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Bundeselternrat: 60 Jahre und kein bisschen leise

Lange musste der Bundeselternrat (BER) um seine Anerkennung durch die Politik kämpfen. Doch die Zeiten sind Geschichte. Auch das wurde beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen der bundesweiten Elternvertretung am Freitag (11. Mai) in Potsdam deutlich, als hochrangige Vertreter aus Politik und Wissenschaft das Mitwirken engagierter Mütter und Väter als "unverzichtbar" einstuften.

Mehrere Personen sitzen an Tischen. Im Vordergrund hängt ein Plakat mit der Aufschrift
Podiumsdiskussion, von links nach rechts: Francesca Borgonovi, Early Childhood and Schools Division, EDU, OECD, Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender Deutscher Philologenverband, Hans-Peter Vogeler, Vorsitzender Bundeselternrat, Udo Beckmann, Vorsitzender VBE, Prof. Dr. Nils Berkemeyer, Friedrich-Schiller-Universität Jena© Friedhelm Windmüller

Auch Bundespräsident Joachim Gauck wäre, wie einst zum 50-jährigen Bestehen Johannes Rau, gerne zum Festakt gekommen. Doch sein Terminplan ließ es nicht zu. Schriftlich bedankte er sich bei "allen Müttern und Vätern, die sich auf Schul-, Landes- und Bundesebene als Vertreterinnen und Vertreter der Eltern dafür einsetzen, die Chancengleichheit und die Bildungserfolge in den Schulen überall in Deutschland zu ermöglichen". Sie seien als Expertinnen und Experten unverzichtbar, wenn es darum gehe, Bildung für alle noch besser als bisher zu gestalten.

Bundespräsident und Bundeskanzlerin gratulieren Bundeselternrat

Ähnlich formulierte es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrem Glückwunschbrief an den BER. "Eltern sind unerlässlich, wenn es darum geht, Schule auf kommende Aufgaben vorzubereiten", schrieb sie. Und sie seien es, die wesentlich dazu beitragen könnten, dass Kinder gute Bildungschancen erhielten. Insgesamt befinde sich Deutschland bei der Frage der Bildung auf einem guten Weg. Aber es gebe noch viel zu tun. Deshalb halte die Bundesregierung daran fest, in Bildung auch künftig zusätzliche Milliarden zu investieren. "Aufstieg durch Bildung" bleibe das erklärte Ziel.

Dr. Helge Braun: "Bildung muss auf Ergebnissen empirischer Forschung basieren"

In das Lob über die "Einmischung der Eltern", "ihre Beratungskompetenz" und ihre "Bereitschaft zum konstruktiven Dialog und zur vertrauensvollen Zusammenarbeit" stimmten die Festredner dieses Tages ein. "Eltern leisten einen wichtigen Beitrag für die Optimierung der Arbeit an Schule", sagte der Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh (SPD). Eine moderne Schule sei ohne Elternbeteiligung nicht denkbar. Er bekräftigte: "Manche glauben ja, Elternarbeit sei das Sahnehäubchen. Ich aber bin überzeugt, sie ist Teil des Teigs."

Für den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Dr. Helge Braun (CDU) steht fest: "Eltern können die Gestaltung der Gesellschaft und der Bildung am stärksten beeinflussen." Zugleich plädierte er für einen größeren Respekt vor Lehrerinnen und Lehrern. Und er forderte: "Bildung darf keine Frage politischer Ideologie sein, sie muss auf Ergebnissen empirischer Forschung basieren." Das gelte beispielsweise für die wichtige Aufgabe der Inklusion. Ergebnisse der Bildungsforschung sollten künftig verstärkt in die Lehrerausbildung einfließen.

Dem mochte sich Burkhard Jungkamp nur anschließen. Der Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg zeigte sich zudem davon überzeugt, dass eine Verbesserung der schulischen Bildung allein durch eine Veränderung der Schulstruktur nicht zu erreichen sei: "Die Entdeckung der Unterrichtsqualität ist wichtig." Doch bei aller Vermittlung von Fachwissen dürften die musische, ethische und kulturelle Bildung sowie die Erziehung zur Demokratie nicht vergessen werden.

Chancenspiegel 2012 belegt Handlungsbedarf

Der vom "Jugend musiziert"-Preisträger Erik Elias, dem Swing-, Jazz- und Pop-Duo Benschu-Intrau und The Artcores hervorragend umrahmte Festakt in Potsdam solle, so wollte es der BER, nicht nur ein Tag des Schulterklopfens und Gratulierens sein. Er setzte einen thematischen Schwerpunkt: Bildungsgerechtigkeit. Und da trat der Schulentwicklungsforscher Prof. Dr. Nils Berkemeyer (Friedrich-Schiller-Universität Jena) erst einmal auf die Euphoriebremse. Der Chancenspiegel 2012, der im Zusammenwirken der TU Dortmund und der Bertelsmann-Stiftung erstellt worden sei, belege, dass in allen Ländern noch dringend Handlungsbedarf bestehe, wenn es etwa um Integrationskraft, die Kompetenzförderung und die Durchlässigkeit gehe. Er erinnerte daran, dass nach wie vor eine Rückkehr aus der Förderschule in die Regelschule so gut wie nicht gelinge: "Das ist eine systematische Benachteiligung."

Als weiteren "Großskandal" bezeichnete er die Tatsache, dass nach wie vor im Bundesdurchschnitt rund sechs Prozent junger Menschen die Schule ohne Abschluss verließen. Man dürfe sich mit der Quote nicht zufrieden geben, auch wenn sie noch vor wenigen Jahren bei über acht Prozent gelegen habe. "Sechs Prozent - das ist keine kleine Gruppe", warnte er. Das Bildungsziel müsse ganz klar lauten: "Keiner darf die Schule ohne Abschluss verlassen."

Olbertz: "Frühkindliche Bildung ist Dreh- und Angelpunkt von Bildungsgerechtigkeit"

Nicht als wissenschaftlicher Experte wollte sich nach eigenen Worten der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, dem Thema Bildungsgerechtigkeit widmen. "Meine Quellen sind Beobachtung, Erfahrung und gesunder Menschenverstand", erklärte er, um anschließend den Begriff "Gerechtigkeit" zu beleuchten. Er machte deutlich, dass es völlige Gerechtigkeit nicht geben könne, dass der Staat aber sehr wohl die Aufgabe habe, Startchancen anzugleichen. Dazu gehöre auch der beitragsfreie Besuch des Kindergartens: "Denn die frühkindliche Bildung ist der Dreh- und Angelpunkt von Bildungsgerechtigkeit. Ein Nachteilsausgleich ist im frühen Alter am ehesten noch möglich", mahnte er. Doch er plädierte auch dafür, unterschiedliche genetische Disposition zu akzeptieren. Stärken und Schwächen seien höchst unterschiedlich verteilt. Eine Angleichung sei da nicht immer möglich, ein Ausgleich indes schon.

"Qualität von Schule wichtiger als Schulstruktur"

Als Grundlage für mehr Chancengleichheit sieht Olbertz weniger die Frage der Schulstruktur. Wichtig sei die Qualität der Schule. Sie hänge eng mehr der Frage der Führung von Schulen zusammen: "Eine engagierte Schulleiterin oder ein charismatischer Schulleiter können viel bewegen", betonte er. Eine gute Schule entfache Neugier und Lernfreude, verstehe sich als Lern- und Lebensort, verabschiede sich von der Stofffülle zugunsten des Exemplarischen, schätze aber auch das Wissen und sorge dafür, dass Kinder erfolgreich seien. Zugleich zeige sie den Kindern Grenzen, wenn sie gegen das Gemeinschaftsinteresse verstießen. Bei all dem sollten die Schulen die Eltern mit ins Boot nehmen. Auf jene Mütter und Väter, die Schule schwer erreiche, sollten andere Eltern zu gehen: "Von Eltern zu Eltern - das kann mehr bewirken, als wenn es von oben kommt."

Wünsche an Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Kultusminister

Durchaus seine Wünsche an die Eltern hat auch der Vorsitzende des BER, Hans-Peter Vogeler. Im Beisein einiger seiner Vorgänger (Dr. Peter Hennes, Wilfried Steinert, Anja Ziegon, Dieter Dornbusch) appellierte er an die Mütter und Väter: "Zeigen Sie mehr Gelassenheit gegenüber ihren Kindern. Druck hilft nicht, die Leistung zu steigern." An die Lehrkräfte gerichtet, bat er: "Eltern sind Ihre Partner. So wollen sie behandelt und sie wollen ernst genommen werden." Den Schulleitungen legte er nahe: "Nutzen Sie Ihren Freiraum für die Kooperation mit uns. Regelmäßige Treffen fördern ein Vertrauen, das es auch erleichtert, Konflikte zu lösen." Die Kultusministerkonferenz lobte er dafür, bereits vieles auf den Weg gebracht zu haben. Zugleich äußerte er die Hoffnung auf "schnellere und verbindlichere Entscheidungen, ein Aufräumen des Chaos der Schulbezeichnungen sowie eine Erleichterung des Schulwechsels zwischen Bundesländern." Die Ganztagsschulen im Land bezeichnete er gegenüber http://www.ganztagsschulen.org/ als große Chance, die Schule im Stadtteil zu verankern und für alle dort Lebenden und Aktiven zu öffnen. Er verlangte aber auch: "Wenn ein Kind nach acht Stunden aus der Schule kommt, muss Schluss sein. Dann dürfen keine Hausaufgaben mehr anstehen."

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