem reformpädagogischen Konzept arbeitet, ohne es zu verabsolutieren. Heute erkennt sich die Schule in besonderer Weise in dem pädagogischen Anspruch des bekannten Architekten Otto Seidel wieder, der dafür plädierte "jede Schule als ein Kunstwerk zu betrachten." Diese charakterisierte er als einen offenen Prozess, der durch die Partizipation aller Akteure getragen werde. Über die Offenheit ihrer Schule reflektierte Michaela Willweber auf dem siebten Ganztagsschulkongress in Berlin. Wie kann man das Lebendige, ubiquitär Demokratische der Schule bildlich ausdrücken? Der Vergleich mit einem "Rhizom" (dt. "Eingewurzeltes") liegt gewissermaßen auf der Hand, ein Begriff, der aus der Biologie entlehnt wurde.

Das Schulprogramm als demokratische "Schulverfassung"

Für die Postmoderne (Deleuze/ Guattari) ist "Rhizom" eine Metapher für ein netzwerkförmiges Modell der Wissensorganisation und Weltaneignung, das ältere Strukturen wie das hierarchische Baummodell überwinden hilft - nicht zufällig steht das Konzept der Rhizomatik unter Kulturschaffenden, Medienphilosophen, IT-Spezialisten oder in der Wissenschaftstheorie in hohem Ansehen. Wenn die Menschen auf dem Ganztagsschulkongress Netzwerke bilden, sich austauschen oder Wissensströme anzapfen, um sie für ihre jeweils eigene Schulreform und die Verbesserung der Lernkultur vor Ort zu nutzen, befinden sie sich in einem fluiden, rhizomatischen Netzwerk.

Diese Arbeitsweise passt zu einer Schule, deren Schülerschaft bunt gemischt ist: in der Schule gibt es Kinder mit Migrationshintergrung (aus Finnland, Spanien, Polen, Korea, Italien, Türkei, Bosnien), sowie Kinder, die in zwei verschiedenen Familien groß werden und schließlich Kinder, die in einer Familie aufwachsen und auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Mischung ist für die Schulleiterin vor diesem sozialen und kulturellen Hintergrund der Schülerschaft ein relevanter Aspekt von Lernkultur an ihrer Schule: "Ein solches Netzwerk wird aus den Menschen gebildet, die die Schule gemeinsam demokratisch gestalten." Wer Schule auf solche Weise denkt, bezieht alle Akteure in seine Arbeit mit ein - und fängt konsequenterweise mit den jüngsten, den Schülerinnen und Schülern, an. Dazu ein Auszug aus dem Schulprogramm: "Die Erziehung zu Selbstständigkeit und Selbstverantwortung ist besonders wichtig.

Blick in ein Klassenzimmer. Kinder sitzen im Kreis.
Die Idee, dass sich die Schülervertreter regelmäßig - unter Berücksichtigung einer partiellen Öffentlichkeit - mit der Schulleitung besprechen, weckt Assoziationen zur Kinderrepublik, die der polnische Arzt, Schriftsteller und Pädagoge Janusz Korzcak als Vision entfaltete

Das beinhaltet auch, dass das Zusammenleben in der Schule von den Kindern mitgetragen und gestaltet werden sollte. Demokratisches Leben muss vorrangige und prägende Begegnungsform im schulischen Alltag sein. Der Schülerrat leistet hierzu einen wichtigen Beitrag." Je zwei Vertreter einer Klasse werden in den Schülerrat entsandt, der sich in regelmäßigen Abständen mit der Schulleiterin trifft, "um Ideen, Probleme und Beschwerden aus der gesamten Schülerschaft zu beraten, Verbesserungsvorschläge zu diskutieren und abzustimmen. Die Ergebnisse des Schülerrates werden im Anschluss daran der Schulöffentlichkeit zugänglich gemacht." Die Idee, dass sich die Schülervertreter regelmäßig - unter Berücksichtigung einer partiellen Öffentlichkeit - mit der Schulleitung besprechen, weckt Assoziationen zur Kinderrepublik, die der polnische Arzt, Schriftsteller und Pädagoge Janusz Korczak in seinen Schriften und insbesondere in dem Buch "König Hänschen" als Vision entfaltete.

"Habe Mut zu dir selbst und suche deinen eigenen Weg" (Korzcak)

Ihm liegt der Grundgedanke einer demokratischen Schule zugrunde, die von den Kinderrechten her gedacht wird und die seit 1989 durch die VN-Kinderrechtskonvention (Recht auf Bildung, Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit etc.) in geltendes Recht überführt wurde. Im Mittelpunkt steht das Wachstum des Kindes zu einer mündigen Persönlichkeit - durch Verantwortungsübernahme, Erziehung zur Selbstständigkeit (selbstgesteuertes Lernen), Anerkennung der Verschiedenheit der Menschen sowie durch Partizipation.

Die Instrumente, um das Ziel einer lernförderlichen Unterrichts- und Schulkultur zu erreichen, sind vielfältig. Im Vordergrund stehen außer dem Klassen- und Schülerrat die zehn jahrgangsübergreifenden Lerngruppen sowie der Gemeinsame Unterricht (GU), in dem sich die Kinder das moderne ABC des Lernens in einem durch Vielfalt geprägten schulischen Umfeld aneignen. Dazu gehören neben den kognitiven die personalen Kompetenzen (Ich-Stärke), Problemlösefähigkeit, das mehrperspektivische Denken beziehungsweise die Anerkennung von Vielfalt.

Musik wird an der GGS groß geschrieben. Seit 2009 finanziert die GGS mit Elternbeiträgenden Klassenstreicherunterricht auf Streichinstrumenten (Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass)

"Im nächsten Jahr bekommen wir 13 neue Kinder für den Gemeinsamen Unterricht, dazu zwei mit Down-Syndrom", erklärt Pierre Sonntag, der den Offenen Ganztag (Perspektive Bildung e.V.) leitet und aufgrund seiner Ausbildung als Bewegungstherapeut viel Erfahrung im Umgang mit behinderten Kindern mitbringt. Sonntag ist nicht nur ein wichtiger Mitarbeiter, der auf gleicher Augenhöhe mit der Schulleiterin Michaela Willweber kommuniziert, er nimmt auch an allen wichtigen Konferenzen, auswärtigen Veranstaltungen oder gemeinsamen Fortbildungen von Lehrkräften und pädagogischem Personal teil: "Ich sehe mich als einen Wegbereiter der multiprofessionellen Kooperation an der Schule, die ich in enger Absprache mit der Schulleiterin mitgestalte." Dazu passt, dass aktive Elternteile wie die Schulpflegschaftsvorsitzende Inge Reiprich-Lill als enge Mitarbeiterin in die Gestaltung der Schulentwicklung und der Rhythmisierung einbezogen werden.

"Jeder kann etwas. Niemand kann alles, zusammen können wir viel!"

Erneuerung macht an der GGS Balthasarstraße auch vor der Lehrer- und OGS-Kooperation nicht Halt. Im Gegenteil: Schulleiterin Willweber möchte die neue Organisation und Lernkultur auf die Klassen- bzw. Gruppenteams ausweiten. Diese sollen künftig als selbstständige "Knotenpunkte" im Rahmen der jahrgangsgemischten Klassen und Gruppen agieren und untereinander eigenverantwortlich ihre Stunden und Inhalte absprechen: "Dadurch können sie flexibler auf die Schülergruppen eingehen", erklärt die Schulleiterin. Die Innovation soll nicht zuletzt dem individualisierenden Unterricht zugute kommen, der "sich dem Unterricht hin zu den Lernprozessen und den Interessen der Kinder öffnet". Darüber hinaus eröffnet sie Spielräume bei der Gestaltung des rhythmisierten Ganztags sowie der vielfältigen Ganztagsangebote. Beispielsweise lernen alle Kinder ab der dritten Jahrgangsstufe ein Musikinstrument.

Hintergrund war die Initiative der Helmut-Behn-Stiftung, die das Projekt "Klassenstreicher" im Jahr 2004 startete: "Alle Kinder der zweiten und dritten Klassen spielen zwei Jahre auf einem Streichinstrument. Besonders motivierten Kindern wird in der vierten Klasse ein weiteres Jahr auf freiwilliger Basis ermöglicht. Das Klassenstreicherprojekt wird im Vormittagsbereich und im Team-Teaching mit den Klassenlehrerinnen durchgeführt, was die Identifikation des Kollegiums mit dem Projekt stärkt und der Musik einen hohen Stellenwert im Schulalltag einräumt", heißt es auf der Webseite von Andreas Behn, dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung. Der passionierte Einzelkämpfer verwandte viel Zeit und Engagement darauf, um die Kinder unabhängig vom sozialen Status ihrer Eltern zu fördern.

Ein frau und ein Mann unterhalten sich miteinander.
Teamplayer: Michaela Willweber und Ulrich van Alst beim 7. Ganztagsschulkongress in Berlin. Musikfeste, Sportveranstaltungen, Exkursionen in Museen oder Theateraufführungen schaffen an der Grundschule eine gemeinsame Identität

Seit 2009 finanziert die GGS mit Elternbeiträgen den Klassenstreicherunterricht auf Streichinstrumenten (Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass), der von den ausgebildeten Honorarkräften an der Schule für die 3. und 4. Klassen erteilt wird. Ferner trägt der Balthasarchor, geleitet von einem professionellen Musiker, zum musikalischen Profil der Schule auf hohem Niveau bei. Die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage machen dies besonders anschaulich. In der Turnhalle haben sich die Kinder zum Musizieren versammelt. Unter den neugierigen Blicken der Lehrerinnen, des OGS-Teams und der Eltern geben die Kleinen Kostproben ihres Könnens am Cello, der Violine und im Chor ab. Dabei erhält jedes Kind die Gelegenheit, zu zeigen, wie es individuell mit einem Instrument umgeht und gleichwohl zum Gelingen der Gruppe beiträgt. "Wir möchten mit dem Projekt 'Klassenstreicher' der kulturellen Bildung einen prominenteren Platz in unserem Schulalltag geben." Alle Kinder sollen die Chance haben, unabhängig vom Einkommen der Eltern an diesem musikalischen Angebot teilzunehmen.

Theaterpädagogik gegen Ausgrenzung

Eine Woche zuvor hatte noch die Theatergruppe vom "Theater Impuls" das Heft des Handelns in der Hand. In der Turnhalle steht das Stück "Der überaus starke Willibald" vor seiner Generalprobe, gespielt von einer rund 20-köpfigen Gruppe aus Dritt- und Viertklässlern: Statt Unterricht probten die Kinder an vier aufeinander folgenden Tagen. Dafür lasen sie mit ihrer Lehrerin das Buch, während die Pädagogen eine Stückfassung strickten und anschließend mit den Schülerinnen und Schülern einstudierten. Die Begeisterung während des Projektes kannte kaum Grenzen, und die Kinder waren überrascht, wie rasch fünf Stunden am Vormittag vorübergingen. In dem Stück, das vom NS-Dokumentationszentrum in Köln unterstützt wird, müssen ein paar Mäuse unter ihrem Anführer Willibald den Gleichschritt lernen und Schwache, wie die unbeholfene Lillimaus, aus der Gruppe ausgrenzen und diskriminieren.

Konstruktion einer gemeinsamen Schulidentität

Nachdem den "Mehrheitsmäusen" der falsche "Mäusehimmel" versprochen wurde und ihnen sogar das Lesen verboten wird, formiert sich der Widerstand und Willibald wird bald gestürzt. Nun dürfen alle wieder gemeinsam abstimmen. Mit einem wunderbaren Swing endete die Aufführung unter lauten "Zugabe"-Rufen. Nach der gelungenen Aufführung, an der neben den Schülerinnen und Schülern auch die benachbarten Kita-Kinder teilnahmen, soll das Stück zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar vor einem größeren Publikum uraufgeführt werden. Musikfeste, Sportveranstaltungen, Exkursionen in Museen oder Theateraufführungen schaffen an der Grundschule eine gemeinsame Identität, an der Kinder und Erwachsene nicht nur partizipieren, sondern an deren Konstruktion sie aktiv beteiligt sind. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil von Lernkultur. Getreu dem Grundsatz des Schulprogramms: "Ermutigend, nicht verschleiernd, Lernwege aufzeigend."

Kategorien:  Schule vor Ort - Partizipation

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