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6. Saarländischer Ganztagsschulkongress: ein Biotop für neue Ideen

Draußen goss es in Strömen, drinnen flossen in mindestens gleicher Intensität die Gedanken, Anregungen und Impulse. Der 6. Saarländische Ganztagsschulkongress "Vielfalt erleben - Grenzen überwinden" in der Europäischen Akademie Otzenhausen inspirierte nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schülerinnen und Schüler.

Bildungsminister Ulrich Commercon mit drei Schülerinnen
Bildungsminister Ulrich Commercon stelle sich beim 6. Saarländischen Ganztagsschulkongress den Fragen der "Leseratten" © Jean M. Laffitau, jml photography studio

Louisa (10), Dustin (10) und Jana Rebecca (15) sind Leseratten. Sie sind Mitglied einer in Privatinitiative entstandenen Lese- und Schreibwerkstatt, deren Leiterin Christine Sinnwell-Backes sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder für das Lesen zu begeistern. Nun aber, als der saarländische Bildungsminister Ulrich Commerçon vor ihnen steht, ist die Freude, aber auch die Anspannung der drei greifbar. Heute sollen sie nicht etwa vorlesen. Sie sollen den Minister interviewen.

Er hatte zuvor die rund 200 Anwesenden begrüßt und an sie appelliert, Mut zu haben, die Schule neu zu denken und zugleich die Hoffnung geäußert, dass "das Saarland nicht nur noch mehr, sondern vor allem gute Ganztagsschulen erhalte". Gegenüber www.ganztagsschulen.org umriss er zudem sein Ziel für die kommenden fünf Jahre: "Wenn wir zu den bestehenden etwa sieben gebundene Ganztagsschulen 25 neue aufbauen können, wäre das schon ein großer Schritt."

Minister Ulrich Commerçon stellt sich Fragen von Schülerinnen und Schülern

Nun aber steht er den jungen Interviewern gegenüber, lässt sich auf sie ein, nimmt ihnen die Scheu. Louisa überwindet ihre als erste: "Wie gefällt es Ihnen auf dem Kongress?" fragt sie, und Commerçon antwortet spontan: "Sehr gut, weil ich hier viele neue spannende Leute kennenlerne. Schade nur, dass ich heute zu wenig Zeit habe." "Was machen Sie als Minister so den ganzen Tag?" will Louisa wissen. Der Minister plaudert aus dem Nähkästchen: "Ich muss Akten lesen, Sachen unterschreiben. Ich sitze halt viel an meinem Schreibtisch und mache meine Hausaufgaben. Aber ich darf auch viel Schönes tun, etwa mit Lehrern und Schülern sprechen." Louisa will es genauer wissen: "Müssen Sie auch schon einmal Entscheidungen treffen, die Sie nicht gut finden?" Commerçon redet nicht drumherum: "Ja, besonders dann, wenn ich weiß, dass nicht genug Geld dafür da ist, noch mehr Lehrer und Sozialarbeiter einzustellen."

Gruppenfoto der "Leseratten" mit Bildungsminister Ulrich Commercon© Jean M. Laffitau, jml photography studio

Jetzt übernimmt Dustin die Rolle des Jung-Journalisten und will wissen, was für den Minister Vielfalt bedeutet. Der schmunzelt: "Hast du dir die Frage selbst überlegt?" Dustin ehrlich: "Nein." Eine Antwort hätte er dennoch gerne und erhält sie: "Im Saarland haben wir etwa 100.000 Schülerinnen und Schüler. Alle sind anders. Es ist doch toll, dass jeder einzigartig ist." Dustin ist zufrieden, möchte aber noch in der Jugend des Ministers forschen: "Was hat Ihnen an Schule Spaß gemacht?" Commerçon erinnert sich: "Mit den Lehrern über Politik zu diskutieren und darüber, wie die Welt gerechter gemacht werden kann. Deshalb war Sozialkunde mein Lieblingsfach."

Schließlich übernimmt Jana die Gesprächsführung und bittet den Minister, ihre Sätze zu vervollständigen. "Schule sollte meiner Meinung nach..." Antwort: "Freude machen, damit man etwas lernt." "Wenn ich ein neues Schulfach einführen würde, wäre d..." Antwort: "Glück." "Bücher sind für mich..." Antwort: "Unersetzlich."

Enderlein: 23 Thesen für eine Ganztagsschule im Interesse der Kinder

Das Interview ist beendet. Es unterstreicht den Geist der Veranstaltung, der auch die unterschiedlichen Workshops  prägt. Es geht ums Kind. 23 Thesen für eine gute Ganztagsschule im Interesse der Kinder hat etwa die Psychologin Oggi Enderlein zusammengetragen. Die wissenschaftliche Begleiterin im Programm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" und Mitbegründerin der "Initiative für Große Kinder e.V." verlangt darin unter anderem: "Wir müssen umdenken. Weg von der Frage, wie das Kind sein muss, um der Schule gerecht zu werden, hin zur Frage, wie muss die Schule sein, damit sie dem Kind gerecht wird."  Und sie erwartet von Schule, dass Kinder sich von ihr ernst genommen fühlen. Ihre Thesen reichen von einer Schule, die die Leistung der Schülerinnen und Schüler wertschätzt, ihnen die Möglichkeit zum selbst bestimmten Lernen bietet bis hin zu einer Schule, die über ein Schulgelände verfügt, dass genug Platz und Gelegenheiten bietet, mit anderen zu spielen, Sport zu treiben, Kunststücke zu üben oder zu experimentieren.

Alle ihre Thesen, die aus Gesprächen und der Arbeit mit Kindern resultieren, hat sie "aus der Sicht des Kindes" formuliert. Darum heißt es auch im letzten Gedanken: "Auch nach Schulschluss und in den Ferien ist meistens jemand in der Schule. Dort kann ich mich dann mit anderen Kindern treffen. Und auch Erwachsene, die in der Nähe der Schule wohnen, treffen sich da, und manche machen etwas mit uns." Die Schülerinnen und Schüler, denen www.ganztagsschulen.org diese Kinderwünsche am Rande des Kongresses zeigt, sind begeistert: "Ja, genau so sollte Schule sein. Darüber werden wir am Montag mal mit unserer Lehrerin sprechen."

Woodtli: Nicht an alte Denkwege und Konzepte klammern

Für neue Wege, wie sie Enderlein fordert, plädiert auch der Schweizer Medienpädagoge Max Woodtli, u. a. Dozent für Berufspädagogik und IKT an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org. Vor allem wünscht er sich für die Weiterentwicklung der Schulen den Mut, sich nicht an alte Denkwege und Konzepte zu klammern, sondern Neues auszuprobieren. "Man neigt viel zu sehr dazu, "Ideen ohne den Versuch, sie ansatzweise auszuprobieren, zu bewerten und als nicht realisierbar abzulehnen", sagt er und fügt hinzu: "Wenn ich fixe Glaubenssätze habe, wird es schwer, sich weiterzuentwickeln." Sein Credo: "Das Neue wird nicht immer auf Anhieb top, aber wenn man es nicht in kleinen Schritten zulässt, gibt es keine Veränderung."

Darum wünscht er sich von Lehrkräften einerseits, nicht die suboptimalen Rahmenbedingungen als Hinderungsgrund für Innovation anzuführen, sondern mehr zu schauen, was trotzdem möglich ist. "Was etwa hat wertschätzende Haltung gegenüber den Schülerinnen und Schülern mit der großen Klassenstärke oder dem kleinen Klassenraum zu tun?" fragt er. Die Ganztagsschule stellt in seinen Augen ein Biotop für die Entwicklung von neuen Konzepten dar, "allerdings nur, wenn sie nicht nur als größeres Zeitgefäß betrachtet wird, das es aufzufüllen gilt". Vielmehr sollten hier über den Vor- und Nachmittag gekoppelte Bildungsräume geschaffen werden. Genau das wünscht sich auch Bildungsminister Commerçon, wenn er wie auf dem 6. Saarländischen Ganztagsschulkongress an die Weiterentwicklung der Ganztagsschulen im Lande denkt.

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