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Evangelische Grundschule Gotha: Arbeit mit Portfolio und Lerntagebuch

Die Evangelische Grundschule Gotha kann die Nachfrage von Eltern kaum bewältigen. Die teilgebundene Ganztagsschule punktet mit einer einladenden Atmosphäre und vor allem mit ihrem integrativen, projektbezogenen Unterricht, in dem Portfolio und Lerntagebuch wichtige Bausteine bilden, wie eine Fortbildungsveranstaltung der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen am 29. März 2011 vor Ort zeigte.

Gruppenfoto der Lehrerinnen und Lehrer
Alle hängen mit allem zusammen: Das pädagogische Team der Evangelische Grundschule in Gotha

Wenn nach Ende der Veranstaltung "Individuelle Rückmeldung und Lernplanung im Ganztag" am 29. März 2011 in der Evangelischen Grundschule Gotha mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schulleiterin Susanne Fiedler beim Abschied versichern, dass sie ihr eigenes Kind "sofort an ihrer Schule anmelden" würden, dann ist dies mehr als eine Höflichkeitsfloskel. In sieben Stunden haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fortbildung der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen und des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lernplanentwicklung und Medien (ThILLM) die Grundschule, das Personal, ihr Angebot und die Schülerinnen und Schüler näher kennen lernen können - und sind begeistert.

Sie sind nicht die einzigen. Auf die 66 Plätze haben für das kommende Schuljahr etwa 100 Eltern ihre Kinder angemeldet. Die 1993 mit Hilfe der Evangelischen Schulstiftung Bayern gegründete Grundschule in freier Trägerschaft, wie sie mit dem seinerzeit neuen Thüringer Schulgesetz möglich geworden war, hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Seit 1998 ist die Schule "staatlich anerkannte Ersatzschule". Aber es sind allein die Atmosphäre des Hauses und die Ausstrahlung der dort Lernenden und Lehrenden, die für die Schule einnehmen. "Die Stimmung ist so schön bei Ihnen", hat die Schulleiterin von Eltern gehört.

Schülerinnen und Schüler bei einer Versammlung in einer Halle
Morgenkreis im Festsaal der Evangelische Grundschule

2005 wurde das Gebäude mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) als Ganztagsschule ausgebaut: Nun begrüßt ein helles, mit freundlichen Farben gestaltetes Inneres die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und eben auch die Besucherinnen und Besucher. Die großen, geräumigen Klassenzimmer sind individuell gestaltet; sie laden nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Verweilen ein: Neben den meist in lockeren Tischgruppen arrangierten Lerngelegenheiten finden sich jeweils auch Sitzkreise und Leseecken. Die großen Fensterfronten lassen viel Licht hinein, und die Vorhänge sorgen für eine warme, beinahe gemütliche Atmosphäre.

Pädagogisches Konzept setzt sich aus Konzeptbausteinen zusammen

Die Ausstattung und die Räume bieten einen überzeugenden Rahmen für die inhaltliche und organisatorische Arbeit: "Unser Schulkonzept setzt sich aus Konzeptbausteinen zusammen, von denen für die Eltern oft eine oder mehrere eine Rolle spielen, wenn sie ihr Kind bei uns anmelden wollen", berichtete Schulleiterin Fiedler. Der erste Baustein ist das Selbstverständnis als evangelische Schule. Die Evangelische Grundschule Gotha ist eine christliche Gemeinschaftsschule; die Evangelische Schulstiftung Mitteldeutschland ist der Träger. Die Schule bietet keinen Ethik-, sondern Religionsunterricht. Alle Pädagoginnen und Pädagogen gehören einer Konfession an. Die Jenaplan-Pädagogik nach Peter Petersen ist der zweite die Schule prägende Baustein: Altersgemischtes Lernen der 1. und 2. Klassen sowie der 3. und 4. Jahrgangsstufen, Projektunterricht sowie Lernen mit Portfolio und Lerntagebücher sind hier die zentralen Elemente.

Zwei Schülerinnen präsentieren einen Ordner

Der dritte Baustein ist die teilweise gebundene Ganztagsschule, die man seit 2005 anbietet und immer weiter entwickelt hat. Der Schultag, der von 6.30 Uhr bis 17.00 Uhr dauern kann, ist ganztägig rhythmisiert. Viertens gilt in der Evangelischen Grundschule Gotha: "Es ist normal, verschieden zu sein." Sie ist eine Schule für alle Kinder - auch für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen. "Wir wollen die Stärken der Kinder erkennen und weiterentwickeln", erklärte Susanne Fiedler, "und die Schwächen zunehmend ausgleichen."

267 Schülerinnen und Schüler lernen in zwölf Stammgruppen mit bis zu 22 Kindern, davon bis zu drei Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. 13 Lehrerinnen und Lehrer, sechs Sonderpädagoginnen und -pädagogen und sechs Erzieherinnen arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern. Jede Stammgruppe wird von einem Team aus Lehrkraft, Sonderpädagogin und Erzieherin begleitet, die ihren Lernplan selbst aufstellen, um eine Doppelbesetzung sicher zu stellen. Gelernt wird hauptsächlich in 90-Minuten-Blöcken mit Bewegungspausen. Der Tag beginnt mit dem Frühstück in der Zeit von 7.45 Uhr bis 8.15 Uhr. Daran schließt sich - außer montags, wenn der Morgenkreis stattfindet - der Deutsch- oder Mathematik-Kurs an: In diesem offenen Unterricht können leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler auch in oberen Klassen lernen. Umgekehrt können leistungsschwächere Kinder aus oberen Jahrgangsstufen auch in denen der jüngeren Mitschülerinnen und Mitschüler teilnehmen.

Das jahrgangsübergreifende Lernen ist das Charakteristikum der Jenaplan-Pädagogik

Von 10.15 Uhr bis 11.45 Uhr sowie von 13.15 Uhr bis 14.00 Uhr findet - ebenfalls entsprechend dem Jenaplan - der fächer- und jahrgangsübergreifende Projektunterricht in den Stammgruppen statt. Bei den Projektplänen arbeiten die Schülerinnen und Schüler über zwei Jahre an einem Thema in Partner- und Gruppenarbeit. "Es geht hier darum, sich die Welt in die Schule zu holen, aber auch in die Welt zu gehen", beschreibt Schulleiterin Fiedler dieses Arbeiten. "Die Gruppen machen Exkursionen, laden sich Eltern und Experten ein, die zum Beispiel über ihre Berufe sprechen." An den Stammgruppennachmittagen würden auch soziale Kompetenzen gefördert.

Schülerinnen und Schüler stehen in einem Halbkreis
Schülerinnen stellen dem Plenum der Fortbildung ihr Portfolio und ihre Lerntagebücher vor

In der Mittagszeit von 11.45 Uhr bis 13.15 Uhr können die Schülerinnen und Schüler nach dem Mittagessen an verschiedenen Lernorten Freiarbeitsaufgaben leisten, welche die Hausaufgaben ersetzt haben. "Aber wer nicht will, kann auch mal spielen - es ist wichtig, die Kinder nicht komplett zu verplanen", erklärte Susanne Fiedler. Dienstagnachmittags finden Arbeitsgemeinschaften wie beispielsweise Kochen und Backen, Kinderkunst, Experimente, Chor oder Theater statt. Kooperationspartner bieten Volleyball, Musikschule, Trommeln oder Schach an. Donnerstags nehmen die Schülerinnen und Schüler an einer Werkstatt teil.

Zehn Werkstätten bietet die Schule an, welche im Laufe von zwei Jahren von allen Schülerinnen und Schülern durchlaufen werden: Malerei, Grafik, Gestaltung, Töpferei, Papier- und Holzwerkstatt, Modellbau, Textilwerkstatt, Kräuter und Insekten, Pflanzenwerkstatt sowie Obst- und Gemüseanbau. Nach sieben Wochen wechseln die Kinder jeweils in eine neue Werkstatt. In den Werkstätten lernen zwölf Schülerinnen und Schüler zusammen - je zwei aus einer Stammgruppe. "Wir mischen die Zusammensetzung in den Werkstätten bewusst, weil sich so alle Kinder kennen lernen, denn wenn sich alle kennen, nimmt die Gefahr von Konflikten ab", so die Rektorin.

All dies ist nicht innerhalb von ein, zwei Jahren entstanden, sondern hat sich nach und nach seit 1993 entwickelt. Nicht alles kann befriedigend gelöst werden: "Wir haben noch keinen Weg gefunden, Absprachezeiten für die Pädagoginnen und Pädagogen einzurichten", erklärte Susanne Fiedler. "Auch die Hofpause ist zu kurz, was manchmal zu Hetze führt. Ebenso ist das Sitzenbleiben ein Knackpunkt, weil ein Kind dann die Gruppe wechseln muss." Man habe daher auch schon eine Jahrgangsmischung von Klasse 1 bis 4 ausprobiert und an anderen Schulen zu diesem Zweck hospitiert. Es habe aber zu keiner befriedigenden Lösung geführt.

Portätfoto mit zwei Frauen

Auf einem besonders guten Weg ist die Evangelische Grundschule Gotha - daher auch die Fortbildungsveranstaltung vor Ort - in der Arbeit mit dem Portfolio und mit Lerntagebüchern. "Wir haben uns vor fünf Jahren für den Werkstattunterricht mit Portfolio entschieden", erzählte Schulleiterin Fiedler. In diesen Portfolios werden nicht nur die Zeugnisse gesammelt, sondern Bilder, Fotos, Einladungen, Urkunden, Teilnahmebescheinigungen, von den Kindern verfasste Gedichte und Erzählungen.

"Das Engagement in der Arbeit mit dem Lerntagebuch ist phantastisch"

Im Lerntagebuch, in dem ab der Einschulung alles - vom Einband über das Deckblatt und das Inhaltsverzeichnis - von den Eltern und Kindern gemeinsam selbst gestaltet ist, halten die Schülerinnen und Schüler Steckbriefe, Interviews, Mind Maps und Geschichten fest. "Die Schülerinnen und Schüler schauen sich das alles immer wieder gerne an und sind auch ein Stück weit stolz auf ihre Bücher", berichtete Susanne Fiedler. "Das Engagement in der Arbeit mit dem Lerntagebuch ist phantastisch. Manche Kinder haben hier sogar freiwillig zu Hause daran gearbeitet."

Zähne-Projekt: Schülerinnen und Schüler besuchen eine Zahnarztpraxis

Für Prof. Dr. Michaela Gläser-Zikuda von der Universität Jena ist das Portfolio ein Baustein eines "ganzheitlichen und auf das Kind bezogenen Unterrichts, mit dem das Kind seine Persönlichkeit öffnen kann". Beim Portfolio und beim Lerntagebuch lernten die Kinder selbstgesteuert und selbstbestimmt, und das motiviere. Hier komme es auf die Balance zwischen der Instruktion durch die Lehrenden und der Konstruktion der Lernenden an. Die Lehrkraft werde hier stärker zum "Moderator und Manager" der Lernprozesse der Kinder. Es gelte, ein solches Lernmittel wie das Portfolio "wohldosiert" einzusetzen.

Portfolios machen Lernvorsprünge besser kenntlich

"Portfolios können Lernvorsprünge und Defizite besser kenntlich machen - dieses prozessbegleitende Potential sollten die Pädagoginnen und Pädagogen erkennen", so die Erziehungswissenschaftlerin. Das Lerntagebuch helfe den Schülerinnen und Schülern, die eigenen Leistungen zu reflektieren, mit sich selbst zu kommunizieren und Lernstrategien zu entwickeln. "Die Arbeit mit Lerntagebuch und Portfolio erhöht die Selbstreflexivität, die Eigenverantwortung und die Selbststeuerung", so Prof. Gläser-Zikuda. "Sie können die individuelle Leistungsbeurteilung transparenter machen, Kompetenzerleben ermöglichen und den individuellen Lernweg optimieren."

Portätfoto von Frau Prof. Dr. Michaela Gläser-Zikuda

Diese Lernmittel seien auch ein Weg für die Lehrkräfte, mit den Schülerinnen und Schülern zu kommunizieren. "Die Kinder sollten möglichst die Gelegenheit erhalten, ihre Ergebnisse und Leistungen in der Gruppe präsentieren zu können. In diesen Lerngesprächen erleben sie sich als kompetent, so dass für manchen und manche der Teufelskreis der Versagensangst durchbrochen wird", so Michaela Gläser-Zikuda.

Eine Lehrerin der Evangelische Grundschule Gotha bestätigte diese Aussagen mit ihren Erfahrungen in der Praxis: "Das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern ist wichtig. Ich habe auch schon Briefe an die Schüler geschrieben, in denen ich ihren Lernweg reflektiere, statt eine bloße Bewertung abzugeben. Das Portfolio kann weitreichend sein und den Unterricht verändern."

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