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Johann-Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning: "Der Ganztag macht die Kinder sozial stark"

Schulen haben in Bayern zuweilen den Ruf, etwas mehr zu verlangen als anderswo. Ein Besuch der Online-Redaktion in der Realschule Ismaning gibt diesem Eindruck recht. Hier ziehen Schulleiter, Lehrerkollegium und Sozialpädagogen alle an einem Strang.

Porträtfoto von Rektor Johann Wolfgang Robl
Rektor Johann Wolfgang Robl in seinem Büro.

Noch vor einigen Jahren verlief die Ganztagsschulentwicklung in Bayern eher verhalten. Mittlerweile reagiert das Land auf die sich verändernden gesellschaftspolitischen Bedingungen mit einem systematischen Ausbau der Ganztagsschulen. Das verdeutlicht auch das Internetportal des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung "Zeit für dich - Ganztagsschulen in Bayern": Es stellt vor allem pädagogische Ziele in den Mittelpunkt und bietet Anregungen für die Ausgestaltung des Ganztags, auch anhand von Praxisbeispielen. Eines davon ist die Johann-Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning. Die 1978 gegründete Staatliche Realschule Ismaning verfügt über ein modernes Schulgebäude mit einer guten Ausstattung.

 Auf dem Weg zum Büro des Schulleiters, Realschuldirektor Johann Wolfgang Robl, durchquert man ein lichtdurchflutetes Foyer. Robl hat im August 2007 die Schulleitung übernommen. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass er mit seiner ganzen Person für seine Schule steht. Hinter dem Schreibtisch des Schulleiters befinden sich drei Flaggen: die des Freistaates Bayern, die schwarz-rot-goldene Flagge der Bundesrepublik sowie die dunkelblaue Fahne der Europäischen Union. Seine Schule hat gegenwärtig rund 650 Schülerinnen und Schüler. Die Prognosen gehen von zukünftig bis zu 800 Kindern und Jugendlichen aus. Das Besondere an der Realschule Ismaning, die auch aus Mitteln des IZBB gefördert wurde, ist, dass es hier sowohl einen gebundenen als auch einen offenen Ganztagsbereich gibt.

Republik im Kleinen: die Realschule Ismaning

"Wir wollen den verlässlichen Ganztag", sagt Robl. Seine Stellvertreterin, die Mathematik- und Physiklehrerin Ina Langer, fügt hinzu: "Mit dem offenen und gebundenen Ganztag haben wir zwei besonders interessante Angebote an der Schule." Der offene Ganztag, der in Zusammenarbeit mit der Volkhochschule organisiert wird, richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die nicht in einer gebundenen Ganztagsklasse untergebracht sind und nachmittags gut betreut werden wollen. Nach dem Mittagessen zwischen 13 und 14 Uhr gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, durchgeführt von Dozenten der Volkshochschule. Zwischen 14.45 und 15.45 Uhr werden die Kinder in verschiedenen Neigungsgruppen betreut: im Bereich Sport oder Kunst, aber auch in Form zusätzlicher Förderung in Mathematik oder Englisch. Die Teilnahme am offenen Ganztag ist bis auf das Mittagessen übrigens kostenlos.

Robl mit der Deutsch- und Sportlehrerin Claudia Fritsch

Der gebundene Ganztag ist laut Robl mit einem Zeitzuschlag von 16 Wochenstunden gegenüber 30 Stunden im Halbtagsbetrieb verbunden. Die zusätzlichen Stunden werden einerseits für mehr Übungsstunden in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch verwendet, die so einen Großteil der Hausaufgaben ersetzen sollen. Sinn und Zweck der über den ganzen Schultag rhythmisierten Ganztagsklassen sei es, dass die Mädchen und Jungen mit Gleichaltrigen ihre sozialen Kompetenzen entwickeln. Am "Regenbogennachmittag", der immer mittwochs stattfindet, können die Schülerinnen und Schüler in klassenübergreifenden Neigungsgruppen an Sportangeboten, naturwissenschaftlichem Forschen und Experimentieren, Lesen, kreativem Gestalten oder dem sozialem Lernen teilnehmen.Der gebundene Ganztag wurde bereits im Schuljahr 2003/04 eingeführt. Hintergrund war die zunehmende Zahl von Kindern alleinerziehender Eltern sowie von Eltern, die beide berufstätig sind.

"In der Ganztagsschule fallen die Kinder nicht aus dem Netz"

Innenansicht eines Neubaus
Der Neubau der Realschule, in dem überwiegend der Ganztag stattfindet

"Für viele Kinder bietet der gebundene Ganztag die Gelegenheit, ihren Freundeskreis aufzubauen und zu pflegen. Der Ganztag macht die Kinder sozial stark.", erklärt Schulleiter Robl. Eine stabile Peer-Group ist - auch nach neueren Ergebnissen der Ganztagsschulforschung - nicht nur für die emotionale Geborgenheit von Belang, sondern auch für die Motivation und die Schulleistungen. Für Robl ist der gebundene Ganztag zudem "der Beweis, dass die Kinder an seiner Ganztagsschule nicht aus dem Netz fallen". Der gebundene Ganztag verdankt laut Robl seine Entstehung auch der Tatsache, dass die Eltern das Bedürfnis angemeldet haben, ihre Kinder sozial, kognitiv und fachlich gut betreut zu wissen. An der Seite von Johann Wolfgang Robl arbeitet ein überaus motiviertes multiprofessionelles Team. Ohne dieses und insbesondere ohne dessen außerordentliches Engagement wäre es wohl auch kaum möglich, den gebundenen und offenen Ganztagszweig in dieser Form zu gewährleisten: Bei Weitem nicht alle Angebote innerhalb des Ganztags können durch die zusätzlichen Lehrerstunden bestritten werden.

Konrektorin Ina Langer (rechts im Bild)

"Wir müssen jetzt Qualität entwickeln"

Anlässlich des Schulbesuchs lässt es Robl sich nicht nehmen, einige Kolleginnen und Kolleginnen, die wichtige Stützen seines Ganztagsteams sind, am Gespräch im Schulleiterbüro zu beteiligen. Dazu gehören die Konrektorin Ina Langer, die Sport- und Deutschlehrerin Claudia Fritsch, übrigens eine ausgebildete Montessoripädagogin, sowie der Sozialpädagoge Thomas Pfadt. "Wir machen sehr viel, und dafür bedarf es eines engagierten Ganztagsschulteams", erklärt Langer. Oberstes Ziel sei es nun, nach der ersten Aufbauphase, die Qualität der Ganztagsschule zu verbessern. : "Dafür müssen wir als Team systemisch arbeiten und nachhaltige Strukturen entwickeln", so Claudia Fritsch.

Ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Schule war die Fertigstellung des Erweiterungsbaus im Herbst 2006. Der aus Mitteln des Bundesprogramms IZBB geförderte Bau bietet erst die räumlichen Voraussetzungen für den parallelen Betrieb der offenen und gebundenen Ganztagsklassen. So sind neben gut ausgestatteten und lichtdurchfluteten Klassenzimmern Differenzierungs- und Sonderräume und nicht zuletzt die Mensa entstanden: "Der Neubau beherbergt das Ganztagshaus unserer Schule", erläutert Johann Wolfgang Robl. Ein weiterer Meilenstein für die Ganztagsschule war im Februar 2008 die Bewilligung von zwei Schulsozialarbeiterstellen durch den Schulträger. Der aus dem Zweckverband Ismaning, Garching, Unterföhring sowie dem Landkreis München gebildete Sachaufwandsträger zeichnet sich laut Robl übrigens dadurch aus, dass er in Bildungsfragen sehr unterstützend und innovativ wirkt.

Portätfoto eines jungen Mannes
Schulsozialarbeiter Thomas Pfad

"Wir erlauben uns, Fehler zu machen"

Der Einsatz der Schulsozialarbeiter habe sich schon jetzt bezahlt gemacht: "Die Schule ist deutlich ruhiger geworden", freut sich der Schulleiter. Das ist kein Zufall, denn mit den zwei Sozialpädagogen haben sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Eltern verlässliche Ansprechpartner: "Die Kinder kennen uns, und sie vertrauen unserer Arbeit", erklärt Thomas Pfadt. Darüber hinaus unterstützen die Schulsozialarbeiter die Lehrkräfte, indem sie neben Beratung und Betreuung Projekte konzipieren und Sozialtrainings durchführen, die für das soziale Klima der Schule mitentscheidend sind: "Sucht- und Gewaltprävention, Angebote zur Medienkompetenz gehören ebenso ins Portfolio der Sozialpädagogen wie die Ausbildung und Betreuung der Streitschlichter und Tutoren".

Eine wesentliche Grundlage für die Attraktivität der sozialpädagogischen Angebote ist die Freiwilligkeit und die Tatsache, dass die Vermittlung sozialer Kompetenzen keiner Notengebung bedarf. In der multiprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Sozialpädagogen und angesichts der Bedeutung der sozialen Beziehungen hat das Ganztagsteam ein erweitertes Verständnis von Ganztagsschule entwickelt, das auch einschließt, aus Fehlern zu lernen: "Wir erlauben uns, Fehler zu machen", so der Schulleiter, der sich eine Ganztagsschule ohne Sozialpädagogen nicht mehr vorstellen kann.

Seit zwei Sozialpädagogen an der Schule arbeiten, hat sich das Schulklima merklich verbessert

"Wenn ein Kind nicht mehr lachen kann, hat die Schule ein Problem"

Eine besondere Anerkennung der Qualitätsentwicklung durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus bedeutete die Einrichtung eines Studienseminars zur Ausbildung von Lehrkräften an der Ganztagsschule Ismaning im September 2009, das übrigens auch von Johann Wolfgang Robl geleitet wird. Robl sieht seine Aufgabe auch darin, den Lehrerinnen und Lehrern sowie dem pädagogischen Personal den Rücken freizuhalten, damit innovative pädagogische Arbeit geleistet werden kann. Guter Unterricht ist für das Ganztagsteam mehr als das Pauken für gute Noten. "Das Kollegium zeichnet sich dadurch aus, dass es die Kinder und Jugendlichen darin bestärkt, für sich selbst zu lernen", erklärt der Schulleiter.

Eine Schule dürfe ein Kind nie ins Abseits stellen. "Wenn ein Kind nicht mehr lachen kann, hat die Schule ein Problem", sagt Robl, da nur frohe Kinder Lust am Leisten hätten.  Er lege daher großen Wert darauf, dass "Lernen, Leisten, Lachen" den Schulalltag bestimmen. Wenn Schülerinnen und Schüler Angst vor Mathe oder Physik haben, ist dies für die Realschule Ismaning Ausdruck einer Schule, die ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht wird. "Mathematik kann richtig spannend sein, wenn man es nur richtig angeht", meint die Mathe- und Physiklehrerin Ina Langer.

Der Spaß an Mathematik ist vor allem eine Frage der individuellen Förderung


Es sei eigentlich ganz einfach, "gute Mathenoten zu produzieren", da die basalen Strukturen der Mathematik gewissermaßen in jedem Menschen angelegt seien. Laut Langer kommt es in der Schule daher besonders darauf an, einen gleichermaßen individuellen wie differenzierten Zugang zu den Kindern zu entwickeln. Mit anderen Worten: Ob Mathe Spaß macht, ist nicht zuletzt eine Frage der individuellen Förderung und moderner Lehrmethoden wie Peer-Education.

Zwei Jungen sitzen im Klassenzimmer und haben die Arme umeinander gelegt.
Gelegenheit macht Freunde

Wer etwas kann, der zeigt es gerne her: Ina Langer und die Deutschlehrerin Claudia Fritsch fordern zu Hospitationen in der Ganztagsklasse 5 b auf. Der Weg führt vom Schulleiterbüro in den großzügigen und gut ausgestatteten Erweiterungsbau. Die Klasse 5 b beschäftigt sich am Nachmittag während ihrer Lernzeit mit Geometrie. Die Mathematiklehrerin Ina Langer wird von der Grundschullehrerin Iris Kramer mit einer Beratungsstunde in der sogenannten Gelenkklasse unterstützt: "Als Grundschullehrerin weiß ich, wo die Kinder stehen und welchen Förderbedarf sie haben", so Kramer. Allerdings gebe es zu wenig Lehrerstunden für die Gelenkklassen. Als Lehrertandem ist es Lange und Kramer möglich, den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule viel reibungsloser zu gestalten.

"Meine Fünftklässler gehören nicht zur Leistungsspitze", erklärt Langer. Da viele Eltern es als Makel empfinden, wenn ihre Kinder nicht das Gymnasium besuchen, drängen im Landkreis München mehr als 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler auf das Gymnasium, doppelt so viele wie im Landesschnitt. Dabei nehmen die Eltern teure Nachhilfestunden und viel private Mühen in Kauf: "Der Leistungsdruck an den Gymnasien ist sehr hoch, da kommen viele Kinder nicht mit", erklärt Ina Langer. Einer ihrer Fünftklässler habe Probleme mit den Fachbegriffen und könne seine Aufgaben ohne individuelle Förderung kaum bewältigen. Hier darf er seiner Lehrerin Fragen stellen und seinen eigenen Lernrhythmus finden.

Antennen in die Welt

Andere Schüler wie der elfjährige Dario nehmen es leichter: "Geometrie macht Spaß, weil die Lösungen viel anschaulicher sind", sagt er. Sein gleichaltriger Freund Christian lobt die gute Didaktik seiner Lehrerin: "Mir macht der Unterricht Spaß, weil unsere Lehrerin die Sachen so gut erklärt." Zwar ist die nachmittägliche Förderzeit nicht immer nur ein Zuckerschlecken, aber in der gebundenen Ganztagsklasse ist ein viel größerer Gruppenzusammenhalt vorhanden. Getreu dem Motto der Schule wird hier gelernt, geleistet und viel gelacht. Um die Relevanz des Unterrichts für die Praxis zu unterstreichen, veranstaltete die Ganztagsschule 2010 eine Ausstellung zum Thema Geometrie. Darüber hinaus schafft ein Kooperationsvertrag mit der Universität München der Realschule Zugang in die große Welt der angewandten Forschung im Bereich Chemie.

Dario und Christian haben sich im Ganztag gefunden

Um ihre Zukunft müssen sich die wenigsten Schülerinnen und Schüler Gedanken machen, denn die Realschule Ismaning liegt buchstäblich im Speckgürtel Münchens. Ismaning ist ein großer Medien- und IT-Standort: "Es gibt ein Arbeitsplatz- und Ausbildungsplatzüberangebot", weiß Robl. "Viele Firmen stellen sich deshalb in der Schule vor.". Wenn die Mädchen und Jungen die Schule mit der Mittleren Reife verlassen, können sie mehr als nur richtig schreiben und rechnen. Darüber hinaus haben sie soziale Kompetenzen erworben. "Die große Mehrheit unserer Schülerinnen und Schüler kommt gut unter", ist sich der Schulleiter sicher.

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